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11.09.2001
 

Kommentar

Der Gigant ist verletzbar

Von Harald Schumann

Mehrere tausend Tote, eines der Wahrzeichen der Global City New York zerstört, das Pentagon von einem Selbstmordpiloten getroffen und großflächig in Brand gesetzt - dieser größte Terrorangriff aller Zeiten wird die Welt verändern, und das gewiss nicht zum Guten.

Der Zusammenbruch des World Trade Center: Militärische Sicherheitslogik am Ende
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EPA/DPA

Der Zusammenbruch des World Trade Center: Militärische Sicherheitslogik am Ende

Vor laufenden Fernsehkameras, vor den Augen von vielen hundert Millionen Menschen, hat eine ungeheuerliche und extrem skrupellose Terrororganisation die Supermacht USA direkt und in ihrem Herzen angegriffen. Erstmals in der neueren Geschichte erleben Amerikaner kriegsähnliche Schrecken in ihrem eigenen Land.

Die Frage, welche fanatischen Hirne hinter dieser barbarischen Terrorwelle stecken, ist noch nicht beantwortet. Gleichwohl gibt es allen Grund anzunehmen, dass die Welt sich fürchten muss. Vermutlich schon in den nächsten Stunden wird zu beobachten sein, was geschieht, wenn die mächtigste Nation der Welt sich substanziell bedroht sieht.

Der größte Sicherheitsapparat der Welt hat versagt

Für die zigtausend Mitarbeiter der zahlreichen amerikanischen Sicherheitsdienste hat sich etwas ereignet, das in ihren Augen eigentlich völlig unmöglich war. Die Organisation der Anschlagserie war zwangsläufig hochgradig kompliziert. Hunderte von Mittätern müssen vorab zumindest teilweise Bescheid gewusst haben. Nur mit langer Vorbereitung und komplexer Logistik ist so etwas durchführbar. Zugleich unterhalten die USA einen gewaltigen Sicherheitsapparat, der Jahr für Jahr dreistellige Milliardenbeträge kostet. Doch ganz offensichtlich haben weder die global installierten Lauschposten der National Security Agency, noch die vielen tausend Agenten der CIA und des FBI irgendwelche konkreten Hinweise über die bevorstehende Katastrophe sammeln können.

So wurde bewiesen, was Kritiker der US-Sicherheitspolitik schon seit je monieren: Auch und gerade die USA, militärisch und ökonomisch der Gigant unter den Nationen, sind verletzbar - genauso wie jede andere komplexe Industriegesellschaft. Die terroristisch herbeigeführte Apokalypse in Manhattan ist nicht nur eine "Kriegserklärung gegen die zivilisierte Welt", wie Kanzler Schröder sagte. Sie belegt auch, dass die primitive militärische Logik konservativer amerikanischer Sicherheitsstrategen, die stets in Rüstungsvisionen nach Art der nationalen Raketenabwehr oder globalen Abhörlogistik der NSA mündet, am Ende keine wirkliche Sicherheit produziert.

Der Vergeltungsschlag kann schon bald beginnen

Ganz gleich, zu welchen Maßnahmen US-Präsident Bush nun greifen wird: Zu befürchten ist, dass sie die Welt nicht friedlicher machen werden. Große Teile der amerikanischen Bevölkerung werden nach Vergeltung rufen, ein Druck, dem sich selbst klügere Präsidenten als George W. Bush kaum entziehen könnten.

Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass auch hinter diesem Anschlag der seit Jahren gefürchtete islamistische Fanatiker Ussama Ibn Ladin steckt, der bis heute im Staat der afghanischen Taliban Asyl genießt, dann droht Afghanistan ein weiterer Krieg - diesmal gegen die USA und ihre Verbündeten. Doch ob dies dazu beitragen wird, vergleichbare Schrecken wie die Anschläge von New York und Washington künftig zu verhindern, ist mehr als zweifelhaft.

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