Hamburg - Die Ironie der Geschichte nahm um Mitternacht ihren Lauf. Die israelische Armee rückte mit Panzern und Truppen in die Universitätsstadt Birzeit im Westjordanland ein und Sumaya Farhat-Naser saß fest. Die palästinensische Intellektuelle wollte am Donnerstag nach Deutschland fliegen, um kommende Woche in Köln eine Laudatio ausgerechnet auf die Organisation "Rabbis for human rights" zu halten, die mit dem Georg-Fritze-Preis ausgezeichnet werden soll. Außerdem wollte die Professorin, die an der größten palästinensischen Universität in Birzeit lehrt, ihr jüngstes Buch vorstellen, in dem sie die Entwicklung in ihrer Heimat während der vergangenen sieben Jahre schildert.
Das Buch könnte nun um ein Kapitel ergänzt werden. Die Friedensaktivistin steht - wie alle Bewohner Birzeits - unter Hausarrest. Vor ihrem Haus patrouillieren israelische Soldaten, in den Straßen kommt es zu Verhaftungen, die Soldaten durchsuchen Haus um Haus, Explosionen sind zu hören und überall auf den Dächern haben Scharfschützen Stellung bezogen.
Steht in Birzeit bevor, was sich in Nablus und Ramallah abspielt? Farhat-Naser berichtet, was Freunde und Bekannte ihr aus den von Israel besetzten Städten und aus dem Flüchtlingslager bei Dschenin erzählen. Allein in Ramallah, wo Palästinenserpräsident Jassir Arafat in seinem Büro eingeschlossen ist, seien bisher 1200 junge Männer verhaftet worden. Nach Angaben Nasers wurden in den vergangenen zwölf Tagen von der israelischen Armee insgesamt 4000 Gefangene gemacht.
Wenn sich ein junger Mann auf einer Straße in den besetzten Städten zeigt, wird er festgenommen. Farhat-Naser hat von Gefangenen gehört, die in Sammellager in der Westbank gebracht wurden. Dort mussten sie sich ausziehen, wurden geschlagen und verhört, kam ihr zu Ohren. Manchmal lasse man sie wieder frei, mitten in der Nacht, ohne Papiere. So liefen sie Gefahr erneut aufgegriffen und interniert zu werden.
"Wo sind die Toten geblieben?"
Etwa 600 Palästinenser seien seit dem Einmarsch der Israelis in die autonomen Palästinensergebiete ums Leben gekommen, die meisten seien Zivilisten. Am fünften Tag der Belagerung von Nablus hätte die Armee 75 Leichen am Krankenhaus abgeliefert. Tagelang konnten sie wegen der Ausgangssperre nicht geborgen werden. Aus Dschenin, dem Flüchtlingslager im Norden des Westjordanlandes, dringen Berichte durch, wonach Hunderte Menschen getötet worden sein sollen. Über mehrere Tage sei das Lager aus der Luft bombardiert worden, berichtet die Schriftstellerin. Bis zu 500 Menschen sollen verblutet sein. Für sie habe es keine medizinische Versorgung gegeben.
Der arabische Nachrichtensender al-Dschasira berichtet von Vertriebenen, die auf dem Weg aus Dschenin Leichen mit aufgeblähten Bäuchen auf der Straße liegen sahen. "Viele Verblutete liegen unter den Trümmern", sagt Farhat-Naser, "nun sind 20 Bulldozer gekommen und räumen den Schutt weg". Sie walzten alles platt, damit Panzer in das Lager einrücken können. "Die Israelis versuchen, die Spuren des Blutbades zu verwischen", sagt sie, "offenbar rollen sie dabei über Leichen". "Wo sind all die Toten geblieben?", fragt sich Naser. Jetzt transportieren Lastwagen Schutt aus dem zerbombten Lager - Farhat-Naser vermutet, dass sie nicht nur Trümmer wegschaffen.
Kinder kennen ihre Namen nicht mehr
"Es tut weh", sagt Farhat-Naser, "die Welt schaut zu, die Regierungen geben Statements ab, greifen aber nicht ein." Es schmerzt sie, Kinder auf den Straßen von Nablus herumirren zu sehen, Kinder, die derart traumatisiert sind, dass sie die Sprache verloren haben. Sie können nicht mehr sagen, wie sie heißen, sie wissen nicht mehr, wo ihre Familien sind.
Das menschliche Leid, die Zerstörung der Infrastruktur und die Zerstörung alter Kulturgüter haben Farhat-Naser zutiefst verletzt. In der Altstadt von Nablus - vergleichbar mit der Jerusalems - brennen zwei Moscheen, sagt sie. Die alten Seifenfabriken "Kanaan" und "Rantisi" mit ihren wunderschönen Bögen haben seit dem Mittelalter überlebt - nun sind sie zerstört worden.
Die Zertrümmerung von Kulturerbe spiegelt für Fahrat-Naser die innere Zerstörung der palästinensischen Gesellschaft wider: Vor drei Jahren, sagt sie, waren vielleicht 30 bis 40 junge Palästinenser bereit, sich in die Luft zu sprengen, um Israelis in den Tod zu reißen. Vor einem Jahr waren es schon zwei- bis dreihundert. "Morgen werden es Tausende sein." Fahrat-Naser lehnt diese Art des Märtyrertums ab. "Es ist Mord", sagt sie und fügt hinzu: "Die Selbstmordattentate sind unser Untergang", nicht nur wegen der israelischen Reaktion, sondern "weil sie zeigen, dass unsere Jugend in der eigenen Gesellschaft keine Zukunft mehr sieht."
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