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11.01.2002
 

Afghanistan-Feldzug

Der blutige Präzisionskrieg

Für die US-Regierung war es ein chirurgischer Krieg, für Menschenrechtler ein Blutbad. Wie viele Zivilisten genau getötet wurden, weiß niemand. Ein US-Professor will über 4050 Tote ermittelt haben - mehr als bei den Anschlägen in New York und Washington.

Explosionen in Kabul: Bilder vom Techno-Krieg der Amerikaner
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AFP

Explosionen in Kabul: Bilder vom Techno-Krieg der Amerikaner

Hamburg - Mal war es ein Konvoi auf dem Weg nach Kabul, mal waren es hundert Tote in dem Bergdorf Kalaje Niasi, in der Provinz Paktia, die durch amerikanische Bombardements ums Leben gekommen sein sollen. Mal zertrümmerte ein aus der Luft abgeworfenes Care-Paket eine Hütte und tötete dadurch die zwei Bewohner.

Seit Beginn der amerikanischen Militäroperation "Andauernde Freiheit" in Afghanistan haben sich die Berichte über tote Zivilisten gehäuft. Doch anders als bei den gefangenen Taliban, deren Zahl vom US-Verteidigungsministerium genau beziffert werden kann, ist die Zahl der getöteten afghanischen Zivilisten die große Unbekannte im Feldzug am Hindukusch. Vermutlich wird sie es auch immer bleiben.

"Tot, weil wir es wollen"

Trümmer in Kabul: Opferzahlen sind weitgehend Fehlanzeige
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AP

Trümmer in Kabul: Opferzahlen sind weitgehend Fehlanzeige

Um Licht in das Dunkel zu bringen, hat Marc Herold, Professor an der Universität von New Hampshire, ein umfassendes Dossier über die bisherigen Opfer erstellt. Darin kommt Herold zu dem Schluss, dass der militärische Kampf gegen den Terrorismus allein zwischen dem 7. Oktober und dem 10. Dezember letzten Jahres 3767 Zivilisten das Leben kostete. Bis zum 4. Januar waren es nach Angaben des US-Wissenschaftlers gar 4050 Tote - mehr als bei den Terroranschlägen von New York und Washington, bei denen jüngsten Schätzungen zufolge etwa 3100 Menschen starben.

Für das mehrere Seiten lange Dossier hat Herold eine lange Liste von blutigen Zwischenfällen zusammengetragen und ausgewertet. Er dokumentiert zahlreiche Beispiele von Angriffen auf die Zivilbevölkerung. Beispielsweise den Luftschlag gegen die 25 Meilen nördlich von Kabul gelegene Ortschaft Chowkar-Karez in der Nacht zum 23. Oktober. Dabei seien mindestens 93 Zivilisten getötet worden. Als Reaktion auf den Angriff zitiert das Dossier einen Pentagon-Offiziellen mit den Worten: "Die Leute sind tot, weil wir sie tot wollten."

Herold kommt zu dem Schluss, dass das US-Militär beim Afghanistan-Feldzug bereit war, Bomben und Raketen auch auf dicht besiedelte Gebiete abzuwerfen.

In den USA kein Thema

Alles, was die Öffentlichkeit zu Beginn der US-Luftschläge sah: Ein kleines Flackern
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DPA

Alles, was die Öffentlichkeit zu Beginn der US-Luftschläge sah: Ein kleines Flackern

In den US-Medien sei dies aber bislang kaum ein Thema gewesen, kritisiert Herold. Die meisten Daten und Berichte sammelte er daher aus britischen, französischen und indischen Presse-Agenturen zusammen.

Die amerikanische Öffentlichkeit, schlussfolgert der Wissenschaftler, dürfe dagegen über das Blutbad am Boden weder etwas hören noch sehen. Andernfalls werde ihre Entschlossenheit für den Krieg erschüttert. Der technische Präzisions-Krieg müsse unangefochten fortgeführt werden.

Zivilisten oder al-Qaida-Anhänger

Beschuss der Bergfestung Tora Bora: Strategische oder zivile Ziele?
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AFP

Beschuss der Bergfestung Tora Bora: Strategische oder zivile Ziele?

Immer wieder hat die Regierung in Washington seit Beginn der Operation "Enduring Freedom" Berichte über zivile Opfer mit schöner Regelmäßigkeit zurückgewiesen. Als im Dezember Bilder eines angegriffenen Dorfes nahe der Höhlenanlage Tora Bora im US-Fernsehen gezeigt wurden, kam prompt der Konter aus dem Rumsfeld-Ministerium. Bei den Opfern handele es sich nicht etwa um unschuldige Zivilisten, machte die Behörde klar, sondern vielmehr um Angehörige der al-Qaida oder um Unterstützer, die bekanntermaßen den Terroristen Schutz gewährt hätten.

Zahlen? - Fehlanzeige!

Ob die Angaben von Herold realistisch sind, wird sich vermutlich nie eindeutig klären lassen. Das Pentagon hat nach Angaben des Oberkommandos die Zahl der zivilen Opfer nicht gezählt. Und auch ansonsten sind Opferzahlen Fehlanzeige. Das Auswärtige Amt in Berlin verfügt nach Aussage eines Sprechers über keine eigenen Zahlen und sieht sich auch nicht in der Lage, andere "Zahlen seriös zu bewerten".

Bomben auf Afghanistan - Herold-Studie spricht von der Bereitschaft des Militärs, auch dicht besiedelte Gebiete zu treffen
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AFP

Bomben auf Afghanistan - Herold-Studie spricht von der Bereitschaft des Militärs, auch dicht besiedelte Gebiete zu treffen

Auch Amnesty International, sonst immer an vorderster Stelle, wenn es um die Wahrung der Menschenrechte geht, kann keine Angaben zu möglichen getöteten Afghanen machen. Weil sie das Sterben unter den Zivilisten zum Thema mache, heißt es in der Afghanistan-Forschungsabteilung der Organisation in London, sei die Studie zwar wichtig. Opferzahlen wie die von Herold könnten sie jedoch nicht kommentieren.

Unterdessen versucht die US-Regierung, den Eindruck eines erfolgreichen Präzisionskrieges aufrechtzuerhalten. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld unterstrich jüngst, dass er sich in der Geschichte keinen militärischen Konflikt vorstellen könne, in dem die Kollateralschäden so gering und die ungewollten Konsequenzen so selten gewesen seien.

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