ThemaNahost-KonfliktRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.02.2002
 

Schimon Peres

Ein optimistisches Feigenblatt

Von Annette Großbongardt, Jerusalem

Böse Zungen behaupten zu wissen, warum sich Schimon Peres so gut mit Ariel Scharon versteht: Der "Bulldozer" ist der erste Premier, der nett zu ihm ist. Tatsächlich genießt der Außenminister am Kabinettstisch der Sechs-Parteien-Koalition das besondere Vertrauen des Likud-Premiers.

Als Kollaborateur und Umfaller beschimpft: der ewige Verlierer Peres
Dominik Baur

Als Kollaborateur und Umfaller beschimpft: der ewige Verlierer Peres

Vielleicht trägt auch diese Zufriedenheit dazu bei, dass Peres mit 78 noch immer so blendend aussieht, wie es sich manch 50-Jähriger wünschte. Schimon Peres ist selbst für das Heilige Land ein Wunder. Der politische Überlebenskünstler hat sich durch die komplette israelische Geschichte gedient. Schon mit Ende zwanzig, in den fünfziger Jahren, arbeitete er dem Staatsgründer Ben-Gurion als Assistent zu. Später erreichte er selbst die höchsten Ämter: neunmal Minister, dreimal Premier. 1994 erhielt er gemeinsam mit Jizchak Rabin und Jassir Arafat den Friedensnobelpreis.

Doch trotz seiner langen Erfolgsliste hängt dem gebürtigen Polen das Image des ewigen Verlierers an. Von den fünf Wahlen, zu denen er als Spitzenkandidat der Arbeitspartei antrat, gewann er keine einzige. Premier wurde er nur dank Rotation in der Großen Koalition mit Jizchak Schamir, dank eines Rücktritts und nach der Ermordung seines Freundes und Rivalen Jizchak Rabin. Beim Griff nach der Präsidentschaft, im Juli 2000, verlor er schmachvoll gegen Mosche Kazaw, einen weitgehend unbekannten Hinterbänkler der Opposition.

Als Peres mit aschfahlem Gesicht das Wahlergebnis vernahm, dachten alle: Jetzt gibt er auf. Doch nein, er tat, was er noch nach jeder Niederlage getan hatte: Er machte einfach weiter. Schnell stieg seine Popularität wieder.

Bei den Neuwahlen für das Amt des Premiers jedoch hielt der gescheiterte Ehud Barak starrköpfig (und vielleicht auch, weil die Arbeitspartei Peres wieder keinen Sieg zutraute) an der eigenen Kandidatur fest. Er wurde von Scharon vernichtend geschlagen. Mit einer fulminanten Rede führte Peres die Arbeitspartei in die Koalition mit dem Wahlsieger Scharon und übernahm - ungestillt sein Hunger nach Macht und Einfluss - selbst das Außenamt. "Was würde ich denn in der Opposition machen?", fragte er, "schöne Reden halten?"

Dass sich Peres in die Allianz mit dem als Kriegstreiber verfemten General a. D. begab, konnte freilich nur diejenigen überraschen, die nichts von der langjährigen Freundschaft der beiden wussten. Andere hatten vergessen, dass Peres zwar ein Friedensfreund, doch beileibe kein Linker ist. Nun geißelt ihn das Friedenslager als "Umfaller", "Kollaborateur" und "Feigenblatt" der Regierung Scharon, deren Politik er mit seinen rhetorischen Künsten international schmackhaft zu machen sucht. Viele Linke verübelten ihm vor allem, dass er mit Scharon beschloss, nach einem Terroranschlag F-16-Kampfbomber als Vergeltung gegen palästinensische Ziele zu senden.

Arabische Abgeordnete forderten daraufhin, er solle seinen Friedensnobelpreis zurückgeben. Auch bei seinen europäischen Kollegen büßte der bisherige Versöhnungspolitiker an Glaubwürdigkeit ein. Doch vor allem viele Palästinenser wandten sich von ihm ab, auch wenn er sich weiter mit Arafat traf. "Wir sollten ihm gar nicht mehr zuhören", so der Publizist Ghassan Chatib.

Doch stets lächelnd und scheinbar unberührt von der Kritik pflügt Peres weiter seine Furchen im Acker Israels. Längst macht er keinen Hehl mehr aus seiner Enttäuschung über den "Partner" Arafat. Seine Anhänger sagen, er habe mäßigenden Einfluss auf Scharon und den Kurs der Regierung. Doch auch er verteidigt die Siedlungen in den besetzten Gebieten.

Peres' Energiequelle ist sein unerschütterlicher Optimismus. Diese Zuversicht ist mitunter so ansteckend, dass sogar US-Präsident George W. Bush bekannte, nach einem Treffen mit Peres fühle er sich stets "viel besser". Auf die Frage, ob er nach neun Monaten blutiger Intifada gegen die anhaltende Besatzung noch immer an seine Vision vom Neuen Nahen Osten glaube, antwortete Peres: "Aber natürlich, hundert Prozent!"

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Nahost-Konflikt

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP