Hamburg - Mohammed Atta gilt als der führende Kopf der Hamburger Terrorgruppe, die die Anschläge vom 11. September begingen. Der Ägypter wuchs in Kairo auf, wo er sechs Semester Architektur studierte. Atta war der einzige Sohn seiner Familie. In seiner Heimatstadt wird er als "guter Junge" beschrieben", berichtet CNN. Attas Vater, ein Rechtsanwalt, hat nach den Anschlägen jegliche Beteiligung seines Sohnes bestritten. Mohammed habe den Terroristenführer Osama Bin Laden gehasst und wäre niemals dessen Organisation al-Qaida beigetreten, so der Senior, der an eine Verschwörung des israelischen Geheimdienstes glaubt. "Mein Sohn hat mich 24 und 48 Stunden nach dem Unglück angerufen, für eine Minute nur. Er ist entführt worden."
Ehemalige Nachbarn der Familie zeichnen von Atta das Bild eines introvertierten Jungen. Einer seiner früheren Klassenkameraden, Mohammed Hassan Attiya, meint zu den Vorwürfen gegen den mutmaßlichen Flugzeugentführer: "Wenn er so etwas tun könnte, dann muss ich jedem misstrauen, selbst meinem Bruder oder meinen eigenen Händen."
1992 kam Atta nach Hamburg und schrieb sich an der TU Harburg für Stadtplanung ein. 1998 zog er in die Marienstraße 54, die nach den Terroranschlägen von der Polizei durchsucht wurde. Ein Jahr später gründete er zusammen mit anderen Studenten an der Uni eine Islam-AG, die Universitätsleitung stellte ihm eigens für diese Zwecke eigene Räume zur Verfügung. Hier sollen Atta und die beiden anderen mutmaßlichen Flugzeug-Attentäter, Siad Dscharrah und Mohammed al-Schahi, sich zu einer Terrorgruppe formiert haben. Im Vorlesungsverzeichnis der TU wurde Atta unter dem Namen el-Amir als Ansprechpartner der islamischen AG der Uni geführt.
Unauffälliger Lebensstil
Ende 1999 sollen Atta und die beiden anderen mutmaßlichen Terror-Komplizen ihre Pässe als vermisst gemeldet haben. Möglicherweise, so Spekulationen, hatten die drei auf diese Weise versucht, eine Reise nach Afghanistan zu vertuschen. Die Behörden in Hamburg verweisen generell jedoch darauf, dass weder Atta noch al-Schahi in Hamburg als radikale Islamisten aufgefallen sind. "Sie haben ein völlig unauffälliges Leben geführt", so Wissenschaftssenatorin Krista Sager (GAL). Mitstudenten der beiden Attentäter stützen diese Aussage. "Nicht weiter aufgefallen", lautet der Kommentar arabischer Kommilitonen.
Eine neue Spur führt nach Kiel. Mitarbeiter des Kieler Sozialamtes erklärten, sie hätten Mohammed Atta mit hoher Wahrscheinlichkeit mehrfach in der Behörde gesehen. Möglicherweise habe der Mann, den Mitarbeiter auf einem Foto als Atta identifizierten, für Sozialhilfeempfänger gedolmetscht. Nach Angaben der zuständigen Sozialdezernentin hat Atta jedoch nie als Dolmetscher für das Sozialamt selbst gearbeitet. Atta könnte 1996 oder Anfang 1997 in Kiel gewesen sein, genau sei der Zeitpunkt allerdings nicht zuzuordnen. Das Landeskriminalamt in Kiel geht den Hinweisen mit einer speziellen Ermittlungsgruppe nach.
Irgendwann zwischen Ende 1999 und Anfang 2000 beantragten Atta und al-Schahi im Hamburger Generalkonsulat Visa für die USA, um in Florida das Fliegen zu lernen. Al-Schahis Visum trägt das Datum des 18. Januar 2000. Weniger als einen Monat später flog Atta dann nach Prag, wo er etwa einen Tag lang blieb, um in die Vereinigten Staaten aufzubrechen. Auf einem Umweg soll der 33-Jährige westlichen Geheimdienstquellen zufolge Kontakt mit einem irakischen Geheimdienstler gehabt haben. Dagegen bestreitet der Irak vehement, etwas mit den Terroranschlägen zu tun zu haben.
Ankunft in Amerika
Das Ankunftsdatum in New York datieren die Ermittler inzwischen auf den 3. Juni 2000. Schon wenig später soll sich die Gruppe in Oklahoma für eine Flugausbildung interessiert haben, entschieden sich dann offensichtlich aber doch für Florida. Hier nahmen die künftigen Terror-Piloten zwischen Juli und Dezember 2000 ihre ersten Flugstunden. Während ihres Aufenthaltes lebten sie in mehreren angemieteten Appartements, richteten E-Mail-Adressen ein und kauften Handys.
Im Januar und Juli 2001 soll Atta Erkenntnissen des US-Geheimdienstes zufolge zweimal nach Spanien geflogen sein, wo er vergeblich versucht haben soll, Kontakt zu einem algerischen Gefangenen aufzunehmen, der wegen Mordes verurteilt wurde. Die Besuchsanfrage Attas wurde von den Behörden nicht genehmigt. Zudem gibt es Spekulationen, dass Atta bei seinem ersten Aufenthalt im Januar in Spanien nochmals einen irakischen Geheimdienstagenten traf, der sich zur gleichen Zeit dort aufgehalten haben soll.
Vorbereitungen für einen Chemie-Anschlag?
Im Februar vergangenen Jahres hat sich Atta offenbar erstmals für Flugzeuge interessiert, die auch beim Versprühen von Pestiziden in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Ein Mechaniker erklärt, Atta sei zweimal auf einem Landeplatz in Florida aufgetaucht. CNN zufolge haben die Ermittler auch Anzeichen dafür, dass sich Atta bei einer Bank nach einem Darlehen erkundigt hat, um sich ein solches Flugzeug zu kaufen. Aufgrund dieser Vorgänge sind die Ermittler äußerst alarmiert. Sie gehen davon aus, dass die Terror-Gruppe mit Hilfe der Flugzeuge möglicherweise einen Chemie-Anschlag erwogen hat.
Wie die "Washington Post" berichtet, hätten sich Atta und zwei, drei andere Besucher erkundigt, wie viel Kerosin das Flugzeug im Tank habe, wie viel Chemikalien es zuladen und wie weit es fliegen könne, sagte der Flughafen-Mitarbeiter James Lester dem FBI. Auch der Manager eines Unternehmens, das Agrareinsätze fliegt, berichtete über "arabisch aussehende" Besucher. In den sechs bis acht Wochen vor dem Anschlag seien die Männer praktisch jedes Wochenende gekommen.
Die Vorbereitungen für die Anschläge führten Atta im Juni und August nach Las Vegas, wo er vermutlich andere Entführer traf, die an der Westküste ebenfalls Flugunterricht nahmen. Zwischen Juli und August soll er mit zwei Mietwagen insgesamt 4200 Meilen unterwegs gewesen sein. Noch haben die Ermittler keine sicheren Erkenntnisse darüber, wo sich der 33-Jährige während seiner Fahrten aufgehalten hat und mit wem er sich traf. Am 28 August bestellte Atta schließlich per Internet ein Flugticket für den American Airline Flug 11 von Boston nach Los Angeles, die dann am Tag des Anschlags in den Nordturm des World Trade Center einschlug.
Am 7. September, vier Tage vor den Anschlägen, wurde Atta zusammen mit Marwan al-Schahi in einer Bar in Florida gesehen. Augenzeugen berichten, die beiden Männer hätten damit geprahlt, als Piloten für American Airlines zu arbeiten. Am Morgen des 11. September kam Atta zum Flughafen in Portland, Maine, um nach Boston zu fliegen, wo er in den Flug 11 umstieg. Bei seiner Ankunft in Portland wurde das letzte Foto von Atta gemacht. Die Aufnahme der Flughafenkamera zeigt, wie er ohne Probleme die Sicherheitszone passierte.
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