• Drucken
  • Senden
  • Feedback
26.06.2001
 

Kommentar zur Mazedonien-Krise

Versagen, fünfter Akt

Von Marion Kraske

Die Gewalt in Mazedonien eskaliert, und die EU-Staaten laufen Gefahr, den gleichen Fehler zu begehen wie schon bei den vergangenen Balkankriegen. Sie warten zu lang, der Preis für eine Intervention wird täglich höher.

Nächtliche Demo in Skopje gegen die Regierung von Präsident Trajkovski
Zur Großansicht
AP

Nächtliche Demo in Skopje gegen die Regierung von Präsident Trajkovski



Nein, entgegen der Beschwörungen aus Brüssel und anderswo ist eine Entspannung in Mazedonien nicht in Sicht. Die Menschen haben genug vom Missmanagement der politischen Instanzen. Kein Wunder, dass in der Hauptstadt Skopje am Montagabend tausende aufgebrachte Demonstranten das Parlament stürmten und den Rücktritt von Präsident Boris Trajkovski forderten. Sie beschuldigen ihn, nicht energisch genug gegen die albanischen Rebellen vorzugehen. Denn nach monatelangen Kämpfen ist es der Regierung nicht gelungen, die Krise mit den bewaffneten Kämpfern der UCK beizulegen. Immer neue Angriffe werden gestartet, immer mehr Zivilisten müssen fliehen. Die Regierung in Skopje ist offensichtlich überfordert.

Die eigentlichen Versager in diesem Konflikt sind jedoch die Regierungen im reichen und sicheren Westeuropa. Was haben Europäische Union und Nato in den vergangenen Monaten schon getan, um die bewaffneten Kämpfe zwischen albanischen Freischärlern und Armeeeinheiten einzudämmen? Fast nichts!

Seit bewaffnete UCK-Kämpfer Anfang März erstmals von den Hügeln Tetovos aus auf mazedonische Armee-Einheiten schossen, um eine größere Gleichberechtigung für die albanische Bevölkerungsminderheit in Mazedonien zu erzwingen, ist vor allem viel geredet worden. Über die Hintergründe, über die Hoffnung auf ein schnelles Ende des Konflikts und über die Enttäuschung darüber, dass Albaner und Mazedonier doch wieder zu keiner Einigung gekommen sind. Zwischendurch wechselten sich Feuergefechte und Waffenruhen ab wie anderswo Ebbe und Flut.

Kein schlüssiges Balkan-Konzept

Die Haltung der westlichen Staaten reicht von lähmender Apathie bis hin zu hektischem Aktionismus per folgenloser Reisediplomatie. Dieses aktuelle Desaster des internationalen Krisenmanagements steht in trauriger Tradition. Wie bereits während der vorangegangenen Balkankrisen - angefangen von Slowenien, über Kroatien und Bosnien bis hin zum Kosovo - haben die westlichen Regierungen es versäumt, rechtzeitig einzuschreiten und die Kriegsparteien zu einer politischen Lösung zu drängen. Mazedonien ist der letzte Akt in einem blutigen Trauerspiel. Ein Versagen, das ursächlich darauf zurückzuführen ist, dass es Nato und EU an einem schlüssigen Konzept für den gesamten Balkan mangelt.

Für Mazedonien liegt die Lösung seit Monaten zum Greifen nah: Die Regierung in Skopje muss ihr Versprechen einlösen und den Albanern per Verfassungsänderung mehr Rechte einräumen - ohne Wenn und Aber. EU oder Nato kommen nicht umhin, diese Änderung als Vermittler in die Wege zu leiten und mit allen Sanktionen zu drohen, die ihnen zur Verfügung stehen. Die Anerkennung als staatstragendes Volk ist nach wie vor die wichtigste Forderung der Albaner, ihr kommt daher eine Schlüsselrolle im gesamten Konflikt zu.

Als Gegenleistung müssen die UCK-Kämpfer einer Entwaffnung zustimmen. Sie haben bereits mehrfach eine internationale Vermittlung gefordert, Kooperationsbereitschaft besteht also. Die Nato hat sich sogar dafür ausgesprochen, eine Sondertruppe von mehreren tausend Mann zu entsenden, die die Waffen der Freischärler einsammeln soll. Und auch die USA haben ihre Unterstützung zugesagt. Um Mazedonien nicht in einen Krieg abgleiten zu lassen, muss endlich gehandelt werden. Die Zeit des Lavierens ist vorbei.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP