Nicolas Schwank: Gefahr eines Volksaufstandes in Palästina
Herr Schwank, herrscht Krieg in Palästina?
Schwank: Wir befinden uns an der Schwelle zum Krieg. Noch ist es eine bewaffnete Auseinandersetzung. Die Gewalt geht von einzelnen Attentätern aus, die wohl nicht auf Befehl der palästinensischen Selbstverwaltung handeln. Eine Eskalation ist möglich, wenn die palästinensischen Behörden offiziell mit Waffen ausgerüstet würden und es zu einem offenen Krieg käme.
SPIEGEL ONLINE: Ist die palästinensische Seite stark genug, einen Krieg gegen Israel zu führen?
Schwank: Nein. Aber die Gefahr ist sehr groß, dass es zu einem Volksaufstand der Palästinenser kommen wird. Die Palästinenser haben keine Hoffnung mehr. Sie sind seit längerem von den Arbeitsplätzen abgeschnitten. Es breitet sich Armut aus, die medizinische Versorgung ist miserabel. Und sie empfinden dies zunehmend als Demütigung.
SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Gefahr, dass es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den arabischen Nachbarn der Palästinenser kommen wird?
Schwank: Das wird man auf alle Fälle vermeiden müssen. Eine Eskalation von diesem Ausmaß wäre für Israel fatal. Das werden die Amerikaner aus eigenem Interesse zu verhindern wissen. Jede Zuspitzung würde eine Operation gegen den Irak erschweren.
SPIEGEL ONLINE: Wie könnten die Amerikaner den Konflikt entschärfen?
Schwank: Die USA müssen auf beide Seiten mehr Druck ausüben.
SPIEGEL ONLINE: Wie können sie das tun?
Schwank: Sie könnten Israel damit drohen, ihre militärische und finanzielle Unterstützung zu verringern. Die Palästinenser könnten sie in die Pflicht nehmen, indem sie ihnen politische und wirtschaftliche Unterstützung, das heißt einen eigenen Staat, in Aussicht stellen.
SPIEGEL ONLINE: Sind die Besetzung autonomer Städte in der Westbank, Ausgangssperre und die Kappung der Strom- und Wasserzufuhr in den Palästinensergebieten angemessene Mittel Israels, den palästinensischen Terror zu unterbinden?
Schwank: Nein. Diese Maßnahmen machen eine politische Lösung des Konflikts unmöglich. Ariel Scharon will auch gar keine politische Lösung.
SPIEGEL ONLINE: Wird die militärische Option Sicherheit für Israel bringen?
Schwank: Auf dem Weg der Politik der Stärke hat sich Scharon verrannt. Sein Wahlversprechen, Sicherheit zu garantieren, ist so nicht zu erreichen. Die militärischen Aktionen in den Palästinensergebieten provozieren noch mehr Gegengewalt.
SPIEGEL ONLINE: Was müsste auf der anderen Seite Jassir Arafat tun, um den Nahen Osten sicherer zu machen?
Schwank: Es spricht vieles dafür, dass Arafat nicht der unumstrittene Führer der Palästinenser ist. Die palästinensische Seite ist viel zu uneinheitlich, als dass sich auf Ausgleich gerichtete Politik Arafats nach Oslo hätte durchsetzen können. Es ist sehr fraglich, ob Arafat die Macht hat, die Anschläge von Selbstmordattentätern zu verhindern.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Anhaltspunkte, wie groß die Zahl potenzieller Selbstmordattentäter ist?
Schwank: Nach einer Statistik der israelischen Friedensorganisation B'tefelem kamen zwischen 1998 und April 2001 etwa 450 Menschen durch Selbstmordanschläge ums Leben. Allein in den vergangenen vier Wochen kam es bei den Anschlägen zu mehr als hundert Toten. Das zeigt, dass die Bereitschaft für solche Anschläge stark gestiegen ist. Das liegt vor allem daran, dass es keine politischen Bemühungen mehr gibt, zu einer Lösung des Konflikts zu kommen.
SPIEGEL ONLINE: Heißt dies im Umkehrschluss, dass die Selbstmordattentate aufhörten, sobald die Israelis einen palästinensischen Staat anerkennen würden?
Schwank: Die Attentäter sind wohl zu sehr fanatisiert, als dass dies sofort Wirkung zeigen würde. Doch politische Zugeständnisse an die Palästinenser würden den Zulauf zu den extremistischen Gruppen jedoch stark einschränken.
SPIEGEL ONLINE: Was hätte Arafat tun müssen als er noch wesentlich mehr Macht im eigenen Lager hatte, um die Rekrutierung der radikalen Gruppen zu verhindern?
Schwank: Arafat hat in diesem Punkt klar versagt. Er hätte den Ausbruch der zweiten Intifada viel rigoroser bekämpfen müssen. Ein weiterer Fehler war, dass er die Polizeibehörde in den autonomen Gebieten zum Sammelbecken für ehemalige Hamas-, Fatah- und al-Aksa-Kämpfer gemacht hat.
SPIEGEL ONLINE: Welche Konzepte hat die Konfliktforschung anzubieten, um Selbstmordattentate zu verhindern?
Schwank: Die Forschung tappt noch im Dunkeln. Eine erste Vermutung, dass Selbstmordattentäter vor allem aus armen Familien kommen, hat sich nicht halten lassen.
SPIEGEL ONLINE: Die Israelis haben Journalisten rüde daran gehindert, nach Ramallah zu gehen, um von dort zu berichten. In Betlehem haben sie ein Hotel mit Journalisten beschossen. In Tulkarm haben Palästinenser angebliche Kollaborateure gelyncht. Wie deuten Sie das Vorgehen gegen missliebige Personen in den eigenen Reihen?
Schwank: Das sind Zeichen zunehmender Nervosität auf beiden Seiten. Es herrscht die pure Angst.
Das Interview führte Alexander Schwabe
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