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05.02.2001
 

Die Heilige Stadt

Zankapfel Jerusalem

Von Volkhard Windfuhr

Es ist ein "Heiliger Krieg" um eine "Heilige Stadt". Und der Leidensweg Jerusalems, das Israelis und Palästinenser gleichermaßen als ihre Hauptstadt betrachten, ist noch längst nicht zu Ende.

Palästinenserin vor dem Felsendom
DPA

Palästinenserin vor dem Felsendom

Kairo - Die nach Osten gerichteten Wände ihrer Häuser ließen fromme Juden seit Jahrhunderten unverputzt. "Erst, wenn wir Hebräer wieder in Jerusalem sind", beteuerte vor einem halben Jahrhundert Baron von Rothschild, "brauchen wir diese ständige Erinnerung an unsere Schmach nicht mehr."Der prominente französische Großunternehmer bezog sich auf den römischen Kaiser Titus, der die heilige Stadt im Jahre 70 nach Christus dem Erdboden gleichmachen ließ und ihre jüdischen Bewohner in die Diaspora trieb. Die Rückkehr nach Jerusalem war denn auch ein gemeinsames Ziel, das die über die ganze Welt zerstreuten und in unterschiedlichen Glaubensrichtungen zerspaltenen Juden zusammenhielt. Zwar gehen heute immer mehr Historiker davon aus, dass die jüdische Geschichte Jerusalems auf ein paar Jahrhunderte begrenzt war und "Jeruschalajim" keineswegs von israelitischen Stämmen erbaut wurde, sondern lange vor der Einwanderung der Hebräer ins Land, wo Milch und Honig fließen, von den semitischen Kanaanitern gegründet worden war, doch das änderte nichts am Stellenwert der heiligen Stadt im Mikrokosmos des Judentums.
Ein Siedler hisst die israelische Flagge in Jerusalems Altstadt
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REUTERS

Ein Siedler hisst die israelische Flagge in Jerusalems Altstadt

Als Israel die Altstadt im Sechstagekrieg 1967 eroberte, ließen die Rothschilds die Ostmauer ihres Palais wieder verputzen, und der Judenstaat Israel annektierte den Ostteil der Stadt kurzerhand. Doch diese "Wiedervereinigung" blieb ein einsamer Akt. Die Vereinten Nationen erblickten darin eine gravierende Verletzung des Völkerrechts, selbst die USA, sonst immer auf Seiten Israels, weigern sich bis heute, Israels Oberhoheit über den nicht-jüdischen Ostteil der Stadt, also über das palästinensische Jerusalem, anzuerkennen.Die einseitig und weitgehend gewaltsam betriebene Ausdehnung des Geltungsbereichs der israelischen Stadtverwaltung ging mit der Sprengung "illegaler" palästinensischer Häuser, der willkürlichen Vergrößerung der Stadtgrenzen auf Kosten arabischen Gemeindelands und der Einpflanzung als Provokation empfundener jüdischer Siedlungen - nicht selten mitten in arabischen Siedlungsgebieten - einher. Denn das bis 1967 vom arabischen Jordanien verwaltete historische Jerusalem wurde ausschließlich von moslemischen und christlichen Palästinensern, zu denen sich auch die 4500 Armenier rechnen, bewohnt. Die Zwangsvereinigung war eben keine Wiedervereinigung, wie sie etwa in Berlin stattgefunden hatte. Denn die zirka 250.000 Palästinenser Ostjerusalems unterscheiden sich von den 300.000 zum größten Teil aus dem westlichen Ausland eingewanderten Bewohnern des geografisch säuberlich abgetrennten jüdisch besiedelten Westjerusalem, der Hauptstadt des 1948 gegründeten jüdischen Staates Israel, nicht nur in Sprache, Schrift und Religion, sondern auch im soziokulturellen, geschichtlichen und damit auch politischen Selbstverständnis.
Israelische Soldaten an der Klagemauer
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Israelische Soldaten an der Klagemauer

Die Zwangsisraelisierung nahm von Anfang an krasse Formen an. So ist es Palästinensern de facto verwehrt, in ihrer eigenen Heimatstadt Häuser zu bauen, jüdische Siedler aus Brooklyn erhalten dagegen staatliche Vergünstigungen. Um die Judaisierung zu forcieren, baut die israelische Stadtverwaltung einen immer undurchlässiger werdenden jüdischen Siedlungsring um die Altstadt, womit das arabische Ostjerusalem vom palästinensischen Westjordanland physisch abkapselt ist.Die islamischen Heiligtümer, die Al Aksa Moschee und der auf der gleichen Esplanade errichtete islamische Felsendom, wo der Fußabdruck des Propheten zu bewundern ist, der von dort auf seinem Schimmel Burak die himmlische Reise nach Mekka angetreten hatte, grenzen unmittelbar an die jüdische Klagemauer und an das historische Stadtviertel der Altstadt. Jede tragfähige Übereinkunft zwischen Juden und Moslems, politisch ausgedrückt zwischen Israelis und Palästinensern, muss die Aufgabe der israelischen Souveränität über den heiligen Moscheenkomplex beinhalten. In den 1993 getroffenen Oslo-Vereinbarungen hatten Israelis und Palästinenser das knifflige Jerusalem-Problem jedoch erst einmal ausgeklammert, um es in der Endphase des Friedensprozesses zu lösen. Die Intifada der letzten Monate lässt jedoch einen längeren Aufschub nicht mehr zu. Der unermüdliche Nahostvermittler US-Präsident Bill Clinton schlug daher vor, dem avisierten unabhängigen Palästinenser-Staat die Herrschaftsrechte über die beiden Moscheen zuzugestehen, wogegen Israel die Klagemauer, das jüdische Altstadtviertel und den unteren Teil des Tempelbergs erhalten sollte. Denn viele Israelis glauben immer noch, dass unter der Aksa-Moschee Reste des jüdischen Tempels zu finden sind, die dort der legendäre König Salomon angeblich bauen ließ. Israels Noch-Premier Ehud Barak ließ Bereitschaft erkennen, diesen Kompromiss anzunehmen, wenngleich er sich im Wahlkampffieber von dem Gedanken wieder distanzierte.Doch wie immer der politische Kampf um Jerusalem ausgehen mag, eins können die Palästinenser schon verbuchen: Die USA und die internationale Staatengemeinschaft akzeptieren den Gedanken, dass der Staat Palästina - dessen Entstehung ernstlich niemand mehr in Frage stellt - Ostjerusalem zu seiner Hauptstadt machen wird, Seite an Seite mit der israelischen Hauptstadt Westjerusalem. Der Vorschlag des Vatikans - in Jerusalem leben immerhin 20.000 arabischsprachige Christen -, Jerusalem zu einer internationalen Stadt zu machen wie ehedem das marokkanische Tanger, hat dagegen keine Chance mehr. Vielleicht wird noch viel Blut fließen, ehe Detaillösungen gefunden werden, doch der große Rahmen steht bereits fest. Schade nur, dass Extremisten auf beiden Seiten immer noch die Möglichkeit haben, den Leidensweg Jerusalems zu verlängern.

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