Von Jochen Bölsche
Zur alternativen Online-Szene der USA zählt der News-Ticker www.buzzflash.com ebenso wie das Web-Angebot einer Zeitschrift, hinter deren ungewöhnlichem Titel, "Mother Jones", sich nach dem Urteil von Greenpeace "das bissigste und beste Magazin" der USA verbirgt.
Wie das Mutter-Blatt steht auch www.motherjones.com in einer gänzlich anderen amerikanischen Tradition als die Familie des Ölmagnaten Bush, die von Krieg zu Krieg reicher geworden ist.
Mutter Jones und das "machine-gun massacre"
Die 1930 im Alter von 100 Jahren gestorbene Bergarbeiterwitwe Mary Harris ("Mother") Jones hatte als Aktivistin der Social Democratic Party gegen Kinderarbeit gekämpft, für brutal verfolgte Gewerkschafter gestritten und mutig das legendäre "machine-gun massacre" angeprangert, mit dem Minenbesitzer 1914 in Colorado zwanzig Streikende ermorden liessen. Motto der irischstämmigen Katholikin: "Betet für die Toten und kämpft wie der Teufel für die Lebenden."
In der Gegenöffentlichkeit von motherjones.com und anderen Websites - darunter deutsche Angebote wie www.feldpolitik.de - vernetzt sich derzeit die bunte internationale Szene der demokratischen und radikaldemokratischen Bush-Gegner.
Ein Betbruder brüskiert seine eigene Kirche
Aktuelle Link-Listen verweisen auf wichtige Texte von Investigativreportern, Völkerrechtlern und Friedensforschern - und auf all das, was die Hirnwäscher in "Brainwashington", wie die Bush-Regierung auf diesen Seiten geschmäht wird, der Weltöffentlichkeit gern vorenthalten würden.
Zum Beispiel: Während der Präsident von wichtigen Mainstream-Medien als gottgefälliger Betbruder porträtiert wird, dokumentieren die Web-Aktivisten nicht nur die unbarmherzige Kriegskritik des Papstes ("unmoralisch, illegal und ungerecht"), sondern auch den Protest der Bischöfe von Bushs eigener (methodistischer) Kirche, die er seit Wochen brüskiert; die widerspenstigen Geistlichen müssen darauf warten, zu ihm vorgelassen zu werden.
Oder: Während konservative Zeitungen ein französisches Uno-Veto gegen den Irak-Krieg als unerhörte Provokation hinstellen, zeigen die Alternativmedien auf, dass die USA in den letzten zehn Jahren ungleich öfter ihr Veto eingelegt haben als jedes andere Mitglied des Sicherheitsrats.
Ex-Agent warnt vor "historischem Wahnsinn"
Oder: Während rechte Kommentatoren im Einklang mit Bush die Missachtung von Uno-Resolutionen durch den Irak als automatischen Kriegsgrund werten, halten die Wahrheitssucher im Web dagegen, dass andere Länder, selbst das demokratische, als "USrael" apostrophierte Israel, sich schon über weitaus mehr Beschlüsse der Völkergemeinschaft hinweggesetzt haben als der Diktator in Bagdad.
Oder: Während sich Kriegsgegner allenfalls im Anzeigenteil vieler US-Blätter zu Wort melden dürfen, kann im Web jedermann zum Beispiel den Aufruf jener 14.000 US-Schriftsteller und -Akademiker abrufen, die Bushs Krieg als "moralisch nicht akzeptabel" verurteilen. Und weltweit zugänglich ist auch die Ansicht des britischen Autors und Ex-Geheimdienstlers John Le Carré, in der gegenwärtigen "Phase historischen Wahnsinns" behandele die "Bush-Junta" die Tatsache, dass im vorigen Golfkrieg doppelt so viele Iraker gefallen sind wie Amerikaner in Vietnam, wie ein Staatsgeheimnis.
J. R. Ewing erinnert sich an "Dallas", Folge 220
Viele amerikanische und deutsche Homepages verbreiten aktuelle Demo-Termine nebst den gängigen Demo-Parolen - von "Energiesparen hilft Kriege verhindern" bis zu "Waffeninspekteure in die USA!". Andere bieten ein Feuerwerk bitterer Bush-Satiren oder weisen auf Glanzstücke hin wie dieses virtuelle Interview mit dem TV-Ekel und -Ölmagnaten J. R. Ewing zum Irakkrieg, zu finden bei Telepolis.de. Leseprobe:
Frage: Politische Beobachter rechnen mit einem Umsturz der Öloligarchien in den Golfstaaten, z.B. in Saudi-Arabien.
Ewing: So ein ähnliches Projekt hatte ich auch schon einmal, das war, glaube ich, in der Folge 220 und später. Ich wollte damals die saudische Ölproduktion sabotieren, aber natürlich mit viel bescheideneren Mitteln. Das ging gründlich schief und ich bekam gewaltigen Ärger mit dem Justizministerium (flucht bei dem Gedanken, beruhigt sich aber wieder). Aber heute haben wir ja zum Glück unsere Jungs in der Regierung.
Frage: Ökonomen rechnen mit einer Weltwirtschaftskrise.
Ewing: Europa und China können sowieso einen Dämpfer vertragen, die sind in letzter Zeit zu aufmüpfig geworden. Und die USA brauchen immer eine neue Herausforderung.
Frage: Viele Beobachter rechnen mit neuen terroristischen Anschlägen, so wie bei den WTC-Anschlägen in New York.
Ewing: Wir sind hier in Dallas, Texas. New York ist über 1500 Meilen weit entfernt.
Frage: Präsident Bush gilt als sehr religiöser Mann. Welchen Anteil spielt ihrer Ansicht nach sein christlicher Glaube bei seiner Politik?
Ewing: Die meisten Texaner gehen jeden Sonntag in die Kirche. Wir leben hier nach dem Grundsatz: Gott hilft dem Erfolgreichen.
Frage: Wenn alles so kommt, wie skeptische Beobachter und Ökonomen erwarten, also Explosion des Ölpreises, Absturz der Aktienkurse, weltweite Wirtschaftskrise und neue Terroranschläge, könnte es schwierig werden mit der Wiederwahl von Bush.
Ewing: Wieso? Was gut ist für die texanische Ölindustrie, ist auch gut für Texas, und was gut ist für Texas, ist gut für Amerika.
Frage: Leidet unter der Politik von Bush nicht das Ansehen der USA?
Ewing: Wieso? Was gut für Amerika ist, ist auch gut für die Welt (guckt auf die Uhr). Leider habe jetzt keine Zeit mehr für Sie, Termine, Sie verstehen...
Die Story von Saddams Fliegender Untertasse
Vergleichsweise wenige Websites offerieren Fragwürdiges und Abseitiges, beispielsweise Fantasiegeschichten über verschwörerische Illuminaten oder eine bizarre Enthüllungsstory über Hintergründe der Irak-Krise, die angeblich mal in der Moskauer "Prawda" gestanden hat.
Danach hat Saddam vor Jahren Aliens aus einem abgeschossenen Ufo Asyl gewährt, deren gentechnischem Know-how er die Züchtung von Kampf-Skorpionen verdankt, die "so groß wie Kühe" sind und nun seine Paläste bewachen. Der Bericht existiert wirklich - er stand nur nicht auf den Politikseiten der "Prawda", sondern auf einer russischen Fun-Page. Fun hin, Spaß her - womöglich könnte das Netzwerk der schnell wachsenden Internationale des Friedens ein wenig dazu beitragen, die Welt zu verändern.
Die Kontakte zwischen den Kriegsgegnern diesseits und jenseits des Atlantik offenbaren schon jetzt beiden Seiten, wie dumm es wäre, Antibushismus und Antiamerikanismus zu verwechseln. Amerika - das sind eben nicht nur der Texaner und die "stupid white men", sondern auch "Mother Jones" und ihre jungen Fans.
"Bush schafft, wogegen er antritt"
Das weltweite Unbehagen über Bushs Kriegskurs könnte, spekuliert der Essayist Oliver Fahrni in der Schweizer "Wochen-Zeitung", vielleicht sogar dazu führen, dass Bush unfreiwillig "schafft, wogegen er antritt: ein Stück Weltzivilgesellschaft".
Zu befürchten ist nur, dass der Weg dorthin über Berge von Leichen führt. Macht Bush seine Drohung wahr, den Irak einzuäschern, unter anderem mit der jetzt vor TV-Kameras demonstrativ gezündeten "Mutter aller Bomben" - dann werden aus Bagdad abermals Bilder von ungeheurer Suggestionskraft auf die Bildschirme kommen.
"Pentagon-Mitarbeiter geben zu, dass Hiroshima als Prototyp für Bagdad verstanden wird", schreibt der US-Wissenschaftler William La Fleur in der "FAZ": "Die neuen Bomben verzichten auf Strahlung, aber ihre unerreichte, bislang unvorstellbare Sprengkraft gleicht diesen Verzicht aus. Mit ihrer Hilfe hofft das Pentagon, dass Amerika und Großbritannien die Iraker dazu bringen können, wie die Japaner 1945 zu kapitulieren."
Ein Feuerwerk wie in Hiroshima
Der Feuerzauber auf den Bildschirmen werde noch erhebender sein als das CNN-Spektakel von 1991, prognostiziert der Japanologie-Professor aus Philadelphia: "Der Anblick einfach bestechender Raketen und explodierender Bomben wird Adrenalinschübe in uns auslösen. In unseren Körpern wird es vor Faszination kribbeln … Wir werden ein Feuerwerk sehen, das beinahe der faszinierend-berüchtigten Pilzbombe entspricht."
Später aber würden sich, wie einst in Hiroshima und Nagasaki, "Erschrecken und Schauder" einstellen - dann, "wenn unerschrockene Fotografen dazu stoßen und uns die Augen öffnen für das, was unten übrig geblieben ist".
Was immer dann verstümmelt und verbrannt sein wird - das Schwarze Gold des Landes soll unter keinen Umständen Schaden nehmen.
Geheimsender droht mit Kriegsverbrecherprozess
Im Irak, meldete jüngst der "New Scientist", sei neuerdings ein mysteriöser Untergrundsender namens "Stimme der irakischen Befreiung" zu vernehmen. Die anonymen Propagandisten warnen mit drastischen Worten vor jeder "mutwilligen Beschädigung" von Ölfördereinrichtungen: Die kommende Regierung werde jeden Saboteur "als Kriegsverbrecher anklagen".
Amerikaner dagegen werden sich wohl kaum je vor einem Kriegsverbrechertribunal verantworten müssen. Von Beginn an hat die Hypermacht USA als einer von wenigen Staaten der Welt den in dieser Woche in Holland eröffneten Internationalen Strafgerichtshof boykottiert.
Und ein von Bush inspiriertes neues US-Gesetz lässt sogar militärische Schritte gegen ein Land zu, das amerikanische Soldaten vor Gericht zur Verantwortung ziehen will - und sei es in Den Haag, The Netherlands, Old Europe.
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