Zeitzeuge Wonneberger: "Ein ganz großer Einschnitt in meinem Leben"
THOMAS VICTOR / DER SPIEGEL
Zeitzeuge Wonneberger: "Ein ganz großer Einschnitt in meinem Leben"

Bis tief in die Nacht hatten sie in einem Prager Studentenhotel diskutiert. Erst gegen drei Uhr nachts legte sich Christoph Wonneberger schlafen. Kaum zwei Stunden später schreckte er auf seiner Pritsche wieder hoch. "Zuerst zog ich mir noch einmal die Decke über den Kopf, ich dachte, das sei Baulärm. Spinnen die? Mitten in der Nacht? Doch es hörte nicht auf, es schepperte und klirrte seltsam. Auch im Haus lärmte es plötzlich. Ich stand auf, ging aus dem Zimmer und sah Leute im Flur. Sie halfen einem jungen Mann, der die Treppe hochwankte, er war blutüberströmt."

Wonneberger wollte wissen, was los ist, griff nach seinem Fotoapparat, Marke Exakta, und rannte hinaus, in die Straßen von Prag.

So wurde er vor 50 Jahren Augenzeuge eines historischen Ereignisses: Sowjetische Panzer rollten in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 in die Hauptstadt der Tschechoslowakei (ČSSR) ein, eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts besetzten das Land – und beendeten damit gewaltsam den "Prager Frühling", jene kurze Epoche, in der Tschechen und Slowaken von Freiheit und Demokratie träumten und hofften, ungestört von Moskau einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz leben zu können.

Damals war Wonneberger Theologiestudent, 24 Jahre alt und einer der wenigen DDR-Bürger, die den gesellschaftlichen Aufbruch in Prag und dessen brutales Ende beobachten konnten.

Im SPIEGEL erzählt der Pfarrer im Ruhestand nun zum ersten Mal ausführlich von jenen Tagen und zeigt die Fotos, die er schoss. Es ist das ungewöhnliche Zeitzeugnis eines ungewöhnlichen Mannes, den die Prager Erfahrungen niemals losgelassen haben. 

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 33/2018.
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