Hinweis

Die Berichterstattung von Claas Relotius steht nach SPIEGEL-Recherchen unter dem Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen durch den Autor (mehr dazu hier). Der SPIEGEL geht allen Hinweisen nach und lässt die Artikel bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.


Sie sind selbst als "Türkenschlampen" beschimpft worden, als "Araberpack" oder als "ewige Ausländer". Früher in der Schule wurde ihnen der Kopf nach Läusen abgesucht, das Tuch vom Kopf gerissen. Als Erwachsene wurden sie gefragt, warum sie nicht in ihrem Land arbeiten, wann denn ihr Rückflug gehe. Sie sind Frauen und Männer, geboren oder aufgewachsen in Deutschland. Sie haben Diskriminierung oft schon als Kinder erlebt, und sie haben sich seit Jahren dafür eingesetzt, Fremdenfeindlichkeit in diesem Land zu bekämpfen. Sie sind Beraterinnen und Künstler, Publizistinnen und Politiker, sie waren Staatssekretäre, sind Aktivistinnen. 

Sie kümmern sich um Kinder von Migranten und um Deutsche, sie streiten und diskutieren mit ihnen, gründen Vereine, engagieren sich in Parteien, schreiben Bücher über Integration oder machen sich über kulturelle Anpassungsprobleme lustig. Sie vermitteln, unterhalten, provozieren und geben so Millionen Menschen eine Stimme. Sie sind, in ihrer jeweiligen Rolle, Mutmacher und Hoffnungsträger. Aber nicht erst seit dieser Woche spüren viele von ihnen ein neues oder ganz altes, längst überwunden geglaubtes Gefühl der Angst, der Wut oder der Lähmung. Was mit Sarrazin begann und jetzt bei Özil ankam, nimmt ihnen das Vertrauen in Deutschland. Warum?

"Eine Art Enthemmung"

Michel Abdollahi, 37, Künstler und Autor der Videokolumne "Der deutsche Schäferhund" beim Westdeutschen Rundfunk.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich in Deutschland noch zu Hause?

Abdollahi: Es ist normalerweise nicht so, dass ich dasitze und mir denke: Was bin ich fremd in diesem Land. Bis dann wieder eine E-Mail kommt oder ein Tweet oder ein Kommentar auf der Straße. Immer, wenn es heißt: "Warum machen Sie Ihre Arbeit nicht in Ihrem Land?", "Was maßen Sie sich an, über uns Deutsche zu urteilen?" Als ich einmal mit meinem Schild "Ich bin Muslim. Was wollen Sie wissen?" auf dem Hamburger Jungfernstieg stand, fragten mich viele, wann mein Rückflug geht.

SPIEGEL: Hat Deutschland ein Problem mit seinen Dazugezogenen?

Abdollahi: Die aktuelle Debatte um Mesut Özil hat auf unsägliche Art und Weise hervorgebracht, was sehr viele Ausländer und Migranten schon immer gesagt und gespürt haben. In diesen Tagen ist besonders schön zu beobachten, wie der weiße Deutsche dem vermeintlichen "Ausländer" erklärt, was Rassismus ist und was nicht. Man solle sich nicht so anstellen. Man sei selbst schuld. Man dürfe sich auch nicht wundern. Das sind nur einige Sätze, die mich in den vergangenen Tagen erreicht haben. Es geht hier gar nicht um die "bösen Deutschen". Es geht um diejenigen, die meinen, man werde ja wohl auch noch sagen dürfen, dass Schwarze stinken und Araber klauen. Und wer das ausspricht, der ist mutig. Diese Art von Enthemmung können Sie weltweit beobachten. Rechtsnationale Bewegungen sind jetzt in Deutschland kein Tabu mehr. Es ist eine fragwürdige Befreiung für all jene, die der Meinung sind, dass es "jetzt mal reicht mit 'Drittem Reich' und Schuldfrage".

SPIEGEL: Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit Sie sich in Deutschland wieder weniger fremd fühlen würden?

Abdollahi: Ich müsste nach Iran zurückziehen, um mir dann dort anzuhören, dass ich Deutscher sei.

"Wir sind die vielen"

Sinem Tașkın, 35, hat den ehemaligen Bundespräsidenten Gauck in Integrationsfragen beraten, arbeitete am Internationalen Strafgerichtshof und im Deutschen Bundestag, leitet heute das Persönliche Büro der Hessischen Umweltministerin.


Taşkın
Taşkın

"Vieles, was ich in letzter Zeit lese, höre und sehe, stimmt nicht mehr überein mit meinem Deutschland. Die Morde des NSU, der Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag, Gaulands Warnung am Wahlabend 'Wir werden sie jagen!' oder Beatrix von Storchs Forderung, auf Migranten an der Grenze zu schießen. Ich beobachte mit Sorge an mir selbst, dass ein Prozess der Entfremdung eintritt. 

Das erste einschneidende Erlebnis auf diesem Weg spielt für mich im Jahr 2010, da bin ich nach mehreren Jahren im Ausland nach Berlin gezogen. Ich bin faktisch von den Vereinten Nationen im Deutschland Sarrazins gelandet. Im Ausland war meine Multikulturalität ein 'asset', zurück in Deutschland: ein Manko. Damals habe ich für ein 'neues deutsches Wir' gekämpft, jetzt fange ich selbst an, Grenzen zu ziehen. 'Wir', das sind die Verfechter einer offenen Gesellschaft. 'Die', das sind die Nationalisten und Populisten. 

Leider habe ich den Eindruck, dass Letztere lauter, stärker und organisierter sind. Sie bestimmen die Debatte. Und im Jahr 2018 tritt ein deutscher Nationalspieler wegen Rassismus zurück. In einem Land, in dem Deutsche mit Einwanderungsgeschichte sich das Deutschsein erst verdienen müssen. Sie müssen die besseren Deutschen sein, dürfen keinen Fehler machen, ansonsten wird ihnen die Zugehörigkeit entzogen. Deutsch auf Bewährung.

Deutschland bleibt mein Land, aber für mein klares Bekenntnis erwarte ich jetzt ein klares Gegenbekenntnis. Wie sagt man so schön? Integration ist keine Einbahnstraße. Ich möchte einen Aufstand der Anständigen. Wir sind die vielen. Es darf keine zärtliche Umarmung der AfD-Wähler geben, sondern eine klare und unmissverständliche Gegenpolitik. In Frankreich hat Macron die Präsidentschaftswahl gewonnen – mit einem klaren Bekenntnis zu Europa und einer klaren Abgrenzung zum Front National."

"Sie werden es nie kapieren"

Idil Baydar, 43, Comedian, verbrachte ihre Jugend auf einem Waldorf-Internat, präsentiert der deutschen Gesellschaft den Klischeetürken als Jilet Ayşe.


"'Dönermorde' – als ich dieses Wort das erste Mal in den Nachrichten hörte, dachte ich: Wie sehr kann eine Gesellschaft einen Menschen eigentlich noch verachten? Ich habe mir vorgestellt, wie auch die Mütter der Mordopfer vor dem Fernseher sitzen. Haben diese Frauen einen Döner auf die Welt gebracht? Ich habe in dem Moment gespürt, ich ertrage diese wiederkehrenden mikroaggressiven Angriffe auf die türkische Identität einfach nicht mehr. Und ich war geduldig, 'Türke sein' stand in Deutschland ja schon immer im negativen Kontext, mal mehr, mal weniger, ist ja schließlich nicht das schöne Schweden. 

Deshalb geht es auch in allen Gesprächen, die ich führen muss, um meine 'Herkunft', immer dieselben Fragen, immer diese psychopathischen Identitätsspiele. Ich wurde migrantisiert und habe mich entschieden, ich spiele in Zukunft die Hauptrolle, die sie mir schon immer zuschreiben, ich bin der Türke. 

Die Causa Özil hat mal wieder bewiesen, sie schaffen es einfach nicht, sie werden es nie kapieren, diese Gesellschaft ist auch 2018 nicht in der Lage für multikulti. Für sie ist es egal, ob du einen deutschen Pass hast oder nicht, ob du hier geboren bist oder nicht, ob du Türkisch sprichst oder doch besser Deutsch. Egal, was du hier tust, es reicht nicht, mein neues Motto lautet: Lass mich mit deinem Deutschsein in Ruhe, und integriere dich selbst."

"Die Fahnen kamen zurück"

Max Czollek, 31, Lyriker und Essayist, Initiator der Radikalen Jüdischen Kulturtage. Im August erscheint sein Sachbuch "Desintegriert euch!".


"Die Idee einer deutschen Leitkultur ist eine restaurative Utopie, die in der Zukunft realisieren möchte, was in der Vergangenheit nie existiert hat. Ich habe kein Problem, sondern diejenigen, die Leitkultur, Heimatministerien und Integration fordern. Das sind neovölkische Diskurse, mit denen ich nichts zu tun habe. Die Frage ist, ob dieser Teil Deutschlands die Gegenwart anerkennt oder seine eigene Vergangenheit wiederholen wird. 

Ich bin im Berlin der Neunzigerjahre aufgewachsen. Damals bestand kein Zweifel daran, dass jedes Produkt, auf dem eine deutsche Flagge abgedruckt war, nicht gekauft wurde. Und zwar nicht, weil das jemand gesagt hatte, sondern weil wir das so entschieden hatten. Dann kam die Weltmeisterschaft 2006, und mit ihr kamen die Fahnen. Die Menschen verhielten sich plötzlich so, als würden sie eine lang getragene schwere Last abschütteln. 'Endlich dürfen wir wieder', riefen sie und malten sich Schwarz-Rot-Gold ins Gesicht. 

Gut zehn Jahre später zog die AfD mit wehenden Fahnen in den Bundestag ein. Aber wir sind immer noch da, und wir sind hier zu Hause, das kann uns keine AfD, kein Seehofer und kein DFB nehmen. Wir sind mehr als 25 Prozent, ein Viertel der Gesellschaft. Die Frage ist nicht, ob wir uns hier zu Hause fühlen, sondern ob wir dieses Gefühl mit oder gegen die Deutschen haben. Wir müssen deutlicher werden: Wer ein Deutschland ohne Muslime will, der will auch ein Land ohne Juden."

"Lass mal die Deutschen unter sich"

Imran Ayata, 48, Autor und Campaigner, Berater für Bundesministerien, Verbände und Unternehmen, ist Mitbegründer von Kanak Attak und Leiter der Werbeagentur Ballhaus West in Berlin.


Ayata
MARC BECKMANN / OSTKREUZ
Ayata

SPIEGEL: ... und, sind Sie Deutscher, Herr Ayata?

Ayata: Ich wuchs bei einer deutschen Tagesmutter auf und ging in einen deutschen Kindergarten. Ich verwechselte irgendwann auf Türkisch Gabel und Messer. Meine Eltern schulten mich in der Türkei ein, nach vier Jahren in der kurdischen Provinz holten sie mich wieder in meine Geburtsstadt Ulm. Dort filzte meine deutsche Klassenlehrerin "dem kleinen Imran" sein Haar. Sie suchte Läuse. Noch über 40 Jahre später fällt mir unter der Dusche diese Szene ein.

SPIEGEL: ... das ist sehr lange her.

Ayata: Neulich war ich zu einem Geburtstag eingeladen, weiße Tischdecken, Sitzplätze mit Namensschildern, Konzeptgeburtstag. Noch bei der Vorspeise hatten meine beiden Tischnachbarn ihre Themen gefunden; Flüchtlinge, AfD, Seehofer, Özil und wie alles in Deutschland gerade auseinanderfällt. Und überhaupt, nichts werde von Merkel übrig bleiben, außer ihre "Millionen Flüchtlinge". Meine Tischnachbarn wollten ständig meine Meinung hören. "Warum?", fragte ich zurück. Ehe einer sagen konnte: "weil du Migrant bist", ging ich vor die Tür zu den Rauchern. Dort redeten sie über Seehofers Transitzentren, wieder Blicke in meine Richtung. Bei der Nachspeise fragte mein Tischnachbar, ob ich nicht auch ein Problem damit hätte, dass unter den Flüchtlingen Kriminelle seien, Vergewaltiger und Islamisten. Doch, sagte ich. Dann lobte er mich noch dafür und dass ich mich bei #FreeDeniz engagiert hätte. Die Solidarität "unter euch", das sei schon besonders, lächelte er zufrieden. Am liebsten hätte ich ihm eine geklatscht. Aber das gehört sich nicht – außerdem dachte ich, nein, für dich mache ich nicht den Kanaken. Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, wohin ich auswandern könnte. Nach Uruguay vielleicht? Diese Idee schwirrt mir seit ein paar Jahren im Kopf herum. Lass mal die Deutschen unter sich, dann werden sie sehen, was sie davon haben.

SPIEGEL: Was müsste sich ändern, damit Sie wieder sagen, das ist mein Land?

Ayata: Ich brauche kein Land, ich möchte ein gutes Leben.

"Für immer Esel"

Cansel Kızıltepe, 42, sitzt seit 2013 für die SPD im Bundestag. Sie ist Diplom-Volkswirtin und hat vor ihrer politischen Karriere für Volkswagen gearbeitet.


"Ich bin in Berlin geboren, Deutschland ist meine Heimat, ich habe kein anderes Zuhause. Umso befremdlicher finde ich es, dass man mir immer wieder zu vermitteln versucht, dass ich nicht dazugehöre. In Behörden erlebe ich, dass Sachbearbeiter ganz langsam mit mir sprechen, weil sie automatisch davon ausgehen, dass ich ihnen ansonsten nicht folgen kann. 

Kürzlich war ich mit meiner Familie bei einem Bootsverleih. Als ich mit der älteren Dame dort sprechen wollte, drehte sie sich von mir weg und sagte stattdessen zu meinem Mann, der keinen Migrationshintergrund hat: 'Sie verstehen mich besser.' Während des letzten Wahlkampfs beschimpfte mich ein Mann als 'Türkenschlampe' und sagte, mich würde sowieso keiner wählen. Daraufhin antwortete ich ihm, dass ich in Deutschland geboren sei und bereits im Bundestag sitze. Er hatte nur noch einen Satz für mich übrig: 'Selbst wenn ein Esel im Pferdestall zur Welt kam, bleibt er trotzdem immer ein Esel.'"

"Das kann nicht mein Land sein"

Ferda Ataman, 38, Publizistin, früher Redenschreiberin für Armin Laschet (CDU), später Referatsleiterin in der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Mitbegründerin der Neuen Deutschen Medienmacher.


"In der Nacht, in der die AfD mit knapp 13 Prozent in den Bundestag gewählt wurde, saß ich zu Hause und dachte: Das kann alles nicht wirklich passieren. Wir wählen nicht rechtsradikal, das kann nicht mein Land sein. In den Nachrichten ging es nur um Gefühle und Einstellungen der AfD-Wähler – wie viele von ihnen eine 'Islamisierung' fürchten, wie viele von ihnen 'Überfremdung' als Problem betrachten. Ein paar Wochen später sagte Bundespräsident Steinmeier, er verstehe, wenn sich Menschen inzwischen 'fremd im eigenen Land' fühlen, und meinte die 'besorgten Bürger'. Aber wir sind auch besorgt.

Der Rollback wird heute auch im Bundestag selbst deutlich: Warum heißen die wenigen Abgeordneten mit Migrationshintergrund bei der CDU Michaela, Paul, Gitta, Kai und Kees? Hat die CDU ausgerechnet jetzt auf ihren ersten schwarzen Abgeordneten und ihre erste muslimische Unionsfrau verzichtet? Und hat die SPD nicht eine Staatssekretärin mit Migrationshintergrund gehabt?"

"Absaufen! Absaufen!"

Gün Tank, 43, Geschäftsleiterin der Neuen Deutschen Organisationen.


SPIEGEL: Fühlen Sie sich fremd in Ihrem Land?

Tank: Bei dieser Frage muss ich an einen Songtext der Neunziger denken. Kurz nach den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen veröffentlichte die legendäre HipHop-Crew Advanced Chemistry den Song "Fremd im eigenen Land". In einer Passage heißt es: "Politiker und Medien berichten ob früh oder spät / Von einer überschrittenen Aufnahmekapazität / Es wird einem erklärt, der Kopf wird einem verdreht / Dass man durch Ausländer in eine Bedrohung gerät / Somit denkt der Bürger, der Vorurteile pflegt / Dass für ihn eine große Gefahr entsteht." In Rostock-Lichtenhagen hatten Passanten Beifall geklatscht, während Neonazis das Sonnenblumenhaus, ein Wohnheim für Vietnamesen, abfackelten. Sie brüllten "Sieg Heil!" und "Jetzt werdet ihr geröstet!", heute rufen sie "Absaufen! Absaufen!".

SPIEGEL: Was bereitet Ihnen am meisten Sorge?

Tank: Die Mitverantwortung staatlicher Behörden an den Verbrechen des NSU ist bis heute nicht genügend aufgeklärt worden. Wir fragen immer wieder: Wie kann es sein, dass unsere Sicherheitskräfte die Opfer jahrzehntelang zu Tätern gemacht und verfolgt haben? Wir fragen, wie das Schreddern und der Verschluss von Akten für 120 Jahre zur Aufklärung beitragen soll. Es sind nicht nur die Rechtsradikalen, die mir Sorgen machen. Es sind vor allem einzelne, aber nicht wenige bekannte Persönlichkeiten in allen demokratischen Parteien von rechts bis links, die am rechten Rand angeln. Mit jedem Wahlerfolg der Populisten lassen sich die demokratischen Parteien am Nasenring durch die Manege ziehen. So verlieren sie Stimmen, denn wer auf völkisch-national steht, wählt das Original und nicht den Abklatsch.

"Ich bin müde"

Kübra Gümüșay, 30, Autorin und Aktivistin.


Gümüşay
DMITRIJ LELTSCHUK
Gümüşay

"Ich bin es gewohnt, diskriminiert zu werden. Trotzdem gab es in Deutschland für mich immer ein Grundgerüst aus Anstand, dem ich vertrauen konnte – das ist jetzt weg. Für mich begann es mit dem Buch von Thilo Sarrazin im Jahr 2010, aus dem auch der SPIEGEL Auszüge druckte. Damals gab es viele, die gegen Sarrazin aufgestanden sind, aber damals ist auch ein Tor geöffnet worden. 

Seitdem glauben Parteien wie die SPD, sie müssten bestimmte Themen härter anpacken, wieder mehr zum Volk sprechen. Seitdem kreisen gesamtgesellschaftliche Debatten um das Bauchgefühl privilegierter, älterer weißer Herren. Können Schwarze gute Nachbarn sein? So eine Frage wird öffentlich gestellt. Judengene, Kopftuchmädchen, Flüchtlingswellen, Asyltourismus, ein Tabubruch nach dem anderen. Sind Muslime dümmer? Gehört der Islam zu Deutschland? Gehört also eine Religion zu einer bestimmten Anzahl Quadratmeter Nation? Das wird von erwachsenen Menschen ernsthaft seit acht Jahren diskutiert.

Ich bin schon lange an dem Punkt, mich an vielen Debatten nicht mehr beteiligen zu wollen, ich bin müde, mich ständig darüber zu empören – weil sie mich als Mensch in diesem Land infrage stellen."

"Ausländer kriegen wir nicht rein"

Riem Spielhaus, 43, Professorin für Islamwissenschaften und Schulbuchforscherin.


Spielhaus
dts-nachrichtenagentur
Spielhaus

"Vergangenes Jahr war ich beim 'Brigitte'-Interview im Maxim Gorki Theater, mit der Kanzlerin. Es war ein sehr schöner Nachmittag, die Kanzlerin wirkte auf mich unglaublich lustig, unglaublich schlagfertig, die unterkomplexen Fragen der Journalisten parierte sie mit Witz. Sie war ehrlich. Sie hat mich gepackt. Zum Ende hin wurde es politisch, es ging um Gefahren für unsere Demokratie, da nannte sie den Linksextremismus und islamischen Terrorismus. 

Wenig später kam das Kanzlerduell, und auch da wieder keine Erwähnung von Rechtsextremismus oder NSU. Und im selben Sommer sagte Gauland, dass er Aydan Özoğuz, eine deutsche Staatsministerin, in Anatolien entsorgen wolle. Dass sie bei der nächsten Regierungsbildung von der Kanzlerin und der SPD nicht mehr berücksichtigt worden ist, ist, gelinde gesagt, unglücklich. 

In einer Zeit, da Parteikollegen deutsche Nationalspieler als Ziegenficker bezeichnen, Ausländer-raus-Rufe und Deportationswünsche öffentlich geäußert werden, in so einer Zeit sagen unsere Parteien, Ausländer 'haben wir nicht, kriegen wir auch nicht mehr rein'."

"Wie in einer Zeitmaschine"

Esra Küçük, 35, Geschäftsführerin der Allianz Kulturstiftung, war lange im Direktorium des Berliner Gorki Theaters und ist die Gründerin der Jungen Islam Konferenz.


Küçük
Jesco Denzel / Laif
Küçük

SPIEGEL: Wie empfinden Sie Deutschland in diesen Tagen?

Küçük: Ich fühle mich wie in einer Zeitmaschine. Während ich im modernen Deutschland von 2018 lebe, stammen die Debatten um uns herum aus den Neunzigern. Es wirft uns und unsere Errungenschaften auf dem Weg zu einem modernen Einwanderungsland um Meilen zurück.

SPIEGEL: Spüren Sie diesen Rückschritt bereits in Ihrem Alltag?

Küçük: Als Geschäftsführerin einer Stiftung, die sich mit kulturellem Austausch beschäftigt, habe ich mit vielen Menschen zu tun, die sich ehrenamtlich engagieren, die zum Beispiel zu den elf Prozent in diesem Land gehören, die nach wie vor in der Flüchtlingshilfe arbeiten und sich jetzt plötzlich von der Gesellschaft und der Abschottungspolitik, die wir gerade erleben, im Stich gelassen fühlen. Was soll ich den Jüngeren unter ihnen antworten, wenn sie mich auf den Grund von Özils Rücktritt ansprechen und sagen, dass sie an die Geschichte nicht mehr glauben, dass mit genug Anstrengung auch Anerkennung in diesem Land folgt.

"Der Moment, an dem wir gehen müssen"

Tupoka Ogette, 38, Antirassismustrainerin.


"Mich erschüttert, dass meine Kinder jetzt Erfahrungen machen, die ich vor über 30 Jahren schon gemacht habe. Ich erlebe Rassismus, wenn im Jahr 2018 ein fünfjähriges schwarzes Kind zu mir sagt, sein größter Wunsch sei es, weiß zu sein, und ihm anschließend die Tränen kommen. Wenn ich in einem Workshop mit Berliner Erzieherinnen sitze und sie erzählen, dass das schwarze Kind ihrer Gruppe jede Woche einmal von den weißen Kindern abgeleckt werden dürfe, weil man ja schließlich wissen müsse, ob es nach Schokolade oder nach Kacka schmecke. Wenn Lehrer einer internationalen Schule ein schwarzes Kind zur Erziehung in einen Verschlag stecken. Wenn nun in öffentlichen Debatten ganz offen darüber diskutiert werden darf, ob schwarzes Leben nicht lieber im Mittelmeer ertrinken solle.

Es verschieben sich ethische Grenzen, die ich lange für unverschiebbar gehalten habe. Die größte Angst habe ich gespürt, als mein 20-jähriger Sohn mich fragte, ob ich im Blick hätte, dass wir den Moment nicht verpassen, an dem wir genug gekämpft haben und gehen müssen."

"Doch nicht meine Heimat"

Oliver Polak, 42, Komiker und Autor.


Polak
DANIEL JOSEFSOHN
Polak

SPIEGEL: Ist Berlin Ihr Zuhause?

Polak: Ich lebe zu 50 Prozent im Ausland, und das Gefühl, nach Hause zu kommen, wenn ich zurück nach Berlin fliege, schwindet von Mal zu Mal. Es gab mal eine Zeit, ich glaube es waren die Achtziger, da war alles irgendwie okay. Ich fand einen Weg, mit dem Rassismus umzugehen. Aber wenn man schaut, wie die Westdeutschen mit den Ostdeutschen nach der Wende umgegangen sind – was erwartet man von ihnen, wie sie mit Fremden aus anderen Ländern umgehen? Ich musste irgendwann akzeptieren, obwohl ich Deutscher bin, dass Deutschland irgendwie dann doch nicht meine Heimat ist, ich war nicht immer willkommen. Wo mein Koffer geöffnet liegt und mein Hund sich an mich kuschelt, da ist jetzt meine Heimat. Was ich vermissen könnte: Deutsche Bahn fahren, Barmer-versichert sein und nachts mit dem Auto über die vierspurigen Straßen von Berlin fahren und laut Barry Manilow auf Radio Paradiso hören. Auch mag ich Menschen wie Nina Hagen, Wolfgang Joop, Karl Lagerfeld, Otto Waalkes, Siegfried und Roy, sie gaben mir immer das Gefühl, hier vielleicht doch richtig zu sein.

SPIEGEL: Gibt es Schlüsselmomente für Ihr heutiges Unbehagen?

Polak: Boris Beckers Sohn wird vom AfD-Abgeordneten öffentlich als Halbneger tituliert, der Holocaust wird von Bundestagsabgeordneten als Vogelschiss abgetan, und Seehofer witzelt über Abschiebungen von 69 Menschen. Die Würde des Menschen ist unantastbar, nur noch eine Farce!

SPIEGEL: Was muss passieren?

Polak: Aufrichtige Politik. Gegen Affenlaute in Stadien, gegen Judenhass und Scheiß-Türken-Rufe aufstehen. Und die, die seit Jahren "Wehret den Anfängen" geschrien haben, die sollten endlich handeln. Erst gestern saß ich mit meinem Hund auf einer Bank in einem Berliner Park, neben mir eine etwa 70-jährige Frau, auch mit ihrem Hund. Sie sprach über die Stolpersteine, dass das so grauenvoll war damals, was die Deutschen gemacht haben. Im nächsten Atemzug zeigte sie auf einen dunkelhaarigen Jungen, der im Schlafsack neben seinem Leergut unter einem Baum lag, die Frau sagte: "Das Problem ist, dass dieser ganze Schmutz jetzt auch hier rüberkommt." Eigentlich habe ich keine Lösung. Ich lerne gerade loszulassen.

"Abdul, lass es"

Abdul Abbasi, 24, flüchtete vor fast fünf Jahren aus dem syrischen Aleppo nach Deutschland und studiert Zahnmedizin, er ist Mitgründer des YouTube-Kanals German Life Style. Im März ist sein Buch "Eingedeutscht" erschienen, 2016 zeichnete ihn die Bundesregierung mit der Integrationsmedaille aus.


Abbasi, YouTube-Partner
Samuel Zuder / Laif
Abbasi, YouTube-Partner

"Als ich 2013 nach Deutschland kam, war mir alles fremd. Die Kultur, die Sprache, die Leute. Das hat mir ziemlich viel Angst gemacht. Dann habe ich Menschen kennengelernt, die mir gezeigt haben, wie das Leben in Deutschland ist, die gesagt haben: Komm, lass uns reden. Mittlerweile ist Deutschland meine Heimat geworden. Ich habe das nicht forciert, das ist einfach so passiert, und das innerhalb weniger Jahre, diese Stimmung überwiegt nach wie vor. 

Aber na ja, nun kämpfe ich plötzlich wieder gegen das Gefühl an, nicht dazuzugehören. Zum Beispiel wenn ich in den Medien von Pegida-Demonstrationen lese, bei denen Leute 'Absaufen, absaufen' schreien, wenn es um die Seenotrettung von Flüchtlingen wie mir geht. Aber auch Seehofers 'Masterplan Migration' hat mich frustriert. Ich habe mir den durchgelesen und war gespannt darauf, was unter dem Punkt Integration stehen würde. Das ist so ein wichtiges und großes Thema. Man sollte meinen, dass auch ein deutscher Innenminister das so sieht. Und dann handelt er das auf eineinhalb Seiten ab, am häufigsten kommt das Wort Verschärfung vor. 

Ich sage meinen Leuten immer, ihr müsst versuchen, Teil dieser Gesellschaft zu werden, lernt die Sprache, sucht euch Arbeit und bemüht euch. Manchmal schreiben mir Syrer: 'Abdul, komm lass es, wir werden hier immer die Fremden sein.'"

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 31/2018.
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