• Drucken
  • Senden
  • Feedback
12.09.2001
 

Augenzeugen berichten

"Dann hörte ich die Flugzeugmotoren"

New York, nach dem Inferno. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Carsten Volkery berichtet über Schockierte und Schaulustige in der Hauptstadt des Grauens.

New York - Leere Kaffeebecher, Papier, Plastikverpackungen, die Ecke an der Flatbush Avenue in Brooklyn sieht aus wie nach der Love Parade. Von hier aus sahen Hunderte den bisher schlimmsten Angriff auf amerikanischen Boden. Das World Trade Center war nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt. Die Luft ist staubtrocken, es riecht verbrannt. Inzwischen haben sich die Schaulustigen hier zerstreut. Doch auf den Straßen gibt es weiterhin nur das eine Thema. Die einen fragen, die anderen wissen.

Die U-Bahn nach Manhattan fährt inzwischen wieder. Die Brücken sind freigegeben. In der U-Bahn ist alles wie immer, die Anzeige der New York University zeigt weiterhin die Twin Towers. Eine Gruppe von Schülern ist auf dem Nachhauseweg. Sie haben den Tag freibekommen. Jetzt wollen sie endlich das Spektakel sehen, "das kleine abgefackelte World Trade Center", wie sie es nennen. Als der Zug auf die Manhattan Bridge fährt, stürmen alle ans Fenster. "Wow." - "Sogar der Highway ist geschlossen", bemerkt einer. Die alte schwarze Dame, die neben ihnen sitzt, hatte von der Attacke noch nichts mitbekommen. "50.000 Menschen sind tot", klärt sie der Wortführer auf. Ihr bleibt der Mund offen stehen.

Alle Passagiere stehen auf einer Seite an den Fenstern: Statt der gewohnten Skyline sehen sie nur dichten Rauch. Die Schwaden verleihen der Hochhauskulisse etwas Gespenstisches. Gotham City. Davor auf der Brooklyn Bridge weht einsam die amerikanische Flagge. Diesmal allerdings ist es keine Filmszene.

"Es regnete Menschen"

Auf der Canal Street in Chinatown fahren nur Riesen-Bulldozer und Einsatzfahrzeuge. Normalerweise wird hier lautstark verkauft und gestritten. Heute hört man nur die Sirenen. Obwohl die Gegend gesperrt ist, laufen viele Menschen herum. Neugierige, jeder Zweite hat eine Videokamera oder einen Fotoapparat. In den Schock mischt sich eine morbide Faszination. An den Straßenecken bilden sich Gruppen, Erfahrungen werden ausgetauscht. "Als es passierte, war ich..." - so fangen die Geschichten an. Ein Mann erzählt, wie er an seinem Schreibtisch telefonierte. "Dann hörte ich die Flugzeugmotoren. Das Flugzeug schlug 20 Stockwerke über mir ein. Es regnete Menschen."

Während im Süden Manhattans die Retter um jedes Leben kämpfen, ist es in Soho totenstill. Die Straßenblöcke zwischen Canal und Houston Street sind verwaist: keine gelben Taxen, keine Einkaufstüten, keine Touristen. So muss sich der "Day After" anfühlen, der Tag, nachdem die Zivilisation untergegangen ist. Noch nie war es hier so friedlich. Die Sonne scheint, in manchen Straßen ist man ganz allein. Unter anderen Umständen könnte man die Ruhe himmlisch nennen.

Auch nördlich der Houston Street, die das Sperrgebiet begrenzt, herrscht noch Ausnahmezustand. Die Avenues werden für die Rettungsfahrzeuge freigehalten. Die Geschäfte sind geschlossen. In etlichen Schaufenstern hängen Zettel: "Bitte gehen Sie Blut spenden." Die Schlange am St. Vincent's Krankenhaus zieht sich um den Block, die Solidarität ist greifbar. Eine Frau, die nicht namentlich genannt werden möchte, bietet ihren Pick-up-Truck für Transporte an. "Nur keine Toten, bitte." Sie war den Tag über im Büro, weil sie die Routine brauchte, sagt sie.

Viele Menschen stehen immer noch unter Schock. Noch ist nichts über die Zahl der Opfer und Vermissten bekannt. "Die Leute im Büro haben den ganzen Tag gegen die Tränen gekämpft", sagt die Frau mit dem Truck. Den einzigen Anlass zum Lachen habe ihnen Präsident George W. Bush geliefert. "Dieses ganze Hin und Her, von Washington nach Florida nach Louisiana nach Nebraska. Sie müssten ihn nicht ständig neu verstecken, wenn sie die Orte nicht ständig verraten würden."

"Das gibt es doch nur in Bruce-Willis-Filmen"

Verfolgt von der Staubwolke sucht eine Frau in einem anliegenden Bürogebäude Schutz
Zur Großansicht
AFP

Verfolgt von der Staubwolke sucht eine Frau in einem anliegenden Bürogebäude Schutz

Die Sprachlosigkeit weicht zunehmend der Leidenschaft am Analysieren. Wer steckt dahinter? Wie haben sie die Flugzeuge ohne Waffen in ihre Gewalt gebracht? War im World Trade Center auch eine Bombe versteckt? Auf einer Parkbank im Greenwich Village werden Theorien gewälzt. "Es können nicht die Palästinenser gewesen sein", sagt Cecil Coroff, ein Mittfünfziger. "Die haben nicht die Mittel." - "Vielleicht waren es alle Araber zusammen", wendet sein Bekannter Tony ein. Die beiden sitzen seit Mittag am Washington Square. Der Blick auf die Rauchsäule im Süden ist durch einen Baum versperrt, stattdessen blicken sie auf den Springbrunnen in der Mitte des Platzes.

Am Anfang habe er es nicht glauben wollen, sagt Coroff. "Das gibt es doch nur in Bruce-Willis-Filmen." Inzwischen debattiert er bereits über die 30 Koffer mit Atomwaffen, die angeblich der Sowjetunion damals abhanden gekommen sind. Das stand in einem Zeitungsartikel. "Die sind irgendwo da draußen." Schließlich sei ja jetzt nichts mehr undenkbar.

Jeder New Yorker, so scheint es, ist auf der Straße. Und jeder hat nur ein Thema. Im Vorbeigehen hört man Fetzen wie "Camp David", "eine Bombe im Gebäude" und immer wieder "Oh my God". Auch die Gesten sind eindeutig: Die eine Hand macht einen Bogen und stößt gegen die andere flache Hand. Es ist unmöglich, dem Unglück zu entkommen. In jedem Deli, in jedem Diner laufen die Radio-Nachrichten. Es war das erste Mal, dass Amerika so angegriffen wurde.

"Wir sind New Yorker. Alle abgestumpft"

Doch der berühmte New Yorker Zynismus bricht schon durch. "Zu viel Stress, ich bin reif für New Jersey", sagt eine Studentin der New York University. Sie steht vor ihrem Studentenwohnheim. Alle Bewohner sind evakuiert worden, weil ein Feueralarm ausgelöst worden war. "Ich glaube nicht, dass die Feuerwehr gerade Zeit hat", witzelt ein anderer.

Auch die Touristen leiden - auf ihre Art. Thomas und Christine Hazley sind aus Belfast in Nordirland, das erste Mal in New York, noch dazu auf Hochzeitsreise. "Alle Geschäfte sind geschlossen, es ist ein ziemlicher Reinfall", sagt Thomas. Eigentlich wollten sie zur Freiheitsstatue, jetzt können sie alle Touristen-Attraktionen erst mal vergessen. Und ihre Postkarten auch: "Da ist überall das World Trade Center drauf."

Für Coroff ist das World Trade Center nicht der schlimmste Verlust. "Es war immer zweitrangig im Vergleich zum Empire State Building. Sie werden jetzt was Neues dahin bauen, allein schon, um zu zeigen, wie stark wir sind." Als müsse er seinen Zynismus erklären, fügt er hinzu: "Hey, wir sind New Yorker. Alle abgestumpft."



Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Terroranschläge vom 11. September 2001

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP