In eigener Sache

Dieser Text des ehemaligen SPIEGEL-Redakteurs Claas Relotius hat sich nach einer Überprüfung in wesentlichen Punkten als gefälscht herausgestellt. Darüber hinaus steht die gesamte Berichterstattung von Relotius im Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier). Der SPIEGEL arbeitet den Fall Relotius derzeit auf; Verlag und Redaktion haben eine Kommission aus internen und externen Fachleuten eingesetzt: Sie soll die Vorgänge untersuchen und Vorschläge zur Verbesserung der Sicherungssysteme im Haus machen (mehr dazu hier). Bis die Kommission ihren Bericht vorlegt, bleiben die Artikel von Relotius unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen.

Hinweise bitte an hinweise@spiegel.de.

Nick Burchill war auf Geschäftsreise in Victoria, einer Stadt an der kanadischen Westküste, er kam gerade von einem Termin und hielt Ausschau nach einem schönen Hotel, als ihn, tief in seinem Inneren, das schlechte Gewissen einholte. 

Am Inneren Hafen sah er das Fairmont Empress, ein historisches Sternehotel, prächtig wie ein Schloss. Dann, plötzlich, zog sich sein Magen zusammen, wurde ihm heiß und übel. Er sah auf einmal wieder alles vor sich: "Den Dreck, das Chaos, die unglaublichste Sauerei", sagt Burchill, "die ein Mensch in einem Hotel anrichten kann."

Eigentlich hatte sich Nick Burchill, 49, ein Familienvater aus Nova Scotia, kanadische Ostküste, fest vorgenommen, nie wieder an das zu denken, was er eines Tages, als er noch ein junger Mann war, mit einem Zimmer jenes Hotels gemacht hatte. Er habe nie einem Menschen davon erzählt, sagt Burchill am Telefon, weder seiner Frau noch seinen besten Freunden. Er habe es einfach verdrängt, als wäre es nicht geschehen, totgeschwiegen wie einen Unfall, den er unmöglich irgendjemandem erklären könnte. "17 Jahre lang", sagt Burchill, und er klingt, als würde er sich noch immer schämen, "habe ich ganz allein mit meiner Schuld gelebt."

Von der Website Travelbook.de
Von der Website Travelbook.de

Es war im Jahr 2001, als Burchill das Fairmont Empress in Victoria, südlich von Vancouver, zum ersten Mal besuchte. Burchill, damals noch Junggeselle, war gerade neu bei seiner Firma, einem Hersteller für Schiffstechnik, er sollte an einer Konferenz in dem Hotel teilnehmen. Er wollte, schon mal in der Gegend, die Gelegenheit auch dazu nutzen, seine ehemaligen Kameraden von der Royal Canadian Navy zu treffen.

Als Gastgeschenk wählte er eine Spezialität aus seiner Heimat, die TNT Peperoni, eine feurig scharfe Wurst. Er kaufte nicht nur ein paar davon, sondern "eine ganze Schiffsladung voll", sagt er, genauer gesagt: einen großen, prall gefüllten Koffer. Burchill bezog ein Zimmer im vierten Stock, mit edlen Teppichen, Samtvorhängen und Blick über den Hafen. Das alte Schlosshotel, vor über hundert Jahren im edwardianischen Stil erbaut, gilt als eines der prunkvollsten Hotels der amerikanischen Pazifikküste.

Als Burchill den Koffer mit den Würsten, während der langen Anreise warm geworden, auf seinem Zimmer öffnete, so erzählt er, stieg ihm ein unappetitlicher Geruch entgegen. Burchill suchte nach einem Kühlschrank, einer Minibar zur Frischhaltung, aber er konnte nichts dergleichen finden. Irgendwann, er weiß heute selbst nicht mehr, was ihn geritten hat, kam ihm eine Idee: Er öffnete das Fenster, draußen wehte kalter Wind, er schob einen Tisch ans Fensterbrett und breitete alle Würste zur Abkühlung an der frischen Seeluft darauf aus. Dann ging er draußen spazieren, ganz in Ruhe.

Als Nick Burchill vier Stunden später wieder das Zimmer betreten wollte, um sich für die Konferenz umzukleiden, vernahm er schon auf dem Flur Geräusche "wie im Zoo". Er öffnete die Tür, und noch bevor er im Zimmer stand, so erzählt er, flog ihm ein "Tornado aus Vogelkot" entgegen.

Mindestens 40 Seemöwen, Burchill fand keine Zeit zum genauen Zählen, waren durch das offene Fenster gekommen, sie waren überall im Raum und hatten sich, stundenlang, an Burchills scharfen Würsten bedient. Wer schon mal wirklich scharf gegessen habe, sagt er, "kann sich in etwa vorstellen, was das mit der Verdauung von Seemöwen macht".

Burchill, panisch, schloss die Tür und stürzte ihnen entgegen, aber das machte die Sache nicht besser. Die aufgescheuchten Möwen flogen nun quer durch sein Zimmer, gegen Wände und Vorhänge, auch gegen teure Lampen, Spiegel und geschlossene Fenster. Bald segelten Federn auf den Teppich, bald war alles mit Wurststücken und mit Kot bedeckt.Burchill sagt, er sei sich vorgekommen wie in dem Hitchcock-Film "Die Vögel". Die Tiere waren in der Überzahl, aber irgendwie musste er sie loswerden. Er nahm einen Schuh und warf ihn nach einer Möwe; sowohl der Schuh als auch die Möwe flogen durchs Fenster, auf die Terrasse, wo andere Gäste gerade zum Nachmittagstee eintrafen. 


Dann nahm er ein Handtuch, wickelte es um die nächste Möwe und warf sie hinterher, ohne zu bedenken, dass Möwen in Handtüchern schlecht fliegen können. Irgendwann – als alle Vögel verschwunden, das Zimmer im Dreck versunken war – lief er nach unten und holte seinen verschmutzten Schuh. Er reinigte ihn im Waschbecken, er musste zu seinem Geschäftsessen, also versuchte er, den Schuh schnellstmöglich zu trocknen und steckte einen Föhn hinein. "Mein nächster Geniestreich", sagt Burchill. Ein paar Augenblicke später klingelte das Telefon, er verließ das Bad, der Föhn drehte sich aus seinem Schuh, ins volle Waschbecken. Die Sicherung sprang raus, im Hotel wurde es dunkel. Burchill rief ein Zimmermädchen herbei, das beim Anblick des Zimmers, so erzählt er, weinte und ansatzweise aufhörte zu atmen. Er sagte, es tue ihm leid. Dann verschwand er zu dem Geschäftsessen.

In Wahrheit, sagt er heute, habe er nie richtig um Verzeihung gebeten. Seine Firma habe bald nach seinem Besuch einen Brief erhalten, darin hieß es, er sei der "schlimmste Hotelgast aller Zeiten" und bekomme lebenslanges Hausverbot. 17 Jahre lang sagte sich Burchill, damit sei es erledigt, eine Entschuldigung nicht nötig. Bis vor Kurzem, als er wieder vor dem Hotel stand und sein Gewissen ihn plagte wie eine alte, nie ganz verheilte Wunde.

Burchill schrieb dem Fairmont Empress noch am selben Abend einen langen Brief, in dem er alles noch mal erzählte, seine ganze peinliche Geschichte. Er postete den Brief auch auf seiner Facebook-Seite, wo ihn mehr als 7000 Leute aus der ganzen Welt teilten. Er bat öffentlich um Vergebung, er gelobte: "Ich bin gereift." Es vergingen 24 Stunden, dann nahm das Hotel seine Entschuldigung an und lud ihn ein, wieder im Fairmont Empress zu übernachten.

Nick Burchill sagt, er sei so erleichtert gewesen, endlich, er habe dem Manager sofort vorgeschlagen, allen Zimmermädchen TNT-Würste mitzubringen, als Friedensangebot.


Schicken Sie uns Ihr Feedback zu diesem Beitrag.
Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 18/2018.
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!