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Dylan McWilliams paddelte vor der hawaiischen Insel Kauai, es war ein sonniger Frühlingsmorgen, er lag bäuchlings auf seinem Surfbrett und wartete auf die perfekte Welle, als er plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Brennen in seinem Unterschenkel spürte. Er zuckte zusammen, sah, wie sich das türkisblaue Wasser um ihn herum blutrot färbte, dann sah er, direkt unter seinem Brett, einen gut zwei Meter langen Hai.

Wenn man Dylan McWilliams heute fragt, was er in diesem Augenblick gedacht habe, so redet er nicht zuallererst von Todesangst, von Panik, er redet von mathematischen Wahrscheinlichkeiten: Wie unwahrscheinlich sei es, das habe er sich in jenem Moment wirklich gefragt, in nur einem Menschenleben von drei der gefährlichsten Tiere der Welt, von einer Schlange, einem Bären und nun auch noch von einem Hai, attackiert zu werden?

Dylan McWilliams ist 20 Jahre alt, ein junger Mann mit blonder Surferfrisur. Er stammt aus Grand Junction, einer Stadt im US-Bundesstaat Colorado. Aber seit drei Jahren, seitdem er die Schule geschmissen hat und von zu Hause ausgezogen ist, "um Abenteuer zu erleben", so erzählt er am Telefon, reist er mit einem Rucksack durch Amerika. Er arbeitet jetzt gerade auf einer Farm in der Wildnis von Missouri, und er benötigt einen Taschenrechner, um das Pech, das ihm widerfahren ist, zu beziffern.

Es war vor drei Jahren, so erzählt Dylan McWilliams, als es zum ersten Mal passierte. Er war allein im Wanderurlaub in Utah. Er lief in Turnschuhen durch den Arches-Nationalpark, eine Wüste voller Felsbögen. McWilliams betrachtete die Landschaft, er sah den Sonnenuntergang am Horizont. Was er nicht sah, war eine braun-gelbe Klapperschlange direkt vor seinen Füßen. Sie schnappte zu, verbiss sich mit ihren Zähnen in seinem rechten Knöchel. McWilliams, seit seinem vierten Lebensjahr bei den Pfadfindern, wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, in den USA von einer Giftschlange gebissen zu werden, bei etwa 1 : 37 500 liegt. Ihm wurde schwindelig, aber das nächste Krankenhaus war weit entfernt. Er schaffte es nur bis zum nächsten Felsvorsprung, dann fielen seine Augen zu.

Von der Website Sueddeutsche.de
Von der Website Sueddeutsche.de

Zwei Nächte lang blieb McWilliams im Nationalpark liegen. Ihm war übel, er schwitzte, so erzählt er, aber am dritten Tag fühlte er sich wieder ganz normal. "Vielleicht war es nur ein trockener Biss, fast ohne Gift", sagt McWilliams, "vielleicht war alles nur der Schock."

Der nächste, noch größere Schock ereilte ihn zwei Jahre später, im vergangenen Sommer, beim Campen in seiner Heimat Colorado. McWilliams zeltete mit Teenagern seiner Pfadfindergruppe, er betrachtete den Vollmond, dann schlief er unter freiem Himmel ein. Es war mitten in der Nacht, um etwa vier Uhr, als ein knackendes Geräusch ihn weckte. "Das Ding, was da knackte", sagt McWilliams, "war mein Schädel." Ein ausgewachsener Schwarzbär hatte seinen Kopf im Maul, zog ihn aus seinem Schlafsack in den Wald.

Eigentlich, das weiß McWilliams heute, ist die Wahrscheinlichkeit, von einem Bären angegriffen zu werden, verschwindend gering. Für Besucher des Yellowstone-Nationalparks liegt sie bei 1 : 1,9 Millionen. Seit dem Jahr 1900 wurden in den USA, den nördlichsten Bundesstaat Alaska ausgenommen, weniger als 20 Menschen von einem Schwarzbären getötet.

McWilliams hatte friedlich geschlafen, aber dann kämpfte er mit Händen und Füßen ums Überleben. Der Bär krallte sich in seine Stirn, an seinem Hinterkopf klaffte eine lange Wunde, sein Gesicht war voller Blut. Er schrie um Hilfe, er trat um sich, irgendwann presste er mehrere Finger ins Auge des Bären, erst dann, nach minutenlangem Kampf, ließ dieser von ihm ab. "Nach dieser Nacht", sagt Dylan McWilliams heute, "fühlte ich mich eigentlich sicherer als je zuvor."

Bis zu jenem Morgen vor der Küste von Kauai dachte McWilliams, ein Schlangenbiss und ein Bärenangriff, das sei für ein Menschenleben eigentlich genug. Er paddelte sorglos hinaus auf den Ozean und glaubte, das Schicksal könne unmöglich ein drittes Mal zuschlagen. Die Chance, in US-amerikanischen Gewässern von einem Hai attackiert zu werden, liegt laut Forschern bei 1 : 11,5 Millionen. "Wieso zur Hölle", sagt McWilliams, "sollte es ausgerechnet mich erwischen?"

Aber dann, plötzlich, spürte er diesen brennenden Schmerz, dann erblickte er das aufgerissene Gebiss eines gestreiften Tigerhais, eines fast alles fressenden Jägers. Er schlug dem Hai mit einer Faust aufs Auge, wehrte den nächsten Angriff ab, dann paddelte er, so schnell er konnte, zurück in Richtung Ufer. "Ich drehte mich nicht mehr um", sagt McWilliams, "ich wusste nicht, ob mein Bein noch dran ist." Nach etwa 30 Metern erreichte er, stark blutend, den Strand. Dort wurde sein Unterschenkel von Rettungsärzten sofort genäht, dort fragte McWilliams, auf die verschiedensten Bisswunden von Kopf bis Fuß hinabsehend: "Wollt ihr mich verarschen?"

Das berühmte US-Magazin "National Geographic" schätzt die Wahrscheinlichkeit, in den USA von einer Schlange, einem Bären und einem Hai gebissen zu werden, auf 1 : 893 Billiarden.

Zeitungen in der ganzen Welt, die jetzt über Dylan McWilliams berichten, nennen ihn einen "Pechvogel", aber er selbst sieht das ein wenig anders. "Ich bin noch am Leben", sagt er, "also bin ich der größte Glückspilz aller Zeiten." In ein paar Tagen wird er nach Florida trampen, in die Everglades. Alligatoren, sagt McWilliams, habe er sich schon immer einmal aus der Nähe ansehen wollen.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 27/2018.
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