Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



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09.09.2002
 

Der Kampf ums kaspische Öl (6)

Konkurrenz von der Achse des Bösen

Von Lutz C. Kleveman, Teheran

Der Iran hat wirtschaftlich die besten Karten im Großen Spiel ums kaspische Öl, und das US-Embargo gegen Teheran spielt Frankreichs Ölkonzern Elf in die Hände. Das Regime in Teheran will mit den Mitteln des Marktes gegen die Amerikaner antreten – und freundlicher Unterstützung aus Moskau.

Staatschef Chatami, Öl-Terminal am Persischen Golf: "Ohne uns ist in Zentralasien keine Rechnung zu machen"
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Staatschef Chatami, Öl-Terminal am Persischen Golf: "Ohne uns ist in Zentralasien keine Rechnung zu machen"

Es ist einer der seltenen klaren Tage in Teheran. Den sonst unerträglichen Smog treibt ein sanfter Wind aus der Stadt und selbst die Kiefern auf dem Gelände der ehemaligen amerikanischen Botschaft sehen heute grüner aus als sonst.

Einst, im Jahr 1979, nach der Islamischen Revolution, hielten hier radikale Studenten 50 amerikanische Diplomaten und Botschaftsangestellte fast 500 Tage lang in als Geiseln. Am Eingang hängt neben dem zerhackten amerikanischen Staatswappen noch immer das unvermeidliche Schild: "Tod den USA!" Doch heute residiert das iranische Militär in den prachtvollen Gebäuden und gleich nebenan steht das Hochhaus, aus dem der Motor der iranischen Wirtschaft gesteuert wird: Die Zentrale der National Iranian Oil Company (NIOC).

"Heute nennen wir die Botschaft nur noch die amerikanische Spionagehöhle", sagt Kasaei Zadeh und kichert. Um sie zu sehen, muss er ganz dicht ans Fenster treten, so tief liegt das ehemalige Hoheitsgebiet der USA unter seinem geräumigen Büros im achten Stock des Hochhauses. Zadeh ist Planungsdirektor des staatlichen Ölkonzerns und damit nicht nur ein vornehmer, sondern auch sehr mächtiger Mann in einem Land, das nach Saudi Arabien und Russland der drittgrößte Erdölexporteur der Welt ist. Mit nachgewiesenen 93 Milliarden Barrel Rohöl verfügt der Iran über etwa zehn Prozent der Weltvorräte.

Die gute Laune des Direktors an diesem Tag hat einen handfesten Grund: Gerade ist er von Verhandlungen mit der kasachischen Regierung in Almaty heimgekehrt und einen lukrativen Vertrag mitgebracht. "Wir haben einen sehr guten Deal vereinbart: Die Kasachen liefern uns per Schiff kaspisches Öl für unseren dicht besiedelten Norden, und wir verkaufen für sie die gleiche Menge unseres Öls auf dem Weltmarkt über den Hafen im Süden."

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Diese Praxis, Öltausch genannt, erspart dem Iran, wie bisher eigenes Öl aus den Fördergebieten in den Wüsten im Süden des Landes kostspielig zu den Städten im Norden zu pumpen, wo ein Großteil der mehr als 70 Millionen Iraner lebt und pro Tag etwa 1.4 Millionen Barrel Öl verbraucht. Im Gegenzug können die zentralasiatischen Länder kurzfristig für gutes Geld ihr Rohöl verkaufen und müssen nicht warten, bis Pipelines aus der Region bis an irgendwelche Tiefseehäfen gebaut werden.

Die US-Sanktionen gegen Iran behindern die eigenen Ölkonzerne

Schon ab Ende diesen Jahres wollen die Iraner 100.000 Barrel pro Tag übernehmen. Im kaspischen Hafen Neka wurde dafür eigens ein neuer Terminal errichtet, von einer neuen 32-Zoll-Pipeline nach Teheran sind 42 Kilometer bereits gelegt. Zusätzlich hat die NIOC zwei neue Raffinerien im Norden der Hauptstadt gebaut, in denen in drei Jahren pro Tag bis zu 500.000 Barrel kasachisches Öl verarbeitet werden sollen. Der Öltausch wurde offensichtlich seit Jahren vorbereitet.

Alle Beteiligten freuen sich, nur einer nicht: die Regierung der Vereinigten Staaten. In Washington sieht man mit Argwohn, wie der als Mullah-Staat gebrandmarkte Iran seit dem Ende des Kalten Kriegs seine wirtschaftliche und politische Macht in das ehemals sowjetische Zentralasien ausdehnt. Gestützt auf Jahrtausendealte Bindungen der persischen Kultur und Sprache, die bis nach Indien reichen, hat sich Teheran zu einem der einflussreichsten Akteure im neuen Großen Spiel am Kaspischen Meer gemausert. Die USA werfen dem theokratischen Regime vor, Massenvernichtungswaffen zu bauen und Terroristen im Nahen Osten zu unterstützen.

Anti-Amerika-Demonstartion in Teheran: "Welche Dopplemoral!"
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Anti-Amerika-Demonstartion in Teheran: "Welche Dopplemoral!"

Als Strafe hat der amerikanische Kongress im Jahre 1995 Sanktionen gegen den Iran verhängt, die es amerikanischen Firmen verbieten, Geschäfte mit dem Land zu machen. Auch europäischen Unternehmen, die im Iran aktiv sind, droht das Gesetz mit empfindlichen Strafen in den USA. Seitdem hält das Embargo Ölkonzerne davon ab, eine Pipeline vom Kaspischen Meer zum Persischen Golf zu bauen. Die Iran-Route wäre, wie selbst amerikanische Ölchefs einräumen, kürzer, billiger und sicherer als alle anderen geplanten Leitungen durch Russland, die Türkei und Afghanistan. Statt dessen unterstützt Washington seit Jahren das Pipeline-Projekt von der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku über Georgien bis zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Seit kurzem in Bau, wird diese Röhre sowohl Russland als auch den Iran umgehen.

"Die Baku-Ceyhan-Linie wird als Industrieruine enden"

Ölchef Zadeh ficht das nicht an. "Wir werden neben dem Öltauschen eine Konkurrenz-Pipeline anbieten, unser Netz ist ja schon voll ausgebaut", sagt er selbstbewusst. Dabei zeigt der Perser auf eine große Wandkarte Irans, auf der bestehende Leitungen durch viele kleine Gummischläuche gekennzeichnet sind. "Wir können das kaspische Öl weitaus billiger an den Markt bringen, die Baku-Ceyhan-Leitung wird als riesige Industrieruine enden." Die Regierung Kasachstans, der ölreichsten zentralasiatischen Republik, hat bereits mehrfach reges Interesse an der Route durch den Iran verkündet – zum Ärger Washingtons. Zadeh ist sich sicher: "Die Kasachen sind von den USA enttäuscht, sie suchen neue Freunde in der Region. Das sind wir."

Europäische Firmen, die sich trotz Protesten und Drohungen aus Washington nicht an die U.S.-Sanktionen gebunden fühlen, nutzen die Abwesenheit amerikanischer Konkurrenz auf dem iranischen Ölmarkt. Der französische TotalFinaElf fertigt derzeit eine Machbarkeitsstudie über eine Pipeline an, die entlang der kaspischen Ostküste von Kasachstan über Turkmenistan durch den Iran verlaufen soll. "Wir unterstützen die Firma darin", sagt eine französischer Diplomat in Teheran. "Die Sanktionen der USA akzeptieren wir nicht. Überhaupt lehnen wir die amerikanische Logik ab, dass der Iran isoliert werden muss."

Zentrale des französischen Elf-Konzerns: "Die amerikanischen Sanktionen akzeptieren wir nicht"
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Zentrale des französischen Elf-Konzerns: "Die amerikanischen Sanktionen akzeptieren wir nicht"

Vielmehr versuche Frankreich, wie auch andere europäische Länder, Teheran wirtschaftlich einzubinden und so die liberalen Reformer um den seit fünf Jahren regierenden Präsident Mohammad Chatami in ihrem erbitterten Machtkampf mit den konservativen Mullahs zu unterstützen. Zwar weigern sich die Theokraten weiter beharrlich, das Land für ausländische Direktinvestitionen zu öffnen. Aber zumindest ist der Handel zwischen Frankreich und dem Iran im vergangenen Jahr um die Hälfte gewachsen.

Sorge bereitet internationalen Beobachtern allerdings der eskalierende Streit zwischen dem Iran und seinem Nachbarn Aserbaidschan über Ölfelder im südlichen Teil des Kaspischen Meers. Beide Länder beanspruchen die Vorkommen für sich, der Iran besteht auf zwanzig Prozent der Fläche. Um diese Position durchzusetzen, zwangen im Juli vergangenen Jahres iranische Kanonenboote und Kampfjets ein aserbaidschanisches Forschungsschiff von BPAmoco, Probebohrungen im Kaspischen Meer abzubrechen. Washington, mächtiger Verbündeter Aserbaidschans, protestierte energisch aber ohne Erfolg.

Im Bündnis mit Russland gegen die amerikanische Dominanz

Auch russische Diplomaten versuchen, die iranische Regierung zu beschwichtigen und zu friedlichen Verhandlungen anzuhalten. "Das ist in unserem Interesse, denn einen Konflikt zwischen Aserbaidschan und Iran würden die USA sofort als Vorwand nehmen, Truppen in den Kaukasus zu schicken", sagt Alexander Maryasow, russischer Botschafter in Teheran. Der großgewachsene, aristokratisch wirkende Diplomat ist Herr über eine palastartige Gesandtschaft mit Kiefernpark mitten in der Stadt. Ein historischer Ort: hier verhandelten und übernachteten 1943 die Alliierten Roosevelt, Churchill und Stalin auf ihrer ersten großen Kriegskonferenz. Maryasow macht aus seinem alten und neuen Feindbild keinen Hehl: "Jetzt haben die Amerikaner ja schon Truppen in Zentralasien. Die glauben doch, sie seien mächtig genug, unilateral alles zu tun und zu lassen, was ihnen gefällt."

Der Autor dieser Serie schrieb zum gleichen Thema das am 11. September erscheinende Buch "Der Kampf um das heilige Feuer - Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer", Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 19,90 Euro
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Der Autor dieser Serie schrieb zum gleichen Thema das am 11. September erscheinende Buch "Der Kampf um das heilige Feuer - Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer", Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 19,90 Euro

Wenn es darum geht, den langen Arm der Vereinigten Staaten aus der Kaspischen Region rauszuhalten, arbeiten der Iran und Russland eng zusammen. Das amerikanische Treiben in der Region lässt beide Länder ihre Jahrhunderte währende Feindschaft vergessen. Seit sie zudem keine gemeinsame Grenze mehr haben, sind die Beziehungen nahezu freundschaftlich geworden: Moskau liefert im großen Stil Waffen an den Iran und hilft beim Bau seines ersten Atomkraftwerks. Amerikanische Proteste gegen die neue Allianz lassen beide Seiten kalt.

Auch der gemeinsame Widerstand gegen die von Washington unterstützte Baku-Ceyhan Pipeline schweißt die ungleichen Partner und Konkurrenten auf dem Ölmarkt enger zusammen. "Wir sind gegen dieses Projekt, weil es politische Motive hat. Eine Pipeline-Route durch den Iran hingegen würde Russland unterstützen", sagt Maryasow, fügt aber gleich hinzu: "Natürlich erst, wenn alle russischen Pipelines voll ausgelastet sind."

Wie auch die meisten westlichen Diplomaten in Teheran, hat der 54jährige nichts als Kopfschütteln übrig für US-Präsident George Bushs, der den Iran in eine "Achse des Bösen" mit dem Irak und Nordkorea einordnet. "Diese Doppelmoral! Dahinter steckt die israelische Lobby in Washington. Die Amerikaner haben in ihren Beziehungen zum Iran bis heute nichts dazugelernt. Sie sind engstirnig, sie schauen nicht genau hin, sie hören nicht zu."

Eine Einschätzung, die den meisten Iranern aus dem Herzen spricht. Entsetzt sehen sie, wie die Drohgebärden aus Washington den konservativen Mullahs im Machtkampf mit den liberalen Reformern zuspielen. "Das amerikanische Feindbild ist doch das einzige, was das alte Regime noch an der Macht hält", sagt Amir Loghmany, langjähriger Politikchef von "Hamshari", der größten Tageszeitung im Iran. "Damit bremsen die Mullahs immer wieder die Reformen für mehr Freiheit bei uns." Den demokratischen Wandel seit der ersten Wahl Chatamis 1997 hält der promovierte Politikwissenschaftler, der in den 1960ern in Würzburg und Frankfurt studiert hat, allerdings nicht mehr für umkehrbar. "Die jungen Menschen lassen sich nicht mehr alles gefallen, und sie wenden sich vom Islam ab."

Tatsächlich sind die Kopftücher der jungen Frauen, die uns in den platanenbestandenen Straßen im vornehmen Norden Teherans begegnen, längst weit aus der Stirn gerutscht und erlauben den Blick – undenkbar noch vor wenigen Jahren – auf viel schönes, langes Haar. Dazu schminken viele Mädchen ihre Gesichter, und unter den schwarzen Tschador-Gewändern tragen sie modische Turnschuhe und Jeans. Im Park um den ehemaligen Sommerpalast des 1979 gestürzten Schahs Reza Pahlavi halten junge Paare ungeniert Händchen und tauschen Zärtlichkeiten aus. Von der Welt des Ayatollah Khomeini hat sich die nach der Revolution geborene Generation, die heute mehr als die Hälfte der iranischen Bevölkerung ausmacht, weit entfernt.

"Es liegt nur an Washington"

Wie der innenpolitische Kampf im Iran auch immer ausgehen mag: Auch bei einem endgültigen Sieg der Reformer wäre beileibe nicht gewiss, dass sich die Beziehungen des Iran zu den USA normalisieren würden. "Es liegt nur an Washington, das Verhältnis zu uns zu verbessern", sagt Loghmany, während er aus einer Flasche Coca-Cola, Produkt einer vor den Sanktionen gebauten Fabrik im Iran, trinkt. "Die Amerikaner müssten uns Respekt zeigen und uns gleichberechtigt behandeln." Schließlich sei der Iran eine stolze Nation. Aus dem Ringen um die Macht am Kaspischen Meer jedenfalls ist der Iran als mächtiger Spieler nicht mehr wegzudenken, glaubt Loghmany. "Egal, was die Amerikaner machen: Ohne uns ist in Zentralasien keine Rechnung zu machen."

Teil 7: Amerikas Joker im Great Game: Die Afghanistan-Pipeline

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