Ich saß gerade beim Generalstaatsanwalt Russlands. Wir sprachen über Menschenrechte und Kriminalitätsbekämpfung in Tschetschenien. Die Mitteilung vom Terrorangriff brachte der Sekretär. Wir schalteten den Fernseher ein - just in dem Augenblick, als das zweite Flugzeug in den zweiten Turm des WTC raste.
Was war Ihr erster Gedanke und mit wem haben Sie zuerst darüber gesprochen?
Zunächst hatte ich gar keine Gedanken. Ich konnte nicht glauben, dass dies wirklich passiert. Erst nach einiger Zeit wurde mir klar, dass kein Horrorfilm lief, sondern eine Life-Sendung. Darüber sprachen wir - der Generalstaatsanwalt und ich. Wir waren uns einig, dass die Terroranschläge in Amerika, die Wohnhäuser-Explosionen 1999 in Moskau und der Terror in Tschetschenien Glieder einer Kette seien. Auch die Handschrift war die gleiche: Möglichst viele Unschuldige zu treffen, möglichst in einer Situation, die den Menschen keine Überlebenschance lässt.
Es geht diesen Leuten nicht um politische Show-Aktionen, auch nicht darum, die Öffentlichkeit auf Verletzung von irgendwessen Menschenrechten aufmerksam zu machen. Es ist krankhafte und militante Mordsucht, die mit Politik nichts zu tun hat. Unser Gefühl war, dieses Leid muss Russland und den Westen näher zueinander bringen und die Verständigung erleichtern: Gegen die vereinten Kräfte des Bösen müssen wir vereint auftreten.
Wie hat das Ereignis Ihr eigenes Leben verändert?
Es ist für mich noch deutlicher geworden, dass die Bekämpfung von Terrorismus keinen Aufschub duldet. Man darf sich auf keine Spiele mit dem Satan einlassen. Genau das wurde aber seinerzeit in Afghanistan praktiziert, als amerikanische Geheimdienste afghanische Mujahiddin unterstützten, ja sogar Organisationen wie die al-Qaida aus der Taufe hoben. Diese Ungetüme haben wie Cyborgs die Waffen gegen ihre Schöpfer gewandt.
War die politische und militärische Reaktion richtig, welche Fehler wurden gemacht?
Die Entschlossenheit der USA, mit den Taliban und der al-Qaida ein für allemal Schluss zu machen, stieß auf unser volles Verständnis. Politische Regimes, die sich nicht um Wirtschaft und Menschen kümmern, sondern ihre Bevölkerung zur Aggression gegenüber den Nachbaren und Andersgläubigen erziehen, die vom Raub und Drogenverkauf leben, haben auf unserem Planeten kein Lebensrecht. So gesehen, ist es logisch, dass Russland die Operation in Afghanistan unterstützte.
Doch heute kann niemand mehr überschauen, wie die Operation weiterlaufen soll. Und auch, was ihr logisches Ziel sein sollte. Man wird das Gefühl nicht los, US-Politiker sind der großen Verführung verfallen, aus diesem Krieg kurzfristige Profite zu ziehen. Deshalb soll die Operation nicht in die Tiefe gehen, wo man ideologische und finanzielle Quellen des Terrorismus vermuten muss, sondern in die Breite - ein Krieg gegen den Irak wird vorbereitet.
Hussein ist sicherlich kein Engel. Doch die Motive, mit denen Amerika einen Krieg gegen ihn vom Zaun brechen will, wirken nicht gerade glaubwürdig. Auf den Durchschnittsbürger wirkt es stärker, wenn er auf dem Bildschirm Kriegshandlungen sieht - und danach die amerikanische Fahne über fremden Städten. Die Drogenproduktion in Afghanistan zu bekämpfen, das Elend zu beseitigen, Arbeitsplätze zu schaffen, Bildung zu ermöglichen und die Leute zu Arbeit statt Raub zu erziehen, ist nicht so publikumswirksam. Das sind Routinevorgänge, die man nicht vorteilhaft ins Bild rücken kann. Doch langfristig führen nur sie zum Erfolg im Kampf gegen den Terrorismus. Die amerikanische Operation im Irak kann nur von den wirklichen Drahtziehern des Terrors ablenken. Diese würden sich nämlich Kriegsbilder life im al-Dschasira-TV gern ansehen - und mit ihren Wasserpfeifen über die dummen Amerikaner lustig machen sowie neue Blutbad-Szenarios erfinden.
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