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09.07.2002
 

Interview mit irakischem Oppositionsführer

"Tausende wollen kämpfen"

Wie weit sind die Angriffspläne der USA gegen den Irak gediehen? Der 57-jährige irakische Bankier Ahmed Chalabi ist Präsident des oppositionellen Irakischen Nationalkongresses (INC) in London. Im SPIEGEL-ONLINE-Gespräch ruft er zum militärischen Handeln gegen Saddam Hussein auf und zu Hilfsleistungen aus Europa beim anschließenden Aufbau der Demokratie.

  Ahmed Chalabi , Vorsitzender des Irakischen Nationalkongresses (INC). Der langjährige Gegner Saddam Husseins wurde in Bagdad geboren und ausgebildet in den USA. Nach einer Karriere als Banker und Geschäftsmann gründete er 1992 den INC als Plattform der irakischen Opposition. Zwischen 1992 und 1996 lebte er selbst im Nordirak, um oppositionelle Strukturen aufzubauen. SPIEGEL ONLINE sprach mit Chalabi auf einer Terrorismus-Tagung des amerikanischen Aspen-Instituts in Berlin.
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SPIEGEL ONLINE

Ahmed Chalabi, Vorsitzender des Irakischen Nationalkongresses (INC). Der langjährige Gegner Saddam Husseins wurde in Bagdad geboren und ausgebildet in den USA. Nach einer Karriere als Banker und Geschäftsmann gründete er 1992 den INC als Plattform der irakischen Opposition. Zwischen 1992 und 1996 lebte er selbst im Nordirak, um oppositionelle Strukturen aufzubauen. SPIEGEL ONLINE sprach mit Chalabi auf einer Terrorismus-Tagung des amerikanischen Aspen-Instituts in Berlin.

SPIEGEL ONLINE:

US-Präsident George W. Bush hat bekräftigt, der Sturz Saddam Husseins sei eins der Ziele in seiner Amtszeit. Ende vergangener Woche wurde in der "New York Times" aus einem Strategieplan zitiert, wie der Irak von drei Seiten angegriffen werden soll, mit umfangreichen Bodentruppen und aus der Luft. Wie seriös ist dieser Plan?

Ahmed Chalabi: Es ist ein Handlungsmodell, dem aber weder die militärische noch politische Führung bislang zugestimmt haben, es ist eine Ausarbeitung von Offizieren.

SPIEGEL ONLINE: Dort ist von 200.000 bis 300.000 Soldaten die Rede, die eingesetzt werden müssten. Das deutet auf ein hohes militärisches Risiko hin.

Chalabi: Die Risiken, Saddam nicht anzugreifen sind größer als das Risiko, es zu tun. Dieser Diktator hat bereits eine halbe Million Menschen auf dem Gewissen. Je mehr Soldaten eingesetzt werden, um so schneller ist Saddam natürlich zu besiegen. Das weiß auch US-Präsident Bush.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Arbeit sollen denn US-Soldaten übernehmen, wie stark sind die eigenen Truppen der irakischen Opposition?

Chalabi: Das müssen die Amerikaner entscheiden. Aber die irakischen Oppositionskräfte können eine ganze Menge für die Befreiung ihres Landes leisten. Sie werden vor allem den Kampf in den Städten führen, während die Amerikaner die schweren Waffen von Saddams Armee ausschalten, seine Panzer und Artillerie. Viel wird aber auch durch die Teile der Armee erfolgen, die in Opposition zu Saddam stehen.

SPIEGEL ONLINE: Stehen Iraks Opposition denn Waffen zur Verfügung?

Chalabi: Es gibt Tausende, die in der Lage wären, jetzt schon zu kämpfen. Aber sie brauchen Unterstützung und Training.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn ihr Ziel? Saddam zu töten? Und wie viele neue Saddams stehen dann bereit, um ihn zu ersetzen?

Chalabi: Ich würde bevorzugen, ihn gefangen zu nehmen und vor Gericht zu stellen. Denn seine Verbrechen müssen aufgeklärt und öffentlich werden. Ansonsten haben wir genau zwölf seiner Gefolgsleute ausgemacht, denen ebenfalls der Prozess gemacht werden soll, und eine weitere kleine Gruppe, deren Handeln untersucht werden muss. Es stehen also keine Massenverhaftungen bevor.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll denn Hussein ersetzen? Gibt es einen Hamid Karzai für Afghanistan?

Chalabi: Hamid Karzai war nahezu unbekannt, bis er auf der Konferenz auf dem Bonner Petersberg gewählt worden ist. Im Irak ist es aber falsch, nach einem Karzai Ausschau zu halten. Was wir dort brauchen, ist eine Koalitionsregierung, die das Land in eine Demokratie umwandelt mit einer föderalen Struktur, um allen Volksgruppen gerecht zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber wird sich ein Volk, das sehr fixiert auf eine Person ausgerichtet war, nicht wieder auf eine Person hin orientieren wollen?

Chalabi: Meinen Sie? Spanien war lange Zeit auf den Diktator General Franco fixiert. Aber dann gab es einen sehr schnellen und problemlosen Übergang zur Demokratie. Weil die Menschen sich danach gesehnt haben. Außerdem konnte Spanien von den Demokratie-Erfahrungen andere Länder profitieren, so wie das auch die Mehrheit des irakischen Volks will. Auch dort sehnen sich die Menschen nicht mehr nach einem Diktator, sondern nach Mitbestimmung und einem Leben ohne Angst. Aber dafür brauchen wir Hilfe, auch die der Europäer und Deutschlands.

SPIEGEL ONLINE: Dort dürfte es aber schwer für Sie werden, militärische Unterstützung zu gewinnen.

Wird im Winter angegriffen? Militärexperten halten diesen Zeitpunkt für wahrscheinlich. Es gibt weniger Sandstürme, die Helikopter beeinträchtigen können, und in den Schutzanzügen gegen Chemiewaffen wird es den Soldaten nicht zu heiß.
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DPA

Wird im Winter angegriffen? Militärexperten halten diesen Zeitpunkt für wahrscheinlich. Es gibt weniger Sandstürme, die Helikopter beeinträchtigen können, und in den Schutzanzügen gegen Chemiewaffen wird es den Soldaten nicht zu heiß.

Chalabi: Das wissen wir, aber wir brauchen aus Europa auch etwas anderes: Hilfe für unseren Neuanfang und Hilfe zur Demokratisierung. Also Unterstützung beim Aufbau von demokratischen Institutionen, von Rechtsstaatlichkeit, Verwaltung, Bildungssystem, der Wirtschaft und des Finanzsystems. Um solche Schulungen und Hilfsleistungen bitten wir. Vor allem Deutschland hat die Erfahrung aus zwei überwundenen Diktaturen einzubringen, das wäre für uns sehr wertvoll. Denn Entnazifizierung brauchen wir ebenfalls. Nur unsere NSDAP heißt Baath-Partei.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn Verbindungen zur deutschen Regierung?

Chalabi: Die Spitze des Irakischen Nationalkongresses hat Ende Juli erstmals einen Termin im deutschen Außenministerium. Das ist ein großer Fortschritt und eine große Hoffung für uns. Ich habe den Eindruck, die Europäer wollen viel für unsere Menschen tun. Sie können unsere Entwicklung zu einer Zivilgesellschaft sehr beschleunigen, sofern der erste Schritt, der Militärschlag, gelingt. Aber daran habe ich keine Zweifel.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie damit, dass Saddam Hussein plötzlich doch Waffeninspektoren in das Land lässt oder andere Zugeständnisse macht, um einen Angriff zu verhindern?

Chalabi: Aber diesen Film kennen wir doch schon alle. Natürlich wird der Wolf Kreide fressen, aber er bleibt ein Wolf.

SPIEGEL ONLINE: Ist zu befürchten, dass es zu zahlreichen terroristischen Anschlägen kommt, sollten die USA und möglicherweise andere Länder Irak angreifen?

Chalabi: Terrorismus ist kein Resultat von Militäraktionen. Terrorismus gibt es so oder so und militärisch ist er sogar einzudämmen. Schauen Sie nach Afghanistan. Trotz des schrecklichen Anschlags auf Minister Kadir - es gibt sehr viel weniger Anschläge als alle Beteiligten befürchtet hatten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Ihres Wissens nach Kontakte der al-Qaida zu Saddam Hussein?

Chalabi: Das haben uns Überläufer glaubwürdig versichert. Es gab Finanzhilfen und Ausbildung für al-Qaida-Kämpfer. In Salman Pak, einem Ausbildungscamp 30 Kilometer südlich von Bagdad, wurden sogar Übungen durchgeführt, wie Flugzeuge ohne Waffeneinsatz gekapert werden können. Dieses Lager existiert bis heute, und auf Satellitenbildern haben wir auch das zugehörige Übungsflugzeug entdeckt.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass aus dem 11. September alle Lehren gezogen worden sind?

Ahmed Chalabi: Machtspieler, Propagandist oder Idealist? "Meine Aufgabe ist erfüllt, wenn Saddam Hussein nicht mehr an der Macht ist"
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REUTERS

Ahmed Chalabi: Machtspieler, Propagandist oder Idealist? "Meine Aufgabe ist erfüllt, wenn Saddam Hussein nicht mehr an der Macht ist"

Chalabi: Noch längst nicht. Schon die Finanzierung der al-Qaida ist undurchschaubar geblieben. Und kaum jemand hat intensiv in Saudi-Arabien recherchiert, denn von dort stammten nicht wenige der Todespiloten. Und über Finanzstränge aus Saudi-Arabien werden viele islamische Zentren in Europa finanziert - wie ein Netzwerk des Fundamentalismus. Sie werden mit fundamentalistischen Geistlichen versorgt und entwickeln sich so zu einem Nährboden für Extremismus, dem leicht Terrorismus folgen kann. Die muslimischen Gemeinden in Europa sind zu arm, um sich selbst zu finanzieren. Deshalb wären europäische Regierungen gut beraten, solche Gemeinden zu unterstützen, damit dort auch aufgeklärte Geistliche tätig werden können, die Integration, friedliches Zusammenleben und ein neues, offenes Gesicht für den Islam lehren können.

SPIEGEL ONLINE: Was planen Sie persönlich für sich nach einem Machtwechsel im Irak? Streben Sie das Amt eines Präsidenten oder Ministers an?

Chalabi: Meine Aufgabe ist erfüllt, wenn Saddam Hussein nicht mehr an der Macht ist.

SPIEGEL ONLINE: Wann sollte oder wird der Militärschlag beginnen? Präsident Bush sagt, dass ein Einsatzplan noch nicht auf seinem Schreibtisch liegt. Aber auf anderen?

Chalabi: Ob Ende dieses Jahres oder Anfang des nächsten, das ist alles noch Spekulation, weil politisch und militärisch noch eine Reihe von Fragen zu klären sind. Aber es befinden sich bereits mehrere zehntausend US-Soldaten in Kuweit, deren Zahl nach unserem Wissen schon seit einer Weile kontinuierlich aufgestockt wird.

Das Gespräch führte Holger Kulick

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