Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 30/2018

Der kleine Joniel Briceño ist viel zu klein und zu leicht für das Leben. Er ist acht Monate alt, wiegt fünf Kilo, wenig mehr als manches Neugeborene. Seine Mutter hat ihn aus ihrem kleinen Dorf hierhergetragen, zwei Stunden Fußmarsch bis zur Bushaltestelle, den Sohn immer auf dem Arm, zwei Stunden Fahrt mit dem Bus. Nun liegt Joniel hier, in Bett Nummer zwei, unter einer Donald-Duck-Figur, die jemand an die Wand geklebt hat.

Joniel ist nicht das einzige Kind mit ausgezehrtem Gesicht, mit geschwollenen Beinen und aufgeblähtem Bauch in der Notaufnahme der Kinderabteilung der Universitätsklinik Luis Razetti in Barcelona, einer Großstadt gut 300 Kilometer östlich der Hauptstadt Caracas. Die Ärzte und Pfleger nennen die Abteilung "Afrika". Nirgends ist die verzweifelte Lage dieses Landes deutlicher sichtbar als in den Krankenhäusern.

Venezuela, das Land mit den größten bekannten Ölreserven der Welt, ist pleite. Einst gehörte es zu den reichsten des Kontinents, nun leiden die Menschen Hunger, vor allem im Landesinneren. Die Wirtschaft ist seit 2014 zusammengebrochen, immer wieder gibt es Proteste und Unruhen, weil in den Geschäften Nahrungsmittel fehlen, aber auch Alltagswaren wie Klopapier oder Waschmittel. An den Eingängen von Supermärkten sind Bewaffnete postiert, die Hyperinflation von 42.000 Prozent im Jahr frisst die Einkommen auf. Die Armen hungern, die Schwachen und Kranken sterben, Jugendliche schließen sich kriminellen Banden an. Wer es sich leisten kann, verlässt das Land.

Der 2013 verstorbene Präsident Hugo Chávez machte sich einst bei den Armen beliebt, weil er die Öleinnahmen verwendete, um Sozialprogramme zu finanzieren. Doch gleichzeitig fehlte es dem staatlichen Ölkonzern an Geld für Investitionen. Korruption und Misswirtschaft blühten auf. Unter Chávez' Nachfolger Nicolás Maduro fiel das Land schließlich in eine existenzielle Krise.

Die Regierung überweist kaum Geld an die Krankenhäuser, sie lässt aber auch keine Hilfe ins Land. Denn damit würde Maduro, der autokratisch regierende Präsident, eingestehen, dass seine Regierung gescheitert ist. Lieber lässt er offenbar das kaum fassbare Elend zu, das in seinen Kliniken zu besichtigen ist. Nach Angaben von Unicef sind 15 Prozent aller Kinder in Venezuela unterernährt.

Einige der schlimmsten Fälle kommen hierher, ins Razetti in Barcelona, zehn Betten in der Kindernotaufnahme, in manchen liegen drei kleine Patienten nebeneinander. Auf dem Boden tote Kakerlaken, nachts streift eine Katze durch die heruntergekommenen Räume, in denen es an allem fehlt, an Blutzuckerteststreifen und Nährlösung, an Antibiotika und Narkosemitteln.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 30/2018.
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