Von Steven Geyer, Washington
Washington - Eigentlich ist Mark nur für die Begrüßung und das Türaufhalten zuständig. Aber sein Job bringt viel mehr: Seit er vor 16 Jahren erstmals die weiße Hotel-Uniform anzog, trifft er nicht nur immer wieder auf die Großen aus Pop und Politik wie Uno-Chef Kofi Annan, den damaligen Kanzler Helmut Kohl oder die Backstreet Boys. Zugleich ist er ein gesuchter Touristenführer: "Fast von jedem Gast werde ich gefragt, wo sich die Geschichte abgespielt hat", sagt er. Und die kann immer wieder erzählt werden. Denn Mark arbeitet nicht in irgendeinem Fünf-Sterne-Hotel in Washington, er arbeitet in dem mit dem berühmtesten Namen: Watergate.
Nicht nur in Amerika ist das ein Name wie ein Paukenschlag. Watergate steht für die Mutter aller Skandale, das Üble in der Politik und für die Lügen der Mächtigen - aber auch für die Hartnäckigkeit zweier Journalisten und ihrer Zeitung.
Am 17. Juni 1972, mitten im Präsidentschafts-Wahlkampf um die Wiederwahl Richard Nixons, werden fünf Männer beim Einbruch ins Wahlkampfbüro der Demokratischen Partei im Watergate-Komplex erwischt. "Einen drittklassigen Einbruch", nennt Nixon den Vorfall - bis sich später herausstellt, dass er von der "Klempner-Truppe" begangen wurde, die Nixon persönlich einige Monate vorher für zwielichtige Aktionen angeheuert hatte. In jener Nacht vor dreißig Jahren sollten sie Wanzen in den Räumen der Opposition verstecken und alles aufstöbern, was für Nixons Wiederwahl im November 1972 hilfreich sein konnte.
Die Tageszeitung "Washington Post" berichtet zuerst nur über den simplen Einbruch, bemerkt aber schnell verdächtige Details - etwa, dass einer der Festgenommenen ein Ex-CIA-Agent ist. Das Blatt setzt seine Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein, damals Nachwuchsreporter Ende 20, auf die Story an - ohne zu ahnen, dass sie eine Geschichte aufdecken würden, die zwei Jahre später Präsident Richard Nixon als ersten und bisher einzigen US-Präsidenten zum Rücktritt zwingen würde.
Die letzten Geheimnisse sollen gelüftet werden
Mehr noch: Die Watergate-Affäre erschütterte nachhaltig das Vertrauen des amerikanischen Volkes in die Regierung und hat bis heute das Präsidenten-Amt und die politische Kultur der USA geprägt, wo seither zu viel Regierungsmacht ("big government") skeptisch gesehen wird. Gleichzeitig müssen sich seitdem, wie der amerikanische "National Press Club" es ausdrückt, "alle Enthüllungs-Geschichten im Journalismus daran messen lassen". Für ihre Aufdeckungsarbeit gewannen Woodward und Bernstein 1977 den begehrten Pulitzerpreis.
Pünktlich zum 30. Jahrestag ist der Skandal nun heißer denn je. Gleich an mehreren Fronten spüren Autoren und Techniker bislang unbekannten Details des folgenreichsten Polit-Skandals der US-Geschichte nach.
So will etwa der einstige Nixon-Rechtsberater John Dean in einem Buch das letzte Geheimnis der "Washington Post" lüften: Wer war die berühmte geheime Quelle aus dem nächsten Umfeld des Präsidenten, der wichtigste Hinweisgeber, den die "Post" - nach dem Titel eines berüchtigten Pornofilms - "Deep Throat" nannte? Wie heißt dieser Zeuge, dessen Anonymität die Reporter bewahren wollen, bis er stirbt, und dessen legendärer Hinweis "Follow the money!" durch die Oskar-prämierte Verfilmung des Skandals ("Die Unbestechlichen" mit Robert Redford und Dustin Hoffman) ein geflügeltes Wort im Investigativ-Journalismus wurde?
Diese Fragen, so wirbt Dean seit einigen Wochen, werden in seinem "Unmasking Deep Throat" beantwortet. Dean selbst beendete im März 1973 mit einer Aussage über seine Watergate-Verwicklung Nixons Vertuschungs-Aktionen, wurde deshalb vom ihm zum Sündenbock gemacht und saß für sechs Monate im Knast. Auch er weiß allerdings nicht wirklich, wer "die unglaublichste Quelle aller Zeiten" ist. Seine Liste der Hauptverdächtigen erklärt er am Ende seines Buches: den konservativen Kommentator Pat Buchanan, damals Redenschreiber im Weißen Haus, Nixons damaligen Pressesprecher Ron Ziegler sowie die drei hochrangigen Assistenten Steve Bull, Raymond Price und Jerry Warren. Beim Online-Magazin "Salon.com" steht das e-Book für acht Dollar zum Download bereit.
Was wollte Nixon aus der Welt schaffen?
Neue Watergate-Schlagzeilen liefern in dieser Woche auch eine Handvoll amerikanischer Technik-Experten. Sie tüfteln an einer Möglichkeit, gelöschte Tonband-Aufnahmen wieder hörbar zu machen. Damit hofft die öffentliche "National Archives and Records Administration", das letzte Geheimnis von Richard Nixon zu lüften, das er, 81-jährig, vor acht Jahren mit ins Grab nahm. Es handelt sich um das Band, auf dem mitgeschnitten war, was Nixon am 20. Juni mit seinem Büroleiter H.R. Haldeman über den Einbruch in die Watergate-Büros besprach.
Achtzehneinhalb Minuten fehlen von dem Gespräch, eindeutig durch absichtliches Löschen (die Aufnahmetaste wurde fünf- bis neunmal gedrückt).
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