Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



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28.08.2002
 

Der Kampf ums kaspische Öl (2)

Wem gehört das Kaspische Meer?

Von Lutz C. Kleveman, Turkmenbaschi

Kampfjets fliegen Einsätze gegen Forschungsschiffe, Regierungen streiten über die Frage, ob ein Meer ein See sein kann, und die Anrainerstaaten sperren ihre Häfen für die Schiffe der Nachbarn. Der Streit um die Claims am Grund des Kaspischen Meers treibt skurrile Blüten und birgt riskante Konflikte.

Öl-Förderung bei Baku: "Szenario für den Dritten Weltkrieg"
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Öl-Förderung bei Baku: "Szenario für den Dritten Weltkrieg"

Pechschwarzer Qualm quillt aus den zwei Schornsteinen der "Professor Gül", als der Kapitän die Maschinen hochfahren lässt. Mit fast einer Woche Verspätung startet der alte Dampfer aus dem Hafen von Baku, denn die Stadt hatte der persischen Bedeutung ihres Namens ("windige Stadt") alle Ehre gemacht: Drei Tage lang fegte ein Sturm übers Meer und zwang alle Schiffe in den Hafen. Der rostige Pott, gut 150 Meter lang, nimmt eigentlich nur Lkw und Bahnwaggons in seinem Bauch auf, aber mit knapp 50 Dollar ist man als ausländischer Passagier dabei. Dafür gibt es zwar nur einen zerschlissenen Sessel, doch gegen eine nette, raschelnde Geste weist die dicke Babuschka auf dem Oberdeck dem Passagier auch eine Kabine zu. Auf dem langen Gang ist es still, sehr still - für die Schiffspassage gibt es nur wenige Kunden.

Die Route von Baku bis in die turkmenische Hafenstadt Turkmenbaschi führt dicht an den meisten Bohrinseln der internationalen Petroleumkonzerne vorbei, die entlang einer Kette von kaspischen Öl- und Gasfeldern liegen. Noch immer weiß niemand sicher, welchem Staat dieser Reichtum zusteht. Bis heute haben sich die fünf kaspischen Anrainerstaaten - Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Iran und Aserbaidschan - nicht auf eine territoriale Aufteilung des Gewässers einigen können. Aserbaidschan liegt gleichzeitig mit Turkmenistan und mit Iran in einem erbitterten Grenzstreit, der einmal bereits fast in einen bewaffneten Konflikt umgeschlagen wäre.

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Mitte Juli vergangenes Jahres brach ein Forschungsschiff von BP Amoco unter aserbaidschanischer Flagge von Baku aus in den südlichen Teil des Kaspischen Meers auf, um Probebohrungen in einem vermuteten Ölfeld zu unternehmen. An Bord waren vor allem Geologen und Ingenieure. Um die Mittagszeit des 23. Juli donnerten plötzlich zwei Kampfjets der iranischen Luftwaffe über ihre Köpfe hinweg und kreisten zwei Stunden über dem Schiff. Dann tauchte ein iranisches Kanonenboot auf. Über Funk forderte der Kapitän die Besatzung des BP-Schiffs auf, unverzüglich alle Bohrungen einzustellen und iranische Hoheitsgewässer zu verlassen.

"Szenario für einen Dritten Weltkrieg"

Das Forschungsschiff drehte bei. "Unsere Leute waren weit mehr als hundert Seemeilen von der iranischen Küste entfernt", sagte BP-Sprecher Steve Lawrence später. "Aber die Iraner waren bewaffnet, da war nichts zu machen." Die aserbaidschanische Regierung und amerikanische Diplomaten protestierten heftig, und Washington lieferte der Küstenwache seines Verbündeten zwei neue Patrouillenboote. Das iranische Außenministerium rechtfertigte das Eingreifen damit, dass sich das BP-Schiff in Gewässern befunden habe, die nach Teherans Auffassung dem Iran gehören. "Wir mussten zu militärischen Mitteln greifen, alle unseren diplomatischen Noten zuvor haben die Aserbaidschaner doch einfach ignoriert", sagte ein iranischer Regierungsbeamter. "Jetzt haben sie begriffen, dass es uns ernst ist."

Persischer Öl-Terminal: "Jetzt haben sie begriffen, dass es uns ernst ist"
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AFP

Persischer Öl-Terminal: "Jetzt haben sie begriffen, dass es uns ernst ist"

Der Streit geht um eine an sich sehr simple Frage: Ist das Kaspische Meer ein Meer, oder ist es ein See? Dieses Thema würde normalerweise höchstens Rechtsgelehrte beschäftigen - ginge es hierbei nicht um Milliarden Tonnen Öl. Wie sie aufgeteilt werden, das hängt von der Definition des mit 386.400 Quadratkilometern Fläche größten Binnengewässers der Welt ab. Dabei verhält es sich genau andersherum als gemeinhin angenommen: Betrachtet man das Kaspische Meer als Meer, dann würden die Anrainer lediglich einige Seemeilen vor ihrer Küste kontrollieren. Die große Mitte des Meeres hingegen wäre internationales Gewässer, dessen Schifffahrtswege, Fischschwärme und Bodenschätze von allen Beteiligten gemeinsam genutzt werden könnten. Sie müssten sich darauf einigen, wie die Ölquellen ausgebeutet und die Profite geteilt werden.

Ist das Kaspische Meer hingegen ein See, wird der gesamte Grund unter den Anrainern aufgeteilt, wie ein Kuchen. Die meisten Rechtsexperten legen die internationale Konvention des Seerechts so aus, dass das Kaspische Meer das ist, was der Name sagt: ein Meer. Der Duden kennt allerdings neben der Bezeichnung "Kaspisches Meer, das" auch den Namen "Kaspisee, der", was darauf hinweist, dass auch die Frage nach dem eigentlichen Namen des Gewässers strittig ist.

Eine vertrackte Situation, die das sonst eher nüchterne britische Magazin "Economist" mit einem "Szenario für einen Dritten Weltkrieg" verglich: Während die vier ehemals sowjetischen Republiken den Grund des Meeres und die dort liegenden Bodenschätze in fünf ungleiche Sektoren unterteilen wollen, die dem Küstenanteil eines jeden Landes entsprechen, besteht der Iran auf zwanzig Prozent der Fläche, vom Grund bis zur Wasseroberfläche. An der so entstehenden neuen Grenze auf dem Wasser patrouillieren iranische Marineboote schon heute. Teheran beruft sich auf alte Verträge mit der Sowjetunion aus den Jahren 1921 und 1940, die festschrieben, dass beide Länder das Gewässer unbegrenzt nutzen konnten. Dahinter steht der Verdacht der Mullah-Regierung, dass die Vereinigten Staaten die Arbeit amerikanischer Ölfirmen zum Vorwand für eine militärische Präsenz nehmen könnten. Damit lägen Schiffe der US-Marine nicht mehr nur im Persischen Golf vor iranischen Küsten.

Als wäre dies nicht Konfliktstoff genug, sind sich auch Aserbaidschan und Turkmenistan über die Zuteilung der Ölvorkommen uneins. Ginge es nach den Turkmenen, würde eine strikt vertikale Grenze durch das Meer gezogen und mindestens die Hälfte aller jetzt von Aserbaidschan beanspruchten Bodenschätze gehörten dem Nachbarstaat im Osten.

Ölförderanlagen auf der "Sandinsel": Juwel sojetischer Baukunst, hoffnungslos verrottet
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Lutz Klevermann

Ölförderanlagen auf der "Sandinsel": Juwel sojetischer Baukunst, hoffnungslos verrottet

Die "Professor Gül" passiert jedoch unbehelligt die Konfliktgrenze. Backbord tauchen vorne die verrottenden Bohrtürme der Sandinsel auf, eine der größten Off-Shore-Produktionsstätten des staatlichen aserbaidschanischen Ölkonzerns Socar. Von der Insel ragt sie ins offene Meer: ein gigantisches Geflecht aus auf Holzpfählen gebauten Pipelines, Pumpstationen, Bohrtürmen und etwa zwölf Kilometern Verbindungsstraßen. "Die Bauten sind sehr alt, man muss vorsichtig sein, wo man hintritt", warnte Generaldirektor Vagif Guseinow bei einem Reporterbesuch Wochen zuvor. Vorsicht ist auf der Sandinsel tatsächlich angebracht, denn die Anlage aus dem Jahre 1952, damals ein Juwel sowjetischer Ingenieurskunst, ist inzwischen hoffnungslos verrottet.

Pipelines und Ölreservoirs rosten vor sich hin, die windschiefen Bohrtürme aus Holz und Stahl erinnern an Bilder der ersten Ölquellen im Pennsylvania des 19. Jahrhunderts. "Westliche Investoren haben sich bis jetzt noch nicht für die Sandinsel interessiert", kommentiert Guseinow trocken. Auf 150.000 Tonnen im Jahr sei die Produktion gesunken, ein Bruchteil der einstigen Fördermenge. Dennoch arbeiteten noch immer 1600 Menschen auf der Sandinsel. "Wir werden die Anlage nie dichtmachen, auch wenn alle Quellen erschöpft sind. Die Menschen brauchen doch Arbeit."

Die größte Bohrinsel der Welt

Gegen Mitternacht, als die sich mühsam vorwärts kämpfende "Professor Gül" bereits auf hoher See ist, werden Wind und Wellen wieder mächtiger. Backbord liegt jetzt das riesige Ölfeld Chirag. Die Blase, mit geschätzten fünf bis sieben Milliarden Barrel Inhalt, riss sich der BP-Konzern Mitte der neunziger Jahre unter den Nagel. Eine gewaltige Flamme, gespeist aus abgefackeltem Gas, ist bereits seit zwei Stunden zu sehen, aus bestimmt mehr als 30 Seemeilen Entfernung. Rote Wolken zaubert das Feuer an den Himmel und schillernde Kämme auf die Wellen bis vor den Schiffsbug - so muss in der Antike der Leuchtturm von Alexandria gewirkt haben.

Doch es ist nicht der einzige helle Schein auf dem Meer: Westlich von Chirag zittern in der Ferne die Lichter von Neft Dashlarin (Ölige Felsen), die größte off-shore Bohrinsel der Welt. Anders als die kleinere Sandinsel, ist sie eine richtige Stadt auf Stelzen, von sowjetischen Ingenieure 1949 über dem Wasser errichtet. Mehr als einhundert Kilometer Straßen verbinden zahllose Bohrtürme, für die Tausenden Arbeiter gibt es Wohnblocks, ein Kino und Bars. Als ein Wunderwerk sozialistischer Ingenieurskunst galt Neft Dashlari damals weltweit, der Stolz eines Landes, das wenige Jahre zuvor den Marsch der Armeen Adolf Hitlers auf die kaspischen Ölquellen gestoppt hatte. Heute, fünfzig Jahre später, verfallen die hoffnungslos veralteten Anlagen wie die der Sandinsel. Immer wieder kommen Arbeiter bei Unfällen ums Leben.

Der Autor dieser Serie schrieb zum gleichen Thema das am 11. September erscheinende Buch "Der Kampf um das heilige Feuer - Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer", Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 19,90 Euro
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Der Autor dieser Serie schrieb zum gleichen Thema das am 11. September erscheinende Buch "Der Kampf um das heilige Feuer - Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer", Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 19,90 Euro

Einer, der die gesamten fünfziger Jahre auf den Öligen Felsen verbracht hat, ist Hokhsbat Yusifzadeh, heute mächtiger Vizepräsident von Socar, dem staatlichen aserbaidschanischen Ölkonzern. "Wir waren Pioniere damals, und das Öl floss in rauen Mengen - es war eine großartige Zeit", schwärmt der heute 72-jährige Grandseigneur. "Vergessen Sie nicht, es arbeiteten auch viele Frauen auf Neft Dashlari, und die Abende waren lang auf dem Meer." In den siebziger Jahren wurde Yusifzadeh Chefgeologe für die gesamte kaspische Region und entdeckte viele der Ölfelder, um die die Anrainerstaaten und Konzerne heute rangeln.

Dass der Iran nun die Früchte seiner Arbeit ernten möchte, ärgert den Aserbaidschaner: "Gäbe es die mächtige Sowjetunion noch, würden sie nicht wagen, unsere Ölfelder im Süden zu beanspruchen. Damals hat es die Iraner ja gar nicht gestört, wenn ich dort gebohrt habe."

Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, kommt die turkmenische Küste in Sicht. Plötzlich ist ein lautes Kettenrasseln zu hören - die "Professor Gül" wirft Anker. "Wir werden hier gewiss noch bis morgen früh liegen müssen", sagt Bootsmaat Avaz gelassen. "So sind sie, die Turkemenen. Ihr Präsident ist sauer auf unseren Präsidenten, weil Aserbaidschan alle guten Ölfelder abgegriffen hat, darum lassen sie uns nicht in den Hafen."

Erst 23 Stunden später legt das Schiff endlich im Hafen von Turkmenbaschi an, und auf dem Kai tauchen mehrere uniformierte Männer auf, im Licht der Scheinwerfern nur als gesichtslose Silhouetten mit Pistolen am Gürtel erkennbar - turkmenische Grenzpolizisten. Nach weiteren anderthalb Stunden schließlich, nachdem die Beamten die Ladung peinlich genau inspiziert haben, darf der einzige Passagier aus Baku seinen Pass vorzeigen und von Bord gehen.

Teil 3: Turkmenistan - das Kuweit am Kaspischen Meer und das bizarre Regime des Despoten Saparmurat Nyazov

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