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Die Berichterstattung von Claas Relotius steht nach SPIEGEL-Recherchen unter dem Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen durch den Autor (mehr dazu hier). Der SPIEGEL geht allen Hinweisen nach und lässt die Artikel bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.

Sie sei eine Bestie, sie kenne keine Gnade, heißt es im Regenwald von Tinigua, wo sie die Kokapflanzen anbauen und in Dschungellaboren zu Rauschgift kochen. Sie sei wie der Teufel, listig und böse, heißt es im Hafen von Buenaventura, wo sie die Drogen auf U-Boote verladen und Richtung Vereinigte Staaten schicken. Sie ruiniere das Geschäft, deswegen müsse sie sterben, sagt Dairo Antonio Úsuga, Oberhaupt des Úsuga-Clans, Kolumbiens mächtigster Drogenboss seit Pablo Escobar, einer der meistgesuchten Männer Südamerikas.

Er hat, so steht es auf Flugblättern von Cali bis nach Medellín, ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt: 200 Millionen Pesos, fast 60 000 Euro, für den, der die "schwarze Witwe", die auf den Namen "Sombra" hört, beseitigt.

Wahrscheinlich wäre Sombra, deutschen Ursprungs und dunkelbraunen Haares, eine junge Dame von geheimnisvollem Wesen, nie ins Fadenkreuz des Kartells geraten, wäre sie nur durchschnittlich begabt. Aber Sombra, ihr Name bedeutet Schatten, war schon immer anders. Sie besitze ein Talent, sagen die, die ihr Vertrauen haben und die sie an sich heranlässt. Es sei ihre feine, untrügliche Nase, ihr unvergleichliches Gespür, ein Instinkt, so selten wie ein sechster Sinn.

Ihre Ausbilder an der Polizeiakademie erkannten es schon früh. Sie hatte gerade mal einen Monat des einjährigen Lehrgangs absolviert, da war allen klar, dass sie Karriere machen würde. Sombra schien unbestechlich und loyal, hartnäckig und unerschrocken. Einsatztaktik, Stoffkunde, Geländetraining, in jedem Fach war sie die Beste, in jedem Rätsel, das es zu lösen galt, die Schnellste. Für manche ihres Jahrgangs waren die Übungen bloß ein Spiel, anderen ging es vor allem um Belohnungen oder Applaus, wieder andere, faul und träge, jaulten, verloren das Interesse und machten sich einfach aus dem Staub, nur Sombra erledigte jede Aufgabe gewissenhaft.

Nach ihrem Abschluss, so erzählen ihre Förderer, standen ihr eigentlich alle Einsatzbereiche der Drogenfahndung offen. Marihuana gefiel ihr immer. Auch Crystal Meth schien sie zu reizen. Aber Sombra spezialisierte sich auf die ganz großen Verbrechen, auf jene Droge, die in Kolumbien produziert und von dort exportiert wird wie von keinem anderen Land der Welt, auf Kokain.

Es war im März 2016, sie war erst drei Jahre im Dienst, als sie im Hafen von Turbo, an der Karibikküste, ihre wichtigste Operation durchführte. Ihre Vorgesetzten hatten von einem Informanten einen Tipp bekommen: Irgendwo auf den Terminals des Hafens, in einem von mehr als 2000 Containern, die nach Europa verschifft werden würden, sollte verbotene Fracht versteckt sein.

Sombra nahm die Fährte auf, sie brauchte keinen Befehl, sie wartete auch nicht auf Verstärkung, sondern machte sich einfach auf die Suche. Sie lief ganz langsam von Tür zu Tür, folgte ihrem Gespür, und nach ein paar Stunden, vor einem Bananencontainer mit dem Ziel Antwerpen, Belgien, blieb sie stehen. 2,9 Tonnen reines Kokain, in den USA bis zu 90 Millionen Dollar wert, es war eine der größten Beschlagnahmungen seit Jahren.

Der Chef der Anti-Drogen-Behörde ließ sich im Fernsehen dafür feiern. Sombra, im Rampenlicht eher scheu, hielt sich, auf einer Wurst kauend, im Hintergrund. Doch bald wollte jeder Narco, jeder Drogenfahnder, mit ihr arbeiten. Sie wurde auch in andere Hafenstädte gerufen, nach Barranquilla, Cartagena, Riohacha. In einer Bodega in Santa Marta fand sie die Spur zu einem unterirdischen Versteck, zu weiteren 1,1 Tonnen des weißen Pulvers. Am Golf von Urabá, dem Drogenumschlagplatz des Landes, schlug sie am Hosenbein eines korrupten Zollbeamten Alarm und ließ mit dem Verräter ein halbes Kartell hochgehen.

In den vergangenen fünf Jahren, in mehr als 300 Einsätzen, stieß Sombra auf insgesamt neun Tonnen Kokain und brachte gut 50 Männer, darunter auch Familienmitglieder des gefürchteten Úsuga-Clans, ins Gefängnis. Es war vor einigen Monaten, Kolumbiens Staatspräsident hatte sie gerade für ihre Verdienste im Kampf gegen die Drogen mit einer Medaille geehrt, da erschien das Flugblatt mit dem Kopfgeld; da rief das Kartell Menschen überall im Land dazu auf, Sombra zu töten.

Die Behörden, für die sie arbeitete, zögerten nicht einen Tag, sie zogen Sombra aus dem Verkehr und versetzten sie, zu ihrer eigenen Sicherheit, in die Hauptstadt Bogotá. Dort, am Flughafen El Dorado, patrouilliert sie bis heute, unter falschem Namen, im Gepäck- und Passagierbereich.

Sie geht jetzt nicht mehr den ganz großen Fällen nach, sondern einem geregelten Achtstundentag mit Mittagspause. Sie erlebt kaum noch Abenteuer, statt ihrer Medaille muss sie eine kugelsichere Weste tragen, aber dafür wird sie rund um die Uhr beschützt. Zwei Leibwächter mit Maschinengewehr, die nicht von ihrer Seite weichen, begleiten sie auf Schritt und Tritt. Sie würden, sollten Auftragskiller kommen, sogar ihr Leben für sie geben, das haben sie geschworen.

Aber nicht immer gelingt es, Sombra komplett abzuschotten. Manchmal, wenn sie am Flughafen das Gepäck durchstöbert, gehen Kinder auf sie zu und fassen sie einfach an. Manchmal machen Fremde Fotos von ihr oder stellen verdächtig viele Fragen zu ihrer Identität. Wie alt sie sei, woher sie stamme? Was sie hier mache und wie sie heiße? Sombra, Profi, spricht kein Wort.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 35/2018.
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