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01.10.2001
 

Verdacht

Was wollte Attas Freund im Atomkraftwerk?

Von Matthias Gebauer

Ein enger Vertrauter des Todes-Piloten Mohammed Atta gerät jetzt ins Visier der Fahnder. Der Marokkaner stand in engem Kontakt zur Terroristengruppe und hatte Attas "Testament" bezeugt. Eine Tatsache aber macht den Fahndern viel mehr Sorgen: ein Besuch des Mannes im Atomkraftwerk Stade.

Im Mai 2001 besuchte der Freund von Mohammed Atta das Atomkraftwerk Stade
DPA

Im Mai 2001 besuchte der Freund von Mohammed Atta das Atomkraftwerk Stade

Hamburg/Stade - Zuerst war es nur ein Gerücht, das unter Journalisten und Studenten der TU Harburg kursierte. Demnach sollte ein Freund der drei mutmaßlichen Terrorpiloten, die in Hamburg studierten, das Atomkraftwerk Stade besucht haben, um dort die Lage zu sondieren. Bei den Sicherheitsbehörden sorgte die Nachricht für Aufregung. Was wollte der Mann dort? Spionierte er für die Terroristen, die einen Anschlag planten? Und: Ist er ein weiteres Mitglied der Hamburger Terror-Zelle und ist die immer noch aktiv?

Alle diese Fragen sind bisher noch nicht abschließend beantwortet. Doch eins steht fest: Nach Recherchen von SPIEGEL TV besuchte der 27-jährige Mounir al-M. am 15. Mai diesen Jahres mit einer Besuchergruppe von TU-Studenten das AKW in Stade, das nahe der Hansestadt Hamburg liegt. Im Rahmen einer begleiteten Tour wurden die Studenten durchs Kernkraftwerk geführt. Neben einem Dokumentar-Film wurde den Studenten auch eine Führung durch die Schaltzentrale des Atommeilers angeboten.

AKW-Besucher unterzeichnete Attas Testament

Das allein würde noch nicht für Besorgnis sorgen, denn solche Besichtigungen gehören in Stade zur Routine. Nicht jedoch bei Mounir al-M., denn der junge Marokkaner gehörte offenbar zum engsten Vertrautenkreis des späteren Attentäters Mohammed Atta. Wie der Ägypter studierte auch al-M. an der Technischen Universität (TU) im Hamburger Vorort Harburg. Sein Fachgebiet sind elektronische Sicherheitskontrollen durch Iriserkennung oder Lippenabtastung.

Marwan Alshehhi war ebenfalls ein Freund von Mounir al-M.
AP

Marwan Alshehhi war ebenfalls ein Freund von Mounir al-M.

Und al-M. war offenbar wie Atta ein fanatisierter Anhänger des Islams. In der von Atta gegründeten Islam AG an der TU, die regelmäßig Gebete und Veranstaltungen organisierte, war auch der Marokkaner oft zu Gast. Und wie die Terror-Piloten verhielt sich auch der Marokkaner gänzlich unauffällig, lebte mit seiner Frau und Kind in einer kleinen Wohnung nur wenige Gehminuten von Mohammed Atta entfernt.

Mit Atta und den anderen mutmaßlichen Terror-Piloten unterhielt Mounir al-M. nach den bisherigen Erkenntnissen der Fahnder engen Kontakt. So unterzeichnete der 27-Jährige als zweiter Zeuge das Testament von Atta, das dieser am 11. April 1996 vermutlich in Hamburg aufsetzte. In dem Dokument, das die US-Ermittler am Flughafen Boston in einem von Atta abgestellten Mietwagen gefunden hatten, gibt Atta Anweisungen an die Nachwelt, wie er sich seine Bestattung wünscht. Für die Ermittler ist das Dokument der Beweis dafür, dass Atta schon seit Jahren einen Suizid-Anschlag plante und deshalb diese Vorkehrungen für sein Ableben traf.

Mounir al-M. bestreitet eine Beteiligung an den Terrorplänen

Unter dem Testament von Mohamed Atta fanden US-Ermittler den Namen von Mounir al-M.
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AP

Unter dem Testament von Mohamed Atta fanden US-Ermittler den Namen von Mounir al-M.

Auch finanziell soll Mounir al-M. mit den Entführern verbunden gewesen sein. So hatte er nach Unterlagen des FBI die Kontovollmacht für ein Konto des zweiten Hamburger Todespiloten Marwan al-Schahi. Und auch Atta überwies der Mann im vergangenen Jahr 2100 Mark. Ebenso überwies al-M. im gleichen Jahr 5000 Mark an den mittlerweile per internationalem Haftbefehl gesuchten Ramzi Bin al-Schibb, der als Mitorganisator der Anschläge in den USA gilt und untergetaucht ist.

Bisher aber wurde Mounir al-M. von der Polizei nur vernommen. Bei den Befragungen gab er zu, dass er Atta und al-Schahi gut kannte. Und auch zu weiteren Verdächtigen hatte der Marokkaner Kontakte. So traf er Said Bahaji, den mutmaßlichen Hauptlogistiker der Terror-Zelle, und den Syrer Mohammed Haydar Z., den die Fahnder als weiteren Verbindungsmann der Terroristen verdächtigen. Gegenüber SPIEGEL TV verweigerte er in der vergangenen Woche jede Stellungnahme zu dem Testament, dem AKW-Besuch oder seinen Kontakten zu den Terroristen.

Nach eigenen Angaben jedoch weiß der Marokkaner nichts von dem angeblichen Testament. Die Hamburger Zeitschrift "stern" hat laut einer Mitteilung vom Montag mit al-M. gesprochen. In dem Gespräch habe er abgestritten, das Testament beglaubigt zu haben. Dass er die Vollmacht für ein Konto eines weiteren Verdächtigen gehabt habe, sei unter Ausländern üblich, zitiert die Zeitschrift den Studenten. Und auch den Besuch in dem AKW bezeichnete der Marokkaner als "ganz normal".

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe äußerte sich am Montag kaum zu den Vorgängen. Allerdings habe Mounir al-M. bisher nichts mit den laufenden Verfahren zu tun, sagte eine Sprecherin. Man gehe eben allen Spuren nach - eine Antwort, die mittlerweile zum Standard geworden ist.

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