Herr Wassmann, wie geht es Ihnen?
Reinhold Wassmann: Keine Sorge, ich lebe. Aber die haben die Stadt zugedeckt mit Bomben, das war Wahnsinn. Es ging am Nachmittag mit kürzeren Bombardements los, dann am Abend über ein, zwei Stunden lang Schlag auf Schlag. Das begann etwa gegen 21 Uhr, so wie am Vortag auch. Diesmal habe ich Einschläge mitbekommen, die kaum 500 Meter von hier entfernt passiert sind, die Rauchschwaden waren riesig. Dazu kam das Dauerfeuer von Flakgeschützen, die hier ganz in der Nähe positioniert sein müssen. Das ganze Hotel hat gebebt, und an der Vorderfront sind viele Scheiben zersprungen. Damit sie nicht ganz zersplittern, waren sie in den vergangenen Tagen mit Klebstreifen verklebt worden.
SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie bei Bombenalarm nicht einen Bunker aufsuchen?
Wassmann: Nein, dieses Hotel hat keinen. Und warum sollte ich anderswo den Irakern, die hier leben, einen Bunkerplatz wegnehmen? Oft wird auch gar kein Alarm mehr gegeben, die Angriffe kommen zu plötzlich. Wir sammeln uns dann im Erdgeschoss des Hotels, viele übernachten auch in den Gängen, weil sie die Zimmer für unsicherer halten.
SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie über das Kriegsgeschehen informiert?
Wassmann: Ich habe einen kleinen Weltempfänger dabei und bekomme damit zumindest die Deutsche Welle rein. Seit einigen Tagen sendet hier auch ein amerikanischer Piratensender. Zunächst sehr viel amerikanische Popmusik, inzwischen orientalische Klänge und arabische Kommentare - wohl auch als Gegenpropaganda zum irakischen Fernsehen. Das vermittelt sehr wenig. Als gestern die Angriffe begannen, wurde eine jubelnde Menge gezeigt, die Saddam Hussein huldigte, aber nichts, was den Menschen Trost oder Hilfe bieten könnte. Das fand ich grotesk.
SPIEGEL ONLINE: Wie frei können Sie sich denn tagsüber bewegen?
Wassmann: Die bombardierten Stellen werden weitgehend abgeschottet. Ansonsten wird man kaum behindert, die Bewegungsfreiheit ist groß. Ich versuche Bilddokumentationen von Plätzen vor und nach dem Anfang des Bombenkriegs. In der Regel geht das gut, gestern allerdings wurde ich von Soldaten aufgegriffen. Ich hatte Glück, dass der Kommandant mich freundlich ins Hotel zurückgewiesen hat.
SPIEGEL ONLINE: Was hat sich jetzt schon im Stadtbild geändert?
Wassmann: Das gesamte Leben. Ehemals volle Straßen sind fast menschenleer. Angst wird nicht offen gezeigt, aber sie ist daran ablesbar, dass die ängstlichen Menschen lieber zu Hause bleiben. So haben auch die meisten Läden geschlossen, und Einkaufen wird immer schwieriger. Die ersten Engpässe werden deutlich. Wasser gibt es jetzt schon kaum noch zu kaufen, stattdessen Fanta, Pepsi und so. Auch im Hotel hat sich das Angebot drastisch verschlechtert. Gab es früher eine Menükarte mit fünf, sechs verschiedenen Gerichten, gibt es heute nur noch eins. Und zum Frühstück gab es schon keine Butter und keinen Käse mehr und nur altes Brot.
SPIEGEL ONLINE: Warum wollten Sie eigentlich unbedingt bleiben?
Wassmann: Als wir vor rund zehn Tagen hier in einer Gruppe aus Berlin ankamen, die sich zum Teil als menschliche Schutzschilder zur Verfügung stellen wollten, forderte uns die deutsche Botschaft auf, lieber zurückzukehren. Wer bleibe, laufe Gefahr, seinen Versicherungsschutz zu verlieren. Die meisten sind auch wieder abgefahren, aber nur zwei Tage in Bagdad gewesen zu sein, war mir zu wenig. Ich will vor Ort helfen, das ist mein Ziel.
SPIEGEL ONLINE: In welchem Rahmen?
Wassmann: Ich habe in der Botschaft gefragt, ob sie mir ein Krankenhaus nennen könnten, in dem ich mitarbeiten kann. Mir wurde ein privates christliches Hospiz empfohlen. Da hat man sich sehr über mein Angebot gefreut, nun werde ich auf Abruf bestellt. Gott sei dank gab es bisher noch nicht viele Opfer. Aber wie es aussieht, dauert das leider nicht mehr lange.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben Familie. Wie steht Sie zu Ihrer Unternehmung?
Wassmann: Gerne hat sie das auch nicht gesehen und ist sehr beunruhigt. Leider kann ich mit E-Mails höchstens alle zwei Tage noch mit ihr in Verbindung treten, und telefonisch komme ich seit drei Tagen gar nicht mehr aus dem Land heraus, und Anrufer aus dem Ausland wählen sich zumindest tagsüber die Finger wund. Für Mails gibt nur noch ein einziges Internetcafe in der Stadt, und das hat erheblich verkürzte Öffnungszeiten. Auch die Verbindungen werden immer schwieriger, manchmal dauert es 20 Minuten, um eine Site aufzurufen, und dann fällt der Strom aus. Das geschieht, wenn auch nur kurzzeitig, inzwischen immer häufiger.
SPIEGEL ONLINE: Hoffen die Menschen auf einen baldigen Sturz von Saddam Hussein?
Wassmann: Also wenn ich unterwegs bin, merke ich, dass die Menschen inzwischen Bush noch mehr hassen als Hussein. Er hat nicht das Mandat dieser Menschen, um ihr Land zu erobern.
Das Telefoninterview führte Holger Kulick
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