Eigentlich ist das Feindbild in Deutschland in diesen Zeiten klar wie nie. Wir haben wie viele andere Länder in Europa und der Welt mit menschenverachtenden, stumpfsinnigen und wahnwitzigen Rechtspopulisten zu kämpfen. Sie gefährden allein durch ihre Anwesenheit und ihre Stärke den klugen, den abwägenden Diskurs und in aller Konsequenz auch unseren Rechtsstaat. Es sollte also deutlich sein, gegen wen wir andiskutieren müssten, durch das gesamte politisch gemäßigte Feld, rechts wie links, gegen wen wir über alle Unterschiede hinweg Banden bilden sollten.

Protest gegen ein Rechtsrockkonzert in Themar im Juli 2017
Martin Schutt/ DPA

Protest gegen ein Rechtsrockkonzert in Themar im Juli 2017

Doch stattdessen zerlegen die gemäßigten politischen Lager sich gegenseitig und selbst mit stumpfsinnigen Politikinszenierungen, Lethargie und programmatischem Selbsthass. Wir verzichten auf eigene klare Haltung, stattdessen zerstören wir das, was wir bei den Anderen an Haltung zu identifizieren meinen.

Wir reagieren in der Hoffnung, ein politisches Klima bekämpfen zu können. Aber gerade dieses Klima braucht eben keine Reaktion, sondern eine eigene Agenda. Wer Politik macht mit dem Versprechen einer Einheitsmeinung, wird bei seinen Anhängern wenig Widerworte bekommen. Rechtspopulisten machen Politik für die, die weder Gegenrede geben noch hören wollen und vergiften unseren Meinungspluralismus mit der Illusion, das müsse heutzutage genau so sein, um erfolgreich zu sein. Aber bei uns, wo Widerworte zum Weltbild gehören, wird der Diskurs nie so unitaristisch und beklemmend glatt laufen, wie die Rechten es uns vorleben. Politik ist kein Poetry-Slam, es geht nicht nach jeder Rede um den lautesten Applaus.

Sobald wir das verstanden haben, können wir endlich zu einer Kultur wiederfinden, in der der politische Gegner vor allem ein intellektuelles, nicht ein menschliches Feindbild ist. Eine, in der Gegenrede nicht gleich Misserfolg bedeutet und die Meinung des anderen Gemäßigten eine Bereicherung und Erweiterung des eigenen Horizonts darstellt.

Der Rechtspopulismus hat uns glaubhaft gemacht, wir müssten einander inhaltlich besiegen. Dabei müssen wir uns einander nur inhaltlich ertragen. Jedes Privileg, das wir heute haben, baut darauf auf. Sobald wir das endlich wieder tun, können wir über alle wichtigen und großen Unterschiede hinweg anstreiten gegen den eigentlichen Feind, den Feind der Vielfalt, der Schönheit, des eigenen Denkens.

Das grundsätzliche Abwerten anderer gemäßigter Meinungen ist ein intellektuelles Armutszeugnis. Applaus aus der eigenen Ecke ist schön, das stimmt, aber damit wird keine Krise bewältigt. Denn die haben wir. Es gibt die Demokratiefeinde in unseren Reihen, in unseren Parlamenten, in unseren Zeitungen. Die Teilnehmer des gemäßigten Diskurses haben am Ende des Tages, nach dem ganzen Spucken und Beißen, genau denselben Feind und genau dasselbe Ziel. 

Wir sind die, die am Erwachsenentisch sitzen. An dem wird ständig gestritten. Aber der bezahlt am Ende eben auch die Rechnung.  

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