In eigener Sache

Dieser Text des ehemaligen SPIEGEL-Redakteurs Claas Relotius hat sich nach einer Überprüfung in wesentlichen Punkten als gefälscht herausgestellt. Darüber hinaus steht die gesamte Berichterstattung von Relotius im Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier). Der SPIEGEL arbeitet den Fall Relotius derzeit auf; Verlag und Redaktion haben eine Kommission aus internen und externen Fachleuten eingesetzt: Sie soll die Vorgänge untersuchen und Vorschläge zur Verbesserung der Sicherungssysteme im Haus machen (mehr dazu hier). Bis die Kommission ihren Bericht vorlegt, bleiben die Artikel von Relotius unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen.

Hinweise bitte an hinweise@spiegel.de.

Vor ein paar Wochen stieg Ioane Teitiota, Bewohner der Inselrepublik Kiribati, eines der entlegensten Staaten der Erde, in ein Fischerboot und fuhr gemeinsam mit sechs anderen Männern zum Verwandtenbesuch nach London, Paris und Polen. Die Überfahrt dauerte acht Tage. Als sie ankamen, waren London, Paris und Polen so gut wie menschenleer.

Die drei Siedlungen auf Kiribatis östlichem Atoll Kiritimati waren einst vom Weltumsegler James Cook der Bequemlichkeit halber so benannt worden. Und jetzt standen London, Paris, Polen zur Hälfte unter Wasser. Wellen erhoben sich auf der einen Strandseite und fielen, so wenig Land war übrig, auf der anderen wieder ins Meer.

Die Seedeiche, die Wellenbrecher aus Mangroven und die Schutzmauern aus Beton hatten nicht gehalten, die Bewohner hatten ihre Häuser aufgegeben und ihre Heimat dem Ozean überlassen: London, Paris und Polen sind untergegangen.

Das Land, dessen Bürger Teitiota ist, zählt gut 110 000 Bewohner, verteilt auf 32 Atolle und eine Insel, Punkte im weiten Blau, verstreut über eine Ozeanfläche größer als Indien. Es liegt, im Durchschnitt, keine zwei Meter über dem Meeresspiegel.

14 000 Kilometer von Ioane Teitiotas Fischerboot entfernt, auf der anderen Seite der Erde, stehen London, Paris, Danzig fest und sicher über dem Meeresspiegel. Es ist eine völlig andere Welt. Nur eines verbindet Europas Küstenstädte mit dem Pazifikatoll Kiritimati.

Das Meer.

Es gibt nur eines. Es ist ein und dasselbe, egal, ob in Miami, in Shanghai oder an der Hallig Hooge. Und das Meer steigt. Niemand weiß genau, wie schnell und bis zu welcher Höhe die Ozeane ansteigen werden. Aber ansteigen werden sie.

Am Montag beginnt im polnischen Kattowitz die Uno-Klimakonferenz, dort soll die Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens diskutiert werden – nach einem Sommer rekordverdächtiger Dürren und Hurrikane der höchsten Kategorie.

Vor drei Jahren hatte die Weltgemeinschaft in Paris vereinbart, den globalen Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Die Sintflut allerdings hat bereits begonnen. Und sie wird nicht, wie die biblische, nach 150 Tagen wieder zurückgehen. Sie wird bleiben.

Jahrtausende wird es dauern, bis die Polkappen abgeschmolzen sind, vielleicht wird es in Gänze nie geschehen. Aber dass die Grönland-Gletscher schwinden, dass die Schelfeismassen der Antarktis in Bewegung geraten sind und ihre Ränder schneller abbrechen – das lässt sich heute schon messen.

Auch beim Klima gibt es einen Punkt, von dem an es keine Rückkehr mehr gibt. Dieser Punkt liegt hinter uns. Das Kohlendioxid ist in der Atmosphäre, es wird dort länger bleiben, als es die menschliche Zivilisation gibt. Und es wird die Erde weiter aufheizen.

Alles ist ganz einfach, es gelten die Gesetze der Physik. Wasser dehnt sich beim Erwärmen aus. Die Erde hat sich seit der Industrialisierung um rund ein Grad Celsius erwärmt, mit steigender Tendenz in den vergangenen Jahrzehnten. Ohne eine deutliche und rasche Reduzierung der Emissionen von Treibhausgasen würden nach Satellitenberechnungen der Nasa 1,5 Grad bereits Mitte dieses Jahrhunderts erreicht werden. Ein weiterer Anstieg auf 3 Grad würde den Meeresspiegel, so ein Gutachten des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung, um bis zu fünf Meter steigen lassen, wenn auch mit einer Zeitverzögerung von einigen Hundert Jahren. Die Unsicherheiten dieser Projizierungen sind naturgemäß groß. Ein entschlossenes Handeln der internationalen Gemeinschaft würde sie in jedem Fall nichtig werden lassen.

Jede Küste ist von der Gefahr einer Überflutung betroffen, egal ob in Kiribati, in Manhattan, Dhaka oder Rotterdam. Wir sitzen, das Wort muss hier erlaubt sein, alle in einem Boot.

Im Menschheitsgedächtnis hält sich die Erinnerung an eine "Sintflut". Für die Mesopotamier war die Flut eine Strafe, ein Welt-Untergang, der alles Unreine verschlingen sollte.

Die christliche Überlieferung überhöhte die Sintflut zu einer globalen Taufe, eine tröstliche Vision tätiger Hoffnung. Noah wartete nicht jammernd auf die nassen Füße. Er griff zum Werkzeug und fing an, sich vorzubereiten.

Darum geht es auch in diesem Text. Überall auf der Welt sind Küstenbewohner, Stadtverwaltungen, Urbanisten, Versicherungsmathematiker und Hafeningenieure dabei, an der Arche zu bauen. Sie denken nach über schwimmende Häuser und salzresistente Saaten, über intelligente Deiche und poröse Straßen.

Sie fragen sich, ob es vernünftig ist, wenn ein Viertel der hundert verkehrsreichsten Flughäfen auf der Welt weniger als zehn Meter über Normalnull liegen. Sie machen, wie in Indonesien, Pläne zur Verlegung ihrer Hauptstädte, kaufen, wie die Insulaner Mikronesiens, Land auf, um nicht untergehen zu müssen. Sie alle suchen einen Ausweg vor dem Wasser, und letzten Endes gibt es nur zwei Auswege, gemäß der alten Weisheit der Friesen: "Deichen oder weichen".

Was aber wissen wir, was erwartet uns wann und mit welcher Wahrscheinlichkeit? Wer ist betroffen, und was kann, was muss jetzt bereits getan werden? Reicht Ingenieurskunst, oder müssen wir radikal umdenken?

Ein Team von acht SPIEGEL-Reportern ist ausgeschwärmt, nach New Orleans und Bangladesch, nach Venedig, nach Texel und zu Ioane Teitiota in den Pazifik: nicht, um den Weltuntergang an die Wand zu malen, sondern um, ähnlich Noahs Tauben, nach Ölzweigen zu suchen. Nach Modellen, Initiativen, Experimenten, Hoffnung.

South Tarawa (Kiribati), 2 m ü. d. M.

Ioane Teitiota, nackt bis auf die Unterhose, schleppt Sandsäcke an einen Strand, um das Wasser, das sein Leben und sein Land bedroht, zu stoppen. Er wuchtet sie aufeinander, einen nach dem anderen, er baut aus Dutzenden Baumstämmen, aus Buschblättern und Säcken einen meterhohen Wall, der alles, was er hat, vor dem Ozean beschützen soll.

Sein Zuhause ist ein Verschlag aus Holzbrettern und Bambus, im Schatten dreier Pandanen. Davor sitzt seine Frau im Sand, sie heißt Angua Erika, trägt Muschelohrringe und ein Coca-Cola-T-Shirt und füttert singend ein paar Schweine.

Es sei einmal das Paradies gewesen, sagt Teitiota, aber das Meer sei böse, wie verhext: "Es zwingt uns, zu verhungern, zu verdursten und am Ende zu ertrinken."

Er spricht jetzt von vergiftetem Ackerland und vergiftetem Trinkwasser, von sich ausbreitenden Krankheiten. Er zeigt in den steinernen Brunnen hinter der Hütte, aus dem sie jahrelang Grundwasser geschöpft haben und der nun, da das Meer immer weiter in die Erde sickert, nur noch ein Tümpel ist, das Wasser versalzen.

Er zeigt nach oben, in die Brotfruchtbäume und auf die Palmenplantagen, von denen sie früher große, prächtige Nüsse geerntet, sich vom Kopra, dem Fleisch der Kokosnuss, ernährt haben. Mittlerweile hängen, kilometerweit entlang der Küste, nur noch braune abgestorbene Blätter von den Wipfeln.

Als er mit dem Bau des Schutzwalls fertig ist, kniet Ioane Teitiota im Sand. Er blickt auf die türkisfarbene Lagune, dann spricht er leise ein Gebet. Er bittet Gott, dass seine Heimat noch nicht untergehen möge, die große Flut sie noch verschone; er betet, die Hände gefaltet, dass seine Familie bald, bevor das Wasser alles unter sich begrabe, in einem anderen, gelobten Land Zuflucht finden werde.

Ioane Teitiota kann sich nicht genau erklären, weshalb das Wasser vor seiner Insel immer näher kommt. Er kann nicht errechnen, wie viel Land es Jahr für Jahr von seinem Strand verschlingt. Er hat auch keine Ahnung, wie viel Zeit ihm bleibt, bis Tarawa endgültig im Meer versinkt.

Aber er hat einen Plan.

Potsdam, 94 m ü. d. M.

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) liegt auf dem "Telegrafenberg", einer Endmoräne, die in der letzten Eiszeit von den Gletschern hier aufgehäuft wurde. Das Institut ist eines der maßgeblichen Forschungszentren zum Klimawandel, und wie das Ziegelgebäude mit seinen Kuppeln auf der Spitze des Hügels balanciert, erinnert es an ein gerade gelandetes Raumschiff oder, passender noch: an eine Arche.

Wer wissen will, was kommt, ist hier richtig. Seit 1992 warnen die Forscher des PIK vor den Folgen der großen Erwärmung. Sie haben die Bundesregierung beraten, die EU-Kommission und andere nationale Regierungen, sind vertreten in internationalen Gremien, Panels und Arbeitsgruppen.

Man hört sie. Manchmal hört man sogar auf sie.

Derzeit sind es um die 200 Klimaforscherinnen und -forscher, die morgens den Telegrafenberg erreichen, meist mit dem Rad, ihre Rechner anschalten und sich in eine bessere Welt begeben, ein Universum des Wissens und des Prüfens. Und sie beginnen zu modellieren und zu projizieren, Konzepte zu ergrübeln, Codes zu schreiben oder Szenarien zu entwerfen über die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft, über erdsystemische Zusammenhänge und Lösungsansätze. Durch die halb geöffneten Türen sind junge Menschen an ihren Monitoren zu sehen, und nur ein angepinntes Foto, ein vorbeihuschender Bildschirmschoner verrät, wo sich diese Forscher gerade aufhalten: im Delta des Ganges, in der Amundsensee oder zwei Kilometer tief im Granit Spitzbergens.

Stefan Rahmstorf war einer der leitenden Autoren des Weltklimarats, dem 2007 der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Als Professor für die Physik der Ozeane ist Rahmstorf in Deutschland zum Mr Meeresspiegel geworden. Er tritt bei Konferenzen auf und wird interviewt, wenn ein Nordseeorkan wieder ein Stück Sylt weggespült hat.

Animation (2:24) Wie die Ozeane unser Klima bestimmen
Tief in den Weltmeeren sind gewaltige Mengen von Kohlenstoffdioxid gespeichert – und per Konvektion werden die CO2-satten Wassermassen rund um den Planeten gepumpt. Wie genau funktioniert diese Wärmepumpe? Und was bedeutet sie für unser Klima?

Rahmstorf erzählt mit sanfter Stimme und faktensicher vom Ende einer Welt, wie wir sie kennen: "Es geht um die Erhaltung der menschlichen Zivilisation, das schon."

Wie die meisten seiner Kollegen bewegt sich Stefan Rahmstorf in einer Welt des Komparativs. Immer steilere Kurven, immer höhere Ausschläge, immer deutlichere Abweichungen von der bisherigen Normalverteilung.

"Ungewöhnlich hoch ... ganz systematische Entwicklung ... immer mehr Extremwetterlagen", so zieht es sich durch seine Vorträge, die Kurven der Schaubilder steigen von links nach rechts an wie die Gewinnerwartungen eines Vermögensberaters. Es sind Fieberkurven des Weltklimas.

SPIEGEL: Wie weit steigt das Meer?

Rahmstorf: Wir hatten in den vergangenen 100 Jahren einen Anstieg von 20 Zentimetern zu verzeichnen. Die bekommen wir in den nächsten 30, 40 Jahren noch einmal. Wenn wir die Erwärmung rasch begrenzen, könnten wir am Ende mit einem halben Meter davonkommen. Der aktuelle US-Klimabericht nennt allerdings einen Meter das 'mittlere Szenario' und zwei Meter das 'hohe Szenario'.

SPIEGEL: Wovon hängt das ab?

Rahmstorf: Ob das Pariser Klimaabkommen eingehalten wird und die Erwärmung im weltweiten Mittel auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden kann.

SPIEGEL: Unwahrscheinlich.

Rahmstorf: Und davon, wie sich die Eismassen in der Antarktis verhalten.

SPIEGEL: Eher unsicher.

Rahmstorf: Und wo auf dem Erdball man sich befindet, von den jeweiligen Strömungen und Winden. Auch wenn der Ozean überall letztlich derselbe ist – das Festland ist es nicht. Mal hebt sich ein Boden, wie in Skandinavien, mal senkt er sich, etwa im Süden der US-Atlantikküste oder auch an der Nordsee.

SPIEGEL: Und was ist so schlimm an ein paar Dezimetern mehr?

Rahmstorf: Schon wenige Zentimeter Anstieg des globalen Meeresspiegels vergrößern das Risiko von Extremwetterlagen und machen Sturmfluten und Hurrikane gefährlicher. Fragen Sie nur die Bewohner von Bangladesch.

Subhdia (Bangladesch), 6 m ü. d. M.

Steigende Meeresspiegel sind keine unlösbare Herausforderung für ein Land, wenn es reich ist und sich Küstenschutz leisten kann, wie die Niederlande oder Deutschland.

Bangladesch ist alles andere als wohlhabend. Hier gibt es doppelt so viele Menschen wie in Deutschland auf nicht einmal der Hälfte der Fläche. Zwei Drittel des Landes ragen nur wenige Meter über den Meeresspiegel hinaus. Ein Großteil der Bewohner lebt an der Küste.

In Dhaka, der Hauptstadt, ist vielerorts der Boden zubetoniert und damit so versiegelt, dass Wasser nicht mehr abfließen kann, zudem verstopft Plastikmüll die Kanalisation. Der Grundwasserspiegel sinkt – mit der Konsequenz, dass eine ohnehin schon niedrig liegende Stadt noch weiter absackt.

Wenn der Monsun die Flüsse anschwellen lässt, wird bis zu einem Viertel des Landes überschwemmt. Wo ein Damm bricht, stehen Dörfer oft noch jahrelang unter Wasser. Hier gibt es Kinder, die kein anderes Leben kennen, als nach der Schule, mit dem Rucksack auf dem Kopf, durch brusthohes Wasser nach Hause zu waten.

Die Bauern und Fischer leben von und mit dem Hochwasser. Sie haben gelernt, zwischen guten und schlechten Fluten zu unterscheiden. Die guten bewässern die Felder. Die schlechten werden mehr, sie reißen Brücken weg, schwemmen Häuser fort, vertreiben Mensch und Tier. Die Intensität und Häufigkeit von Überschwemmungen wird zunehmen. Vergangenes Jahr starben rund 150 Menschen im Monsun, viele Millionen waren betroffen.

Wenn der Meeresspiegel steigt, dann könnten in 30 Jahren ganze Landstriche unter Wasser stehen. Die Nahrungsmittelproduktion würde einbrechen, Millionen Menschen sich auf die Wanderung machen.

Es gibt inzwischen ein "International Centre for Climate Change and Development" in Dhaka. Dort wird den Bauern geraten, Enten statt Hühner zu züchten. Fisch statt Reis. Regenwasser zu sammeln, weil Süßwasser knapp wird. Forscher haben schon vor Jahren angefangen, Reissorten zu züchten, die auch in Salzwasser gedeihen.

Mehr als 2000 Schutzräume sind in den vergangenen Jahren entstanden und Tausende Kilometer neuer Deiche. Es gibt schwimmende Gärten, Krankenhäuser auf Booten und Häuser auf Stelzen. Bangladescher führen schon heute vielerorts ein Leben im zweiten Stock, weil der erste unter Wasser steht.

Im Südwesten des Landes, in Küstennähe und damit an der verwundbarsten Stelle, liegt Subhdia. An den Ufern Pfahlhäuser mit Dächern aus Stroh. Eine Frau watet durch die Fluten und zieht ein Netz hinter sich her.

Shulota Mandol, klein, rund, mit einem großen Lächeln, sagt, sie sei jetzt 47 Jahre alt, so alt wie ihr Land, und genauso erfahren im Umgang mit Sturmfluten.

Zur Monsunzeit hängten sie die Töpfe und den Reis an die Decke und bockten die Feuerstelle auf. Sie rammten Bambuspfähle in den Morast und bauten Brücken. Sie erinnere sich daran, sagt Shulota Mandol, immerzu nass gewesen zu sein.

Einmal riss der Sturm ihr Haus entzwei. Dann nahm ihr ein Zyklon den Besitz. Zwei Jahre später rollte eine Welle ins Dorf, höher als ein Mensch. Die Sturmflut schwemmte ihr Haus fort. Und dann? "Dann haben wir es wieder aufgebaut. Aber diesmal aus Holz."

Die Klimapolitiker setzen einen Großteil ihrer Hoffnung auf die Widerstandsfähigkeit von Leuten wie Shulota Mandol.

Vor zwei Jahren aber hatte der Staat Bangladesch eine Idee und ein bisschen Geld. Er beauftragte die Hilfsorganisation "Adams" mit einem Experiment: Sie pumpten die Sedimente aus dem Fluss ans Ufer, sodass der Wasserstand sank.

Seither liegen Frau Mandols Zuhause und die umliegenden Dörfer einen Meter höher. Wenn es regnet, fließt das Wasser nun den Hang hinab. Das Hühnerhaus steht auf Stelzen und die Toilette auf einem Betonblock.

Mandol kann nun Bananen anbauen, früher sind die Pflanzen verrottet. Auch der Tempel neben ihrem Haus steht jetzt höher. Für ihren Gott hat Frau Mandol einen Teil ihres kostbarsten Besitzes gespendet: ein Stück trockene Erde.

Potsdam

Anders Levermann ist der Klimaphysiker am Potsdamer Institut. Er lehrt auch an der Columbia University, und auf seinen Berechnungen beruhen wesentlich die Illustrationen dieses Textes.

SPIEGEL: Einen Meeresanstieg von mehreren Metern, werden wir den bekommen oder nicht?

Levermann: Den bekommen wir, wenn wir weitermachen wie bisher. Aber auch dann erst in einigen Hundert Jahren. Letztlich ist der Meeresspiegelanstieg eine Zeitskalenfrage.

New York, 9/11-Memorial: Welche Orte wollen wir schützen? Und wo ist der Aufwand zu groß?

New York, 9/11-Memorial: Welche Orte wollen wir schützen? Und wo ist der Aufwand zu groß?

SPIEGEL: Das klingt beruhigend.

Levermann: Aber wir reden hier über Ozeane, enorme Wassermengen. Da steckt eine gewaltige Trägheit drin. Träge ist langsam, man denke an ein Faultier. Aber Trägheit in Kombination mit Massivität, das ist wie ein Fels, der einen Abhang runterrollt. Das gerät in Bewegung und beschleunigt sich und ist nicht mehr aufzuhalten. Was wir heute innerhalb weniger Jahrzehnte an Treibhausgasen ausstoßen, bestimmt den Meeresspiegel über viele Jahrhunderte.

SPIEGEL: Seit wann wissen Sie das?

Levermann: Theoretisch schon lange. Aber dann kam dieser Montag im Mai des Jahres 2014. Das war ein Schock für mich. Ich habe eine halbe Stunde nur so dagesessen.

An diesem Tag erschienen unabhängig voneinander zwei wissenschaftliche Aufsätze, beide handelten von der Westantarktis. Einer betraf eine Modellierung, der andere stellte neue Messungen vor. Die Resultate deckten sich: "Wir präsentieren heute Messergebnisse, die zeigen, dass ein großer Teil des Eisschilds der Westantarktis unwiderruflich ins Gleiten geraten ist", erklärte auf der Pressekonferenz Eric Rignot vom Nasa Jet Propulsion Laboratory und Hauptautor einer der Studien. "Der 'point of no return' ist überschritten."

Am Potsdam-Institut konnte dann noch ein wichtiges Detail hinzugefügt werden.

Levermann: Es gibt keinen natürlichen Mechanismus zur Stabilisierung. Zwar hatten die Glaziologen geahnt, dass sich die Westantarktis destabilisieren könnte. Das war eine theoretische Möglichkeit. Und nun wiesen diese Messungen darauf hin, dass dieser Kipp-Punkt wahrscheinlich schon überschritten ist. Es war für uns der Holy-Shit-Moment.


Bremerhaven, 2 m ü. d. M.

Die Westantarktis ist der Ground Zero beim Meeresspiegelanstieg. Bereits in den Siebzigern hatte der Glaziologe John Mercer vor einem Abbrechen der Antarktis-Schilde gewarnt. Damals nahm ihn kaum jemand ernst. Heute weiß man, dass Mercer recht hatte mit seinen Befürchtungen.

In der Bundesrepublik ist das Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung zuständig. Unter anderem betreibt es Deutschlands südlichsten Arbeitsplatz, die auf 16 Stelzen ruhende Forschungsplattform "Neumayer III" in der Antarktis. Koordiniert wird die Arbeit in Bremerhaven, aus einem Gebäudekomplex am Hafen. Gerade erhöht man dort die Deiche. Und das hat genau damit zu tun, was ungefähr 8000 Seemeilen entfernt in der Antarktis passiert und was auch Ioane Teitiota auf seiner Insel Sandsäcke wuchten lässt. Es hat zu tun mit der Westantarktis, einem der vielleicht entscheidenden Motoren für den Anstieg der Ozeane, einer Pumpe, die von Manhattan, Dhaka, Kiribati weltenweit entfernt scheint, aber auf lange Sicht mit diesen Orten verbunden ist, als trennte sie nur eine Membran.

Die Glaziologin Angelika Humbert ist in der Westantarktis zu Hause. Sozusagen. Wobei sie sich in den Feinheiten der modellierten Version noch besser auskennt als auf dem Kontinent selbst. Sie kommt ursprünglich aus der Elementarteilchenphysik. Jetzt hat sie es mit Massen zu tun, die sich in Gigatonnen rechnen. Humbert erzählt, wie das "ewige Eis" des Planeten in Bewegung geraten ist und was das mit dem Deich vor ihrem Institut zu tun hat und demnächst mit allen 600 Millionen Menschen, die weltweit in Küstennähe leben.

Man kann sich die Westantarktis wie eine Schale vorstellen. Die Eismassen darin sind bis zu drei Kilometer dick. Der Tiefpunkt der Schale liegt unterhalb des Meeresspiegels. Im Landesinneren ragt der Schalenrand als Gebirge auf. Auf der anderen Seite aber erhebt sich der Rand nicht aus dem Meer. Der Zirkumpolarstrom drückt relativ warmes und salzreiches Ozean-Tiefenwasser über die Schelfkante. Das nagt von unten am Eisschild. Eis bricht ab und treibt ins Meer. Von der anderen Seite der Schale fließen die Eismassen nach.

Bis zum Jahr 2012 verlor die Antarktis etwa 76 Milliarden Tonnen Eis im Jahr, was ungefähr dem doppelten Volumen des Bodensees entspricht. Seither, so kürzlich ein Report in der Zeitschrift "Nature", hat sich dieser Prozess beschleunigt, auf 219 Milliarden Tonnen. Damit trägt das Eis der Antarktis heute ein Viertel zum weltweiten Meeresspiegelanstieg bei. Sollte sich die Westantarktis komplett zurückziehen, würden weltweit die Ozeane um mehr als drei Meter ansteigen. "Die spannende Frage ist, in welchem Zeitraum das passiert und ob es komplett geschieht", sagt Angelika Humbert. "Die drei Meter haben wir nicht in 50 Jahren, wohl auch nicht in 200 Jahren. Aber das ist das Potenzial, das da drinsteckt."

Beängstigend ist die Geschwindigkeit dieser Prozesse: "Die Glaziologen der Fünfziger, Sechziger hätten sich solch eine Dynamik schlechterdings nicht vorstellen können", sagt Humbert. "Beim Jakobshavn-Gletscher in Grönland hat die Dynamik auf das Dreifache zugenommen. Von 5 Kilometern im Jahr auf 17, das ist für Glaziologen rasend schnell. Und die Beschleunigung hat innerhalb weniger Jahre stattgefunden."

Sie habe, sagt Humbert, bei ihrem letzten Flug einen Schreck bekommen: "Der Eismassenverlust von Grönland ist jetzt auch im Nordosten angekommen. Man fliegt drüber und sieht nur noch einen Friedhof von Eisbergen." Vergangenes Jahr brach vom antarktischen Pine-Island-Gletscher ein 265 Quadratkilometer großer Eisberg ab und trieb in die Amundsensee. Der Meeresspiegel stieg dadurch nicht an, weil das Eis schon auf dem Wasser gelegen hatte. Nur fiel der Gletscher jetzt als Bremsklotz für die Eismassen im Antarktisinneren aus. Die Westantarktis ist in Bewegung geraten, und bei den beteiligten Massen ist es ausgeschlossen, diese Dynamik kurzfristig aufzuhalten. "Man kann sie nur noch verlangsamen", sagt Angelika Humbert. Auch auf Baustellen gebe es Situationen, die man nicht mehr stabilisieren kann, wo sich eine Rutschung erst komplett entleeren muss.

Der Motor arbeitet bereits, da unten auf der anderen Seite der Erde.

Potsdam

SPIEGEL: Der Mensch stößt etwas an, die Dynamik verstärkt sich, von einem bestimmten Punkt an übernimmt die Physik.

Rahmstorf: Das sind die Kipp-Punkte. Wir haben hier am Institut mehr als zehn Stück ausgemacht.

SPIEGEL: Ein Beispiel?

Rahmstorf: Die messbare Verlangsamung des Golfstromsystems gehört dazu oder das Auftauen des Permafrostbodens in Sibirien. Die Kollegen vom Alfred-Wegener-Institut haben jetzt herausgefunden, dass der Anstieg des Meeresspiegels auch die Erosion des Dauerfrostbodens dort verstärkt. Dadurch werden Methan und Kohlendioxid freigesetzt.

SPIEGEL: Was wiederum den Planeten erwärmt.

Rahmstorf: Es ist ein sich selbst verstärkender Prozess und kaum aufzuhalten.

München, 510 m ü. d. M.

Naturkatastrophen heißen in der Versicherungsbranche "Nat Cats". Zwei Silben, angenehm auszusprechen und so beruhigend wie eine Katze auf dem Schoß.

Seit 30 Jahren verfolgt der Geophysiker Ernst Rauch für den Versicherungskonzern Münchener Rück die Nat Cats. Um ihn zu überraschen, muss schon etwas Kolossales passieren. Etwas wie "Sandy".

Als Hurrikan "Sandy" am Abend des 30. Oktober 2012 New York endlich hinter sich gelassen hatte, war dort nichts mehr wie zuvor. Der Sturm hatte große Teile Manhattans überflutet, U-Bahn-Tunnel standen unter Wasser, auch die Baustelle des 9/11-Museums war abgesoffen. Es gab keinen Strom mehr, es fuhren keine Züge, an der Wall Street setzte die Börse den Handel aus.

Alles wenig Wahrscheinliche kam damals zusammen: die immense Zerstörungskraft eines Sturms, seine merkwürdige Verlaufskurve, die Starkwindfront, die senkrecht zur Küste verlief. Und ein Mond, der so am Firmament stand, dass er zusätzlich eine Springflut verursachte.

Das Unheil erreichte aber nur deshalb eine solche Dimension, weil der Meeresspiegel über die Jahrzehnte ohnehin schon gestiegen war. Am Pegel "Battery Park", der Südspitze Manhattans, in 93 Jahren beispielsweise um rund 35 Zentimeter, mit zunehmender Geschwindigkeit. Darauf war der Flutschutz nicht vorbereitet.

"Sandy" war ein Schlüsselmoment für Ernst Rauch und seine Profession. Die Flut war da. Sie wollte eingepreist werden.

Rückversicherer sind quasi die Versicherer der Versicherungen. Sie kommen ins Spiel, wenn Risiken so hoch sind, dass sie auf mehrere Schultern verteilt werden müssen. Das vergangene Jahr war für die Versicherer das bislang teuerste. Rund 135 Milliarden Dollar mussten sie 2017 aufbringen, um Schäden von Naturkatastrophen wie den Hurrikanen "Harvey", "Irma" und "Maria" zu begleichen. Die drei teuersten Jahre in der Geschichte der Branche fallen in die vergangenen 13 Jahre.

Der Klimawandel allein ist dafür nicht verantwortlich zu machen. Es leben auch mehr Menschen als zuvor in Risikozonen, und ihr Eigentum ist im Wert gestiegen. Der Verweis aufs Klima macht es natürlich einfacher, Kunden zu höheren Prämien zu bewegen. Rauch leitet ein Team von rund 30 Wissenschaftlern, die weltweit für den Konzern arbeiten. Die Kunst besteht darin, erstens so präzise wie möglich die Eintrittswahrscheinlichkeit der Katastrophe zu berechnen, zweitens den möglichen Schaden zu beziffern und drittens eine angemessene Prämie zu berechnen.

Für alle drei Ziele gibt es "Nathan": das "Natural Hazards Assessment Network", eine digitale Plattform, die unentwegt mit klimarelevanten Informationen gefüttert wird. Mit Nathan lassen sich Naturgefahren besser einschätzen, und zwar für jede Adresse der Welt, auf 30 Meter genau.

Miami, Florida: "Lasst uns das Wasser umarmen, wir haben ihm viel zu verdanken"

Miami, Florida: "Lasst uns das Wasser umarmen, wir haben ihm viel zu verdanken"

Gibt man zum Beispiel "New York, Battery Park" ein, baut sich rund um Manhattans Südspitze ein breiter blauer Streifen auf; er bezeichnet das Gebiet, das in hundert Jahren überflutet sein dürfte. Die Tabelle daneben zeigt die "Risk Scores", sie geben die Wahrscheinlichkeit einer Überflutung an. Der Risk Score für den Battery Park liegt bei 38 von 100. Zum Vergleich: In der Nähe des French Quarter in New Orleans, wo 2005 der Sturm "Katrina" wütete, beträgt dieser Wert 78.

Potsdam

Beim PIK rief neulich eine Frau an. Sie wollte wissen, ob sie sich ein Grundstück in Berlin kaufen solle, in der Spandauer Vorstadt. Sie sei unsicher, sagte sie, wegen des Meeresspiegelanstiegs. Man höre so viel. Mittlerweile gibt es so viele Projektionen, Szenarien und Gegenszenarien, dass manche Menschen den Überblick verlieren.

Was man weiß und was man wissen kann und was folglich zu tun wäre, das erklärt einem das IPCC, das "Intergovernmental Panel on Climate Change" – der Uno-Weltklimarat.

Als einer von 17 Wissenschaftlern schreibt Anders Levermann hier, in der Arbeitsgruppe I, das Kapitel über Ozeane und Meeresspiegel.

Der Klimarat mit seiner Koordinierungsstelle in Genf (390 m ü. d. M.) ist eine einmalige weltumspannende Denkanstrengung, vergleichbar allenfalls mit dem Humangenomprojekt, der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts. Ein Denkzentrum, das regelmäßig über den Klimawandel berichtet und den aktuellen Wissensstand feststellt, in größtmöglicher Transparenz und mit dem Ziel, auch praktische Konsequenzen zu haben. Derzeit wird an dem sechsten Bericht gearbeitet, von 220 Leitautoren aus 60 Ländern.

Levermann: Man schreibt zunächst alles auf, was später im Bericht enthalten sein soll. Mit vielen Platzhaltern, weil die Wissenschaft noch gar nicht auf dem Stand ist, den wir liefern wollen. Dieser "Zero Order Draft" wird an Kollegen geschickt und kommentiert. Daraufhin wird ein "First Order Draft" geschrieben, schon mit Grafiken.

SPIEGEL: Wer darf mitreden?

Levermann: Jeder Wissenschaftler kann ihn herunterladen und kommentieren. Die Autoren müssen jeden Kommentar beantworten, jede Antwort wird öffentlich gemacht.

SPIEGEL: Das wären Hunderte Kommentare pro Kapitel.

Levermann: Bis zu 10 000, ja. Ein zeit- und nervenaufreibendes Verfahren. Anschließend geht ein "Second Order Draft" an die Öffentlichkeit, den jeder Bürger kommentieren kann.

SPIEGEL: Und dann?

Levermann: Am Ende steht eine zwei, drei Dutzend Seiten lange Zusammenfassung, die "Summary for Policy Makers". Die wird dann Satz für Satz, Wort für Wort von Politikern durchgecheckt, damit nachher alle Regierungen unterschreiben können. Kein Politiker kann den Bericht selbst ändern.


New York City (USA), 10 m ü. d. M.

"Sandy" war ein Jahrhundertsturm. Allein in New York City starben 43 Menschen, 90 000 Gebäude standen unter Wasser, der Sturm richtete Sachschäden in Höhe von fast 20 Milliarden Dollar an.

Es folgten Krisensitzungen, Arbeitsgruppen, ambitionierte Pläne. Der Stadtrat diskutierte das Flutzonensystem und änderte die Bauvorschriften, eine Zeit lang dachten die New Yorker in dreistelligen Millionenbeträgen, wenn es um den Flutschutz ging; getan hat sich dennoch wenig. New York ist ein Beispiel dafür, wie schwer es ist, sich gegen etwas zu wappnen, das unwahrscheinlich und unvorhersagbar ist.

Die ehrgeizigen Pläne wurden bis heute nicht umgesetzt. Ein acht Kilometer langes Sturmflutsperrwerk beispielsweise, die Outer Harbor Gateway, die New Yorks gesamte Hafenbucht zum Atlantik hin abschotten sollte: eine Mauer, gebaut durchs Meer.

Das ist die New Yorker Lektion: Warte nicht darauf, dass die Stadtverwaltung dir hilft. Vertraue nicht darauf, dass es die große, übergreifende Lösung geben wird.

Stattdessen überlegt jeder einzelne Bürger, wie sich zu Hause weniger Energie verbrauchen und weniger CO2 produzieren ließe. Wie man umweltfreundlich pendelt, mit dem Fahrrad und der Fähre; wie das Stromnetz lokal entlastet werden könnte. Und wie sich die Stadt gegen das nächste Hochwasser wappnen kann.

Denn das nächste Hochwasser wird kommen. Die ungeschützten Regionen der amerikanischen Ostküste werden nach Messungen der Ozeanografiebehörde NOAA mittlerweile beinahe jeden zweiten Tag überflutet. Die höchstbedrohte Stadt, noch vor Miami und Fort Lauderdale: New York City.

Allein hier leben fast eine halbe Million Menschen in einem unmittelbaren Gefahrenbereich, der bis 2050 ganz überflutet sein könnte, das hat die Forschungsgruppe Climate Central ausgerechnet.

Südlich des Uno-Gebäudes, direkt am Wasser, stehen zwei von New Yorks markantesten Wolkenkratzern, sie ragen atemberaubend schräg in den Himmel: Die kupferverkleideten Zwillingstürme mit 41 beziehungsweise 48 Etagen neigen sich zueinander und sind in 90 Meter Höhe durch eine Skybridge verbunden.

"Sandy" kam, als die Türme gerade geplant wurden. Das bereits drei Meter tief ausgebaggerte Schottergelände wurde innerhalb weniger Stunden zum See. "Als wir es zum ersten Mal sahen, konnte man mit einem Kanu drüberpaddeln", erinnert sich Simon Koster, einer der beteiligten Ingenieure. "Da wussten wir, dass wir unsere Pläne ändern mussten."

Die Lösungen sind naheliegend und trotzdem ungewöhnlich. Im Falle der schrägen Wolkenkratzer etwa wurden Baugruben ausgeschachtet, 15 Meter tief, dann wurden die Kelleretagen versiegelt. Hier unten, wo früher die Notstromgeneratoren untergebracht worden wären, findet sich nun ein Parkhaus, das mit Stahltoren abgeschottet werden kann.

Das Notfallsystem des Baus wiederum befindet sich in sicherer Entfernung vom Wasser, in 160 Meter Höhe: Im Dachgeschoss stehen jetzt fünf Stromgeneratoren, Wände und Fenster sind mit Schaltanlagen zugestellt. Die 400-Kilowatt-Generatoren sind erdgasbetrieben und können beide Türme mit Strom versorgen, ohne dass sie das städtische Netz anzapfen müssen.

Jedes der 760 Apartments ist autark. Die Kühlschränke funktionieren unter allen Bedingungen, ebenso eine Steckdose pro Wohnung. Was jenseits der Doppelglasfenster los ist, muss die Bewohner nicht kümmern – solange sie zu essen haben und solange das Smartphone funktioniert.


Potsdam

Jahrhundertelang war das Erste, was den Menschen einfiel, wenn die Wasser stiegen, "noch 'ne Schippe Sand auf den Deich" zu schütten. Heute können das milliardenteure Pump- und Abschottungsanlagen sein, der Gedanke dahinter ist derselbe.

Levermann: Machbar ist vieles. Die Frage ist: Welche Orte wollen wir schützen, und bei welchen ist der Aufwand nicht zu verantworten?

SPIEGEL: Das heißt?

Levermann: Die Copacabana, der Stadtstrand von Rio de Janeiro, ist nicht schützbar, sie liegt zu offen. Oder Miami. Die Stadt steht auf porösem Untergrund, deswegen nützen dort Deiche wie in Holland nicht viel.

SPIEGEL: Was ist mit New Orleans, das der Hurrikan "Katrina" im Jahr 2005 innerhalb weniger Stunden flutete?

Innenstadt von Osaka, Japan: Das Meer ist stärker als der Mensch, stärker wird es bleiben

Innenstadt von Osaka, Japan: Das Meer ist stärker als der Mensch, stärker wird es bleiben

Levermann: New Orleans ist mit seiner Kessellage im Mississippi-Delta denkbar ungeeignet zur Besiedlung.

SPIEGEL: Für rund eine Milliarde Dollar ist dort eine der größten und stärksten Pumpstationen gebaut worden, der "Gulf Intracoastal Waterway West Closure Complex". Ein enormes Schleusentor und elf Pumpen zu je über 5000 PS, mit Diesel betrieben. Es soll Sturmfluten, die vom Meer kommen, rechtzeitig abbremsen – und zugleich das Regenwasser in die Gegenrichtung abpumpen.

Levermann: Mit Geld geht vieles. Vor allem ist diese Anlage ein Monument US-amerikanischer Zuversicht. Natürlich ist es einfacher, auf die Ingenieure zu setzen, als zu lernen, anders zu leben.

Venedig (Italien), 1 m ü. d. M.

Diese Lektion muss die Menschheit lernen: Nicht alles wird zu schützen sein. Was also geben wir auf? Sind die Malediven den Aufwand wert? Oder die Hallig Hooge? Und wer entscheidet darüber?

Nirgendwo stellt sich diese Frage so drängend wie in Venedig, nirgendwo sollte sie so leicht zu beantworten sein. Tatsächlich lässt sich in der Wasserstadt Venedig vor allem lernen, wie schwer es mit der Vernunft ist, auch wenn Geld und gute Ideen nur so sprudeln.

Auf lediglich sieben Quadratkilometern, getrennt durch 182 Kanäle, verbunden durch 435 Brücken, findet man in Venedig die wohl dichteste Ballung von Kulturschätzen weltweit. Ein Wunder, in vielerlei Hinsicht, leider eben etwas feucht, auf Wasserlinie gebaut und stetig am Sinken.

Hochwasser sind die Venezianer gewohnt. Die Lagune schwillt Dutzende Male im Jahr an, in der Regel um 80 bis 100 Zentimeter, die Italiener nennen es "acqua alta", das Hochwasser. Bei Acqua Alta von 100 Zentimetern steht der Markusplatz 20 Zentimeter unter Wasser, die Menschen laufen dann in Gummistiefeln durch ihre Stadt, Ratten klettern an den Renaissance-Fassaden hoch.

Venedig soll für die Nachwelt konserviert werden. Wasseringenieure fanden 1989 eine Lösung: MO.S.E. Der "Modulo sperimentale elettromeccanico", ein Sperrwerk für die gesamte Lagune.

Jede der drei Öffnungen der Lagune zur Adria sollte mit aufschwimmbaren Barrieren versehen werden, 78 insgesamt. Bei ruhiger See liegen die Barrieren auf dem Meeresboden, bei Fluten über 110 Zentimeter werden sie hochgefahren.

Damals, bei ihrer Planung, gingen die Ingenieure noch von einem Anstieg des globalen Meeresspiegels um 20 Zentimeter aus.

2003 wurde mit dem Bau begonnen. Er dauert bis heute an. Niemand weiß, wann die Fluttore funktionsfähig sein werden. Mittlerweile ist vom Jahr 2022 die Rede.

In der Biblioteca Marciana am Markusplatz, einer der ältesten Bibliotheken Italiens, haben sie einen Notfallplan erarbeitet und eine Abteilung für Prävention und Restauration gegründet. Die Bibliothek, erbaut im 16. Jahrhundert zwischen Dogenpalast und Giradini Reali, direkt am Wasser, wurde schon einmal überflutet, beim Hochwasser von 1966.

Silvia Pugliese ist die verantwortliche Konservatorin, sie leitet die Präventionsabteilung. Die wertvollsten Bestände befinden sich heute im ersten Stock, fünf Meter höher als damals: mehr als 900 000 Bände, Karten, Handschriften, darunter das Testament von Marco Polo, einem Sohn Venedigs, eine Homer-Ausgabe aus dem 11. Jahrhundert, mittelalterliche Bibeln mit juwelbesetzten Buchdeckeln.

Der Notfallplan der Biblioteca Marciana ist kein Evakuierungsplan, niemand rechnet damit, dass Venedig im Meer versinkt. "MO.S.E. wird halten", sagt Pugliese.

Und was, wenn MO.S.E. tatsächlich hält, die Lagune aber eben dadurch zu einer Kloake verkommt, weil das Wasser nicht mehr zirkulieren kann?

"In Venedig", sagt Silvia Pugliese, "wurde schon immer zugunsten der Kultur entschieden. Nicht zugunsten der Umwelt."


Den Haag (Niederlande), 1 m ü. d. M.

Würden die Niederlande heute als Bauprojekt eingereicht, bekämen sie niemals eine Genehmigung. Nicht in den Niederlanden. Die Hälfte des Landes liegt weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel, ein Viertel liegt darunter, Rotterdam, neben Amsterdam die wichtigste Stadt, wurde in einem riesigen Delta errichtet, Rhein, Maas und Waal münden hier in die Nordsee. Ein Land wie ein löchriger Kunstrasen, über einer Wasserwelt ausgerollt bis zum Horizont.

Wim Kuijken ist hier der Delta-Kommissar, geboren zwei Monate vor "de Ramp", der großen Flut. Damals, in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1953, wurde ein schwerer Sturm durch eine Springflut unheilvoll verstärkt. Das "Sandy"-Szenario. 89 Deiche brachen, 1835 Menschen starben.

Diese Katastrophe hat das Land zwei Dinge gelehrt: Gegen das Meer muss man sich, erstens, so gut schützen, wie es überhaupt geht. Gegen das Meer gibt es, zweitens, keinen absoluten Schutz. Es ist stärker als der Mensch, und stärker wird es bleiben.

Die Niederlande, sagt Delta-Kommissar Kuijken in seinem Büro in Den Haag, sind, was den Klimawandel angeht, eines der am meisten gefährdeten Länder weltweit. Zugleich, sagt Kuijken, sind die Niederlande so sicher wie kaum ein anderes Land. Denn die Menschen wissen, wie gefährdet ihr Land ist. Und sind bereit, für den Schutz zu zahlen.

Eine Milliarde Euro kann das "Delta-Programm" jedes Jahr für den Flutschutz ausgeben, darauf haben sich die Parteien vor beinahe zehn Jahren geeinigt. Ständig werden Dünen erweitert und Strände aufgeschüttet, Deiche verstärkt und Sand vorgespült.

Die Niederländer setzen dabei, das ist revolutionär, auf Fantasie und Technik. Fantasie, das heißt: Dächer werden begrünt und Rasenflächen angelegt, damit die Städte wie Schwämme funktionieren, wenn das Wasser kommt. Sie bauen, in Kinderdijk, ein Parkhaus in einem Deich, sie verbinden Stadtplanung und Raumplanung mit Design, mit Ästhetik also, sie überdenken ihr Verhältnis zum Meer, zur Natur. Das Wasser nicht länger bekämpfen, darum geht es, sondern lernen, mit dem Wasser zu leben: Parkgaragen, die bei Überschwemmungen zu Reservoirs, und öffentliche Plätze, die zu Rückhaltebecken werden – eine wirkungsvolle Kombination aus Erfahrung, Verstand und Geld.

Je mehr sie anpacken, die Niederländer, desto deutlicher sehen sie, dass sich aus dem Wissen, wie man mit dem Wasser lebt, ein Geschäft machen lässt.

Was den Wandel angeht, die Kunst also, das Alte so zu verändern, dass daraus etwas Neues entsteht, so hilft es, gemeinsam mit Piet Dircke ein wenig durch Rotterdam zu laufen. Dircke arbeitet seit 25 Jahren bei Arcadis, einem Anbieter für Ingenieurdienstleistungen und Projektmanagement, 27 000 Leute weltweit, Dircke hat den schönen Titel "Global Leader – Water Management" und soll außerhalb der Niederlande niederländische Lösungen verkaufen helfen. Der Markt ist so gewaltig wie das Problem. Vor allem die Megahäfen Asiens sind gefährdet – Shanghai, Mumbai oder Osaka.

Arcadis unterzeichnete 2004 einen Rahmenvertrag mit der Stadt New Orleans. Das war zufällig genau ein Tag bevor der Hurrikan "Katrina" loslegte. Kaum war die Stadtverwaltung wieder arbeitsfähig, bekam Arcadis den Auftrag, New Orleans "hurrikansicher" zu machen. Es waren Niederländer, die jene größte Pumpstation der Welt bauten, von der Anders Levermann in Potsdam erzählte. Die verantwortlich zeichneten für Hunderte Kilometer Deiche, fünf Sturmschutzwehre und riesige Fluttore – teilweise arbeiteten im Arcadis-Büro in New Orleans 350 Leute an 65 Projekten gleichzeitig.

"Playing the orange card", so nennt Dircke das, übersetzt in etwa: das Holland-Ass ausspielen.

Texel (Niederlande), 2 m ü. d. M.

Marc van Rijsselberghe ist einer von denen, die nach Lösungen suchen. In Den Hoorn, dem südlichsten Dorf der Nordseeinsel Texel, stellt van Rijsselberghe einen Teller mit Tomaten auf den Tisch.

Seit ein paar Jahren experimentiert er damit, Pflanzen auf salzhaltigen Böden zu ziehen. Auf Freilandflächen und in Gewächshäusern bewässert er verschiedene Nutzpflanzen mit Salzwasser – Tomaten und Erdbeeren, Wicken und Möhren, Salat, Kartoffeln und Eiskraut. Er will herausfinden, wie viel Salz Pflanzen vertragen. Wenn der Meeresspiegel steigt, wenn das Grundwasser versalzt, dann muss sich auch die Landwirtschaft anpassen. Der Teller mit den Tomatenvierteln ist Teil seiner Strategie. Van Rijsselberghe, der die Skepsis und die Sturheit vieler Bauern und vieler Politiker kennt, setzt auf Zahlen und auf Geschmack, auf Verstand und Gefühl.

Die Zahlen: 1,5 Milliarden Hektar weltweit seien von Versalzung betroffen, sagt er, jede Minute kämen drei Hektar hinzu. Auf 27 Milliarden Dollar wird der Ernteausfall geschätzt, der durch Versalzung hervorgerufen wird. Es geht also darum, sagt van Rijsselberghe, mehr zu produzieren und dabei weniger Wasser zu verbrauchen.

Als van Rijsselberghe anfing, sich für die Landwirtschaft zu interessieren, gab es eine allgemein akzeptierte Grenze für den Salzgehalt des Wassers: 1,7 Dezisiemens pro Meter. Jenseits davon, hieß es, gehen Pflanzen kaputt.

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An dieser Stelle schiebt van Rijsselberghe den Teller mit den Tomatenstücken über den Tisch. Sie wurden mit Wasser gegossen, das deutlich salziger ist als 1,7 Dezisiemens.

Tatsächlich schmecken die Tomaten ein wenig süßlich, sie sind jedenfalls weniger salzig als erwartet. "Ich glaube, dass das Meer mehr Kraft und Vitalität hat, als wir denken", sagt van Rijsselberghe.

Vielleicht ist das die einzigartige niederländische Art, mit der Bedrohung durch steigende Meeresspiegel umzugehen: das Problem so lange zu verdichten, bis es auf einen Tomatenteller passt.

Wie die Niederländer überhaupt gut darin sind, das große Ganze in Geschichten zu zerlegen.

"Kommen Sie mit auf den Balkon", ruft Peter van Wingerden, der für sein Projekt am Nordrand des Rotterdamer Hafens eine Fabriketage gemietet hat. In wenigen Wochen soll hier im Merwehaven van Wingerdens schwimmender Bauernhof eröffnet werden, 40 Kühe, vielleicht sogar 55, untergebracht in einem gläsernen, hochautomatisierten Show-Bauernhof, drei Stockwerke hoch, fest verankert im Hafengrund.

Vom Balkon aus zeigt van Wingerden auf die Lagerhalle gegenüber. Dort werden Kiwis gelagert, die per Schiff nach Rotterdam kommen. Sie werden dann auf Lkw geladen und nach Italien gefahren, um geschält und geschnitten zu werden. Per Lkw geht es zurück in die Niederlande.

Kann es sein, sagt van Wingerden, dass diese Form des Konsums unsinnig ist? Dass wir umdenken müssen, wenn das Wasser steigt und Land knapp wird?

Die Flut zwingt dazu, in Kreisläufen zu denken und in Partnerschaften.

Van Wingerdens Kühe sollen, neben Gras, auch Brauereirückstände fressen, Abfälle aus Restaurants oder aus örtlichen Getreidemühlen. Der Fußballklub Feyenoord liefert den Rasenschnitt der sieben Vereinsstadien – gegen Molkereiprodukte aus Wingerdens schwimmender Farm.

Gemolken werden die Kühe von Robotern, der Urin wird gesammelt, der Dung zusammengetragen, ebenfalls von Robotern. Van Wingerden will das Wasser aus dem Dung pressen und dann das Salz aus dem Wasser herausfiltern lassen; er wird das Salz als Dünger verkaufen und das Wasser zurück in die Maas leiten.

Vielleicht ist es ein Vorteil, vielleicht hilft es beim Nachdenken, dass die Niederlande schon heute zu großen Teilen unterhalb des Meeresspiegels liegen. Wer fünf Meter unter dem Meer lebt, hat einen anderen Blick auf steigende Ozeane als jemand, der einen halben Meter über dem Meer ist.

"Lasst uns die Welt ins Wasser erweitern", ruft van Wingerden auf dem Balkon. "Lasst uns das Wasser umarmen! Hört auf, es zu bekämpfen, nutzt es! Wir haben dem Wasser viel zu verdanken."

Potsdam

Ottmar Edenhofer ist Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, er war früher Mitglied des Jesuitenordens. Das hilft, um Antworten auf bohrende Menschheitsfragen zu finden: Was ist richtig? Was ist zu tun? Wie schützt man möglichst viele möglichst gut in einer ungleichen, unvollkommenen Welt?

SPIEGEL: Sie sind seit Kurzem einer der beiden Direktoren des PIK. Wo stehen für Sie denn heute die Archen?

Edenhofer: Es geht natürlich darum, jetzt die Deiche zu erhöhen, Straßen zu verlegen, auf eine resiliente Landwirtschaft umzusteuern. Das reicht aber nicht. Die menschengemachte Destabilisierung unseres Klimas ist ein Fundamentalproblem. Entsprechend müssen wir handeln.

SPIEGEL: Konkret?

Edenhofer: Wir müssen den Kohlendioxidausstoß bepreisen. Dadurch würde CO2-freie Technologie billiger. Fossile Energieträger würden teurer.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass höhere Steuern, egal wofür, politisch durchsetzbar sind?

Edenhofer: Durch eine Kohlendioxidbepreisung würden Einnahmen entstehen, mit denen man etwa Steuern senken könnte und die Staatsverschuldung abbauen. Die Leute sind durchaus bereit dafür. Man muss ihnen nur klarmachen, was mit dem Geld geschieht.

South Tarawa (Kiribati), 2 m ü. d. M.

Ioane Teitiota, Bürger eines der flachsten und entlegensten Länder der Erde, Bewohner einer Punktwolke aus Atollen weit weg von allen Forschern und Tomatenzüchtern, hat sich einen Plan ausgedacht, in seiner Bambushütte. Die Welt soll wissen, was eines Tages auf sie zukommen wird. Nicht nur das Wasser selbst, sondern auch Menschen, Völker, ganze Nationen, die vor Klimakatastrophen fliehen.

Von seiner Hütte aus hat Teitiota die Vereinten Nationen verklagt. Er will, als einer der ersten Menschen überhaupt, zum Klimaflüchtling erklärt werden.

Er suchte in Neuseeland Asyl und nun weltweit, weil er in seiner Heimat kaum noch leben kann, weil das Meer ins Grundwasser sickert und nur noch abgestorbene Blätter von den Palmen hängen.

Bis heute werden Menschen, die aus Kiribati fliehen, in keinem Land der Erde als Flüchtlinge anerkannt. Die Genfer Flüchtlingskonvention bietet nur denen Schutz, die aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität oder politischen Überzeugung verfolgt werden. Nichts davon, so befand etwa der Supreme Court von Neuseeland, treffe auf Teitiota zu.

Ioane Teitiota will sich nicht damit abfinden. Die Vereinten Nationen sollten ihre Konvention aus dem Jahr 1951 ändern und den Begriff "Klimaflüchtling" darin aufnehmen. Er weiß, dass sein Fall in eine juristische Lücke des internationalen Rechts vorstößt, dass es um eine große Frage geht, auf die bislang kein Staat der Welt eine verbindliche Antwort gibt, dabei wird sie, in Zukunft noch mehr als heute, beantwortet werden müssen: Haben Menschen, die nicht vor Kriegen oder Verfolgung, sondern vor Dürren oder Fluten fliehen, das gleiche Recht auf Schutz?

Auf der Weltklimakonferenz 2017 in Bonn, auf der auch Kiribatis ehemaliger Präsident sprach, schätzten Uno-Experten, dass bereits heute 20 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hitze, Dürren, Stürmen oder Überschwemmungen seien. Laut einer Weltbank-Studie könnten es bis zum Jahr 2050 mehr als 140 Millionen werden.

Es sind die Bewohner jener Inseln und Inselstaaten im Pazifik – Kiribati, Tuvalu, Samoa, Nauru, die Salomonen und die Marshall-Inseln –, die am wenigsten zur Erderwärmung beitragen, deren Leben aber schon heute durch immer heftiger werdende Zyklone bedroht wird.

So wie die Bewohner der drei Atollsiedlungen London, Paris und Polen. Sie sind, wie Zehntausende aus allen Teilen des Archipels, nach South Tarawa geflohen. Die Hauptstadt Kiribatis ist schon heute eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Auf einem Quadratkilometer leben fast 5000 Menschen, beinahe so viele wie in Hongkong, nur ohne fließendes Wasser und Wohnungen in Hochhäusern. Die Bevölkerung Kiribatis wächst, während das Land, auf dem sie leben soll, schrumpft.

Ein Land der Zuflucht, das gelobte Land, um das Ioane Teitiota Gott jeden Tag bittet – die Regierung Kiribatis hat es eigentlich bereits vor drei Jahren gekauft. Für umgerechnet sechseinhalb Millionen Euro ersteigerte sie 25 Quadratkilometer auf einem benachbarten Inselstaat, auf Fidschi. Schon heute baut sie dort Getreide, Feldfrüchte und Kokospalmen an, um die Ernährung der eigenen Bevölkerung zu sichern. Und bis 2040, so der Plan, sollen die meisten Bewohner auf die fremde Insel umgesiedelt werden.

"Migration in Würde", so nennt die Regierung das Auswanderungsprogramm, der neue Präsident von Kiribati findet, das klinge schöner als das Wort "Flucht".

Ioane Teitiota steht wieder an seinem Strand, vor dem Wall aus Sandsäcken, am Rand des Ozeans geht die Sonne unter. "Es muss doch genug Platz geben", sagt Teitiota, "irgendwo auf der Welt." Das Meer liegt jetzt ganz ruhig vor ihm, wie glatt gezogen. Wenn Gott will, sagt er, würde er auch nach Deutschland kommen.

Die Illustrationen dieses Artikels sind im Auftrag des SPIEGEL von "Climate Central", einer unabhängigen Vereinigung von Wissenschaftlern und Journalisten, erstellt worden. Sie zeigen an vier Beispielen, wie sich eine Erwärmung der Atmosphäre auf den Meeresspiegel auswirken kann, sofern keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden: New York, Miami, London und, stellvertretend für asiatische Megahäfen, Osaka. Das obere Bild zeigt den Istzustand, das mittlere einen Anstieg des Meeresspiegels um 1,5 Meter. Das untere Bild dient als eine Schreckensvision: ein hypothetischer Anstieg um sechs Meter, wie er sich in sehr langer Zeit einstellen könnte, falls die Pariser Klimaziele verfehlt werden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Klimaexperte Stefan Rahmstorf rechne mit einem weiteren Meeresspiegelanstieg von 20 Zentimetern in den nächsten 20 bis 30 Jahren. Tatsächlich erwartet er diesen Anstieg in den kommenden 30 bis 40 Jahren.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 49/2018.
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