Was soll man dazu sagen. Was soll ich dazu sagen? Wie jedes Jahr wollte ich in meiner letzten Kolumne vor Weihnachten, der letzten, bevor ich für zwei Wochen pausiere, einen Wunsch an die Branche richten. Ich war schon fast fertig, als der SPIEGEL öffentlich machte, dass ihm ein Redakteur in der Vergangenheit mehrere, systematisch und mit Vorsatz gefälschte Reportagen untergeschoben hat. Nachdem ich alles darüber gelesen hatte, ging es mir wie wahrscheinlich vielen Journalisten. Ich fühlte mich wie gelähmt. Gelähmt von dem Verrat, der am SPIEGEL begangen wurde, an den Themen, von denen die Reportagen handelten, den Menschen, die darin vorkamen, gelähmt vom Verrat am Journalismus, am Berufsstand – an meinem Berufsstand. 

Ich dachte an meine halb fertige Kolumne und überlegte, ob ich nicht besser irgendetwas anderes schreiben sollte, etwas, das so wenig wie möglich mit dem Betrugsfall zu tun hat. Oder überhaupt nichts. Am liebsten hätte ich mich weggeduckt. Menschlich nachvollziehbar, aber keine Lösung – und außerdem unprofessionell. 

Schon prasselten die ersten Appelle bei mir ein: 

- Das Übel von allem seien Reportagen. Die stellten brillante Formulierungen und schöne Geschichten über Fakten. Kitsch sei das, völlig überschätzter Kitsch. Die Reportage gehöre abgeschafft. 

- Das Übel von allem sei, dass im Journalismus auch nicht kontrollierbare, weil ausschließlich vom Reporter in Erfahrung gebrachte Informationen verarbeitet würden. Damit müsse Schluss sein. 

- Das Übel von allem seien Journalistenpreise. Sie wirkten wie eine Droge und verführten dazu, immer spektakulärere Beiträge zu erstellen. Nur mit Ehrlichkeit, ohne Doping, sei das nicht zu machen. Weg mit ihnen, egal, wie sie heißen, egal, wer sie vergibt. 

In diesem Moment merkte ich: So unpassend war mein halbfertig aufgeschriebener Wunsch für 2019 gar nicht. Nur den lustigen Einstieg löschte ich sofort. Das Lachen war mir vergangen. Es erschien mir fehl am Platz. 

Wie denn nun mein Wunsch für 2019 an die Branche lautet? Weniger vorschnelle Urteile von Journalisten lesen zu müssen. Emotionen sind gut und wichtig, sie dürfen aber gern privat unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetobt werden. Die Welt, die Gesellschaft und die Medienbranche spielen schon verrückt genug. Niemandem, schon gar nicht dem Leser, ist damit geholfen, wenn Journalisten das Treiben selbst noch anfachen. Aus Furcht, im Geschrei nicht gehört zu werden, sind Zuspitzungen, Provokationen und Lautstärke keine Lösung. 

Daher besser: Ruhe und einen kühlen Kopf bewahren. Zweifeln. Sich an eigenen Maßstäben messen, nicht an anderen. Weitermachen, vor allem das. Und aufs Handwerk achten. Und dann: Mit jeder Exklusivmeldung, die sich als zutreffend erweist, mit jeder Analyse, die Kompliziertes verständlich macht, mit jedem Beleg, der Gehörtes, Gesehenes oder Erspürtes untermauert, beweisen, dass man eben nicht zu jenen Blendern, Lautsprechern und Betrügern gehört, die sich früher oder später selbst das Bein stellen. 

Es ist die einzige Chance. 

Aber am allermeisten hätte ich mir gewünscht, dass dieser Betrug nie passiert wäre. 

Simons Medienkolumne erscheint wieder am 10. Januar 2019. Schöne Feiertage und einen guten Rutsch! 

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