In eigener Sache

Dieser Text des ehemaligen SPIEGEL-Redakteurs Claas Relotius hat sich nach einer Überprüfung in wesentlichen Punkten als gefälscht herausgestellt. Darüber hinaus steht die gesamte Berichterstattung von Relotius im Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier). Der SPIEGEL arbeitet den Fall Relotius derzeit auf; Verlag und Redaktion haben eine Kommission aus internen und externen Fachleuten eingesetzt: Sie soll die Vorgänge untersuchen und Vorschläge zur Verbesserung der Sicherungssysteme im Haus machen (mehr dazu hier). Bis die Kommission ihren Bericht vorlegt, bleiben die Artikel von Relotius unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen.

Hinweise bitte an hinweise@spiegel.de.

Das erste Gespräch, das wir miteinander führten, war ein Telefonat. Es dauerte nicht lange. Ich fragte Traute Lafrenz, ob ich sie in den USA besuchen dürfe, um mit ihr ein Interview zu führen. Sie antwortete mit einer festen, manchmal etwas kratzigen Stimme: "Nein, dafür ich bin zu alt." Der zweite Anruf ging auch relativ schnell. Sie sagte: "Ich bin zu beschäftigt." Der dritte Versuch endete mit dem Satz: "Ich bin nie zu Hause." Dann legte sie auf.

Irgendwann bekam ich ihre amerikanische Schwiegertochter ans Telefon. Sie sagte, nichts von alledem sei wahr. Ihre Schwiegermutter sei einfach nur zu bescheiden, um über ihr Leben zu sprechen.

Traute Lafrenz wurde 1919 in Hamburg geboren. Sie ging mit Helmut und Loki Schmidt zur Schule, war 21 Jahre alt, als sie zum Medizinstudium nach München zog, ihrem Kommilitonen Hans Scholl begegnete und gemeinsam mit ihm einen Freundeskreis ins Leben rief, der sich fortan zu geheimen Diskussionsabenden verabredete. Aus diesem Kreis ging die Weiße Rose hervor, eine hauptsächlich aus Studenten bestehende Widerstandsgruppe. Die Weiße Rose verfasste Flugblätter gegen Adolf Hitlers Regime und verbreitete sie unter Lebensgefahr in Deutschlands Städten. Die Geschwister Hans und Sophie Scholl wurden verhaftet, angeklagt und hingerichtet. Sie sind Ikonen des Widerstands, aber sie waren nicht die Einzigen, die ihr Leben riskierten. Traute Lafrenz war eine der Ersten, die jene Flugblätter in Umlauf brachten. Sie trug den Widerstand von München nach Hamburg, verwischte Spuren, entging der Hinrichtung nur knapp und rettete, darauf deuten Verhörprotokolle der Gestapo hin, vielen Mitstreitern das Leben. Traute Lafrenz und Hans Scholl waren, einen Sommer lang, ein Paar.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, vor mehr als 70 Jahren, verließ sie Deutschland, seither lebt sie in den USA. Sie wohnt heute auf Yonges Island, South Carolina. Ich flog ohne Verabredung zu ihr. In Amerika gelandet, rief ich noch einmal bei ihr an. Frau Lafrenz, von hartnäckiger Bescheidenheit, verstellte mühsam ihren feinen, norddeutschen Stimmenklang, dann sagte sie auf Englisch: "Frau Lafrenz lebt leider nicht mehr. Sie ist sehr plötzlich verstorben."

Ich fuhr zu ihr. Das Haus, in dem sie wohnt, liegt auf einer weitläufigen Ranch, wo das Spanische Moos der Südstaaten wie Lametta von den Bäumen hängt. An einem Sonntagnachmittag im August, am selben Tag, als mehr als 7000 Kilometer entfernt in Deutschland, im sächsischen Chemnitz, ein Stadtfest eskaliert und Neonazis aufmarschieren, sitzt Lafrenz im Schaukelstuhl auf ihrer Veranda und blickt auf einen Zufluss des Atlantiks.


SPIEGEL: Frau Lafrenz, Sie leben ja doch.

Lafrenz: Am Telefon dachte ich, ich stelle mich lieber tot. Jetzt sind Sie trotzdem gekommen, dabei wollte ich Sie abwimmeln.

SPIEGEL: Weshalb?

Lafrenz: Die, die im Widerstand ermordet wurden, mussten viel zu jung sterben. Ich hatte mein Leben, habe Enkel und Urenkel, und jetzt soll ich als Einzige, die übrig ist, interviewt werden? Das kommt mir ungerecht vor.

SPIEGEL: Es geht um ein Kapitel deutscher Geschichte, von dem nur Sie noch erzählen können.

Lafrenz: Vielleicht ist es kein Zufall: Wir sterben aus, und gleichzeitig kommt wieder alles hoch. In einer amerikanischen Zeitung habe ich aktuelle Fotos aus Deutschland gesehen – mir ist ganz kalt geworden.

SPIEGEL: Was sahen Sie auf den Fotos?

Lafrenz: Deutsche, die streckten auf offener Straße den rechten Arm zum Hitler-gruß, wie früher. Ich bin alt, aber ich bekomme ja alles mit. Die Art, in der jetzt über Flüchtlinge geredet wird wie über Kriminelle oder Vieh, da werde ich hellhörig. Ich weiß auch, was Politiker im Bundestag nun wieder so sagen. "Lügenpresse", "Volksverräter", "Stolz auf die Wehrmacht"? Diese Leute wissen ja gar nicht, wovon sie reden, aber sie benutzen die gleichen Tricks. So fängt es an.

Video (2:07) Flugblätter gegen Hitler
Die studentische Widerstandsgruppe »Die Weiße Rose« verteilte ab 1942 Flugblätter gegen das nationalsozialistische Regime. Viele Mitglieder bezahlten ihre Zivilcourage mit dem Tod, so auch die Geschwister Sophie und Hans Scholl.

SPIEGEL: Hans Scholl, mit dem Sie einen Sommer lang zusammen waren, ehe er als sogenannter Volksverräter von Hitlers Anhängern hingerichtet wurde, wäre am 22. September 100 Jahre alt geworden. Denken Sie gerade häufiger an ihn?

Lafrenz: Unsere Beziehung liegt ein Dreivierteljahrhundert zurück, aber manchmal, wenn ich ins Träumen komme, erscheint er mir. Hans, sage ich dann zu ihm, was hast du dir damals bloß dabei gedacht? Wie dumm sind wir gewesen? Waren wir größenwahnsinnig zu glauben, wir könnten uns mit Hitler anlegen?

SPIEGEL: Sie bereuen, dass Sie Widerstand geleistet haben?

Lafrenz: Ich bereue, dass alles in der Katastrophe enden musste. Wir waren ja ganz bürgerliche Jungen und Mädchen und wussten nicht, was wir da tun.

SPIEGEL: Sie wuchsen auf im Hamburger Stadtteil Winterhude; Ihr Vater arbeitete für die Finanzbehörde, Ihre Mutter war Hausfrau. Als Jugendliche besuchten Sie die reformpädagogische Lichtwark-Schule, zusammen mit Helmut Schmidt.

Lafrenz: Revolverschnauze!

SPIEGEL: So haben Sie ihn genannt?

Lafrenz: Schmiddi konnte quasseln und hatte zu allem eine Meinung. Mit Loki kam ich immer gut aus, aber von Schmiddi war ich später, als unsere Klassenlehrerin Erna Stahl von der Gestapo verhaftet wurde, sehr enttäuscht. Es ging um ihr Leben, und Schmiddi war zu dem Zeitpunkt bereits Oberleutnant der Wehrmacht, er hätte ein gutes Wort für sie einlegen können. Das hat er aber nie getan.

SPIEGEL: Erna Stahl versuchte während des "Dritten Reichs", Sie und andere Schüler zu mündigen Menschen zu erziehen. Ihr drohte wegen "planmäßiger Verseuchung der Jugend" die Todesstrafe.

Lafrenz: Ab 1935 veranstaltete sie heimliche Treffen mit uns. Während das Land im Gleichschritt marschierte, entartete Kunst und verbotene Bücher verbrannte, lud sie uns ein, genau diese Bücher mit ihr zu lesen. Tucholsky, Kafka, Erich Kästner. Das war, wie gegen das Böse geimpft zu werden.

SPIEGEL: Kulturelle Bildung hat Sie immun gemacht?

Lafrenz: Auch Adolf Hitler war Büchernarr. In seiner Privatbibliothek standen 16.000 Werke, er konnte Shakespeare oder Nietzsche verehren und trotzdem Millionen Menschen vergasen lassen. Josef Mengele hörte nach seinen Versuchen an behinderten Kindern gern Walzer. Vielleicht braucht man Empathie, damit Schönheit etwas in einem auslöst. Je mehr Bücher ich las, desto mehr machten sie Front in mir.


Lafrenz wippt in ihrem Schaukelstuhl. Erst bewegt sie ihn nur langsam, aber je länger sie über das "Dritte Reich" redet, desto unruhiger wird sie.

Es war das Jahr 1939, so erzählt Lafrenz, sie hatte ihre Reifeprüfung abgelegt, den Reichsarbeitsdienst verrichtet und das Medizinstudium in Hamburg begonnen, als mit Deutschlands Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg ausbrach. An der Uni-Klinik Eppendorf, wo sie studierte, wurde "nichtarischen" Bewerbern der Zugang verweigert, "nichtarischen" Ärzten die Approbation entzogen. Einige von ihnen, als Juden verfolgt, flohen in die USA, nach Großbritannien oder Schweden. Andere wurden deportiert und Jahre später in Konzentrationslagern ermordet.

Studenten Lafrenz, Scholl bei einem Ausflug im Isartal 1941: "Hans, was hast du dir bloß dabei gedacht?"
Traute Lafrenz / Privatarchiv

Studenten Lafrenz, Scholl bei einem Ausflug im Isartal 1941: "Hans, was hast du dir bloß dabei gedacht?"

Lafrenz selbst studierte vier Semester in Hamburg. Im Frühjahr 1941, die Wehrmacht hatte im Jahr zuvor Frankreich überfallen und bereitete nun den Angriff auf die Sowjetunion vor, zog sie nach München. Dort lernte sie ihren Kommilitonen Hans Scholl kennen, einen 22-jährigen Ulmer Medizinstudenten und Sanitätsfeldwebel, der gerade aus dem besetzten Paris zurückgekehrt war.


Lafrenz: Es war bei einem Konzertabend im Odeon, Bachs Brandenburgische Konzerte wurden aufgeführt, da machte unser Freund Alexander Schmorell uns bekannt. Ich hatte schon in Vorlesungen ein Auge auf Hans geworfen. Was mir zuerst an ihm auffiel, war sein Mund. Er war zu schön, um halten zu können, was er versprach.

SPIEGEL: Sie ließen sich trotzdem auf ihn ein.

Lafrenz: Wir verbrachten einen Sommer zusammen, badeten in der Isar und lernten uns besser kennen. Und dann noch besser, wie man so sagt. Hans war charismatisch, er zog andere in seinen Bann.

SPIEGEL: Hans Scholl schien bis zu jenem Sommer 1941, als er Ihnen begegnete, kein Gegner des NS-Regimes zu sein.

Lafrenz: Genauso wenig wie Sophie, seine Schwester. Sie war drei Jahre jünger, und es hieß, sie habe sich als Einzige ihres Jahrgangs in der Uniform des "Bund Deutscher Mädel" konfirmieren lassen. Auch Hans war in der Hitlerjugend ganz vorn mit dabei gewesen, war beim großen Reichsparteitag sogar einmal als Fähnleinführer stramm an Hitler vorbeimarschiert. Als ich ihn kennenlernte, träumte er noch von einer Wehrmachtkarriere, aber es gab auch schon Brüche. Da war die Sache, wegen der er vor dem Studium verhaftet worden war: Verstoß gegen Paragraf 175, Homosexualität. Er hatte in der Hitlerjugend ein Verhältnis zu einem Jungen gehabt. Heute würde man sagen: so what? Aber dafür haben sie ihn eingesperrt. Das hat er, glaube ich, nie wieder vergessen.

SPIEGEL: Wie kam der konspirative Freundeskreis zusammen, aus dem die Weiße Rose entstanden ist?

Lafrenz: Hans liebte Literatur, genau wie ich, also führten wir die Leseabende, die ich aus Hamburg kannte, auch in München ein. Am Anfang waren wir nur eine Handvoll Leute, dann kamen auch Sophie Scholl und etwa zehn andere Studenten, denen wir vertrauen konnten, dazu. Wir hörten Swing und tranken Wein, lasen Puschkin oder redeten über Malerei.

SPIEGEL: In halb Europa herrschte Krieg, und Sie erfreuten sich an Kunst?

Lafrenz: Die Männer mussten immer wieder an die Front, wir Frauen arbeiteten in den Munitionsfabriken, doch insgesamt ging es uns gut. Wir diskutierten über Philosophie und Moral, natürlich ging es dabei auch um Hitler. Aber es gibt das Missverständnis, dass die Weiße Rose aus hochpolitischen Menschen bestand. Das waren wir nicht, schon gar nicht Hans. Auch deshalb habe ich mich später häufig gefragt: warum er? Warum hat ausgerechnet Hans getan, wozu kein anderer imstande war?

SPIEGEL: Sie haben sich bald wieder von ihm getrennt.

Lafrenz: Er war in allem impulsiv, ein Draufgänger, er handelte oft im Übermut, ohne die Dinge vorher ganz zu Ende zu denken. Heute weiß ich: Wenn er die Konsequenzen immer durchdacht hätte, dann hätte er das, was er dann bald darauf tat, nie tun können.

SPIEGEL: Wie ist es zu den Flugblättern gekommen?

Lafrenz: Was uns alle verband, war die Verachtung der Masse. Alle sahen gleich aus, alle verhielten sich gleich. Das war wie eine Schlinge, es wurde einfach kein wahres Wort mehr gesprochen, es war zu gefährlich. Wir aber wollten uns nicht vorschreiben lassen, was wir zu denken hatten, also hörten wir Feindsender, zum Beispiel die BBC. Dort liefen die Rundfunkansprachen Thomas Manns, der von Verbrechen der Wehrmacht erzählte, von den Massakern in Polen. Was wir da hörten, deckte sich mit dem, was Hans und andere bald während Einsätzen an der Ostfront selbst erlebten. Was sie vom Warschauer Getto erzählten, war grauenhaft. Und dann sahen viele von uns auch, wie die Juden abgeführt wurden und nicht mehr wiederkamen.

Sechstes Flugblatt, abgeworfen von britischen Piloten 1943: "Führer, wir danken dir"
A. Psille / Deutsches Historisches Museum

Sechstes Flugblatt, abgeworfen von britischen Piloten 1943: "Führer, wir danken dir"

SPIEGEL: Die meisten Deutschen sahen dies, aber sie unternahmen nichts.

Lafrenz: Uns stürzte es in eine Not des Gewissens. Das Wegsehen war nicht mehr möglich, denn es hätte bedeutet, die eigenen Werte zu zerstören. Also haben wir darüber beraten, wie sich das Volk aufrütteln ließe, welches Zeichen man setzen müsste, Funken in dunkelster Nacht. Ich glaube, Sophie Scholl war es, die einmal gesagt hat: "Es fallen so viele Menschen für dieses Regime. Da wird es Zeit, dass jemand dagegen fällt."


Traute Lafrenz hat ihre Hände gefaltet, presst sie beim Erzählen nun so fest zusammen, dass ihre Fingerknochen weiß hervortreten. Auf dem Tisch vor ihr liegt ein altes Foto von Hans Scholl, sie betrachtet es lange und schüttelt dann immer wieder den Kopf.

Es war im Sommer 1942, auf der Wannseekonferenz hatten führende Nationalsozialisten die systematische Ermordung der Juden beschlossen, in Auschwitz wurden seit Monaten Menschen vergast, da schrieben die Medizinstudenten Hans Scholl und Alexander Schmorell vier Flugblätter gegen "Hitler und seine Genossen". Per Post schickten sie je etwa hundert Exemplare an ausgewählte Personen im Raum München. Ihre Zielgruppe waren vor allem Akademiker, Menschen mit Einfluss. Scholl und Schmorell, die ihre Flugblätter auf einer Schreibmaschine in der Münchner Benediktenwandstraße 12 verfassten, in Nachbarschaft zum Haus von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess, waren nicht die Ersten, die Verbrechen des NS-Staats anprangerten, aber wohl die Einzigen, die die Judenverfolgung ausdrücklich als Grund ihres Widerstands benannten.

Aus dem ersten Flugblatt, überschrieben mit "Flugblatt der Weissen Rose", die ersten beiden Sätze: Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique "regieren" zu lassen. Ist es nicht so, dass sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmass der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Mass unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten?


Lafrenz: Wir anderen wussten nichts von der Aktion. Eines Abends zeigte mir Hans das Flugblatt, ich las es und erkannte sofort Verweise auf Friedrich Schiller, auf dessen Kritik am blinden Gehorsam der Spartaner. Darüber hatten wir häufig gesprochen, also fragte ich Hans, ob er das geschrieben habe. Er antwortete, so etwas solle ich nicht fragen. Ich verstand den Wink und tat es dann auch nie wieder.

SPIEGEL: Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen; die Weisse Rose lässt Euch keine Ruhe! Das Ende des vierten Flugblatts klang wie die Drohung einer größeren Organisation.

Lafrenz: Das sollte es wohl, und auch bei mir kam es so an. Ich dachte, dahinter stünde eine richtige Verschwörung, jedenfalls viel mehr als nur zwei meiner Freunde.

SPIEGEL: Woher stammt der Deckname Weiße Rose?

Lafrenz: Ich weiß es bis heute nicht, wir selbst haben uns nie so genannt. Hans liebte Blumen, vielleicht ist die Antwort so einfach.

SPIEGEL: Sie waren nicht ganz sicher, wer hinter den Flugblättern steckte, dennoch haben Sie die verteilt.

Lafrenz: Ich fuhr zu meiner Tante nach Wien, von der ich wusste, dass sie wie wir eingestellt war, um einen Vervielfältigungsapparat zu beschaffen. Danach fuhr ich nach Hamburg und übergab meinem alten Schulfreund Heinz Kucharski ein Exemplar des dritten Flugblatts, damit er es im Norden verteilt. Während der gesamten Zugfahrt, während der die Polizei ja dauernd kontrollierte, trug ich die Flugblätter in einer Tasche auf meinem Schoß.

Geschwister Scholl, Soldat Probst (r.) 1942: "Brave, herrliche junge Leute"
GEORGE JUERGEN WITTENSTEIN / EPD

Geschwister Scholl, Soldat Probst (r.) 1942: "Brave, herrliche junge Leute"

SPIEGEL: Eine Sonderkommission der Gestapo suchte längst nach den Verfassern, verdächtigte reisende Aktivisten. Hatten Sie keine Angst?

Lafrenz: Nein, nie. Ich wusste ja, dass es das Richtige war.

SPIEGEL: Sie und Ihre Freunde waren, trotz Kriegsdiensten, vergleichsweise gut gestellt, dennoch riskierten Sie alles. Dabei waren Sie keine militärische Elite wie später die Hitler-Attentäter um Stauffenberg, sondern handelten als Privatmenschen.

Lafrenz: Ich habe darüber, während ich in hohen Mengen verdächtige Ware wie Briefmarken oder Briefumschläge kaufte, gar nicht nachgedacht. Wir waren alle so gleich gesinnt, dass wir annahmen, wir seien viele, also fühlten wir uns stark.

SPIEGEL: Von den Empfängern der ersten vier Flugblätter, verfasst mit der Aufforderung, sie weiterzugeben, meldeten etwa zwei Drittel die Schreiben der Gestapo.

Lafrenz: Tja. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, wie allein wir waren.


Im Januar 1943, ein halbes Jahr nach der ersten Aktion, erschien das fünfte Flugblatt "Aufruf an alle Deutsche!". Es wurde in einer deutlich höheren Auflage von bis zu 9000 Exemplaren durch Kurierfahrten und Postversand in vielen deutschen Städten verbreitet. Die Verfasser riefen nun die breite Masse dazu auf, sich vom "nationalsozialistischen Untermenschentum" zu trennen. Sie warben, ihrer Zeit voraus, für ein neues, föderalistisches Deutschland in einem vereinten Europa nach dem Krieg. Die Gestapo startete eine Großfahndung.

Es war etwa drei Wochen später, am Morgen des 18. Februar 1943, das Oberkommando der Wehrmacht hatte die Niederlage von Stalingrad im Großdeutschen Rundfunk eingestanden, in Berlin bereitete Joseph Goebbels seine Rede im Sportpalast vor, um das Volk auf den "totalen Krieg" einzuschwören, als Hans und Sophie Scholl die Ludwig-Maximilians-Universität in München betraten. Sie legten dort vor den Hörsälen mehrere Hundert Exemplare des sechsten Flugblatts aus, verfasst vom befreundeten Philosophieprofessor Kurt Huber, einem 49-jährigen Mitverschwörer:

Kommilitoninnen! Kommilitonen! Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreissigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir!

Lafrenz: Ich kam gerade aus der Vorlesung und wunderte mich, dass Hans mit Aktentasche und Koffer zur Uni gekommen war. Ich wusste nicht, was sie planten, sie wirkten ganz ruhig. Sophie sagte zu mir: "Die Skistiefel, die du dir leihen wolltest, stehen zu Hause. Du kannst sie dir holen, falls ich heute Nachmittag nicht komme." Danach habe ich sie und Hans nie wiedergesehen.

SPIEGEL: Die Geschwister legten die Flugblätter aus, warfen einen Stapel in den Lichthof der Eingangshalle. Dabei wurden sie vom Hausmeister beobachtet und denunziert.

Lafrenz: Die Gestapo verhörte Sophie und Hans getrennt voneinander. Sophie wurde vom Fahndungsleiter persönlich vernommen und gestand, obwohl sie die Zeilen gar nicht selbst geschrieben hatte, erst nach dem Geständnis ihres Bruders.

SPIEGEL: Der Fahndungsleiter Robert Mohr, der sie verhörte, berichtete später dem Vater Scholl, sie sei "krampfhaft bemüht" gewesen, alle Schuld auf sich zu nehmen. Er habe ihr als "Fräulein" angeboten, sich als Mitläuferin zu bekennen und so um die Höchststrafe herumzukommen, doch sie lehnte ab.

Strafrichter Freisler um 1944: "Wir brauchen doch kein Gesetz"
AWKZ / INTERFOTO

Strafrichter Freisler um 1944: "Wir brauchen doch kein Gesetz"

Lafrenz: Das muss man sich vorstellen: In Berlin tritt ein zwergenhafter Goebbels vor das Volk, schreit "Wollt ihr den totalen Krieg?", und die Menge tobt. Und zur gleichen Zeit sitzt eine 21-Jährige in München ganz allein vor der Gestapo und unterschreibt ganz aufrecht ihr Todesurteil.

SPIEGEL: Hans Scholl sagte während der Vernehmungen, nach Mitstreitern befragt: "Lafrenz ist mir völlig gleichgültig."

Lafrenz: Zur Hälfte stimmte das vielleicht sogar, wir waren ja kein Liebespaar mehr.

SPIEGEL: Vier Tage später verurteilte der Volksgerichtshof die Angeklagten Hans und Sophie Scholl sowie ihren Kommilitonen Christoph Probst, dessen Entwurf für ein siebtes Flugblatt in Hans Scholls Tasche lag, zum Tod durch Enthauptung.

Lafrenz: Ich half den Eltern Scholl, Gnadengesuche einzuholen. Laut Gesetz waren 99 Tage dafür Zeit, aber der Präsident des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, der auch bei der Wannseekonferenz mit am Tisch gesessen hatte, wurde ja berüchtigt für sein Gekreische: "Gesetz? Wir brauchen doch kein Gesetz!" Ich war gerade bei der Frau von Christoph Probst, die ihr drittes Kind bekommen hatte, sie unterschrieb das Gnadengesuch für ihren Mann, da bekam sie einen Anruf aus Stadelheim. Die Hinrichtungen, hieß es, keine vier Stunden nach Urteilsverkündung, würden bereits vollstreckt.

SPIEGEL: Sophie Scholl schrieb kurz vor ihrem Tod in ihrer Zelle: "So ein herrlicher Tag, und ich soll gehen. Aber was liegt an unserem Leben, wenn wir es damit schaffen, Tausende von Menschen aufzurütteln und wachzurütteln." Der Henker Johann Reichhart, ein gelernter Metzger, der in der Zeit des Nationalsozialismus fast 3000 Hinrichtungen vollzogen hatte, sagte später, er habe nie jemanden so sterben sehen wie sie.

Lafrenz: Ich erinnere mich an einen Morgen kurz vor ihrer Verhaftung, wir standen auf der Straße, und neben uns schnoben Pferde. Sophie sagte "Ha, Kerrle", dann ging sie lachend in ein Briefwarengeschäft, um heiße Ware für unsere Aktionen zu kaufen, arglos, mit kindlicher Bereitschaft und ganz frohem Gesicht. Manchmal träume ich, sie ist mit dem gleichen Gesicht auf das Schafott zugegangen.

SPIEGEL: In Ihr Tagebuch notierten Sie an jenem Abend: "Leichen abgekauft zum zu beerdigen."

Lafrenz: Als Medizinstudentin fürchtete ich, dass sie sonst nicht begraben würden. So kamen sie zum Perlacher Forst, Grabnummer 73-1-18. Die Särge wurden auf Karren gebracht, hinter dem ausgehobenen Grab standen überall Gestapo-Leute. Sie hatten den ganzen Friedhof umstellt.

SPIEGEL: Sie waren das einzige Mitglied der Weißen Rose, das sich zur Beerdigung traute.

Lafrenz: Ich war ja fast die Einzige, die nicht schon tot oder verhaftet war. Sie ließen die Särge brutal in die Erde fallen, man hörte es rumpeln. Sie wurden nicht nebeneinandergelegt, sondern gestapelt. Ich höre die Mutter Scholl sagen: "Jetzt soll Sophie sich auf Hans ausruhen."


Traute Lafrenz steht nun, 75 Jahre danach, aus ihrem Schaukelstuhl auf. Sie bittet um Entschuldigung und sagt, sie müsse etwas im Haus suchen. Sie geht hinein und kommt fast eine Stunde lang nicht wieder. Durch die Fenstergardinen ist zu sehen, dass sie im Wohnzimmer auf ihrem Sofa sitzt, ganz in Gedanken.

Am 24. Februar 1943, kurz nach den Hinrichtungen ihrer Freunde, rief der Gaustudentenführer der Universität zu einer "Treuebekundung" für Hitler auf und beschimpfte die Hingerichteten als "ehrlose und niederträchtige Gesellen". Hunderte Studierende trampelten Beifall und zeigten den Hitlergruß zu Ehren des Hausmeisters, der die Scholls verraten hatte. Es war Traute Lafrenz, noch von niemandem verraten, die in jenen Tagen bei der Familie Scholl blieb, belastendes Material des Freundeskreises vernichtete und gefährdete Unterstützer warnte.

Studenten Probst, Schmorell in Ruhpolding 1941: "Wir sind euer böses Gewissen"
BILDARCHIV PREUßISCHER KULTURBESITZ

Studenten Probst, Schmorell in Ruhpolding 1941: "Wir sind euer böses Gewissen"

Am 13. Juli 1943, die Verhaftungen gingen weiter, wurden auch Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber enthauptet. Der Medizinstudent Willi Graf, der gemeinsam mit Hans Scholl Parolen wie "Freiheit!", "Nieder mit Hitler!" und "Massenmörder Hitler" an Münchner Gebäude geschrieben hatte, starb am 12. Oktober 1943 unter dem Fallbeil. Dank der Verbindungen nach Hamburg, die Traute Lafrenz hergestellt hatte, konnte das sechste Flugblatt auch nach der Ermordung der sechs Freunde über Skandinavien nach Großbritannien gelangen und als "Manifest der Münchner Studenten" von britischen Fliegern über Deutschland abgeworfen werden. Thomas Mann, im Exil in Los Angeles lebend, jubelte im Rundfunk der BBC: "Brave, herrliche junge Leute! Ihr seid nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein."

Als Traute Lafrenz auf die Veranda zurückkehrt, sind ihre Augen gerötet. Sie bringt zwei Gläser Ginger Ale auf Eiswürfeln und sagt: "Sie sind ja immer noch da!"

SPIEGEL: Können wir noch weiterreden?

Lafrenz: Im Leben geht es ja immer weiter, ob man will oder nicht. Wissen Sie, was Hans und Sophies Vater nach der Beerdigung machen wollte? Die Scholls saßen zu Hause, er war ganz verzweifelt und sagte: "Kommt, jetzt schneiden wir uns auch noch die Pulsadern auf, alle zusammen!" Die Mutter, eine sehr religiöse Frau, war dagegen, sie sagte: "Nein, jetzt machen wir erst mal was zu essen."

SPIEGEL: Nur Tage später wurde die Familie in Sippenhaft genommen. Auch Sie wurden bald wegen Mitwisserschaft dem Volksgerichtshof vorgeführt.

Lafrenz: Ich entkam der Hinrichtung zunächst nur, weil der Blutrichter Freisler mich für ein dummes Mädchen hielt, Frauen wurde ja nichts zugetraut. Aber dann lieferte mein alter Schulfreund Heinz Kucharski, dem ich vertraut und das dritte Flugblatt nach Hamburg gebracht hatte, mich und viele andere ans Messer. Ich wurde ins Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel überstellt und wochenlang verhört. Das war wie Pokern, nur dass es um das eigene Leben ging. Als ich einmal ins Vernehmungszimmer kam, hatten sie das Radio an und hörten Mozarts "Zauberflöte", es klang gerade die Arie: "In diesen heil'gen Hallen kennt man die Rache nicht ..."

SPIEGEL: In einer Stellungnahme zu Ihrem Gnadengesuch schrieb die Gestapo: "Bei ihren späteren Vernehmungen hat die Lafrenz sich selbst als Staatsgegnerin bekannt und in keiner Weise während der Dauer der Polizeihaft sowie bei ihren späteren wiederholten Vernehmungen Reue gezeigt."

Lafrenz: Die wollten mich brechen und Namen von mir hören. Einmal holten sie meine Mutter herbei und sagten, ich würde sie nie wiedersehen. Ich habe geweint wie ein kleines Mädchen, aber es war klar, dass ich niemanden verrate.

SPIEGEL: Es gab leider nicht so viele Menschen mit so einer Einstellung.

Lafrenz: Nachdem Christoph Probst unters Schafott gekommen war, schickten die Nationalsozialisten seiner Frau eine Rechnung: 600 Reichsmark für die Benutzung der Fallbeilmaschine. Bei den Scholls standen fremde Leute vor der Haustür und sagten: "Grüß Gott, wir wollten nur mal schauen, wie Eltern aussehen, deren Kinder geköpft wurden." Was geht in manchen Seelen vor? Bei Dostojewski heißt es: "Der Mensch ist breit angelegt, gar zu breit; ich wollte ihn enger fassen."

SPIEGEL: Anfang der Sechzigerjahre, während Adolf Eichmann in Israel der Prozess gemacht wurde, untersuchte der Psychologe Stanley Milgram die Bereitschaft durchschnittlicher Bürger, autoritären Anweisungen auch dann Folge zu leisten, wenn sie im Gegensatz zu ihrem Gewissen stehen. Den Versuchspersonen wurde befohlen, anderen Testteilnehmern Stromschläge zu verpassen. Obwohl ihre Gegenüber, in Wahrheit Schauspieler, schrien und scheinbar um Gnade bettelten, folterte die Mehrheit der Probanden, zumindest theoretisch, bis zum Tod.

Lafrenz: Das Böse ist banal. Die amerikanische Ärztin Susan Benedict hat ein Buch über Euthanasie in Nazideutschland geschrieben, ich habe ihr dabei geholfen. Ein Kapitel handelt von Krankenschwestern der Nervenheilanstalt Meseritz-Obrawalde, die Hunderte Patienten töteten und 20 Jahre später, also Mitte der Sechziger, im Münchner Euthanasieprozess angeklagt wurden. Die meisten rechtfertigten ihr Handeln mit Respekt vor höhergestellten Ärzten, sie übernahmen für ihr Handeln keinerlei Verantwortung. Manche waren gläubige Katholikinnen, aber sie bewerteten die Pflicht, dem Staat zu dienen, höher als ihre Werte. Ich glaube sogar, sie fühlten sich moralisch überlegen.

SPIEGEL: Der Henker Reichhart, der feierlich gekleidet die Mitglieder der Weißen Rose enthauptet hatte, wechselte nach dem Krieg die Seiten, henkte 156 Nationalsozialisten und Kriegsverbrecher und lernte die Amerikaner vor den Nürnberger Prozessen im Umgang mit dem Galgen an. Als Altbundeskanzler Konrad Adenauer nach einer Mordserie an Taxifahrern 1964 verlangte, die Todesstrafe wieder einzuführen, sprach Reichhart sich dagegen aus und sagte: "Ich tät's nie wieder."

Lafrenz: Darüber kann einem schwindelig werden. Was entmenschlicht uns, und was macht uns dann wieder zum Menschen? Und wenn für beides nur ein Wimpernschlag genügt, müssen wir dann nicht immer wachsam sein? Kehrt nicht auch das Böse, wenn man es lässt, eines Tages zurück?

Studentin Lafrenz um 1940: "Keiner von uns war heilig, jeder hätte das machen können"
PRIVATBESITZ/ SEYBOLD FILM

Studentin Lafrenz um 1940: "Keiner von uns war heilig, jeder hätte das machen können"


Traute Lafrenz blickt schweigend auf den Fluss vor ihrem Haus, in der Ferne kreuzen Mississippi-Dampfer. Es wird Abend über Yonges Island, das Wasser liegt ganz still, Grillen zirpen, langsam verschwindet die Sonne hinter den Bäumen.

Es war im Herbst 1944, Dutzende Unterstützer des Weißen Rose waren verhaftet worden, da wurde Lafrenz als Gefangene in einem Viehwaggon von Hamburg nach Berlin-Moabit überstellt. Zusammen mit anderen Widerstandskämpferinnen kam sie ins Zuchthaus Cottbus, wo eines Tages ein Transport aus Auschwitz das Lager erreichte. Es war das erste Mal, sagt Lafrenz, dass sie von Auschwitz hörte.

Im Februar 1945 wurde sie nach Bayreuth verschleppt, wo ihr wegen Hochverrats, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung erneut die Hinrichtung drohte. Am 14. April des Jahres, nur wenige Tage vor Prozessbeginn, befreiten amerikanische Soldaten das Gefängnis. Lafrenz und andere Inhaftierte, darunter auch ihre ehemalige Hamburger Klassenlehrerin Erna Stahl, spannten weiße Bettlaken über die Dächer, aus Angst vor den Fliegerbomben.

Nach Kriegsende setzte Traute Lafrenz ihr Medizinstudium in München fort und schloss es drei Jahre später in Berkeley, Kalifornien, ab. Sie blieb in den USA, heiratete den Augenarzt Vernon Page, bekam drei Söhne und eine Tochter mit ihm und wurde Leiterin einer heilpädagogischen Schule für geistig behinderte Kinder in Chicago. Dort traf sie Anfang der Achtzigerjahre Helmut Schmidt wieder, ihren früheren Mitschüler, der in der Stadt war, um als Bundeskanzler außer Dienst einen Vortrag zu halten. Lafrenz saß im Publikum und rief: "He, Revolverschnauze!" Danach reichte sie ihm die Hand.


SPIEGEL: Sie haben in all den Jahren nie von ihrer Vergangenheit erzählt. Ihre Kinder erfuhren erst als Erwachsene während einer Europareise, dass ihre Mutter im deutschen Widerstand aktiv war. Warum haben Sie so lange geschwiegen?

Lafrenz: Ich wollte da nichts Großes draus machen. In Deutschland gab es seit Kriegsende ein großes Verlangen nach Personen wie den Geschwistern Scholl. Auch die Amerikaner brauchten dringend deutsche Vorbilder, nur gab es ja keine, also haben sie den Mythos der reinen Märtyrer gefördert und ihr Bild ikonisiert. Es gibt so viele Filme und Bücher allein über Sophie Scholl, dass man glauben könnte, sie hätte den Widerstand angeführt. Dabei hatte sie kein einziges Flugblatt geschrieben.

SPIEGEL: Dennoch werden bis zum heutigen Tag Schulen, Straßen oder Stiftungen vor allem nach Sophie benannt.

Lafrenz: Das hat sie verdient, darüber würde ich nie klagen. Was mir verdächtig vorkommt, ist, dass sie und Hans zu übermenschlichen Helden gemacht wurden, zu Heiligen. So musste sich kein Deutscher mehr fragen, warum er selbst nichts unternommen hatte, denn die Scholls waren eben einfach so viel größer und besser. Dass auch sie von Hitler verführt wurden und ihre Schwächen hatten, dass sie gleichzeitig unsagbar mutig und leichtsinnig gewesen sind, dass sie vielleicht sogar fahrlässig gehandelt und für ihre Überzeugungen das Leben anderer riskiert haben, für diese Differenzierung war nie Platz. Denn das würde den Mythos brechen, sie als Menschen zeigen und einen mit der eigenen Schuld konfrontieren. Keiner von uns war heilig, jeder hätte das machen können. Ich habe Flugblätter verteilt. Das war doch in Wahrheit mickrig.

SPIEGEL: Ein ehemaliger Gefangener eines Konzentrationslagers berichtete über die Reaktionen im Lager, nachdem man dort von den Flugblättern erfahren hatte: "Als wir hörten, was in München geschehen war, umarmten wir einander und applaudierten. Es gab also trotz allem noch Menschen in Deutschland."

Lafrenz: Mensch sein, was heißt das? Als Schulleiterin wurde ich gefragt, was es bringe, mit geistig behinderten Kindern zu arbeiten, wozu das gut sei. Ich antwortete, ich wolle ihnen helfen, sich als Mensch zu fühlen, Herausforderungen zu meistern. Für manche bestehen diese darin, sich zu waschen oder mit Messer und Gabel zu essen. Andere fühlen das Menschsein, wenn sie ein Gemälde ansehen, Dostojewski lesen oder einfach nur ihrem Gewissen folgen. Darum geht es doch im Leben: Jeder muss seine Aufgabe erfüllen.

SPIEGEL: Frau Lafrenz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 39/2018.
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