"Dies ist eine schlechte Zeit, um Franzose zu sein. Die französischen Wähler dürften ihre EU-Partner gehörig verschreckt haben. Denn die Wahl "inakzeptabler" Parteien auf nationaler Ebene ist jetzt eine europäische Angelegenheit geworden. Man erinnere sich: Frankreich führte die EU bei der Forderung nach Sanktionen gegen Österreich an, als dort Jörg Haider, wie gestern Le Pen, bei einer Wahl Zweiter wurde. Wenn das Ergebnis der gestrigen Wahlnacht irgendetwas Positives hat, dann, dass in all dem eine schöne Ironie steckt."
"Maariv", Tel Aviv:
"Wie tief kann das Land von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit noch sinken? Das 'Mutterland der Menschenrechte' sollte künftig etwas zurückhaltender sein, wenn es anderen Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft Moral predigt. Die Führer der französischen Linken, die noch vor zwei Wochen mit Schildern
demonstrierten, auf denen der Davidsstern dem Hakenkreuz und Scharon mit Hitler gleichgesetzt wurden, werden jetzt ihre Augen öffnen müssen. Das Hakenkreuz ist offenbar näher an ihrem eigenen Heim, als sie glauben wollten."
"La Repubblica", Rom:
"In das abgelenkte Frankreich, leicht gelangweilt von einer für überflüssig und wenig attraktiv gehaltenen Wahl (...) hat ein Blitz eingeschlagen. Ein Blitz, der das politische Bild des Landes verändert hat. Le Pen hat den sozialistischen Premier überholt, der bis vor ein paar Wochen wegen der guten Ergebnisse seiner Regierung,
seiner persönlichen Fähigkeiten und Integrität für das höchste Amt im Staat bestimmt schien. Der Blitz hat Europa nicht verschont, das jetzt überrascht und perplex auf Frankreich blickt, eines seiner führenden Länder, das zur Arena einer Konfrontation zwischen Mitte-Rechts und extremer Rechten geworden ist. Jacques Chirac, der Präsident, der im Abwärtstrend schien, ist plötzlich der unanfechtbare Meister der respektablen Demokratie geworden, gegenüber dem Meister des Chauvinismus."
"El Mundo", Madrid:
"Frankreich zeigt schon seit langem Symptome von Erschöpfung und Demoralisierung. Auf alle neuen Erscheinungen wie die Liberalisierung, die Einigung Europas oder die Globalisierung reagierten die Franzosen mit Angst und Verunsicherung. Der Einzug des Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen in die zweite Runde der
Präsidentenwahl bedeutet für Europa einen noch schwereren Schlag als die Erfolge eines Jörg Haider oder eines Umberto Bossi. Nach dieser Katastrophen-Wahl braucht Frankreich eine nationale Katharsis. Wenn die demokratischen Parteien sich nicht auf die eigentlichen Prioritäten eines modernen und freien Europa besinnen,
wird Frankreich zu einer Schande für die Demokratie."
"Dagens Nyheter", Stockholm:
"Nach der ersten Wahlrunde sind nicht nur viele Franzosen mit einem gewaltigen Kater aufgewacht. In ganz Europa haben Politiker von Links- und Rechtsparteien allen Grund, verunsichert zu sein. Die Wähler sind in Kampfstimmung ihnen gegenüber. In Italien setzen sie auf eine einzigartige Machtkonzentration in Gestalt von Silvio Berlusconi. Die Dänen gaben der Dänischen Volkspartei entscheidenden Einfluss. Die Franzosen haben die äußerste Rechte mit Jean-Mari Le Pen nach vorn gebracht. Die Niederländer sind dabei, auf einen Populisten mit fremdenfeindlichen Profil zu setzen. Können wir Schweden da die glückliche Ausnahme sein?"
"De Volkskrant", Den Haag:
"Ein Schock - so muss das Resultat der ersten Runde bei der Präsidentenwahl in Frankreich genannt werden. Zum ersten Mal wird in einem großen westeuropäischen Land die extreme Rechte zweitstärkste Kraft. (...) Es zeigt sich erneut, dass die Wähler in den westeuropäischen Ländern in rebellischer Stimmung sind. Das Empfinden der Unsicherheit und die Abkehr vom politischen Establishment spielen dabei eine wichtige Rolle. (...) Das Ergebnis macht deutlich, dass die etablierten politischen Parteien in Europa aufpassen müssen. Sie
müssen Antworten finden auf die Gefühle der Unsicherheit, auf die Probleme der multikulturellen Gesellschaft und auf das Empfinden, dass die großen Parteien die Sprache der Wähler nicht mehr sprechen."
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