Schebergan - Zu den Todesfällen kam es auf der Fahrt von Kundus ins Gefängnis von Schibarghan, der Heimatstadt des usbekischen General Raschid Dostam. Der Transport fand während der Gefangenenrevolte in Masar-i-Scharif statt. Um die mehreren tausend Festgenommenen besser transportieren zu können, zwangen Mitglieder der Nordallianz sie in Schiffscontainer. Die Gefangenen blieben mehrere Tage auf engstem Raum eingesperrt.
43 von ihnen seien ihren Verletzungen erlegen oder qualvoll erstickt, erklärte Nordallianz-General Jurabek gegenüber der US-Zeitung "New York Times". Jurabek ist für rund 3000 Kriegsgefangene verantwortlich. Gleich nach ihrer Ankunft seien drei weitere gestorben. Die Toten seien nach Dasht-i-Laili gebracht und beigesetzt worden.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hat unterdessen angekündigt, die Vorfälle zu untersuchen. "Unsere Leute vor Ort versuchen, mehr Informationen zu bekommen", sagte eine IKRK-Sprecherin am Dienstag in Genf. Es gebe bislang keine Bestätigung. Den IKRK-Mitarbeitern sei erst am Montag, nach zehntägigem Drängen, der Zugang zum Gefängnis von Schibarghan erlaubt worden. In dem Gefängnis seien mehrere tausend Taliban untergebracht. Viele von ihnen benötigten medizinische Betreuung, sagte die IKRK-Sprecherin.
Atmen durch Loch in der Wand
Die Nordallianz ist mit der Betreuung der Kriegsgefangenen offenbar völlig überfordert. Es fehlt an Transportern und an Zellen, die Räume sind grausam überfüllt.
Nach Aussagen inhaftierter Pakistaner soll die Zahl der Transport-Opfer noch viel höher liegen. Eng zusammengepfercht sei ihnen die Luft knapp geworden, erzählte Omar, ein schmaler junger Mann einem Reporter der "New York Times". In seinem Container hätten nur sieben Menschen überlebt - mehr als hundert seien erstickt. Ein anderer Pakistaner sprach von 13 Toten. Diejenigen, die überlebten, hätten abwechselnd Luft durch ein Loch in der Metallwand geschnappt.
"Ich bin 24 Stunden täglich hier", erklärte Jurabek der "New York Times". "Wenn ich nicht hier wäre, würden sich die Gefangenen gegenseitig auffressen."
Vor einer Woche wurden Tausende verschmutzter, hungriger und feindseliger Häftlinge auf das Gelände gebracht. Hundert von ihnen waren verwundet. Täglich werden neue Männer auf das Gefängnisgelände gebracht. Die Inhaftierten werden registriert und befragt, ungefähr 40 Menschen drängen sich in einem Zimmer. Die schwer Verletzten werden ins örtliche Krankenhaus gebracht und dort bewacht.
Gefühl der Verzweiflung
"Jeden Tag erklären wir ihnen, dass niemand sie verletzen wird und wir die Verwundeten behandeln werden", erklärte Jurabek, der schon im Krieg gegen die Sowjetunion gekämpft hatte. "Ich habe ihnen erzählt, dass Osama Bin Laden und Mullah Mohammed Omar gemeine Terroristen sind, weil sie ganz Afghanistan zerstören wollen." Die Gefangenen würden nun ihre Meinung ändern.
Unter den Gefangenen herrscht Verzweiflung. Elf Usbeken, die den Kampf in Masar-i-Scharif überlebt hatten, fürchten die Auslieferung an ihren Heimatstaat. Dort würde sie harte Bestrafung durch die Regierung des Präsidenten Islam Karimow erwarten, die für sie tödlich enden könnte. "Wir werden das Gefängnis in Usbekistan nicht überleben", sagt der 26-jährige Abdul Jabar, den Tränen nahe. "Wir wollen nicht nach Hause."
Ali Abdul Matalib, ein Iraker aus Bagdad, erzählt, er habe versucht, von Kundus über Russland nach Europa zu fliehen. Auf der Flucht wurde er aber geschnappt. "Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun", erklärt er, "ich will nur nach Europa." Jetzt bangt er wie viele andere Gefangene um seine Zukunft.
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