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10.09.2002
 

Interview zum österreichischen Regierungsdebakel

"Haider war immer ein psychischer Grenzgänger"

Österreich steht vor Neuwahlen. Auslöser: Jörg Haider. Doch diesmal ist der Plan des Rechtspopulisten nicht aufgegangen, sagt Peter Ulram. Der Wiener Politologe erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum Haider narzisstisch, aber ungefährlich ist, was von ihm in den Geschichtsbüchern übrig bleiben wird - und warum Österreich jetzt ein ganz normales europäisches Land werden kann.

SPIEGEL ONLINE:

Haider hat die Regierung zu Fall gebracht, die er mit aufgebaut hat. Warum?

"Ein selbstverliebter, medienabhängiger Spieler": Jörg Haider
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REUTERS

"Ein selbstverliebter, medienabhängiger Spieler": Jörg Haider

Ulram: Man kann lange versuchen, das Verhalten Haiders rational zu ergründen. Längerfristig könnte er geplant haben, wieder die Führung der Partei zu übernehmen, um dann einen rechtspopulistischen Wahlkampf zu führen - mit Themen von der EU-Osterweiterung bis zur Steuerreform. Das ist ein rationaler Erklärungsversuch. Aber es gibt noch einen anderen Ansatz: Haider hat es einfach nicht ausgehalten, nicht mehr der Star in allen Medien zu sein. Er war ja bereits so etwas wie ein internationaler Popstar, und plötzlich ist er nur noch der Landeshauptmann eines kleinen österreichischen Bundeslandes und darf dort Volksfeste eröffnen und ab und zu nach Caorle zu Gesprächen mit dem dortigen Bürgermeister fahren. Das ist sicher nicht ganz das, was Haider sich vorgestellt hat. Ich glaube, solche Überlegungen sind mindestens genauso wichtig wie alle rationalen Spekulationen.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, Haider verfolgt keine rationalen Ziele?

Ulram: Haider war immer ein psychischer Grenzgänger. Er war nie der Dämon, für den man ihn gehalten hat. Er war ganz einfach politischer Spieler und Popstar. Ich glaube, dass Haider in vielerlei Hinsicht im Ausland wie in Österreich falsch eingeschätzt wurde: Er ist kein gefährlicher Politiker, sondern ein narzisstischer, in sich selbst verliebter medienabhängiger Spieler.

SPIEGEL ONLINE: Er ist kein Gesinnungstäter?

Regierungsspitze a.D.: Kanzler Schüssel und seine Stellvertreterin Riess-Passer
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DPA

Regierungsspitze a.D.: Kanzler Schüssel und seine Stellvertreterin Riess-Passer

Ulram: Bestimmt nicht. Es gibt keine Position, die Haider im Laufe seiner Karriere nicht vertreten hat. Als er seine Karriere begann, war er in der FPÖ sowohl als Mitglied des deutschnationalen als auch des liberalen Flügels geschätzt. Deutschnationaler war er dann, bis er darauf kam, dass das in Österreich nicht mehr interessant ist; dann wurde er österreich-nationaler Chauvinist. Einmal war er für die EU, dann dagegen; einmal war er gegen Steuerreformen, dann dafür... Hätte er sich ausgerechnet, dass ein Beitritt Österreichs zur Organisation Afrikanischer Staaten Stimmen bringt, wäre er auch dafür gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie denn, dass Haider jetzt zufrieden ist? Ist für ihn alles nach Plan gelaufen?

Ulram: Es ist nicht nach Plan gelaufen. Plötzlich diktieren andere ihm die Regeln des Handelns und nicht umgekehrt; das war bestimmt nicht seine Absicht.

SPIEGEL ONLINE: Was hat er denn nun vor? Bei seinem letzten Pseudo-Rücktritt hat er bereits angekündigt, er sei als "Sisyphus" bereit, die Parteiführung nach den Wahlen wieder zu übernehmen. Wann, glauben Sie, sieht er seine "Stunde als Retter" gekommen?

Ulram: Er hat sich das wahrscheinlich so vorgestellt, dass das im Laufe des nächsten Jahres auf ihn zugekommen wäre. Im Frühjahr hätte es Regionalwahlen gegeben - mit schlechten Ergebnissen für die FPÖ. Und dann hätte er sich als Retter an die Spitze der Bewegung gestellt. Inzwischen wird ihm möglicherweise nichts anderes übrig bleiben, als das jetzt schon zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Wird er das wirklich tun? Ist das Risiko für ihn nicht viel zu groß? Dann muss er doch auch die Verantwortung für das zu erwartende schlechte Wahlergebnis übernehmen.

Ulram: Ich weiß es nicht. Da kommen wir langsam in psychoanalytische Dimensionen. Die Hoffnung, er könne wieder von Null an beginnen, kann er sich sowieso abschminken. Die Partei hat den Sündenfall der Regierungsbeteiligung schon vollzogen. Die Leute haben gesehen, was die FPÖ kann und was sie nicht kann. Das ist nicht mehr so wie 1986 oder 2000, als die FPÖ sich rausreden konnte mit der Entschuldigung, sie habe doch gerade erst angefangen. Haider wird am Wahlergebnis gemessen werden, was immer er uns auch in den nächsten Tagen und Wochen erzählen wird. Sicher wird es eine kleine Gruppe von Funktionären geben, die an seine Unschuld glaubt, nach dem Motto: "Wenn das der Führer nur wüsste." Das gilt aber nicht für das Gros der ehemaligen FPÖ-Wähler.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Regierungsbeteiligung der FPÖ jetzt als Fußnote in die österreichischen Geschichtsbücher eingehen?

Ulram: Zumindest wird Haider als derjenige in die Geschichtsbücher eingehen, der seine eigene Partei zweimal aus der Regierung katapultiert hat - 1986 aus der Koalition mit den Sozialdemokraten und 2002 aus der Koalition mit der ÖVP. Das wird das einzige sein, was von ihm in den Geschichtsbüchern übrig bleibt. Wie sich die FPÖ weiterentwickelt, kann momentan niemand voraussagen. Wenn am Ende dieses kurzen Wahlkampfes eine massive Niederlage der FPÖ steht, wird man sehen, ob Haider dann noch das Sagen in der Partei hat..

SPIEGEL ONLINE: Bei den jetzt anstehenden Neuwahlen hat die FPÖ doch überhaupt keine Chance, an ihr Ergebnis von 1999 anzuknüpfen.

Ulram: Das hätte sie auch ohne Neuwahlen nicht gekonnt. Die Frage ist nur: Wie weit wird sie absacken? Geht es in Richtung 20 Prozent oder noch weiter abwärts?

Bei der Parteibasis hatte die FPÖ-Spitze um Riess-Passer keinen Rückhalt mehr
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AFP

Bei der Parteibasis hatte die FPÖ-Spitze um Riess-Passer keinen Rückhalt mehr

SPIEGEL ONLINE: Auf was für einen Wahlkampf kann sich Österreich jetzt einstellen?

Ulram: Es wird sicher keinen Lagerwahlkampf Schwarz-Blau gegen Rot-Grün geben. Das heißt, es wird um die Frage gehen, wer wird stärkste Partei, es wird eine primäre Auseinandersetzung zwischen den beiden Kanzlerkandidaten Schüssel und Alfred Gusenbauer geben. Und das ist auch der einzige Punkt, auf den die ÖVP setzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das Ende von Schwarz-Blau für Österreich?

Ulram: Immerhin werden wir wieder normaler. Es gibt in Österreich nicht mehr diese irrsinnig langen Phasen einer Regierung, die dann immer damit enden, dass das System langsam erstarrt. Es sind wieder mehrere Möglichkeiten offen. Die Wähler haben tatsächlich die Wahl. Es ist nichts von vornherein abgemacht. Deshalb glaube ich, dass wir ein ganz normales europäisches Land werden. Haider und die FPÖ konnten nur groß werden unter dem alten System der traditionellen Großen Koalition. Das alte System gibt es nicht mehr. Und damit ist auch der Flügel des Rechtspopulismus gestutzt.

Das Interview führte Dominik Baur

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