In Deutschland mehren sich skeptische Stimmen über den Ausgang des Johannesburg-Gipfels. Welche Erwartungen hat Südafrika?
Sibusiso Bengu: Einerseits bin ich optimistisch. Südafrika hat den großen Ehrgeiz, als Brückenbauer tätig zu sein, um das Auseinanderdriften der Interessengruppen zu vermeiden. Denn verhandelt wird um die Zukunft von uns allen.
Ich habe aber schon in Rio das Scheitern eines Gipfels erlebt, ich will nicht, dass sich das wiederholt. Aber ein Fehlschlag ist auch diesmal nicht ausgeschlossen. Schon damals wurde von vielen Ländern nicht begriffen, dass es darum geht, Umwelt- und Entwicklungspolitik gleichberechtigt miteinander zu kombinieren. Dieses Risiko ist auch heute groß: Afrikas Bedürfnisse werden in der Regel nur mit Entwicklungspolitik gleichgesetzt, und die reicheren Staaten legen ihr Schwergewicht auf Umweltpolitik. Dabei ist beides der Schlüssel füreinander - in Kombination. Die Haltung Deutschlands kommt unseren Vorstellungen dabei sehr nah.
SPIEGEL ONLINE: Dann muss es Sie erleichtert haben, dass Bundeskanzler Schröder nun doch nach Johannesburg fährt.
Bengu: Ich war sehr besorgt, dass er im Wahlkampf keine Zeit dafür findet, und wir haben deshalb häufig nachgefragt. Dass er nun doch reist, halte ich für sehr weise, denn Deutschlands Einfluss auf einen Gipfelerfolg ist sehr stark. Die größte Hürde sehe ich dagegen in Amerika. Allerdings mit einem Hoffnungsschimmer.
SPIEGEL ONLINE: Der wäre?
Familienfoto beim G-8-Gipfel in Kananaskis (Kanada), erstmals mit zwei afrikanischen Präsidenten (Mbeki aus Südafrika und Obasanjo aus Nigeria). Dazu Bengu: "Mehrere arme afrikanische Staaten hat der letzte G-8 Gipfel in Kanada sehr unzufrieden gelassen, weil nicht genügend gegen Armut und für Gleichberechtigung in Gang gesetzt wurde. Aber Uno-Generalsekretär Annan hat damals den erstmals beteiligten afrikanischen Staatschefs versprochen: Johannesburg setzt diese Debatte fort."
SPIEGEL ONLINE: Zum Auftakt haben die USA überraschend angekündigt, zusätzlich 2,8 Milliarden Dollar zur Bekämpfung von Armut und Aids in Afrika zur Verfügung zu stellen. Ein gutes Zeichen?
Bengu: Sicherlich. Aber es muss auf dem Gipfel um mehr gehen. Wenn sich der Norden auf Geldtransfers beschränken sollte, gibt das nicht genügend Vorwärtsgang. Sicherlich müssen noch viele Ungerechtigkeiten ausgeglichen werden, aber nicht nur mittels Geld. Im lokalen Bereich geht es um die Stärkung des Prinzips Hilfe zur Selbsthilfe. Und im globalen Bereich gilt der Appell Bundeskanzler Schröders: Öffnet die Märkte! Die Produkte des Südens müssen endlich auch im Norden Fuß fassen können. Bislang gibt es eine solche Marktöffnung nur in der EU für eine Auswahl Produkte aus den ärmsten Ländern. Dies muss jetzt weiterentwickelt werden, damit ein wirklicher gemeinsamer Markt mit nachhaltigen Perspektiven entsteht, also für heute, morgen und übermorgen.
SPIEGEL ONLINE: Armut, Hunger, Aids, Energiefragen und Wasserknappheit sind einige der wichtigen Gipfelthemen, die Afrika auf den Nägeln brennen, um gemeinsam mit dem Norden gelöst zu werden. Welche Leistungen muss Afrika selbst erbringen?
Bengu: Der Punkt "Good Governance" ist ein eigener großer Anspruch geworden. Weil die Einsicht gewachsen ist, dass demokratische Regierungen mit transparenten Entscheidungen viel stärker Armut beseitigen können. Denn undemokratische und korrupte Regierungen haben oft viel mit dem Verursachen oder Beschleunigen dieser Armut zu tun. Afrikas Bürger haben gelernt: Eine Regierung, die unterdrückt, arbeitet gegen ihr Volk und sich selbst.
SPIEGEL ONLINE: Ist Südafrikas Nachbarland Simbabwe dafür zum Paradebeispiel geworden?
Bengu: Die Ent-Demokratisierung Simbabwes, von der Sie sprechen, macht uns alle ratlos. Südafrika und Nigeria haben vielfältigst versucht, auf Simbabwes Staatsführung einzuwirken, ohne Erfolg. Denn was soll man tun, wenn eine Regierung sich rationalen Argumenten versperrt? Noch fehlt dem sich allmählich einigenden Afrika eine Struktur, um intensiver Einfluss zu nehmen. So weit sind wir leider noch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Wie intensiv wird der Gipfel denn in Ihrem Land wahrgenommen?
Bengu: Er regiert unsere Schlagzeilen viel mehr als hier. Für die Menschen auf unserem Kontinent ist Johannesburg ein Gipfel der Hoffnung. Im Norden wird er aber schon im Vorfeld von vielen als Gipfel der Hoffnungslosigkeit abgeschrieben und findet deshalb weniger Aufmerksamkeit. Aber ich bin sicher, mit anderen Einsichten ändert sich das alles schon in wenigen Tagen.
SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie selber am Gipfel teil?
Bengu: Ursprünglich war das vorgesehen. Aber unsere Regierung hat plötzlich angewiesen, dass viele Delegierte verzichten sollen, weil die Teilnehmerzahl alle Dimensionen sprengt. Dabei wollte ich gar nicht in Sälen sitzen und langatmigen Reden lauschen, sondern in den Korridoren beim Aushandeln von Kompromissen helfen - weil ich viele der Ansprechpartner aus Regierungen und NGOs bereits kenne. Ich würde gerne einer der vielen Brückenbauer sein, die der Gipfel nötig hat.
SPIEGEL ONLINE: Sie waren unter Nelson Mandela für Bildung zuständig. Wäre das auf dem Gipfel Ihr Fachbereich?
Bengu: Bildung ist untrennbar mit den Bereichen Umwelt und Entwicklung verknüpft und scheint glücklicherweise als Thema nicht umstritten zu sein. Aber es gibt auf sehr vielen Ebenen noch die Möglichkeit, mit "kleinen Gipfeln" viele Fortschritte zu erzielen. Ein Beispiel: Schulpartnerschaften und Schüleraustausch zwischen unseren Ländern gibt es bislang nur vereinzelt. Warum werden solche Gemeinschaftsprojekte nicht konsequenter betrieben? Auch das macht Zukunft aus.
Das Gespräch führte Holger Kulick
Hinweis: SPIEGEL ONLINE berichtet ab heute täglich vom Gipfel aus Johannesburg.
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