Von Matthias Gebauer
Washington - Stellenanzeigen platziert das amerikanische Federal Bureau of Investigation (FBI) sonst etwas dezenter. Doch besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Und so ist es der FBI-Chef Robert Mueller persönlich, der am Montag um Bewerbungen bei der Bundesbehörde bittet - natürlich live bei CNN. "Wir suchen Mitarbeiter, die Arabisch und Farsi sprechen, weil wir so viele Dokumente und Zeugen haben", sagte Mueller und macht dabei ein ernstes Gesicht.
Die Not der FBI-Oberen verwundert nicht, denn fast die gesamte Behörde hat im Moment nur eine Aufgabe: die Suche nach den Tätern der Terroranschläge von New York und Washington. Mehr als 4000 Agenten hat der FBI-Chef auf den Fall angesetzt, und die haben reichlich zu tun: Insgesamt, so zählen die Ermittler auf, verfolgen die Fahnder 50.000 Spuren, mittlerweile sind beim FBI fast 8000 Anrufe mit weiteren Hinweisen eingegangen, und stündlich werden es mehr. Eine vergleichbare Ermittlung hat es noch nie gegeben.
Und auch die Methoden sind neu. So schickte das FBI am Montag eine neue Liste um die Welt, die rund 200 Namen enthält. Die Personen, teilweise Zeugen, Kontaktleute der Terroristen oder sonstige Verdächtige sollen nun mit Hilfe der ausländischen Polizeibehörden gefunden werden.
Vier "Schlüsselzeugen" von 49 Festgenommenen
Doch die bisherige Bilanz der Mega-Fahndung fällt mager aus: Insgesamt halten die Ermittler noch immer 49 Personen als potenzielle Zeugen fest, jedoch lediglich vier davon werden von der Behörde als "key witness" - also als wichtige Zeugen - bezeichnet. Den Rest haben Grenzpolizisten wegen illegaler oder zumindest unklarer Einreiseformalitäten oder wegen Namensähnlichkeiten zu den vermuteten Entführern festgehalten. Und auch wenn Generalstaatsanwalt John Ashcroft sagt, dass sich die "Ermittler langsam ein Bild der Verschwörung" machen könnten, kann er eins nicht verbergen: Es fehlt eine wirklich heiße Spur, die zu den Hintermännern und Finanziers der Terrorgruppe führen könnte.
Denn noch immer ist nur eine Liste mit 19 Namen die Grundlage für alle Aktivitäten des FBI. Sie wurde aus den Passagierverzeichnissen der vier Todes-Jets gefiltert. Von den Namen jedoch weiß niemand, ob die genannten Personen tatsächlich selbst in den Flugzeugen saßen oder ob die Täter die Identität der Personen benutzten. Denn schon am Wochenende meldete sich einer der genannten Fluggäste, dessen 1995 gestohlener Pass offenbar von den Terroristen zur Tarnung benutzt wurde. Das FBI entschuldigte sich sofort bei dem saudischen Staatsbürger Abdul al-Umari, ohne jedoch die Anschlussüberlegung mitzuteilen. Denn nun weiß niemand mehr, ob die Namen auf der Passagierliste vielleicht ausschließlich Scheinidentitäten waren, deren Verfolgung gar keinen Sinn mehr macht.
Detailsuche in Florida
Trotzdem graben momentan Hunderte FBI-Beamte den halben Bundesstaat Florida um, denn die meisten der mutmaßlichen Entführer von den Passagierlisten hatten dort vor den Terroranschlägen gelebt und an verschiedensten Flugschulen Unterricht genommen. Auch die drei Hamburger Studenten sollen hier gewohnt haben. Nun filzen die Fahnder jede Kneipe, jedes Restaurant und jeden Nachtclub nach Spuren der Attentäter. Die Bilanz: Alle Verdächtigen bewegten sich vollkommen unauffällig und normal im "Aviation State", wie sich Florida wegen seiner unzähligen Flugschulen nennt. Allerdings konnten die Fahnder herausfinden, dass die mutmaßlichen Terroristen in Florida regelmäßig Kontakt hatten, teilweise in denselben Appartement-Komplexen wohnten.
Für die Ermittlungen müssen die Bürger von Florida so manche Schikane einstecken. So bekommt fast jeder Bürger, der einmal im Nahen Osten war oder dessen Name arabisch klingt, Besuch vom FBI. Ebenso durchkämmen Beamte weiträumig die Umgebung der Appartements, welche die mutmaßlichen Täter bewohnten. Außerdem recherchiert das FBI in den Dateien verschiedener Internet-Provider in Florida und zwei Bibliotheken, die vermutlich von den Attentätern besucht wurden. Die Suche ist aufwendig, doch immer wieder ergeben sich neue Spuren. So meldeten sich am Montag Mitarbeiter eines Fotostudios, die einen nicht abgeholten Film gefunden hatten, der einem der mutmaßlichen Terroristen gehörte. Ob auf den Fotos Hinweise gefunden wurden, war am Dienstag noch unklar.
Lasche Führerscheinvergabe kritisiert
Doch auch die Behörden bekamen schon so manchen Rüffel. So wird bereits amerikaweit die lasche Vergabepraxis von US-Führerscheinen gegeißelt. Diese seien, so berichten verschiedenste Zeitungen, besonders in Florida teilweise ohne eine feste Adresse zu bekommen. Außerdem seien die Plastikkarten viel zu leicht zu fälschen. Besonders problematisch ist dies, da der Führerschein in den USA wie ein Personalausweis benutzt wird und nach bisherigen Erkenntnissen vier der Attentätern einen solchen hatten und damit in die Todes-Jets eincheckten.
Eine Erfolgsmeldung jedoch konnte der FBI-Chef am Montag vermelden: Als wenigstens halbwegs heiße Spur bezeichnen die Fahnder zwei Männer, die sie aus einem Amtrak-Schnellzug von St. Louis nach Texas holten, als sie eine routinemäßige Drogenkontrolle durchführten. Zwar hatten der 51-jährige Ajub Ali Khan und der 47-jährige Mohammed Jawid Asmath keine Drogen bei sich, jedoch fanden Polizisten bei ihnen 5000 Dollar in cash und ähnliche Teppichmesser, die auch bei den Flugzeugentführungen benutzt worden sein sollen. Wohl regelrecht elektrisiert reagierten die FBI-Fahnder jedoch, als sie feststellten, dass beide Männer ein Flugticket ab Newark hatten, dem Startflughafen einer der Terrormaschinen. Es war gültig für den vergangenen Dienstag. Wegen der Anschläge landete die Maschine jedoch schon wieder kurz nach dem Start.
Das FBI vermutet nun, dass die beiden Männer vielleicht zu einem weiteren Terrorteam gehören, das noch ein Passagierflugzeug entführen sollte. Bisher jedoch schweigen die beiden Verdächtigen. Gerade diese Festnahme erhärtet die Vermutung vieler Experten, dass sich noch weitere Terroristen im Land befinden, die am vergangenen Dienstag mit ihren Maschinen nicht abhoben, da der Flugverkehr schnell gestoppt wurde.
Verbindung zum ersten Anschlag auf das WTC?
Eine weitere Spur glaubt die Polizei in New Jersey, dem Nachbarstaat New Yorks, gefunden zu haben. Auch dort vernahm sie laut Polizeikreisen 13 Verdächtige, die zum Umfeld des Scheichs Omar Abd al-Rahman gehören sollen. Der blinde Scheich gilt als Drahtzieher des Bombenanschlags in der Tiefgarage des World Trade Center im Jahre 1993. Medienberichten zufolge sollen die beiden Verdächtigen aus dem Amtrak-Zug auch hier gewohnt haben.
Und auch an den Startflughäfen der Terroristen haben die Fahnder noch neue Details gefunden. So beschlagnahmte das FBI am Montag einen weiteren Mietwagen, der mit dem Verbrechen zu tun haben soll. Des Weiteren wird ein merkwürdiger Vorfall am Logan Airport in Boston untersucht. Dort hatte nach Medienberichten drei Tage vor dem Anschlag ein Mann, der sich als Pilot ausgab, versucht, Zugang zum Tower zu bekommen. Angeblich seien jedoch mittlerweile alle Videobänder über den Verdächtigen gelöscht.
Einen weiteren Verdächtigen haben die Ermittler in Habib Zacharias Mussaui erkannt. Der Mann war bereits im August aufgefallen, als er bei einer Flugschule in Minneapolis Training für eine Passagiermaschine haben wollte, obwohl ihm ganz offensichtlich die nötigen Kenntnisse fehlten. Bisher jedoch schweigt auch dieser Mann, von dem die Fahnder nicht wissen, ob er überhaupt etwas mit den Anschlägen zu tun hat. Doch in der Panik der Ermittler auf der Suche nach einer Spur wird in diesen Tagen jeder vernommen, der irgendwann mal mit einer Flugschule zu tun hatte.
Warum versagte die Fahndung?
Obwohl das FBI bisher keine Beweise für eine Verbindung zu Osama Bin Laden hat, gehen die Ermittler einer Spur nach. Demnach haben zwei der vermuteten Attentäter, Ahmed al-Ghamdi und Satam al-Sugami, in Boston Kontakt zu einem Taxifahrer, der wiederum als Schlüsselfigur für einen verhinderten Anschlag in Jordanien vor Gericht steht. Dieser Anschlag, der zum Jahreswechsel 2000 von jordanischen Sicherheitskräften verhindert wurde, wird vom FBI Osama Bin Laden zugeschrieben. Damals sollten nach Geheimdiensterkenntnissen US-Touristen in Jordanien mit einer Bombe getötet werden.
Die jetzt entdeckte Verbindung ist das erste wirkliche Anzeichen einer Verstrickung des Hauptverdächtigen Bin Laden. Zwei weitere mutmaßliche Entführer sollen zwar bereits wegen möglicher Kontakte zu Bin Laden vom CIA beobachtet worden sein, doch die Entführung der Maschinen am 11. September konnte auch das nicht verhindern. Mit dieser offensichtlichen Panne wird sich die Behörde sicherlich noch auseinander setzen müssen, denn gerade Flughäfen mit Passkontrollen gelten bei Personenfahndungen als beste Kontrollstelle. Warum die beiden Verdächtigen trotzdem in die Maschinen gelangen konnten, wird die CIA erklären müssen.
Das FBI scheint sich seiner teils merkwürdigen Ermittlungsmethoden durchaus bewusst zu sein und geht in die Verteidigung. Vorsorglich entschuldigte sich der FBI-Chef Mueller bei der arabischen Gemeinde in den USA. Nicht ohne Grund, denn die Fahnder vernehmen zurzeit auch verschiedene Personen, nur weil sie ähnliche Namen wie die Entführer haben.
Und die Hilflosigkeit der Behörden zeigt sich auch noch an einem anderen Punkt: Am Montag nämlich teilte das FBI mit, dass man in Zukunft nur noch eingeschränkt über die Ermittlungen berichten werde. Während in den ersten Tagen die scheinbar großen ersten Erfolge sehr ausführlich präsentiert wurden, wollen Mueller und seine Beamten nun leisere Töne anschlagen - bis sie wieder mal einen Erfolg vermelden können.
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