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11.03.2003
 

Bushs Öl-Bonanza

"Ekel erregend wie Arafats Unterhosen"

Von Jochen Bölsche

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, warum die USA in der Ölfalle stecken und warum Kalte Krieger der Bush-Regierung raten, als nächstes Saudiarabien anzugreifen.

Ölförderanlage in Kirkuk: Wer dreht künftig am Hahn?
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AFP

Ölförderanlage in Kirkuk: Wer dreht künftig am Hahn?

In einem SPIEGEL-ONLINE-Interview analysierte Scheer, Energie- und Rüstungsexperte der SPD-Fraktion, schon vorigen Monat: "Das Öl erklärt mehr als alles andere das britische Verhalten. Von den sechs größten Erdölgesellschaften sind zwei britisch, BP und Shell. BP ist sogar ein britischer Staatsbetrieb und hat 20 Jahre lang bis in die Verwaltung des Irak hineinregiert." Neben den Briten sollten gegebenenfalls auch die anderen Ständigen Mitglieder des Uno-Sicherheitsrates an der Bonanza beteiligt werden, hat der einstige CIA-Direktor James Woolsey, einer der führenden Lobbyisten für einen Irakkrieg, schon öffentlich angeregt.

Bush müsse, so Woolsey, den Regierungen Frankreichs, Russlands und Chinas als Gegenleistung für einen Veto-Verzicht in der Uno zusagen, "dass wir unser Bestes tun werden, um sicherzustellen, dass die neue Regierung und die amerikanischen Gesellschaften mit ihnen eng zusammenarbeiten werden". Allerdings: Sollten die drei Staaten im Sicherheitsrat gegen die angloamerikanischen Kriegspläne stimmen, werde es "schwierig bis unmöglich" sein, "die neue irakische Regierung zu überreden, mit ihnen zusammenzuarbeiten".

"Das Lebenselixier des American Way of Life"

Längst denken die Globalstrategen im Pentagon, in den Chefetagen der Erdöl- und Rüstungsfirmen und in deren Think Tanks weit über die Grenzen des Irak hinaus. Denn der Öldurst der USA, deren eigene Reserven allmählich zur Neige gehen, ist schier unersättlich.

Mit einem Pro-Kopf-Energieverbrauch, der um das Doppelte über dem der Deutschen liegt, sind die Vereinigten Staaten die energieintensivste Nation der Welt. Bis zum Jahr 2020 wird eine weitere Zunahme des US-Erdölbedarfs um 33 Prozent erwartet; dann müssten 70 Prozent des US-Bedarfs über Importe gedeckt werden.

Die US-Ökonomie sitze "mehr als jede andere Volkswirtschaft in der Ölfalle", wenn die Preise steigen, doziert der in Osnabrück lehrende Politikwissenschaftler Mohssen Massarrat: "Billigöl gilt als Lebenselixier des American Way of Life. Kein US-Präsident traut sich zu, diesen verschwenderischen Lebensstil anzutasten."

Ronald Reagan verwarf die "Alternativen zum Krieg"

Zwar hatten die USA vor 23 Jahren, unter Präsident Jimmy Carter, den Ausbau von erneuerbaren Energien angesteuert, um die Abhängigkeit von Öl-Importen zu vermindern. Eine einschlägige Studie trug den Titel "Alternativen zur Verletzlichkeit der Nation und zum Krieg." Doch dann zog der konservative Ronald Reagan ins Weiße Haus ein und zerschlug alle Ansätze zu einer Energiewende. Reagans Motive lagen auf der Hand. "Sein Wahlkampf", erinnert sich der deutsche Umweltpolitiker Scheer, "war genauso intensiv von der Ölindustrie gesponsert wie der von Bush."

Die Öl-Connection im Weißen Haus
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DER SPIEGEL

Die Öl-Connection im Weißen Haus

Aus der Ölfalle, in der die USA stecken, führt nach Überzeugung der "Neo-Reaganisten" in den konservativen US-Denkfabriken nur ein Ausweg: Allein der Zugriff Washingtons auf die Ölhähne von "Greater Middle East" garantiere eine permanente Energieversorgung - und sichere überdies auch die globale Hegemonie der USA.

Mit der Kontrolle über die Quellen und den Preis des Schwarzen Goldes hätten die Amerikaner, argumentiert Professor Massarrat, eine "Ölwaffe" in der Hand, die sich nicht nur gegen Russland, China und Indien einsetzen ließe, sondern auch gegen andere potenzielle Konkurrenten: "gegen die eigenen Verbündeten, gegen die EU, ganz besonders gegen Deutschland, nicht zuletzt auch gegen Japan, dessen Abhängigkeit von Ölexporten extrem ist".

Zweifel an der "Dominotheorie" der US-Strategen

Bushs jüngste Beteuerung, es gehe vor allem darum, nach der Entmachtung Saddams auch all die anderen Diktaturen im Nahen Osten wie Dominosteine umkippen zu sehen und sie durch Demokratien abzulösen, stößt selbst in den USA auf Zweifel. Zu tief verwurzelt ist bei den Gebildeten im Lande die Erinnerung daran, dass die USA, wenn es um Öl-Interessen ging, immer wieder mit Finsterlingen paktiert haben, die alles andere als demokratisch waren - vom Schah von Persien über den Giftgaskrieger Saddam bis hin zu den Taliban, mit denen sie vor dem Afghanistan-Krieg über Pipelines für das kaspische Öl verhandelten. Seit die Falken ihre Krallen ins Weiße Haus geschlagen haben, gehe es der US-Regierung, so Experte Scheer, um die Kontrolle der gesamten Region am Golf, wo 26 jener 40 Riesenölfelder liegen, aus denen 60 Prozent der Welt-Erdölförderung stammen. Mit Sorge betrachten die USA vor allem die Entwicklung in Saudi-Arabien, dessen gewaltige Öl-Vorräte auf Grund schneller Ausbeutung rascher erschöpft sein werden als die irakischen Quellen und wo zudem die Gefahr eines islamistischen Umsturzes ständig wächst.

"Die Saudis sind verweichlicht und verwöhnt"

Im vorigen Herbst höhnte die Kolumnistin Maureen Dowd in einem sarkastischen Artikel in der "New York Times", die USA sollten statt in den Irak lieber in Saudi-Arabien einmarschieren: "Die Saudis anzugreifen wäre sogar noch einfacher. Sie sind verweichlicht und verwöhnt." Das Ganze sei ein Kinderspiel, vergleichbar mit "der Panama-Invasion während der Amtszeit von Bush I." Besser noch: "Sobald wir Saudi-Arabien in unsere Selbstbedienungstankstelle verwandelt haben, werden seine Nachbarn das Demokratie-Virus bekommen."

Auf solche Ratschläge mögen selbst die Bushisten wohl (noch) nicht hören. Denn eine Intervention im Land von Mekka und Medina, gibt der Energiefachmann Scheer zu bedenken, würde "einen Flächenbrand in der gesamten islamischen Welt auslösen". Scheer: "Deshalb ist der Irak das Substitut." Dabei besteht kein Zweifel, dass die Falken um Bush langfristig die gesamte Golfregion im Auge haben, deren Gesamt-Ölreserven von der Arbeitsgemeinschaft Friedensforschung an der Universität Kassel auf einen derzeitigen Marktwert von 10.000 Milliarden Dollar taxiert werden - eine 1 mit dreizehn Nullen. Ernsthaft erwogen wurde eine Strategie gegen die Saudis bereits im einflussreichen Defense Policy Board, dem der PNAC-Mann und einstige Vize-Verteidigungsminister Richard Perle vorsteht.

"Die Heiligen Stätten ins Visier nehmen"

Im vorigen Herbst referierte dort der Rand-Corporation-Planer Laurent Murawiec über Möglichkeiten, mit einem "Ultimatum an das Haus Saud" Druck auszuüben, falls die Regierung keinen US-freundlichen Kurs einschlage, und gegebenenfalls "das saudische Öl, Geld und die Heiligen Stätten ins Visier zu nehmen" - was die "International Herald Tribune" zu einem (halbherzigen) Protest veranlasste.

"Lasst uns ehrlich sein," schrieb das Blatt: "Im Nahen Osten alles auf eine Karte zu setzen - auf Regimewechsel im Irak, in Iran, in Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien zu drängen: So handeln nur Spieler. Das bedeutet nicht, dass es falsch ist, sondern dass es riskant ist - und aus diesem Grund verdient es eine besonders sorgfältige Debatte."

Zu dieser Debatte hat Vizepräsident Dick Cheney, Autor einer "Nationalen Energiepolitik" der USA und ebenso wie sein Chef George W. Bush Ex-Spitzenmanager in der Ölindustrie, das Argument beigesteuert, Ölpreissteigerungen dürften nicht hingenommen werden; sie würden "wie eine Steuer durch ausländische Ölexporteure wirken" und "das ökonomische Wachstum beeinträchtigen". Aus solchen Gründen, analysiert das Fachblatt "Petroleum Finance", sei es die "Strategie der US-Regierung, die Marktmacht der Opec zu schwächen, und ein Weg hierzu ist es, bestimmte Länder herauszulösen". Im Irak könnte das bald gelingen: Die Exilopposition, die demnächst unter dem Schutz der USA das Zweistromland regieren will, hat bereits angekündigt, aus der Organisation der Erdöl exportierenden Staaten austreten zu wollen.

Damit aber wären aus Sicht der US-Regierung die Voraussetzungen dafür geschaffen, sich endlich den Saudis zuzuwenden.

Nach einem Machtwechsel im Irak, so die "International Herald Tribune", werde "ein freundliches Nachfolgeregime ein wichtiger Ölexporteur in den Westen werden. Dieses Öl würde die US-amerikanische Abhängigkeit von saudischen Energieexporten reduzieren und es folglich erlauben, das saudische Königshaus damit zu konfrontieren, dass es den Terrorismus unterstützt" - ein neuer Kriegsgrund?

In der Öl-Industrie gilt: "Keep your lip zipped"

Die radikalsten unter den US-Hardlinern bekennen sich mittlerweile offen zu ihren An- und Absichten. "Man wirft Amerika vor, wegen Öl Krieg zu führen," sagt der Energiestratege Murawiec: "Das ist sogar ein sehr guter Grund."

Die Großen im Ölgeschäft hingegen betrachteten das Thema als "extrem sensibel", wie Reporter von "Business Week" bei einschlägigen Recherchen erfuhren. Die mächtigen Berufskollegen des fiktiven TV-Ekels J. R. Ewing aus Dallas verhielten sich sämtlich nach dem Motto: Klappe halten, Bush vertrauen und allzeit bereit sein. Oder, im Originalton: "Keep your lip zipped, hope George W. is right, and go along for the ride."

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