Sonntag, 22. November 2009

Politik



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
30.08.2002
 

Der Kampf ums kaspische Öl (3)

Das neue Kuweit und sein kindlicher Diktator

Von Lutz C. Kleveman, Aschgabad

Ein bizarrer Despot und die Oligarchen aus Moskau halten Turkmenistan fest im Griff - zum Schaden für die westliche Öl-Industrie. Die Milliardengewinne aus den zwei Billionen Kubikmeter fassenden Erdgasfeldern gehen an den Konzernen vorbei. Nun setzten Amerikas Strategen auf die Option Afghanistan.

Statue des turkmenischen Diktators Nyazow: "Personenkult wie zu Stalins Zeiten"
Zur Großansicht
Lutz Kleveman

Statue des turkmenischen Diktators Nyazow: "Personenkult wie zu Stalins Zeiten"

Turkmenistan ist wahrscheinlich der einzige Ort der Welt, wo ein Taxi zum Flughafen teurer ist als der anschließende Flug. "Nein, mein Herr, das ist ganz sicher kein Irrtum, das Ticket kostet 35 Manat", sagt die Dame am Verkaufsschalter der Turkmenistan Airways in Turkmenbaschi, der einzigen Hafenstadt des Landes am Ostufer des Kaspischen Meer. 35 Manat, das sind umgerechnet etwas mehr als zwei Euro! Für einen Flug in die Hauptstadt Aschgabad, immerhin 800 Kilometer entfernt.

Unter den Passagieren der Maschine, einer brandneuen Boeing 757, sind viele bunt bekleidete Marktfrauen, die Obst und Fische aus dem Kaspischen Meer auf dem Bazaar in Aschgabad verkaufen. Am Abend werden sie mit dem letzten Flieger wieder heimkehren. Mit einem feinen Netto-Gewinn, nach Abzug der Transportkosten.

"Ein Volk, ein Vaterland, ein Führer"

In Ländern, in denen derartiges möglich ist, sind meist sagenhafte Bodenschätze nicht weit. Tatsächlich wird Turkmenistan oft das neue Kuweit am Kaspischen Meer genannt: Die seit zehn Jahren unabhängige ex-sowjetische Wüstenrepublik sitzt auf immensen Reichtümern. Die Gasvorkommen allein werden auf zwei Billionen Kubikmeter geschätzt, die viertgrößten der Welt. Hinzu kommen noch weitgehend unerschlossene Ölfelder vor der turkmenischen Küste, von denen bis heute niemand weiß, wie groß sie sind. Die Bodenschätze machen das Land zu einem der wertvollsten Beutestücke im neuen Großen Spiel, dem Kampf der Großmächte und Konzerne um die Öl- und Gasfelder am Kaspischen Meer.

Interaktive Karte öffnen

Flash-Plugin
ab Version 6 benötigt!

Deren Problem ist nur, dass Turkmenistan von einem, vorsichtig ausgedrückt, leicht realitätsfremden Mann beherrscht wird: Staatspräsident Saparmurad Nijazow. Besser bekannt als Turkmenbaschi, der "Führer aller Turkmenen", wie sich Nijazow seit Jahren nur noch nennt. Der ehemalige Chef der Kommunistischen Partei in Turkmenistan hat das Land seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einen gigantischen Themenpark verwandelt, mit einem einzigen Thema: ihm selbst. An fast jeder Straßenecke in Aschgabad hängen Porträts des 60-Jährigen, eines kleinen Mannes mit scheinbar weichem Gesicht. Der Staatsslogan "Halk, Watan, Turkmenbaschi" (was so viel bedeutet wie "Ein Volk, ein Vaterland, ein Führer") schmückt alle öffentlichen Gebäude.

Dazu ist die Hauptstadt mit zahllosen Statuen des Diktators auf Lebenszeit übersät, von denen ein gutes Dutzend vergoldet sind. Die größte unter ihnen steht 40 Meter hoch auf einem Triumphbogen im Kern der Stadt: mit fliegendem Mantel und weit ausgestreckten Armen blickt Turkmenbaschi auf seine etwa fünf Millionen Untergebenen runter. Dabei rotiert der Herrscher langsam, damit sein güldenes Antlitz stets der Sonne zugewandt bleibt. "Es ist ein Personenkult wie zu Stalins Zeiten", sagt ein hochrangiger westlicher Diplomat in Aschgabad. "In keiner anderen ehemals kommunistischen Republik hat sich das sowjetische System so unreformiert erhalten."

Turkmenisches Öllager amn Kaspischen Meer: Wertvolles Beutestück im Großen Spiel
Zur Großansicht
REUTERS

Turkmenisches Öllager amn Kaspischen Meer: Wertvolles Beutestück im Großen Spiel

Fast alle erwachsenen Menschen arbeiten noch immer für den Staat, um die grandiosen Ideen und Spielereien des exzentrischen Chefs zu verwirklichen: Arbeiterbrigaden reißen ganze Wohngebiete der Hauptstadt ab und ersetzen sie durch leer stehende Marmor-Prachtbauten, Palmenparks mit mythischen Statuen und Tausenden, zum Teil gigantischen Springbrunnen. Sie sind Nijazows größte Obsession, und er besteht darauf, dass nur das beste Trinkwasser des Wüstenlandes aus ihnen sprudelt (und verdunstet). "Es erinnert alles ein wenig an Kim Il Sung in Nordkorea", kommentiert der westliche Diplomat. "Dabei ist der Mann kein brutaler Tyrann. Er ist nur wie ein Kind, und dazu noch ein ziemlich verrücktes."

Schweres Terrain für die Ölindustrie

Kein Mitglied des diplomatischen Corps, das nicht eine obskure Anekdote darüber auf Lager hätte, was Turkmenbaschi nun schon wieder angestellt hat. "Neulich fragte er sich wohl in seinem Palast, ob das Volk ihn auch wirklich so liebe, wie seine Minister ihm versichern", erzählt eine amerikanische Diplomatin. "Da hat er sich einen falschen schwarzen Bart angeklebt und ist ganz allein in die Außenbezirke gefahren, um einfache Menschen auf der Straße nach ihrer Meinung zu fragen." Natürlich würde sich in Turkmenistan niemand trauen, seine wirklichen Ansichten zu politischen Themen öffentlich kundzutun. "Schon gar nicht, wenn der Befrager im gepanzerten schwarzen Mercedes des Präsidenten angefahren kommt - und obendrein der Bart schief vom Kinn hängt."

So unterhaltsam die Launen des modernen turkmenischen Khans sein mögen, so schwer machen sie es für westliche Regierungen und Unternehmen, in dem rohstoffreichen Land politisch und wirtschaftlich Einfluss zu gewinnen. Anders als in den übrigen Schlüsselstaaten am Kaspischen Meer wie Kasachstan und Aserbaidschan, sind ausländische Investitionen in Turkmenistan, besonders im Öl- und Gassektor, nach wie vor sehr schwierig. Die Willkür des Präsidenten verhindert klare legale Vorgaben ebenso wie einen effektiven Schutz vor korrupten Bürokraten. "So müssen sich die ersten Händler gefühlt haben, die im 19. Jahrhundert an den Hof des Emirs von Bukhara gereist sind", stöhnt ein britischer Geschäftsmann. Auch er will nicht namentlich genannt werden, aus Angst vor negativen Folgen. "Die Turkmenen könnten zum Beispiel unsere bestehenden Verträge einfach zerreißen und mich ausweisen."

Despot Nijasow: "Ein verrücktes Kind"
Zur Großansicht
DPA

Despot Nijasow: "Ein verrücktes Kind"

Von den Schwierigkeiten seiner westlichen Gegenspieler im neuen Großen Spiel profitiert Turkmenistans ehemaliger kolonialer Hegemon: Russland. Zwar besiegten russische Zarentruppen die letzten nomadischen Banditen Turkmenistans erst vor gut einhundert Jahren, in der blutigen Schlacht von Geok-Tepe im Januar 1881, aber aus der folgenden Kontrolle und Abhängigkeit von Russland weiß sich das kleine Land auch nach dem Ende der UdSSR nicht richtig zu befreien. Seinen wichtigsten Geldbringer, das Erdgas, muss Turkmenistan bis heute durch die alten Pipelines nach Russland exportieren. Andere bestehen nicht, außer einer kleinen neuen Röhre nach Iran, die aber die Abhängigkeit von Moskau kaum mindert. Schon mehrfach hat Gazprom, der russische Gasriese, den Turkmenen willkürlich den Hahn abgedreht und die Pipelines gesperrt.

Daher hatte die turkmenische Regierung Mitte der Neunziger den kühnen Plan, eine Pipeline unter dem Kaspischen Meer durch nach Aserbaidschan zu legen, wo sie an eine Leitung in die Türkei angeschlossen würde. Das Projekt wurde enthusiastisch von der amerikanischen Regierung unterstützt, die Turkmenistan wie alle 1992 unabhängig gewordenen und zudem rohstoffreichen Länder aus der Faust Moskaus zu befreien sucht. Wie im Falle von Aserbaidschan sieht Washington in einer Ost-West-Pipeline, die Russland umgeht, das beste Mittel dafür.

Rückschlag für Shell, Gewinner sind Russlands Ölbosse

Der britisch-holländische Rohstoffgigant Shell stieg in das Projekt ein und fertigte Machbarkeitsstudien an. "Wir kamen zu dem Schluss, dass die Pipeline technisch und kommerziell absolut Sinn machen würde", sagt Pius Cagienard, Generaldirektor von Shell in Turkmenistan. In seinem Büro, zusammen mit den britischen, deutschen und französischen Botschaften in einem Luxushotel untergebracht, hängen viele Photos von dem Tag im Jahre 1999, an dem Shell-Manager mit Nijazow Vorverträge unterschrieben.

Der Autor dieser Serie schrieb zum gleichen Thema das am 11. September erscheinende Buch "Der Kampf um das heilige Feuer - Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer", Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 19,90 Euro
Zur Großansicht

Der Autor dieser Serie schrieb zum gleichen Thema das am 11. September erscheinende Buch "Der Kampf um das heilige Feuer - Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer", Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 19,90 Euro

Der Schweizer betrachtet sie heute mit Bitterkeit, denn aus der Transkaspischen Pipeline wurde nichts. "Das Projekt geriet in ein geopolitisches Ringen zwischen den USA und Russland, und Moskau hatte leider den längeren Arm", erzählt Cagienard und sieht dabei sehr wie ein Verlierer aus. "Die Russen haben so viel politischen Druck gemacht, da hat sich Präsident Nijazow nicht mehr getraut, sie vor den Kopf zu schlagen und mit uns einen endgültigen Vertrag zu unterschreiben." Damit ging die Chance auf eine weitere Exportroute bis auf weiteres verloren, denn die Türkei hat inzwischen Lieferverträge für Gas mit Iran und mit Russland abgeschlossen. Die russische Pipeline, Blue Stream genannt, wird ironischerweise unter dem Schwarzen Meer hindurch in die Türkei führen.

Des einen Leid ist des anderen Freud: der vorläufige Gewinner im Kampf um das turkmenische Gas ist der russische Rohstoffkonzern Itera, der eng mit dem Monopolisten Gazprom zusammenarbeitet. Iteras Boss Igor Makarow, einer der mächtigen Oligarchen in Moskau, wurde in Aschgabad geboren und kann sich in seiner Geschäftsstrategie auf eine langjährige Freundschaft mit Staatspräsident Nijazow stützen. Vor wenigen Monaten haben die beiden Männer vereinbart, dass Turkmenistan im kommenden Jahr 40 Milliarden Kubikmeter Gas nach Norden an Itera liefert.

Der Preis, spottbillige 43 Dollar pro tausend Kubikmeter, ist zur Hälfte in Naturalien zahlbar. "Das ist ein fairer Preis, alle sind zufrieden. Wir nutzen die Pipeline-Situation nicht aus", beteuert Gozchmurad Nazdianow, Itera-Topmanager in Turkmenistan. So überzeugend verteidigt der elegante Mittfünfziger heute die Interessen seiner russischen Firma, fast könnte man vergessen, dass er noch vor wenigen Jahren Turkmenbaschis Ölminister war. Nazdianow einzustellen war ein weiterer schlauer Schachzug von Itera-Chef Makarow.

Die Afghanistan-Route - Alternative für Amerikas Öl-Strategen

An politischen Hindernissen allerdings sei die Transkaspische Pipeline nicht gescheitert, behauptet Nazdianow heute: "Die Russen haben gar keinen Druck gemacht, Schuld am Scheitern des Projekts hatten nur die Aserbaidschaner." Die Regierung in Baku habe nämlich die Pipeline boykottiert, wollte nicht ausreichend Gas durch das Land lassen, um sie rentabel zu machen. Massiven politischem Einfluss habe nur Washington auszuüben versucht. "Aber es hat nicht gereicht, um die Aserbaidschaner zum Einlenken zu bringen. Also ist das Projekt gestorben." Für einen kurzen Moment ist Nazdianow anzumerken, dass ihm das als ehemaligem Ölminister seines Landes leid tut. Aber dann besinnt er sich wieder darauf, in wessen Diensten er heute steht. "Für Itera ist das natürlich eine gute Nachricht."

Afghanistans Staatschef Karsai (in Washington): "Die Ölkonzerne werden nicht auf sich warten lassen"
Zur Großansicht
REUTERS

Afghanistans Staatschef Karsai (in Washington): "Die Ölkonzerne werden nicht auf sich warten lassen"

Hoffnung auf eine zweite große Exportroute für turkmenisches Gas, fügt er dann hinzu, gebe es allerdings weiter: "Durch Afghanistan." Bereits Mitte der Neunziger plante der amerikanischen Ölkonzern Unocal, zwei Pipelines für Gas und für Öl durch Afghanistan nach Pakistan zu bauen. Nazdianow, damals noch Ölminister, reiste mehrfach mit Unocal-Managern nach Afghanistan, um die Taliban und die Nordallianz für das Projekt und ein dafür nötiges Ende des Bürgerkriegs zu begeistern. Die Kämpfe aber gingen weiter, und Unocal stieg aus. Mit dem Ende der Taliban hat sich nun der afghanische Pipeline-Korridor wieder geöffnet: Bei einem Staatsbesuch in Aschgabad Anfang März besprachen der neue afghanische Präsident Hamid Karzai und Turkmenbaschi das Vorhaben bereits. Nazdianow glaubt: "Lange werden die Ölkonzerne nicht auf sich warten lassen."

Teil 4: Der größte Ölfund seit 1970 und das "neue Houston" im kasachischen Atyrau

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern