Hinweis

Die Berichterstattung von Claas Relotius steht nach SPIEGEL-Recherchen unter dem Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen durch den Autor (mehr dazu hier). Der SPIEGEL geht allen Hinweisen nach und lässt die Artikel bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.

Für diesen Artikel hat Claas Relotius allerdings kein Material geliefert, sondern lediglich die Teile, die von den anderen Teammitgliedern recherchiert wurden, in der Hamburger Redaktion zu einem Text zusammengefasst.

An einem Donnerstagmorgen Anfang Juli, nach Wochen, in denen fast 700 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sind, betritt ein Mann, der gerade das Leben von 234 Menschen gerettet hat, das Gericht der maltesischen Hafenstadt Valletta, um sich dafür zu verantworten. Der Mann, sein Name ist Claus-Peter Reisch, 57 Jahre alt, blondes Haar, runder Bauch, trägt einen Anzug und Plastikschuhe, die er sich extra für diesen Tag gekauft hat. Er betritt den Saal 24 im dritten Stock, einen kleinen Raum mit drei Holzbänken. Auf dem Richterpult, bezogen mit grünem Leder, steht ein Kruzifix.

Es ist 11.30 Uhr, draußen brennt die Sonne, die Stadt ist von Touristen bevölkert. Claus-Peter Reisch nimmt Platz auf der vordersten Bank links, neben ihn setzt sich eine Dolmetscherin. Dem deutschen Kapitän wird vorgeworfen, mit einem falsch registrierten Schiff im maltesischen Küstenmeer gefahren zu sein. Sein Schiff, es trägt den Namen "Lifeline", gehört einem deutschen Verein, aber es fuhr unter niederländischer Flagge. Claus-Peter Reisch, wohnhaft in Landsberg am Lech, droht jetzt eine Geldstrafe oder, wenn das Gericht seine Schuld voll anerkennt, ein Jahr Gefängnis.

Der Fall "Pulizija vs. Claus-Peter Reisch", könnte, auf den ersten Blick, einer jener unzähligen Fälle sein, die Woche für Woche vor Gerichten verhandelt werden. Er ist aber, tatsächlich, eine der eindrücklichsten Erzählungen, die Europa derzeit von sich selbst anzubieten hat. Er handelt, im Großen, von dem Unvermögen eines Kontinents, mit Flüchtlingen umzugehen. Er spielt in einer Woche, in der Europas Staatschefs zu eilig einberufenen Gipfeltreffen reisen, um Durchbrüche in der Migrationsfrage herzustellen. Um dann so planlos abzureisen, wie sie gekommen sind.

Der Fall handelt, im Kleinen, von einem Mann, der hinausfuhr, um Flüchtlinge zu retten, und dessen Schiff sieben Tage lang über das Mittelmeer irrte, weil ihm kein Staat die Geretteten abnehmen wollte. Das Schiff, auf dem sich dieser Fall abspielt, wird in den Tagen seiner Fahrt weltweit zum Symbol humanitären Handelns. Im selben Maß aber kann es auch als Chiffre benutzt werden, um ein Europa zu beschreiben, das nicht in der Lage ist, die Flüchtlingskrise zu lösen.

Nicht alles, was an Bord der "Lifeline" geschehen ist, was auf dem Meer und in den anliegenden Staaten verhandelt wurde, lässt sich mit Genauigkeit nacherzählen. Aber man kann Claus-Peter Reisch, den Kapitän, der bis zum Urteil unter Auflagen auf freiem Fuß ist, in Valletta treffen, wo er in vielen Gesprächen von seiner Fahrt berichtet. Man kann mit seinen Kollegen von dem Rettungsverein sprechen, die während dieser Tage an Land Kontakt zu ihm gehalten haben. Anfragen an das Auswärtige Amt zu konkreten Verhandlungsabläufen mit der "Lifeline" bleiben unbeantwortet, aber es gibt, seitenweise, Unterlagen über die Kommunikation an Bord. E-Mails, Funksprüche, Logbücher. Dies alles zusammengenommen macht es möglich, einen detailgetreuen Einblick in die Irrfahrt der "Lifeline" zu bekommen.


Es ist der Morgen des 13. Juni, gut zweieinhalb Wochen zuvor, als Claus-Peter Reisch gemeinsam mit 17 Crew-Mitgliedern im Hafen von Valletta, drei Kilometer entfernt vom Gerichtsgebäude, ablegt und zu einer Patrouillenfahrt über das Mittelmeer aufbricht. Der Wind ist stabil, Stärke zwei, flache Wellen umschäumen den Bug des Schiffes, gut 32 Meter lang, knapp 8 Meter breit, vor 50 Jahren als Fischkutter in Aberdeen erbaut.

Die "Lifeline" ist seit knapp einem Jahr im Besitz der Dresdner Seenotrettung "Mission Lifeline", eines Rettungsvereins, der sich im Jahr 2015 gegründet hat. Claus-Peter Reisch, ein ausgebildeter Kfz-Mechaniker, leidenschaftlicher Segler, erst seit 14 Monaten als Rettungskapitän im Einsatz, hat das Kommando. Seine Crew ist jung. Viele Frauen und Männer der Besatzung sind noch keine 30 Jahre alt, einige sind Rentner, manche haben schon ein Dutzend Seerettungsmissionen hinter sich.

Die ersten Tage, so vermerken sie im Logbuch der "Lifeline", verlaufen planmäßig und überwiegend ruhig. Essen, schlafen, "Mann über Bord"-Training. Sie fahren 24 Seemeilen am Tag, patrouillieren die libysche Küste auf und ab. Ein paarmal rufen Handelsschiffe die "Lifeline" zu Hilfe, um Flüchtlinge, die in Booten auf dem Meer treiben, an Bord der Frachter zu bringen. Die "Lifeline" ist ein "first responder", sie ist ausgerüstet, Flüchtlinge in Not aufzunehmen und schnell an größere Schiffe zu übergeben. Die Flüchtlinge über Tage hinweg zu versorgen, darauf ist sie nicht vorbereitet, das hat die Crew noch nie gemacht.

21. Juni, die Nacht der Bergung

Die "Lifeline" fährt an Libyens Hauptstadt Tripolis vorbei, nördlich der Küste von Garabulli, dem Hauptabfahrtsort der Schlepper. Es ist halb vier Uhr am Morgen, die See liegt glatt, die "Lifeline" driftet leicht, der Motor ist aus, Kapitän Reisch schläft seit zwei Stunden in seiner Kabine unter der Brücke, da tauchen auf dem Schiffsradar drei kleine Punkte auf. Die Wache beschließt, den Kapitän zu wecken.

Die Punkte, im Logbuch eingetragen als "unidentifizierte Ziele", könnten Fischerboote oder große Bojen sein, aber in diesem Gebiet, das weiß Reisch aus Erfahrung, sind es sehr häufig Flüchtlingsboote. Der Kapitän zieht seine Shorts an, tritt an Deck und sichtet durchs Fernglas, der "Lifeline" nur 500 Meter voraus, ein Schlauchboot in der Dunkelheit. Es fährt plötzlich einen Bogen, weg von der Küste, weg von der "Lifeline". Die Flüchtlinge, begreift Reisch, fliehen vor seinem Rettungsschiff.

Er kennt diese Manöver. Der Himmel leuchtet sternenklar, aber über dem Wasser ist es finster, aus der Ferne könnte die "Lifeline" aussehen wie ein Schiff der libyschen Küstenwache. Die, so geht das Gerücht, nicht nur in Libyen, fängt Flüchtlingsboote ab und verkauft die Insassen an Menschenhändler. 100 Dollar pro Kopf, so hat auch Reisch einmal gehört, sei ein Leben in Libyen wert.

Der Kapitän ordnet an, zwei Rettungsboote, genannt "Christa" und "Hülse", zu Wasser zu lassen, um das Schlauchboot einzuholen. Crew-Mitglieder, die sich den Flüchtlingen auf der "Christa" nähern, erkennen darin mehr als hundert Menschen, die eng nebeneinander sitzen. Die Crew ruft ihnen zu, dass sie keine Angst haben müssten, ein Mann der Crew schreit: "Hello, we are from Europe!" Schließlich hält das Schlauchboot an.

Reisch tippt in sein Bord-Tablet, um die Seenotrettungsleitstelle in Rom, eine Koordinierungsstelle der italienischen Küstenwache, zu informieren.

Logbuch, 05.57 Uhr, E-Mail an die italienische Seenotrettungsleitstelle:

"Wir haben Kontakt zu einem Schlauchboot auf Position 33° 07 N, 13° 47 E. Schätzungsweise 120 Passagiere, inklusive einer Frau und mindestens eines Neugeborenen. Boot ist überfüllt und in sehr instabiler Lage. Einer Kammer könnte die Luft ausgehen, wir überprüfen das. Es scheint notwendig, das Schlauchboot umgehend zu evakuieren."

Die Crew der "Lifeline" verteilt Schwimmwesten und holt, im Rettungsboot "Christa", zunächst eine Mutter und ihr Kind an Bord; dann, ohne eine Antwort aus Rom abzuwarten, auch alle anderen Flüchtlinge. Eine halbe Stunde später, die Sonne ist gerade aufgegangen, sitzen oder liegen die Menschen an Deck der "Lifeline". Reisch blickt in erschöpfte Gesichter, er sieht dehydrierte Männer, die sich nicht mehr aufrecht halten können, die meisten haben Krätze. Reisch hat keine Zeit, mit ihnen zu sprechen, auf seinem Tablet geht eine Nachricht ein.

Logbuch, 06.38 Uhr, E-Mail der italienischen Küstenwache:

"Dear Sir, Ihre E-Mail betreffend informieren wir Sie, dass die libysche Küstenwache die Koordination für SAR-Fall 448 übernimmt."

Das Kürzel SAR steht für Search and Rescue, aber Reisch und die Besatzung der "Lifeline" haben die Antwort aus Italien nicht abgewartet, sondern die Rettung längst selbst in die Hand genommen. Ein paar Minuten später sichtet das Rettungsboot "Christa" auch das zweite Schlauchboot. Wieder verständigt Reisch die italienische Küstenwache. Er meldet noch einmal mehr als hundert Menschen in Seenot, darunter 15 Frauen und 2 Kinder. Bald darauf, es ist jetzt hell über dem Meer, taucht auch das dritte Schlauchboot in der Ferne auf.

Logbuch, 07.25 Uhr, E-Mail an die italienische Küstenwache:

Rettungsschiff "Lifeline", Boot der libyschen Küstenwache: "Helper, I kill you"
Hermine Poschmann

Rettungsschiff "Lifeline", Boot der libyschen Küstenwache: "Helper, I kill you"

"Nun haben wir ein drittes Schlauchboot gesichtet, etwa 3 Seemeilen westlich unserer Position. Um das dritte Boot zu retten, werden wir das zweite Boot unverzüglich evakuieren und dann zum dritten Boot fahren. Wir brauchen Unterstützung durch die italienische Küstenwache oder durch ein Frachtschiff für 300 bis 400 Passagiere."

Die Italiener schicken keine Unterstützung, sie rufen auch kein Frachtschiff zu Hilfe. Sie informieren aber die libysche Küstenwache, dass ein fremdes Schiff Menschen aus ihren Gewässern rettet. Die Libyer wenden sich, nur vier Minuten später, direkt an den Kapitän der "Lifeline".

Logbuch, 07.29 Uhr, E-Mail der libyschen Küstenwache:

"Guten Morgen, Sir, die libysche Küstenwache übernimmt die Verantwortung über die Koordination dieser beiden Suchen und Rettungen. 'Sabratha' läuft Richtung Position und wird innerhalb der nächsten 30 Minuten dort sein. Bitte kontaktieren Sie 'Sabratha', und warten Sie auf Instruktionen."

Reisch liest diese E-Mail, er wartet zehn Minuten, dann widersetzt er sich den Anweisungen und holt die Menschen aus dem zweiten Schlauchboot an Bord.

Die Libyer erkennen das, ihr Ton wird plötzlich rauer.

Logbuch, 08.20 Uhr, Funkspruch der libyschen Küstenwache:

"Leave the Libyan sector immediately."

Reisch verliert das dritte Schlauchboot aus den Augen, auch auf dem Radar der "Lifeline" verschwindet bald der dritte Punkt. Dafür taucht nun, an anderer Stelle, ein neuer Punkt auf. Das Schiff der libyschen Küstenwache, ein Patrouillenboot, nähert sich von Süden her. Der libysche Kapitän, der nun erkennt, dass der deutsche Kapitän sich seinen Befehlen widersetzt hat, droht Reisch und dessen Crew.

Logbuch, 08.53 Uhr, Funkspruch der Libyschen Küstenwache:

Video (2:02) "Politiker sollten mitfahren!"
»Lifeline«-Kapitän Claus-Peter Reisch muss sich für den Rettungseinsatz in Malta vor Gericht verantworten. Im Video erzählt er, wie er die libysche Küstenwache erlebt hat – und welchen Vorwurf er der EU macht.

"Go away, go away, helper, I kill you!"

Die Libyer kommen längsseits, fast sieht es aus, als wollte ihr Schiff die "Lifeline" rammen. Im Logbuch steht der Eintrag "unfriendly approach", unfreundliche Annäherung.

Ein junger Mann aus Bangladesch fällt auf die Knie, hält sich zitternd an Reischs Beinen fest.

Reisch versucht jetzt, per Funkgerät, die Lage zu beruhigen. Er bietet ein Gespräch auf seiner Brücke an, schickt ein Schlauchboot zu den Libyern. Zwei Männer steigen ein, einer von ihnen ist der Kapitän.

Reisch empfängt ihn auf seinem Deck mit Handschlag. Ein Crew-Mitglied filmt mit seinem Handy, wie sich die beiden Kapitäne gegenüberstehen. Reisch, unfrisiert, trägt Sonnebrille und T-Shirt, der libysche Kapitän trägt ein blaues Kurzarmhemd. Reisch bietet ihnen Kaffee und Kekse an, bevor er über die Flüchtlinge auf seinem Schiff verhandelt.

"Wie viele hast du hier?", fragt ihn der libysche Kapitän, er zeigt auf die Menschen an Bord, dann zeigt er mit beiden Händen nach Libyen, als würden sie dort hingehören.

"Ich kann die Menschen nicht zurückgeben", antwortet Reisch, auf Englisch mit rollendem bayerischem Akzent. "Kennst du die Genfer Flüchtlingskonvention? Ich komme dafür in Deutschland ins Gefängnis." Reisch verschränkt seine Hände vor seinem Bauch. Wer ihn so dastehen sieht, weiß, dass er gerade gewonnen hat.

In diesem Moment spiegelt sich an Deck der »Lifeline« das ganze Dilemma der Seenotrettung. Reisch ignoriert Befehle, er handelt nach Moral. Humanität kollidiert mit Justiz. Er hat zu oft von den Menschenrechtsverletzungen in Libyen gehört, den Misshandlungen, den Folterknästen. Er hat noch nie einen Passagier verloren, nicht an das Meer und auch nicht an die Libyer.

Nach ein paar Minuten winkt der libysche Kapitän ab. Er sieht genervt aus und geht ohne die Flüchtlinge wieder von Bord, aber er befiehlt Reisch, die libyschen Gewässer unverzüglich zu verlassen.

Der Mann aus Bangladesch legt seinen Kopf an Reischs Schulter und weint. Auch Claus-Peter Reisch weint jetzt, einen kurzen Moment lang, dann wischt er sich übers Gesicht und startet den Motor.

Beiboote "Christa", "Hülse" bei der Bergung von Flüchtlingen

Beiboote "Christa", "Hülse" bei der Bergung von Flüchtlingen

Die "Lifeline" fährt Richtung Norden, verlässt die 24-Meilen-Anschlusszone der libyschen Gewässer. Reisch steuert Europa an, er nimmt den Kurs 000°, dort liegen sichere Häfen wie Valletta, Catania, Lampedusa. Die meisten Menschen, die jetzt auf seinem Deck sitzen, sehen aus, als würden sie direkt aus einem Lager kommen, einige haben frische Folterwunden. Ein Minderjähriger erzählt der Crew, wie er mit einer Eisenstange geschlagen wurde. "Bluterguss in der Brusthöhle", notiert der Schiffsarzt.

Noch rechnet Reisch nicht damit, die Flüchtlinge länger als 24 Stunden zu behalten. Er macht sich keine Gedanken über die knappen Lebensmittelvorräte im Bauch der "Lifeline". Er denkt, während sich sein Schiff Meile um Meile von Libyen entfernt, noch immer an die Geflüchteten im dritten Schlauchboot, die seine Crew nicht mehr an Bord holen konnte. Er wird erst Tage später, durch einen Tweet der libyschen Küstenwache, erfahren, dass in der Nähe der Rettungsstelle, kurz nach der Annäherung durch die "Sabratha", mindestens fünf Menschen ertrunken sind.

Reisch hat, seitdem er sich als Kapitän gemeldet hat, schon mehr als 1000 Flüchtlinge gerettet, vielleicht 1200, genau weiß er es nicht. Er ruft jetzt, vielleicht um runterzukommen, per Satellitentelefon seine Mutter an. Die Mutter ist 92 Jahre alt und wohnt in einem Altenheim in Landsberg am Lech, in Bayern. Das Gespräch ist kurz. "Du wirst schon wissen, was du da tust, Peter", sagt seine Mutter zu ihm. "Grüße mir schön die Mannschaft."

Sein Schiff fährt, mit nur drei Knoten, länger als zehn Stunden Richtung Norden. Reischs Crew versorgt die Geschwächten an Bord mit Energieriegeln, während die Landcrew der "Lifeline", die eine ehrenamtliche Mitarbeiterin in Brüssel hat, im Auswärtigen Amt anruft. Die Behörde soll helfen, die Geflüchteten mithilfe eines Handelsschiffes an Land bringen zu lassen. Es gibt im Außenministerium eine Hotline, eingerichtet für Rettungsaktionen auf hoher See, aber niemand geht ans Telefon. Erst am Nachmittag erklärt das Auswärtige Amt, für den Fall nicht zuständig zu sein: Die "Lifeline" gehöre zwar einem deutschen Verein, fahre aber nicht unter deutscher Flagge.

Tatsächlich hängt am Heck des Schiffes die rot-weiß-blaue Flagge der Niederlande. Der Verein aus Dresden hat das Boot dort registrieren lassen, weil es bereits unter seinem Vorbesitzer, dem Verein Sea-Watch, dort angemeldet war.

Die Mitarbeiterin in Brüssel ruft nun die niederländische Botschaft in Rom an und bittet dort um Unterstützung. Der Sachbearbeiter am Apparat verspricht, sich zu kümmern. Aber er ruft nicht mehr zurück. Ein paar Stunden später, Reisch bekommt auf seinem Schiff wenig von alledem mit, die Landcrew will ihn nicht beunruhigen, erklären auch die Niederlande, auf Twitter, nicht für die "Lifeline" zuständig zu sein: Sie fahre zwar unter niederländischer Flagge, werde aber geführt von einer deutschen Organisation.

Die Frau in Brüssel wendet sich nun an die spanische Regierung, schriftlich: ob Spanien mit Malta verhandeln könne, damit die "Lifeline" in Valletta anlegt, aber die Flüchtlinge nach Spanien weitereisen? Der Eingang der E-Mail wird bestätigt. Mehr kommt nicht. Aus der Presse erfährt die Landcrew, dass Spanien für solche Verhandlungen nicht zur Verfügung stehe.

  1. Juni, Tag 1 nach Bergung

Um kurz nach Mitternacht sichtet Reisch das dänische Containerschiff "Alexander Mærsk" und direkt daneben, wieder nur als kleinen Punkt auf dem Radar, ein weiteres Schlauchboot, auf dem mehr als hundert Flüchtlinge sitzen. Die Crew der "Lifeline" hilft in der Nacht, die Menschen aus dem Boot an Bord des Frachters zu bringen. Für die Flüchtlinge der "Lifeline" ist danach kein Platz mehr auf der "Alexander Mærsk". Das Schiff fährt noch im Morgengrauen weiter nach Italien, um die Aufgenommenen dort abzusetzen.

Reisch schläft nur drei Stunden. Der Schiffsarzt an Bord, ein Student im letzten Semester, 25 Jahre alt, ordnet an, die Flüchtlinge mit Essen zu versorgen.

Logbuch, 08.45 Uhr:

Eine Mutter versorgt ihr Kind mit Wasser

Eine Mutter versorgt ihr Kind mit Wasser

"Die meisten Migranten sehen unterernährt aus."

Am gleichen Morgen, nur wenig später, liest Reisch eine Nachricht der Seenotrettungsleitstelle in Rom. Auch diese erklärt, nicht länger für die "Lifeline" zuständig zu sein.

Logbuch, 09:17 Uhr, E-Mail der italienischen Küstenwache:

"Lieber Kapitän, da Sie den Anweisungen der libyschen Küstenwache nicht gefolgt sind, legen wir Ihnen nahe, die Behörden Ihres Flaggenstaates zu kontaktieren. Beste Grüße."

Zur selben Zeit, auf dem italienischen Festland, stellt Matteo Salvini, der Innenminister Italiens, ein Video auf seine Facebook-Seite. In diesem Video nennt der Minister Männer wie Reisch "Unwürdige", die das Leben von Migranten riskierten, um mit ihnen zu handeln; er unterstellt ihm, in den Flüchtlingen, die auf seinem Schiff sind, nur eine "Ware" zu sehen, nur "Menschenfleisch". Die Landcrew und die Crew auf der "Lifeline" versuchen regelmäßig zu kommunizieren, aber nicht immer funktioniert die Satellitenverbindung. Reisch hat keine Ahnung davon, was sich in Europa gerade zusammenbraut.

Er konzentriert sich auf die Organisation an Bord. Er lässt eine Plane über Deck spannen, um die Flüchtlinge, er nennt sie seine "Gäste", vor der Sonne zu schützen. Er lässt in der Küche, nur fünf Quadratmeter groß, 500 Mahlzeiten am Tag zubereiten; Couscous, Gurken, Tomaten und Obst aus der Dose. Es gibt nur zwei Toiletten für die Flüchtlinge, er lässt sie ständig putzen. Er teilt einen Krankenhausdienst, einen Achterdeckdienst und einen Vordeckdienst ein, um auf alle Gäste aufpassen zu können. Er übernimmt selbst Schichten, verteilt Essen, aber er findet keine Zeit, mit den Flüchtlingen auf seinem Schiff zu sprechen. Er erfährt nichts über ihre Geschichten, er erfährt nicht mal ihre Namen, auch sie sind zu erschöpft und fragen nicht nach seinem.

Claus-Peter Reisch, seine Freunde in Landsberg nennen ihn CP, redet nicht gern, erst recht nicht über sich selbst. Seine Freunde in der Heimat bezeichnen ihn als "wilden Hund", sie bewundern ihn und nennen das, was er auf dem Mittelmeer tut, eine "Topleistung".

Reisch, Sohn eines Sanitärgroßhändlers, ist eigentlich nicht der Typ, den man als Gutmenschen bezeichnen würde. Er hat jahrelang CSU gewählt. Er hat zu Hause einen Daimler, einen BMW und einen Porsche. Er hat eine Freundin, aber wohnt allein in einem Einfamilienhaus mit Garten, in dem er am liebsten Steaks grillt oder Weißbier trinkt. Er besitzt diverse Sportbootführerscheine und ein Segelboot. Er träumt davon, einmal um die ganze Welt zu segeln. Er müsste nicht auf einem alten Schiff über das Meer fahren und sich um Menschen kümmern, die er noch nie zuvor gesehen hat. Aber seit drei Jahren, seit die Flüchtlingskrise Deutschland erreichte, seitdem Hunderttausende sich auf den Weg über das Mittelmeer machen, beschäftigt ihn eine Frage: Wenn jede Woche in Afrika Boote mit Flüchtlingen losfahren, wenn sehr viele dieser Boote früher oder später sinken, aber Europa die Menschen darin nicht rettet, nur um sie nicht aufnehmen zu müssen – wer rettet sie dann?

23. Juni, Tag 2 nach Bergung

Noch in derselben Nacht, alle Flüchtlinge verbringen sie an Deck im kalten Wind, nähert sich die "Lifeline" dem maltesischen Küstenmeer. Reisch achtet darauf, nicht in die Hoheitsgewässer des Inselstaates einzulaufen. Ab 1.00 Uhr dreht das Schiff Kreise, stundenlang. Reisch weiß nicht, welchen Hafen er ansteuern darf. Auch die maltesische Küstenwache hat sich für nicht zuständig erklärt. Schließlich schaltet Reisch den Motor ab. Die "Lifeline" driftet.

Die Flüchtlinge werden jetzt, zwei Tage nach ihrer Rettung, nochmals gezählt. Die Crew kommt auf 234 Menschen, darunter 14 Frauen und 5 Kinder, 3 davon sind Säuglinge, 77 unbegleitete Minderjährige. Woher sie kommen, ist an Bord kaum zu ermitteln. Bei der Essensverteilung fragen Crew-Mitglieder: "How are you, where are you from?" Viele antworten, sie stammten aus dem Sudan, ein Dutzend gibt an, aus Somalia zu kommen, auch Menschen aus Eritrea scheinen an Bord zu sein, aus Togo, Kenia, der Elfenbeinküste.

Geborgene Flüchtlinge an Deck der "Lifeline"
Hermine Poschmann

Geborgene Flüchtlinge an Deck der "Lifeline"

Reisch legt sich unruhig schlafen. Drei Stunden später ist er wieder wach und schreibt erneut eine E-Mail an die Küstenwachen Maltas und Italiens. Fürs Protokoll schickt er dieselbe E-Mail, er will den Druck erhöhen, auch an die libysche Marine, an das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, sogar an die libysche Zivilluftfahrt.

Logbuch, 10.02 Uhr, E-Mail an die maltesische und italienische Küstenwache:

"Dear Officer on duty, ich, der Kapitän, musste aus der Not heraus handeln und die Menschen an Bord nehmen. Welche Autorität koordiniert die Fälle? Wer übernimmt die Verantwortung, die 234 Menschen von Bord zu holen?"

Eine Frau, schreibt Reisch, sei bereits ins Koma gefallen. Die medizinischen Vorräte reichten nicht mehr lange, man benötige dringend Desinfektionstücher, Seife, Sanitätstücher, Tampons. Auch Zucker, Dosengemüse und Energieriegel seien so gut wie aufgebraucht. Reisch gibt die Koordinaten der "Lifeline" durch, aber er wartet stundenlang auf eine Antwort. Er fährt weiter Kreise zwischen Malta und Lampedusa und fordert bei den verbündeten NGOs Sea-Watch und Sea Eye Hilfspakete an. Kurz vor Mittag nähert sich ein Boot der maltesischen Küstenwache, es bringt Nudelsuppen, Cracker, Kekse, Wasser, später auch Feuchttücher und Decken. Der maltesische Ministerpräsident lässt sich im Radio dafür feiern.

Bald erkundigt sich die maltesische Küstenwache per Funk, ob es medizinische Notfälle an Bord der "Lifeline" gebe. Aktuell nicht, meldet Reisch. Seine Frage, welchen Hafen er denn nun anlaufen solle, wer endlich die Verantwortung für die Menschen übernehme, wird auch für den Rest des Tages ignoriert.

15.02 Uhr, Italiens Innenminister Salvini auf Facebook: "Diese Schiffe können es vergessen, Italien zu erreichen. Ich will die Geschäfte von Schleppern und Mafiosi unterbinden!"

Am Nachmittag fordert die Küstenwache Maltas den Kapitän der "Lifeline" auf, die maltesische Zone unverzüglich zu verlassen. Reisch fügt sich. Die "Lifeline" entfernt sich von Malta und fährt erneut Kreise.

24. Juni, Tag 3 nach Bergung

Die See bleibt ruhig an diesem Sonntag, aber für Dienstag sagt der Wetterbericht eine Windstärke von 6 voraus, grobe See, bis zu sieben Meter hohe Wellen. Claus-Peter Reisch weiß, wie leicht Menschen, die nie zuvor auf dem Meer gewesen sind, seekrank werden. Er weiß, dass sie dann nichts mehr essen, nichts mehr trinken und irgendwann, unterzuckert, einfach umfallen. Sie brauchen Infusionen. Im Bordkrankenhaus der "Lifeline" können nur zwei Menschen gleichzeitig behandelt werden.

Reisch wird nervös, aber er versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Wenn er über Deck läuft, meidet er den Blickkontakt. Manchmal, wenn er den Flüchtlingen trotzdem in die Augen sieht, fragen sie ihn, wohin es gehe, wie lange die Fahrt noch dauern werde. Reisch antwortet: "Keine Ahnung, sorry, sorry."

Den halben Tag lang steht eine große Putzaktion an. Viele Flüchtlinge mussten sich an Deck übergeben, mehrere hatten Durchfall, andere bekamen einen Blasenkatheter, um sich zu entleeren, wieder anderen liefen Blut und Eiter aus den Wunden. Der Kapitän lässt den Hochdruckreiniger mit Desinfektionsmittel befüllen. Die Crew bringt den Flüchtlingen bei, wie man das Gerät benutzt.

Kapitän Reisch (l.) bei Verhandlungen mit der libyschen Küstenwache
Hermine Poschmann

Kapitän Reisch (l.) bei Verhandlungen mit der libyschen Küstenwache

Am Abend kommen, mithilfe der maltesischen Küstenwache, parlamentarische Abgeordnete aus drei Ländern auf die "Lifeline", drei Deutsche, ein Portugiese, eine Spanierin. Die Landcrew hat sie eingeladen, sich ein Bild über die Zustände an Bord zu machen. Reisch, seit Tagen übermüdet, hat eigentlich keine Lust, mit ihnen zu reden. Er fragt sich: Wie lange kann er noch im Kreis fahren?

25. Juni, Tag 4 nach Bergung

Noch vor dem Frühstück verschickt Claus-Peter Reisch eine weitere E-Mail an Rom, an Valletta, an die Vereinten Nationen:

Logbuch, 07.09 Uhr, E-Mail an die italienische und die maltesische Küstenwache:

"Bis jetzt hat keine Behörde auf unsere Mail vom 23. Juni reagiert. Bitte bestätigen Sie den Eingang dieser Mail, und seien Sie so nett, unsere Fragen zu beantworten. Die Lage an Bord erfordert sofortiges Handeln."

Auch dieser Versuch bleibt ohne Reaktion.

Nach vier Tagen haben sich auf der "Lifeline" vier Kubikmeter Müll angesammelt. Kartonagen, Fetzen von Plastikdecken, Wasserflaschen, Essensreste. Kapitän Reisch würde den Gestank gern loswerden. Er schreibt noch eine E-Mail an Valletta, diesmal reagiert die maltesische Küstenwache. Sie teilt mit, sie dürfe, genau wie die Flüchtlinge, auch den Müll nicht annehmen. Die Crew der "Lifeline" presst den Abfall in Bigbags und hängt diese an die Heckreling.

Die See wird jetzt zum ersten Mal ruppig, anderthalb Meter hohe Wellen. Der Wind kommt aus Nordwesten, Stärke 4 bis 5. Um das Schaukeln des Bootes zu verhindern, fährt Reisch mit Welle und Wind, Richtung Südosten, Richtung Libyen. Die Flüchtlinge an Bord flehen ihn an, sie nicht dorthin zurückzubringen. "Na, na", sagt Reisch, er hat jetzt keinen Nerv, sein Manöver zu erklären, er muss sich konzentrieren.

Kurz nach Mittag nähert sich achtern ein maltesisches Militärschiff, 60 Meter lang, der "Lifeline" und fordert den Kapitän auf, den Kurs wieder zu ändern. Er soll zurückfahren und eine Hilfslieferung empfangen. Reisch dreht um, sein Schiff schaukelt. Die maltesische Marine, die Reisch nicht auf Malta anlegen lässt, drängt der "Lifeline" nun ihre Hilfe auf: Wasser, Dosentomaten, Dosenobst und Zucker.

Die See wird immer rauer, die Flüchtlinge werden mit Schwimmwesten ausgestattet. Am Abend melden die Ärzte einen Notfall. Leistenbruch, ein Mann hat sich den Darm eingeklemmt, er muss dringend operiert werden, andernfalls, so sagen die Ärzte, sei er in spätestens sechs Stunden tot. Reisch schreibt der italienischen Küstenwache, fordert per E-Mail eine Evakuierung an. Keine Reaktion. Kurz vor Mitternacht versucht Reisch, die maltesische Küstenwache am Satellitentelefon zu erreichen. Er erreicht niemanden.

Zehn Minuten später hört er einen Funkspruch des maltesischen Militärschiffs: "Sie dürfen nicht näher als 24 Meilen an Malta herankommen."

Nahrung für Flüchtlinge auf der Kommandobrücke

Nahrung für Flüchtlinge auf der Kommandobrücke

"Wir haben einen Notfall an Bord", funkt Reisch zurück.

"Bleiben Sie stehen", funkt das Militärschiff.

26. Juni, Tag 5 nach Bergung

Reisch verbringt die ganze Nacht auf seiner Brücke.


Gegen 1.20 Uhr wird der Mann in Lebensgefahr von der Küstenwache abgeholt.

Der Seegang treibt die "Lifeline" wieder weg von Malta. Die Gischt fegt übers Deck, die Menschen frieren. Fast jeder Zweite ist inzwischen seekrank, erbricht im Dunkeln, die Crew hört immer wieder Schreie.

Die Ärzte stellen Krankheitsbilder fest: "Bewusstlosigkeit mit erforderlicher intravenöser Infusionstherapie, chronische, infizierte, eitrige Wunden, psychogener Harnverhalt, plötzliches Aufschrecken und haltloses Weinen."

Reisch steht am Ruder und fragt sich in dieser Nacht, ob er irgendeinen Politiker wegen unterlassener Hilfeleistung drankriegt.

Vergangenes Jahr hatte er in Tunesien einen Friedhof besucht, auf dem tote Migranten, die auf See geborgen wurden, begraben liegen. Der Friedhofswärter hat ihm gesagt, der Friedhof sei voll, für weitere Gräber gebe es keinen Platz.

Es wird Morgen, Reisch fährt mit der Welle, dann gegen die Welle. Es wird Mittag, Reisch funkt weiter Malta an. Während er unentwegt nach einem Hafen sucht, wird auf der großen Bühne der Politik bereits eine Lösung gefeiert.

Frierende Flüchtlinge an Bord der "Lifeline"
Hermine Poschmann

Frierende Flüchtlinge an Bord der "Lifeline"

"Ich habe gerade mit Premierminister Muscat gesprochen: Das Schiff 'Lifeline' wird in Malta anlegen", verkündet der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte. "Italien wird einige der Migranten aufnehmen und hofft, andere europäische Staaten werden das Gleiche tun."

Reisch erfährt davon, aber nichts passiert.

Es wird Nachmittag, er fragt weiter nach freien Häfen und bekommt noch immer keine Antwort. Am Abend ruft Reisch persönlich das Auswärtige Amt an, Krisenhotline. Das Gespräch ist kurz. Reisch kündigt an, wenn nicht bald eine Entscheidung falle, werde er SOS rufen. "Das liegt in Ihrem Ermessen", antwortet der zuständige Beamte in Berlin. Reisch weiß nicht, was er tun soll. Er kann die Konsequenzen eines SOS-Rufes nicht abschätzen, in seinem Kopf geht alles durcheinander, Asylrecht, Dublin, Flüchtlingslager: Was, wenn Malta seine Gäste festhält? Was, wenn sie nicht weiterreisen dürfen?

Reisch drückt den Knopf nicht.

Er wartet eine Stunde, dann ruft er das Auswärtige Amt ein zweites Mal an. Er sagt, Grüß Gott, nun wolle er aber endlich eine Entscheidung. Der Beamte am anderen Ende der Leitung antwortet, es sei ein Stück vorangegangen. Was er mit "es" meint, sagt der Beamte nicht.

Reisch fragt: "Ist es der Seehofer, der das alles blockiert?"


27. Juni, Tag 6 nach Bergung

Um zwei Uhr nachts übergibt Reisch das Ruder und geht in seine Kajüte, er stellt den Wecker auf drei Uhr.

Als er wieder wach ist, ruft er ein drittes Mal in Berlin an. Die Dame in der Vermittlung begrüßt ihn mit den Worten "Guten Morgen, Herr Kapitän!" Im Ministerium hat bereits der nächste Beamte Dienst, er sagt Reisch, er möge sich gedulden.

Kapitän Reisch in Valletta: "Die Geschäfte von Schleppern und Mafiosi"
THOMAS GRABKA / Der Spiegel
Kapitän Reisch in Valletta: "Die Geschäfte von Schleppern und Mafiosi"

Im Morgengrauen bittet Reisch die maltesische Küstenwache um Erlaubnis, eine der vielen Buchten der Insel anzusteuern. Er gibt durch, Schutz vor dem angesagten Sturm zu suchen. Malta ist, zur Überraschung des Kapitäns, einverstanden. Reisch weiß nicht genau, warum, aber er glaubt, dass es mit dem Auswärtigen Amt zu tun hat. Er darf vorübergehend einfahren. Er steuert zur Marsaxlokk-Bucht im Südosten.

Nur wenige Stunden später, etwa 2000 Kilometer entfernt von seiner Position, äußert sich jetzt auch Horst Seehofer, der deutsche Innenminister, in einer nicht öffentlichen Sitzung in Berlin zur "Lifeline". Er wird später mit den Worten zitiert werden, dass es zwischen Libyen und Südeuropa kein "Shuttle" geben dürfe. Er spricht davon, Reisch und seine Crew zur Rechenschaft ziehen zu wollen.

Am Nachmittag, die "Lifeline" hat gerade die Bucht erreicht, es geht jetzt auf einmal alles ganz schnell, kriegt Reisch endlich die Nachricht, auf die er seit sechs Tagen gewartet hat.

14.08 Uhr, E-Mail der maltesischen Marine:

"Ohne dass Maltas Haltung zu internationalem Recht Schaden nimmt, und einzig auf der Basis von Humanität, informieren wir Sie, dass Ihnen jetzt die Einfahrt in den Hafen von Valletta gestattet ist."

Fünfeinhalb Stunden später, nach zwei Wochen auf See, legt das Schiff endlich an. Reisch wird noch am selben Abend von der Polizei verhört. Sie will wissen, wie viel Geld er von Flüchtlingen genommen habe. Die "Lifeline" wird festgesetzt.

Sie war vorerst das letzte private Rettungsboot, das vor Libyen Flüchtlinge geborgen hat. Die Internationale Organisation für Migration meldet 483 Ertrunkene zwischen dem 19. Juni und dem 3. Juli.


5. Juli, Tag der Verhandlung

Claus-Peter Reisch sitzt in Saal 24 des Gerichts von Valletta auf einer Holzbank und wartet auf die Verhandlung. Nach anderthalb Stunden wird das Verfahren vertagt, die Fortsetzung ist am 10. Juli.

Es geht bei diesem Prozess nicht um die 234 Menschen, die an Bord der "Lifeline" waren und bald von Malta auf andere Staaten verteilt werden. Es geht nicht um Tausende, die jährlich im Mittelmeer ertrinken. Es geht nicht um Schlepper, die sie in den Tod schicken. Es geht nicht um die Frage, was höher einzuschätzen ist, Humanität oder die Regeln des internationalen Seerechts. Es geht nicht um Europa, nicht darum, was wichtig ist. Es geht um die Frage, ob ein Schiff korrekt angemeldet war, als sein Kapitän entschied, mit diesem Schiff 234 Menschen das Leben zu retten.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 28/2018.
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