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28.11.2001
 

Terroristen-Jagd

Versteckt sich Bin Laden im "schwarzen Staub"?

Ihr Name bedeutet "schwarzer Staub", ihr Ruf ist der eines soliden Felsens: Die afghanische Bergfestung Tora Bora gilt als bombensicher und nahezu uneinnehmbar. Die US-Truppen werden versuchen, das Gegenteil zu beweisen. Schließlich sollen sich 2000 arabische Kämpfer dort verstecken - und vielleicht sogar Osama Bin Laden.

Tunnelbau bei Dschalalabad: Schweres Gerät wurde zum Aushöhlen der Berge benutzt, wie dieses Bild aus dem Jahr 1988 zeigt
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DPA

Tunnelbau bei Dschalalabad: Schweres Gerät wurde zum Aushöhlen der Berge benutzt, wie dieses Bild aus dem Jahr 1988 zeigt

Dschalalabad - Vor zwei Jahrzehnten haben afghanische Guerrillas sie angelegt, und sie diente ihnen als wirksamer Schutz gegen die Sowjets. Heute ist Tora Bora, 50 Kilometer südlich von Dschalalabad, offenbar die letzte Hoffnung der rund 2000 arabischen Kämpfer, die seit dem Rückzug der Taliban aus der Region auf der Flucht sind.

Deren Kalkül scheint zu sein: Warum sollten amerikanische Militärs schaffen, was den sowjetischen stets misslang? Allerdings halten sich nach einem Bericht der "Washington Post" die drei Anti-Taliban-Gruppen, die zunächst die neue Regionalregierung bilden, für fähig, die Festung aus unterirdischen Gängen einzunehmen.

Man sei erfahren genug im Kampf in den Bergen, sagen deren Sprecher. Es sei lediglich mehr Feuerkraft nötig. "Die Kämpfer dort sind schwer bewaffnet und bereit, zu sterben", zitiert die "Washington Post" den neuen Sicherheitsbeauftragten in der Region um Dschalalabad, Hazrat Ali. "Wenn sie hätten aufgeben wollen, hätten sie das längst getan. Aber sie denken nur: Wir müssen Tora Bora halten oder wir werden getötet."

Einige Offizielle in Afghanistan halten es für möglich, dass sich sogar al-Qaida-Chef Osama Bin Laden in Tora Bora versteckt. Aber niemand berichtet, ihn in den vergangenen Monaten in der Gegend gesehen zu haben. Einige Einwohner sagten der "Washington Post", Bin Laden habe vor langer Zeit ein Grundstück aufgegeben, das er und seine Verwandten jahrelang genutzt hätten.

Einwohner hoffen, dass die Araber abziehen

In den vergangenen Wochen haben US-Flugzeuge mehrfach Bomben über Tora Bora abgeworfen - ohne sichtbaren Erfolg. Jetzt gibt es Spekulationen, dass die eingeflogenen Spezialkräfte auch die Bergfestung attackieren könnten.

Viele Menschen in der Region möchten aber lieber keine amerikanischen Soldaten zu Gesicht bekommen. Sie hoffen, dass die Araber einfach fliehen. Hazrat Ali sagt, er habe schon Delegationen zur Festung entsandt, um über einen sicheren Abzug der arabischen Kämpfer zu verhandeln, aber dieser Versuch habe sich als untauglich erwiesen.

Ein erfahrener Soldatenführer in der Region, Junis Chalis, soll seinerseits sogar mit verbliebenen Taliban verhandelt haben, mit dem Ziel, sie zum Abzug oder zum Eintritt in die neue Regierung zu bewegen. Chalis' Sohn Mudschahid erklärte, er würde es nicht dulden, dass US-Streitkräfte in der Gegend stationiert werden, dazu hätten sie "kein Recht".

Hazrat Ali hingegen äußert sich verständnisvoll: "Ob ich darüber glücklich bin oder nicht, aber die Amerikaner haben ihre Mission: die Ausrottung der Wurzeln des Terrorismus." Aber Tora Bora sei eben noch viel schwieriger zu attackieren als Kandahar, selbst für die Supermacht USA. "Das eine ist eine Stadt, umgeben von Land, das andere ist eine Stadt in vielen Bergen."

Höhlensystem soll innen "fast wie ein Hotel" sein

In den vergangenen Tagen gab es einige Beschreibungen der Bergfestung, berichtet von Sicherheitsleuten, Einwohnern und ehemaligen Verbündeten der Vertriebenen. Ein Afghane, der vor sechs Monaten arabische Bekannte in Tora Bora besucht hat, beschrieb die Festung als gut ausgestattetes Höhlensystem zwischen zwei Bergketten, einen schweren Drei-Stunden-Marsch vom nächsten Dorf entfernt und so gut wie gar nicht von oben zu sehen.

Tora Bora bestehe aus unzähligen Räumen mit dicken Mauern, "fast wie ein Hotel", beheizt mit Elektrizität. Strom werde mit Hilfe von Wasser erzeugt, das die Berge hinunterfließe. Nach dem Bericht dieses Afghanen, aber auch nach den Aussagen anderer Einwohner der Region, werden die Araber noch immer mit Essen und anderen Dingen versorgt. Dazu würden alle paar Tage Einwohner von in der Nähe liegenden Dörfern nach Dschalalabad geschickt, um dort diskret einzukaufen.

"Zudem wird es kalt hier, und die Araber bezahlen denen viel Geld, die ihnen helfen, die Höhlen zu verbessern", sagte der wichtigste Helfer des Sicherheitsbeauftragten Ali. "Wir wissen, dass sie Spione aus den Dörfern haben. Und sie wissen, dass wir die erschießen werden, wenn wir sie enttarnen."

Flugblätter schüren die Angst

Die Straße von Dschalalabad nach Tora Bora ist derzeit schwer bewacht, bis zum Dorf Pachir, das eine Stunde von der Festung entfernt liegt. Von dort an sei der Weg überaus gefährlich, sagen Einwohner. Ein Lkw-Fahrer in Pachir berichtete, er habe Araber in die Berge fliehen sehen, als die Taliban sich aus Dschalalabad zurückzogen.

Er kenne aber niemanden im Dorf, der für die Araber einkaufen gehe. "Hier liebt doch niemand die Araber oder die Taliban", sagte er. "Sie haben die Menschen bedroht und tyrannisiert. Selbst für Tausende Dollars würde niemand für sie arbeiten."

Die Einwohner von Dschalalabad sind offenbar zusätzlich beunruhigt durch Gerüchte, Bin Laden halte sich in Tora Bora auf. Vor einigen Tagen erzählten Bewohner aufgeregt ausländischen Journalisten, dass eine US-Bombe ein Haus in ihrer Nachbarschaft getroffen habe. Die "Bombe" stellte sich als Behältnis für Flugblätter heraus. Auf den Blättern war ein Foto von Osama Bin Laden zu sehen mit der Information, dass 25 Millionen Dollar Belohnung ausgeschrieben worden seien für Hinweise, die zu seiner Ergreifung führen.

Aber anstatt erleichtert zu sein, wurden die Menschen noch aufgeregter. "Wir haben Bin Laden nie gesehen, und den obersten Taliban Mullah Mohammed Omar auch nicht", rief Mohammed Zafar, als er eines der Flugblätter gelesen hatte. "Wenn die Blätter hier abgeworfen werden, kann das nur bedeuten, dass die Amerikaner Bin Laden hier vermuten - und dann werden echte Bomben folgen."

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