Von Lutz C. Kleveman, Bischkek
Langsam rollen die zwei Humvee-Militärfahrzeuge in das Dorf, irgendwo in den Bergen Kirgisiens. Zu beiden Seiten der verschlammten Fahrbahn stehen einige ärmliche Holzhäuser, alte Leute und Kinder am Straßenrand starren reglos auf die olivgrünen Geländewagen und ihre Insassen. Bevor Staff Sergeant Chad Bickley aussteigt, schärft er seinen Männer noch einmal den Sinn der Patrouille ein: "Denkt dran, Jungs, wir sind hier draußen, um Freunde zu gewinnen. Wir werden Hände schütteln, winken und Candies verteilen, okay?" "Yes, Sir!", erwidern die Soldaten und greifen nach ihren schwarzen M-16 Gewehren.
Es gehört zu den eher surrealen Anblicken der neuen globalen Pax Americana, wie Bickley und sein Trupp in Kampfmonturen nun die Herzen kirgisischer Dorfbewohner zu erobern suchen. Bickley nimmt seine schmale Reflex-Sonnenbrille ab und geht auf eine Gruppe älterer Männer zu: "Hi, ich heiße Chad, von der U.S. Air Force. Ich wollte mal sehen, wie es euch hier so geht im Dorf." Ein Dolmetscher übersetzt. Die Angesprochenen schweigen, ihre Gesichter undurchdringlich bis feindselig. Endlich lässt einer ausrichten: "Gut, danke."
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Unterdessen kniet Captain Todd Schrader vor zwei kleinen Jungs nieder, schultert seine M-16 und bietet ihnen einen Schluck aus einer Flasche Koolaid an. Die Kinder sind nicht interessiert. Nun zeigt der Air Force Captain mit Hand, Spucke und Zunge, wie man Brausepulver zu sich nimmt. Er hält ihnen das Päckchen hin. Die Kleinen regen sich nicht. "Sie sind noch etwas schüchtern", erläutert Bickley. "Sie haben ja noch nie amerikanische Soldaten gesehen."
Nur die vielen Flugzeuge der U.S. Air Force werden sie bemerkt haben, die seit Ende einigen Monaten Tag und Nacht auf dem fünf Kilometer entfernten Manas-Flughafen der kirgisischen Hauptstadt Bishkek landen und wieder starten. Sie bringen Soldaten des 376th Air Expeditionary Wing und Material für den neuesten Militärstützpunkt, den Washington in Zentralasien errichtet, angeblich als weiteres Bollwerk gegen den Terrorismus.
Auf mehrere Jahre hat die U.S.-Regierung den bislang rein zivilen Flughafen von Kirgisien gemietet, der kleinsten der fünf zentralasiatischen Republiken, die vor zehn Jahren aus dem Trümmerhaufen der UdSSR hervorgingen. Er ergänzt die amerikanischen Basen in Usbekistan und Tadschikistan, die im Oktober 2001 eingerichtet wurden. Es sind die ersten US-Truppen mit Kampfauftrag, die seit dem Ende des Kalten Kriegs auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion stationiert wurden – das neue Große Spiel um die Macht in Zentralasien ist in eine entscheidende Phase getreten.
Das Ausmaß des amerikanischen Engagements ist verblüffend: Mit Baggern, Raupen und Kränen errichtet eine Pionier-Einheit einen neuen Hangar für Kampfjets aller Art. Es wird gehämmert und geschraubt, Bauleiter brüllen Anweisungen, ein Betonmischer kippt seine graue Ladung in ein ausgehobenes Fundament. Die Pioniere sind eigens von der Heimatkaserne im deutschen Ramstein eingeflogen, vor einem ihrer Zelte hängt eine Fahne des 1. FC Kaiserslautern.
Hinter dem heruntergekommenen Terminal erstrecken sich auf 37 Hektar die Quartiere: In langen Reihen stehen mehr als 200 "Harvest Falcon" und "Force Provider"-Zelte, in denen fast 3000 Soldaten wohnen können. Soldatentrupps, darunter auch Einheiten aus Frankreich und Spanien, marschieren kreuz und quer über den Innenhof, ihre hellen Kampfstiefel knirschen dabei im Rollsplit.
Der Held von New York als Namensgeber für die Basis
Schon am Haupttor zur Basis wird der Besucher darauf eingestimmt, worum es bei dieser Mission geht. Aus einem Haufen Ziegenbockschädel ragt ein Schild mit der Aufschrift: "Peter J. Ganci Base". Mit belegter Stimmer erläutert Air-Force-Captain Richard Essary den Namen: "Ganci war ein Feuerwehrmann, der im Südturm des World Trade Center fast hundert Menschenleben gerettet hat, bevor er selbst zu Tode gekommen ist. Als er die Geschichte dieses Heldens hörte, hat unser Kommandeur entschieden, dass Gott die Basis nach Ganci benennen würde." Allerdings sei es besser, fügt Essary hinzu, den Kommandeur nicht auf die Geschichte anzusprechen. Er werde sonst wahrscheinlich weinen müssen.
Dabei wirkt Brigadegeneral Chris Kelly, ein drahtiger Mann mit kurzgeschorenem grauen Haar und stahlblauen Augen, eher wenig zimperlich: "Wir bauen diese Basis auf, um von hier aus alle Taliban und al-Qaida in Afghanistan auszurotten. Bis diese Mission abgeschlossen ist, werden wir hier bleiben." Kellys Stimme klingt kampfentschlossen, was die Totenkopf-Piratenfahne vor seinem Kommando-Zelt noch unterstreicht. "Wir streiten für eine hehre Sache", fährt der General fort, "wir führen den Willen der Welt aus."
Dass er nach 28 Jahren Militärdienst auf ehemals sowjetischem Gebiet stehen würde, hätte der heute 50-Jährige früher "nicht fünf Minuten lang" für möglich gehalten. Ärgerlich wird Kelly allerdings, wenn man ihn auf das Gerücht anspricht, demzufolge die amerikanischen Streitkräfte neben dem Kampf gegen den Terrorismus noch andere strategische Ziele in Mittelasien verfolgten. "Es gibt nichts Heimliches an unserer Mission. Wir kooperieren einfach mit Nationen, die unsere Vision davon, wie die Welt aussehen sollte, teilen." Kelly dreht an seinem klobigen blauen Ring, der ihn als Absolvent der prestigereichen Air Force Academy in Colorado Springs auszeichnet: "Außerdem kooperieren wir bei der Operation 'Enduring Freedom' mit einer multinationalen Koalition. Die Kirgisen haben uns schließlich eingeladen. Also wo ist das Problem?"
Die US-Militärbasen schüren Unruhe
Das amerikanische Vorrücken in Zentralasien beunruhigt trotz aller offiziellen Bekenntnisse zur Anti-Terror-Allianz viele Mächtige in Russland und China. In Moskau sind Generäle und Nationalisten alarmiert, die die ehemaligen Kolonien noch immer als ihren strategischen Hinterhof betrachten.
Viele fürchten, durch Präsident Wladimir Putins kooperative Politik gegenüber den USA nach dem 11. September könne Russland nur verlieren. Für Vize-Außenminister Viktor Kalyushny ist die Sache klar: "Wir haben bislang aufrichtig an der Seite der Amerikaner gegen die Terroristen gekämpft, aber sie müssen wieder aus Mittelasien abziehen, sobald sie Bin Laden gefasst haben."
Nur mit Mühe findet der ehemalige Ölindustrielle Kalyushny, den Putin als Sondergesandten für das Kaspische Meer ernannt hat, diplomatische Worte über die U.S.-Truppen: "Hat man Gäste im Haus, freut man sich zweimal: wenn sie kommen – und wenn sie wieder gehen." Den Hinweis darauf, dass die Amerikaner ja nicht die Gäste Russlands, sondern der unabhängigen zentralasiatischen Republiken seien, wischt Kalyushny beiseite: "Kirgisien und Usbekistan sind Mitglieder der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und haben Sicherheitsverträge mit uns geschlossen." Vorsichtshalber wiederholt er dann: "Gäste sollten wissen, dass es unhöflich ist, zu lange zu bleiben."
"China wird umzingelt"
Auch in China, dem dritten großen Spieler im Ringen um Zentralasien, ist man über die Stationierung der U.S.-Truppen in Kirgisien nicht glücklich. Immerhin sind es von der Manas Airbase in Kirgisien zur chinesischen Grenze keine 400 Kilometer, weit weniger als bis nach Afghanistan. Zheng Chenghu, Manager des staatlichen chinesischen Ölkonzerns CNPC in Almaty (Kasachstan), ist überzeugt: "Die Amerikaner sind wegen des kaspischen Öls hier."
Schlechte Nachrichten seien das für den CNPC-Konzern, der selbst zwei gigantische Öl-Pipelines vom Kaspischen Meer quer durch Kasachstan bis in die westliche Region Xingjiang bauen will. "Nun werden die zentralasiatischen Staaten noch eher dazu neigen, mit amerikanischen Ölfirmen Verträge abzuschließen – und nicht mit uns." Für Chenghu ist klar, dass sich der amerikanische Vormarsch gegen China richtet: "Die USA haben jetzt Truppen in Japan, in Taiwan, in Südkorea, in Pakistan und hier – China wird umzingelt."
Für die Regierungen der zentralasiatischen Staaten indes ist das amerikanische Engagement der größte Glücksfall seit Ende des Kalten Kriegs. Washingtons wirtschaftliche und vor allem militärische Hilfe für die Region hat sich in diesem Jahr mehr als verdoppelt, auf 400 Millionen Dollar. Den Löwenanteil erhält mit 150 Millionen Usbekistan, das zugleich geschätzte 300 Millionen Dollar Miete für die U.S. Airbase in Qarshi erhält. Auch die deutsche Bundeswehr hat einen Luftstützpunkt im südusbekischen Termez gepachtet.
Welche Summe Washington dem restlos verarmten Kirgisien für die Manas Airbase zahlt, halten beide Seiten geheim. Bekannt ist nur, dass die Regierung für jeden Start und jede Landung eines amerikanischen Flugzeugs 7000 Dollar einstreicht – die höchste Airport Tax der Welt.
Kirgisiens Hauptstadt Bischkek könnte ein wenig Cash gut gebrauchen. Rund um eine riesige Statue Wladimir Lenins breiten sich tristgraue sowjetische Betonbauten aus, nur wenige Geschäfte bringen Farbe ins Stadtbild. Dennoch möchte laut Umfragen die Mehrheit der kirgisischen Bevölkerung die amerikanischen Soldaten nicht als Nachbarn haben.
Die Menschen wollen nicht, dass unser Land die gerade gewonnene Unabhängigkeit wieder einer Großmacht opfert", glaubt Fatima Gayazova, Chefredakteurin eines lokalen Fernsehsenders. "Aber die Amerikaner werden bleiben, solange sie wollen. Ein unruhiges Afghanistan wird ihnen immer als perfekter Vorwand dienen, um Zentralasien zu kontrollieren"
"Staff Sergeant Bickley und seine Männer haben derweil ihre Patrouille im Dorf neben der Manas Airbase beendet und steigen wieder in ihre Humvee-Fahrzeuge. Die einzige ernste Gefahr, der sich die U.S.-Soldaten ausgesetzt sahen, waren Schlammklumpen, geworfen von zwei kirgisischen Lausbuben. Das Feuer wurde mit Candies erwidert. "Die Menschen hier mögen uns", sagt Bickley. "Durch unsere Patrouillen geben wir ihnen Sicherheit." Ein Dorfbewohner, der in einem unbeobachteten Augenblick mit meiner Dolmetscherin sprechen kann, sieht das anders: "Was müssen die Amerikaner hier mit solch großen Gewehren rumlaufen? Wer weiß, was da passieren kann, wir sorgen uns um unsere Kinder." Als Bickley und sein Trupp aus dem Dorf fahren, winken sie den Dorfbewohnern zu. Niemand winkt zurück. Aber eigentlich ist das Bickley auch egal.
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