Washington/London - Premierminister Tony Blair habe die Lage vor dem Kabinett am Vortag als "äußerst schwerwiegend" eingeschätzt, berichtet die "Times". Das Militär sei angewiesen worden, einen Plan für die Notevakuierung britischer Staatsbürger aus Indien und Pakistan vorzubereiten, schrieb die Zeitung. Blair habe mit US-Präsident George W. Bush und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonisch die Krise besprochen.
Militärstrategen erstellten bereits Pläne, wie man auf eine solche Auseinandersetzung zwischen den beiden Atommächten reagieren könne, die das Militär derzeit als eine "reale Möglichkeit" einstufe. Außerdem würden Evakuierungspläne für britische Staatsbürger in Indien und Pakistan entworfen.
Die Europäische Kommission bemüht sich indes um eine Entschärfung des indisch-pakistanischen Konflikts um Kaschmir. Außenkommissar Chris Patten konferierte am Freitag in Neu Delhi mit Außenminister Jaswant Singh und Sicherheitsberater Brajesh Mishra über die Lage. Zuvor hatte Patten am Donnerstag in Islamabad mit der pakistanischen Führung gesprochen. In einem BBC-Interview sagte Patten, das Verhältnis der beiden Nuklearstaaten stehe "auf Messers Schneide". Es müsse etwas passieren, um die Infiltration nach Indisch-Kaschmir zu verringern.
Vajpayee: Indiens Geduld am Ende
Ungeachtet der Spannungen hat der indische Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee am Freitag einen Urlaub angetreten. Nach einem dreitägigen Kaschmir-Besuch reiste er in den Erholungsort Manali in den Bergen des nordindischen Bundesstaates Himachal Pradesh. Allerdings werde es nur ein "Arbeitsurlaub" sein, und der Regierungschef werde schon am Mittwoch kommender Woche in Delhi zurückerwartet, verlautete von amtlicher Seite. Der Fernsehsender Star News meldete, Vajpayee habe vor der Abreise an US-Präsident George Bush geschrieben, dass Indiens Geduld zu Ende gehe.
Annan rief Indien und Pakistan im Kaschmir-Konflikt zur Mäßigung auf. Er sagte am Donnerstag in New York, die beiden Staaten sollten "Logik und die Sprache des Friedens" nutzen, um die Spannungen zu lösen, anstatt auf einen Krieg zuzusteuern. Annan bot an, in dem Konflikt zu vermitteln. Bislang ist nur Pakistan bereit, den Uno-Generalsekretär als Vermittler zu akzeptieren.
Der pakistanische Außenminister Abdul Sattar hatte in Briefen an Annan und den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen darum gebeten, dass die Uno und die internationale Gemeinschaft ihre guten Beziehungen zu Indien einsetzen sollten, um die Spannungen zwischen den beiden Atommächten zu reduzieren, den Frieden zu bewahren und Gespräche zu ermöglichen. Uno-Sprecher Fred Eckhard sagte, der Generalsekretär werde eine solche Mission jedoch nur übernehmen, wenn er von beiden Seiten darum gebeten werde.
Powell: Militäraktionen sind die falsche Antwort
Auch die USA verstärken ihre Vermittlungsbemühungen. US-Außenminister Colin Powell telefonierte während seiner Europareise mit Präsident George W. Bush am Donnerstag zweimal mit dem pakistanischen Machthaber Pervez Musharraf. Powell wollte nach Angaben von Außenamtssprecher Philip Reeker auch noch mit indischen Regierungsvertretern sprechen. Reeker machte keine Angaben über den Inhalt von Powells Gesprächen, wiederholte aber an beide Seiten seinen Appell zur Zurückhaltung.
Die USA hätten Verständnis für Indiens Empörung über die anhaltenden terroristischen Übergriffe, aber militärische Aktionen seien nicht die Antwort, erklärte Reeker. Sie würden in dieser Krise nur noch größere Probleme schaffen. Wichtig sei jetzt, dass das Eindringen radikaler Pakistaner nach Kaschmir ende. Nach US-Informationen sind von den 2000 im Januar während der letzten Krise in Pakistan inhaftierten Radikalen nur noch 800 in Haft. Indien wirft Pakistan vor, dass diese freigelassenen Radikalen inzwischen wieder in Kaschmir eingedrungen sind und dort Terroranschläge verüben.
Heftige Schusswechsel
Delhi und Islamabad verstärkten weiter ihre militärische Präsenz in der Krisenregion. Auch am Donnerstag lieferten sich Indien und Pakistan heftige Schusswechsel entlang der Trennungslinie zwischen beiden Teilen Kaschmirs. Insgesamt stehen sich dort rund eine Million Soldaten gegenüber. Pakistan kündigte an, Streitkräfte, die bislang im Rahmen der von den USA geführten Anti-Terror-Koalition an der Grenze zu Afghanistan stationiert waren, würden an die Ostgrenze verlegt. Auch Soldaten aus Sierra Leone würden abgezogen, um sie an der Grenze zu Indien zu stationieren, teilte das Informationsministerium in Islamabad mit. Indien hatte am Mittwoch fünf Kriegsschiffe in die Nähe der pakistanischen Küste beordert.
Einem Zeitungsbericht zufolge stellte Indien Pakistan ein zweimonatiges Ultimatum, den "grenzüberschreitenden Terrorismus" einzudämmen. Dann werde Indien über eine Militäraktion gegen sein Nachbarland entscheiden, berichtete die "Hindustan Times" am Freitag.
Einen entsprechenden Entschluss habe Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee in Gesprächen mit Sicherheitsberatern gefasst. Unter Berufung auf nicht genannte Quellen berichtete das Blatt, die Entscheidung, einen Krieg gegen Pakistan zu beginnen, hänge von dessen Verhalten in den kommenden zwei Monaten ab.
Vajpayee warf Pakistan erneut vor, mittels islamischer Rebellen im hauptsächlich von Muslimen bewohnten indischen Bundesstaat Kaschmir und Jammu einen Stellvertreterkrieg geführt zu haben. Einen umfassenden Krieg wollte er nicht mehr ausschließen. Vajpayee bezichtigte Pakistan, nicht gegen den Terrorismus vorzugehen, sondern ihn zu unterstützen. "Versprechen, die gemacht wurden, sind nicht eingehalten worden." Gespräche mit Pakistan über die Kaschmir-Krise schloss Vajpayee deshalb aus.
Zuvor hatte der Ministerpräsident bei einem Treffen mit hochrangigen Militärs im kaschmirischen Srinagar eine Strategie verabschiedet, um das Einsickern islamischer Rebellen in den indischen Teil von Kaschmir zu verhindern. Zudem kündigte Vajpayee für Kaschmir und Jammu ein wirtschaftliches Hilfspaket mit einem Volumen von 61 Millionen Rupien (1,4 Millionen Euro) an.
Pakistan rechnet inländischen Medienberichten zufolge in seinem Teil Kaschmirs mit indischen Luftangriffen, die durch eine begrenzte Bodenoffensive unterstützt werden könnten. Militärs sagten, seit Beginn der Grenzgefechte vor sechs Tagen seien fünf Soldaten und 20 Zivilisten durch indischen Beschuss getötet worden. Musharraf warnte Indien, auch ein begrenzter indischer Angriff könne eskalieren.
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