Von Hans-Jürgen Schlamp
Mohammed Sahir Schah: Der Ex-König ist bereit, in sein Land zurückzukehren
Rom - Bis vor ein paar Tagen war er nicht einmal dem Pförtner aufgefallen, der die Post annimmt und das Gittertor der riesigen umzäunten Wohnsiedlung vor den Toren Roms bewacht, in der als einer unter vielen ein freundlicher älterer Herr namens Mohammed Sahir Schah lebt. Keine Feste, keine Empfänge, allenfalls mal ein Tee im kleinen Kreis - der inzwischen 86-Jährige machte wenig von sich reden, seit er 1973 von seinem Vetter und Schwager Daud als König von Afghanistan abgesetzt worden war. Weil er damals gerade in Ischia zur Kur weilte, blieb der Ex-Monarch gleich in Italien. Nach einem Attentatsversuch 1991 zog er sich noch tiefer in den Schatten seines Exils zurück.
Nun steht womöglich bald der Rück-Umzug nach Kabul an. Denn vor allem die USA sehen in Sahir die potenzielle Integrationsfigur, die in dem afghanischen Gemisch aus Dutzenden von Völkern und Sprachen einen Neuanfang organisieren könnte, sobald die regierenden Taliban-Islamisten - auf welche Weise auch immer - verjagt worden sind.
So steht der fast vergessene Ex-König über Nacht plötzlich wieder im politischen Rampenlicht. Anfang der Woche machten Uno-Repräsentanten ihm ihre Aufwartung. Es folgten Dutzende Vertreter afghanischer Exilgruppen. Und für Sonntag haben sich Emissäre der so genannten Nord-Allianz angesagt, jener Truppen, die sich beharrlich dem islamistischen Taliban-Regime widersetzen, das seit 1990 Afghanistan beherrscht.
In einem Aufruf, über die Sender BBC und "Voice of America" in ganz Afghanistan verbreit, hatte Sahir sich Ende vorige Woche politisch zurückgemeldet und das afghanische Volk zur "Befreiung unserer Heimat" aufgerufen. "Terroristen, die uns aus dem Ausland aufgezwungen wurden", so Sahir, "haben Unruhe und Gefahr in unser Land gebracht", doch "mit eurer Teilnahme und der Hilfe der internationalen Gemeinschaft werden wir unser Ziel, die Befreiung von Volk und Heimat, erreichen".
Ein König, der nur helfen will
König will er nicht unbedingt wieder werden, sagt er, nur helfen. Einen Plan dafür hat er auch schon. Sind die Taliban entmachtet, will er sogleich die traditionelle Loya-Jirga einberufen, den "Großen Rat" von rund tausend Repräsentanten der politischen, religiösen und ethnischen Gruppen. Der soll einen Staatspräsidenten und eine Übergangsregierung bestimmen, die dann demokratische Wahlen vorbereiten könne.
Unbelastet von den Wirren der letzten Jahre und Jahrzehnte, die seiner Heimat Krieg, Hunger und Terror brachten, scheint Sahir Schah der ideale Moderator: ein gemäßigter Traditionalist.
40 Jahre Frieden
Als 19-Jähriger hatte er den Thron in Kabul bestiegen, Stunden nachdem sein Vater ermordet worden war. Er setzte auf vorsichtige Reformen, gewährte Frauen erstmals bescheidene Grundrechte. 1964 führte er die konstitutionelle Monarchie ein, mit Ansätzen parlamentarischer Kontrolle, und, nicht eben die Norm in jener Region, er bescherte seinem Land 40 Jahre Frieden.
Ob der Ex-König heute freilich wirklich von allen wichtigen Mitspielern als Schiedsrichter akzeptiert wird, wie die Amerikaner und ihre Verbündeten hoffen, muss sich erst noch zeigen. Schon die sowjetischen Besatzer Afghanistans und, nach dem Abzug der Roten Armee, deren kommunistische Nachfolger in Kabul versuchten in den achtziger Jahren, Sahir ins Zentrum eines großen Versöhnungsprogramms zu platzieren. Ohne Erfolg. Islamische Fundamentalisten und vor allem Pakistan, lange Zeit die Schutzmacht der Taliban in Kabul, lehnten Sahir stets ab. Das hat sich bislang nicht geändert.
Wie groß seine Chancen sind, weiß denn auch Zahir selbst nicht. "Es ist ein sehr fragiler Prozess", sagt Prinz Wais Saher, Sohn des Ex-Monarchen, "mit ungewissem Ausgang".
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