Jay, 49, lehrt als Professorin für Klinische Psychologie an der University of Virginia in den USA und arbeitet als Therapeutin. Ihr jüngstes Buch handelt von der prägenden Kraft schwieriger Kindheitserfahrungen (*). Jay erklärt darin, wie frühe Rückschläge zu jener überraschenden Stärke beitragen können, die Ärzte, Psychologen und Pädagogen mit dem sperrigen Wort "Resilienz" umschreiben. Gemeint ist die Fähigkeit, nach ausgeprägtem Alltagsstress und elementaren Krisen möglichst rasch in einen seelischen Normalzustand zurückzukehren. 

Beschrieben wurde das Phänomen bereits in den Siebzigerjahren: Die US-Entwicklungspsychologin Emmy Werner hatte in einer Langzeitstudie das Leben von gut 200 Jungen und Mädchen in Hawaii verfolgt, die mit Armut, zerrütteten Familien und anderen Risikofaktoren aufgewachsen waren. 

Ein Drittel von ihnen entwickelte sich trotzdem zu leistungsfähigen, zuversichtlichen und fürsorglichen Erwachsenen. Seither versuchen Wissenschaftler, das Geheimnis resilienter Menschen zu entschlüsseln – jener vermeintlichen Stehaufmännchen, die allen Widerständen des Lebens zu trotzen scheinen.

SPIEGEL: Frau Jay, anders als die meisten Ihrer Kollegen blicken Sie auch auf die Schattenseiten von Resilienz. Was genau verstehen Sie darunter?

Jay: Häufig ist Resilienz die Antwort auf überdurchschnittlich bedrückende oder traumatische Kindheitserlebnisse. Das erlebe ich bei meinen Klienten immer wieder. Sie sind, wie ich es nenne, supernormal: Sie funktionieren in der Schule oder im Beruf oft viel besser als andere – und auf jeden Fall besser, als man es angesichts ihres frühen Leids erwartet hätte. Aber für diese scheinbar problemlose Normalität müssen sie Kämpfe ausfechten, die tiefe Wunden hinterlassen.

SPIEGEL: Von welchen Kämpfen sprechen Sie?

Lade...

Gutes lesen. Mehr verstehen.

Sie haben keinen Zugang? Jetzt gratis testen!

  • Jeden Tag mehr Durchblick: Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe auf SPIEGEL ONLINE zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, von Reportern in aller Welt.
  • Dazu die digitale Ausgabe des wöchentlichen Magazins.
  • Einmal anmelden, überall nutzen – mobil, Web, Tablet, auf allen Ihren Geräten.
  • Flexible Laufzeit, jederzeit online kündbar

Zusätzlich sichern Sie sich mit einer Bestellung Zugriff zu allen Inhalten der aktuellen Exklusivserie „Football Leaks“ über Hinterzimmergeschäfte und schmutzige Deals im Spitzenfußball.

Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 45/2018.
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!