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08.10.2001
 

Vergeltung

Amerika schlägt zurück

Knapp vier Wochen nach den Attentaten von New York und Washington haben die USA und Großbritannien mit dem Militärschlag gegen das Taliban-Regime in Afghanistan begonnen. Mehrere Städte wurden attackiert. Osama Bin Laden sei noch am Leben, teilten die Taliban mit. Dagegen seien etliche Zivilisten getötet worden.

Gegenschlag: Ein Tomahawk-Marschflugkörper startet vom Zerstörer "USS John Paul Jones"
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REUTERS

Gegenschlag: Ein Tomahawk-Marschflugkörper startet vom Zerstörer "USS John Paul Jones"

Islamabad/Washington - "Dank der Gnade Gottes sind Mullah Mohammad Omar und Bin Laden am Leben", sagte der Taliban-Botschafter in Pakistan, Abd al-Salam Saif, vor Journalisten in Islamabad. Omar ist der Anführer der Taliban.

Nach Augenzeugenberichten gab es bei der ersten, um 18.27 Uhr MESZ gestarteten Angriffswelle Explosionen in Kabul und Kandahar. Ein Korrespondent des arabischen TV-Senders Al-Dschasira berichtete, die Angriffe konzentrierten sich in Kabul auf den Flughafen der Hauptstadt. Zunächst seien Flugzeuge zu hören gewesen. Dann habe es eine große Explosion im Nordosten der Hauptstadt Kabul gegeben, sagte der Journalist. Anschließend sei in der ganzen Stadt der Strom ausgefallen. Der Sender zeige Live-Bilder von Flugzeugen, die im Dunkeln über die Stadt flogen, sowie die Blitze des Abwehrfeuers.

ASB Tomahawk/ Cruise Missile CENTER/KLEIN
REUTERS

ASB Tomahawk/ Cruise Missile CENTER/KLEIN

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärte, der Angriff auf Kabul sei mit 50 Tomahawk-Marschflugkörpern erfolgt. Ein Vertreter des Pentagons erklärte, die Raketen und Marschflugkörper seien von amerikanischen und britischen Kriegsschiffen im Arabischen Meer abgefeuert worden, darunter auch von U-Booten. Die Nato war an den Attacken nicht beteiligt. Die Angriffe richteten sich laut Rumsfeld gegen Flugabwehrsysteme, Flugzeuge und Stützpunkte von Terroristen. Keine der US-Maschinen sei bei den Einsätzen beschädigt worden.

"Es hat alles wie eine gut geölte Maschine geklappt", sagte ein US-Pilot mit dem Kampfnamen "Woodstock" in einer Telefonkonferenz, die im US-Fernsehen übertragen wurde. "Es verlief genau so, wie wir es trainiert hatten. Dies ist das, was die amerikanischen Bürger von uns erwarten. Wir sind auf diese Fälle bestens vorbereitet." Einzelheiten über angegriffene Ziele machte der Pilot eines Langstreckenbombers vom Typ B-52 nicht.

Aus Sicherheitsgründen wurden weder der Standort des Piloten noch der Ausgangspunkt seiner Mission genannt. Einige der beteiligten Flugzeuge, B-2 Tarnkappenbomber, sollen aus den USA geflogen sein, B-52- und B-1-Bomber von der britischen Militärbasis Diego Garcia im Indischen Ozean.

Taliban: Ein US-Flugzeug abgeschossen

Die Taliban wollen jedoch bei den amerikanischen Angriffen ein Flugzeug abgeschossen haben. Das sagte der stellvertretende Verteidigungsminister der Taliban, Mullah Nur Ali, in einem Interview mit Al-Dschasira. Das Flugzeug sei im Süden Afghanistans abgeschossen worden. Die Zerstörung durch die ersten US-Angriffe sei nicht allzu groß, sagte er.

Wenig später erklärte der Taliban-Gesandte in Pakistan, Saif, den Attacken seien auch Zivilisten zum Opfer gefallen. "Es hat Tote gegeben", sagte er der Nachrichtenagentur AP. Eine Zahl wollte er nicht nennen. Kurz darauf hieß es, allein in Kabul seien mehr als 20 Menschen ums Leben gekommen. Die Angriffe seien "gewaltig", so Saif.

Rumsfeld sagte, es sei noch zu früh, um den Erfolg der ersten Angriffe beurteilen zu können. Der Feldzug dauere weiter an, fügte der US-Verteidigungsminister hinzu. Zu der Aktion gehöre auch der Abwurf von Nahrungsmitteln für die hungernde Bevölkerung Afghanistans. Es sei geplant, am ersten Tag der Militäraktion 37.500 Tonnen an Nahrungsmitteln abzuwerfen.

Beamte des Verteidigungsministeriums in Islamabad bestätigten am Sonntagabend, dass der pakistanische Luftraum für die Angriffe auf Afghanistan benutzt wurde. Dies sei Teil der Unterstützung für die von den USA angeführte Koalition gegen den Terrorismus, erklärten die Ministeriumsvertreter.

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US-Generalstabschef Richard Myers teilte mit, die Marschflugkörper seien um 12.30 Uhr New Yorker Zeit (18.30 Uhr MESZ) von 15 Bombern sowie 25 Kampfflugzeugen abgeschossen worden. Zu diesem Zeitpunkt war es in Afghanistan 21 Uhr und damit Nacht.

Auch die Kommandozentrale des Flughafens von Kandahar soll zerstört worden sein. Die Stadt gilt als Hochburg Omars. CNN zufolge wurde der Militärschlag gegen den Tower von einem örtlichen Behörden-Vertreter bestätigt. CNN meldete wenig später, auch die Stadt Dschalalabad werde angegriffen.

Angriffe auch im Norden

In einer Fernseherklärung sagte Großbritanniens Premierminister Tony Blair, mit Raketen bestückte britische U-Boote seien im Einsatz, andere Truppeneinheiten stünden bereit. Er lobte die "mutigen" britischen Soldaten, deren Sinn für Pflichterfüllung "weltbekannt" sei.

Wenige Stunden nach der ersten Angriffswelle starteten die USA und die Briten eine zweite Attacke gegen die Stadt Kandahar. Nach Informationen von CNN waren diese Angriffe stärker als die erste Welle wenige Stunden zuvor. Nach dem zweiten Bombardement habe Kabul am frühen Montagmorgen in völligen Dunkelheit gelegen. Die private afghanische Nachrichtenagentur AIP berichtete, die zweite Angriffswelle habe sich auf die nördlichen Stadtteile Kabuls konzentriert, wo auch der Flughafen liegt.

Auch ein Haus Omars sei beschossen worden, hieß es. Neben Kabul und Kandahar wurden nach amerikanischen Medienberichten Taliban-Hochburgen im Norden Afghanistans angegriffen. Dazu gehört nach Angaben der afghanischen Nordallianz auch die Stadt Masar-i-Scharif. Das meldete die russische Agentur Interfax unter Berufung auf die mit den Taliban verfeindete Nordallianz. In Masar-i-Scharif seien die stärksten Taliban-Kräfte im Norden Afghanistans konzentriert, hieß es. Dort seien 5000 Taliban-Kämpfer stationiert.

Bombenabwurf: B-1-Flugzeuge im Einsatz
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AFP

Bombenabwurf: B-1-Flugzeuge im Einsatz

Nach Beginn der amerikanisch-britischen Angriffe kündigte die Nordallianz eine eigene Offensive an. "Die Nordallianz steht nördlich von Kabul und wird sich an den Kämpfen beteiligen", sagte der Erste Sekretär der afghanischen Botschaft in Tadschikistan, Rahimullah.

Taliban: "Wir sind bereit für den Heiligen Krieg"

Der Generalkonsul der in Afghanistan regierenden Taliban in Karatschi verurteilte die Angriffe der USA auf Ziele in seinem Land. "Wir haben erfahren, dass ein Flugzeug Kabul bombardiert hat", sagte Rehmatullah Kakasada. "Wir haben nicht mehr Informationen. Wir sind bereit für den Dschihad (Heiligen Krieg)."

Ein Taliban-Vertreter in Kabul sagte: "Wir werden angegriffen. Sie haben den Süden von Kabul bombardiert. Unsere Geschütze feuern". Der Taliban-Vertreter, der von Pakistan aus telefonisch erreicht wurde, gab seinen Namen mit Mudir an. Er nannte keine näheren Einzelheiten.

Kabul: CNN-Bilder vom nächtlichen Angriff
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AFP

Kabul: CNN-Bilder vom nächtlichen Angriff

Der Taliban-Botschafter in Pakistan, Saif, sagte der afghanischen Islamischen Presseagentur AIP, die Taliban hätten sich intensiv um eine Lösung des Problems (Osama Bin Laden) bemüht, aber die USA hätten den "Weg der Gewalt und Arroganz" gewählt. "Wir können Osama Bin Laden nicht ausliefern", sagte der Diplomat.

Die USA würden nun für den Tod armer und einfacher Menschen in Afghanistan verantwortlich sein. "Dies ist ein Angriff auf ein unabhängiges Land", sagte Saif und kündigte an: "Wir werden kämpfen bis zum letzten Atemzug." Das Taliban-Regime hatte Washington zuvor angeboten, Bin Laden festzunehmen und ihm nach islamischem Recht vor Gericht zu stellen. Dazu müssten die USA ein förmliches Ersuchen an Afghanistan richten, hatte Saif gesagt.

"Hass in der ganzen islamischen Welt"

Die militante pakistanische Muslimgruppe Harakat al-Mudschahidin warnte die USA vor Hass in der ganzen islamischen Welt. Harkat-Sprecher Amar Mehdi sagte, die US-Angriffe auf Afghanistan seien "brutal und völlig falsch". Die Harakat al-Mudschahidin werden von den USA als terroristisch eingestuft.

Der Afghanische Verteidigungsrat, eine den Taliban nahe stehende Dachorganisation von über 30 islamistischen Gruppen, rief in Lahore zum Heiligen Krieg gegen die Feinde des Islams auf. Munawar Hassan, der stellvertretende Chef der größten islamistischen Partei Jamaat-e-Islami, sprach ebenfalls von einem Angriff auf den Islam und rief alle Muslime des Landes für Montag zu Demonstrationen und Kundgebungen auf. Hassan sagte, die Angriffe würden ernsthafte Folgen für Präsident Pervez Musharaf haben. Viele Leute im Militärapparat seien mit Musharafs Haltung nicht einverstanden.

Musharaf hatte den USA Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus zugesagt. In einer Erklärung vom Sonntagabend bedauerte die Regierung in Islamabad, dass diplomatische Bemühungen zur friedlichen Beilegung der Krise ohne Erfolg geblieben seien. Sie drückte die Hoffnung aus, dass die Angriffe zeitlich eng begrenzt und strickt auf militärische Ziele beschränkt seien.

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