Washington - US-Präsident George W. Bush und sein Feldherr Donald Rumsfeld hatten einen Plan: schnell, kurz, eindrucksvoll sollte der Einsatz gegen den Irak sein, ein Blitzkrieg ganz nach dem uralten Supermacht-Motto "kommen, sehen, siegen". Doch elf Tage nach Kriegsbeginn sehen hohe US-Militärs laut "Washington Post" vor allem eines: Die Notwendigkeit eines Neustarts.
Der Oberbefehlshaber der US-Truppen im Irak-Krieg, General Tommy Franks, hat am Sonntag nicht ausgeschlossen, dass der Krieg sich bis zum Sommer hinziehen könnte. Bei einer Pressekonferenz in Katar sagte er auf die Frage, ob der Krieg bis zum Sommer dauern könnte: "Man kann es nicht wissen." Er fügte hinzu: "Wir brauchen uns nicht in Erinnerung zu rufen, dass das Ergebnis nicht fraglich war und auch nicht sein wird." Der Punkt, an dem die USA angelangt seien, "ist nicht nur akzeptabel, sondern wirklich bemerkenswert".
Das Verbreiten von Optimismus gehört zum Handwerk eines Truppenführers. Doch eine Erkenntnis kann auch er nicht schönreden: die politischen Vorgaben aus Washington wollen einfach nicht passen zu diesem Krieg, der sich als langwieriger, gewalttätiger und kostspieliger herausstellt als von den Politikern angenommen. Seit feststeht, wie heftig sich die Iraker ihrer Befreiung widersetzen, sind die Feldherren vorsichtig geworden.
Die Strategie des Überrennens ist gescheitert, nun muss umgeplant werden. So wollen die Generäle in Irak erst einmal den Nachschub sichern und die Truppenstärke erhöhen, bevor sie ihre Soldaten in den Bodenkrieg gegen Saddams gefürchtete Republikanische Garden schicken. "Ich will verhindern, dass viele unserer Jungs getötet werden. Darum geht es letztendlich", sagt ein Kommandeur gegenüber der "Post". Drei Brigaden sollen für die Sicherung des Nachschubweges von Kuweit nach Nadschaf abgestellt werden.
Die Pläne des Weißen Hauses sind unrealistisch
Rumsfelds Idee von einem schnellen High-Tech-Krieg halten viele Truppen-Kommandeure im Irak für gescheitert, berichtet die "Post". Stattdessen diskutieren sie konventionelle Methoden, wie sie im Golfkrieg 1991 angewendet wurden: wochenlange Luftangriffe gegen die Einheiten der Republikanischen Garden rund um Bagdad, gefolgt von abschließenden Bodenattacken.
Auch der pensionierte Army-Oberst. Benjamin W. Covington spricht sich für eine Strategie-Änderung aus. "Unrealistisch" nannte er die Vorgehensweise des Weißen Hauses: "Kein Land und kein Militär in der Geschichte hat je versucht, gleichzeitig einen Krieg zu kämpfen und zu gewinnen, die Infrastruktur und Ressourcen des Landes zu erhalten, zivile Opfer auf ein Minimum zu reduzieren und humanitäre Hilfe bereitzustellen."
Geht es nach den Militärs, so werden nun erst einmal Bodentruppen zurückgehalten und stattdessen die Luftangriffe verstärkt. Rumsfeld will dieser Taktikwechsel gar nicht schmecken. "Wir müssen doch nicht Tausende von Zivilpersonen umbringen, um Saddam Hussein zu entmachten", sagte er am Freitag in einer Pressekonferenz. Bush, der Rumsfeld am Sonnabend in Camp David traf, unterstützt dessen Auffassung, mit Bodentruppen vorzurücken, während die Verstärkung noch eintrifft. Keiner von beiden will die politische Verantwortung für Zivilopfer übernehmen.
Der Sturm auf Bagdad wird langsamer
Offizielle in Washington dagegen sind laut der "Post" bereits daran, die Spielregeln zu überdenken und das Ziel des Zerstörens des Feindes vor den Schutz der Zivilisten zu stellen. Für die US-Truppen, die Nadschaf und andere Städte belagern, ist diese Frage längst akut geworden. "Wir werden keine infizierten Rinder in die Städte treiben", sagt ein Soldat, "aber man muss sich schon fragen, was wir machen können und was wir machen müssen". So wäre es ein Leichtes für die US-Armee, die Städte vom Strom abzuschneiden. "Aber wollen Sie auf CNN die Bilder sterbender Babys sehen, deren Brutkasten ausgeschaltet ist?" zitiert das Blatt.
Wenn die Bodenangriffe weitergehen, wird sich der Sturm auf Bagdad erst einmal verlangsamen. Zuerst müssen die Städte im Rücken der US-Truppen sicher eingenommen sein, damit die Iraker den Amerikanern nicht in den Rücken fallen können. Die Besetzung der Städte jedoch kann angesichts der Gegenwehr, die Selbstmordattentate einbezieht, Wochen dauern, fürchten Befehlshaber.
Danach würde der Kampf gegen die Elitegarden folgen, und dann der Einmarsch in Bagdad. Das wird mindestens bis zum Sommer dauern, glauben die Kommandeure. Einer der Armee-Generäle zog sogar eine Analogie zum amerikanischen Bürgerkrieg. Eine der Strategien dort lautete "Tötet zuerst die feindliche Armee". Der Bürgerkrieg dauerte vier Jahre.
Für viele Experten ist die Frage des Transports die Achillesferse der US-Operation. Helikopter haben wegen des Sandes heftige Landeprobleme, und bis weitere LKW und Truppentransporter eintreffen, werden Wochen vergehen. In vier bis sechs Wochen aber wird es in den irakischen Städten zu einem dramatischen Nahrungsmittelmangel kommen, was die USA wiederum zu einem früheren eingreifen zwingen könnte.
Militärisch gewinnen, politisch verlieren
Und eine weitere Furcht treibt die Generäle um: Was, wenn gleichzeitig ein anderer Konflikt ausbricht, etwa Nordkorea? Wenn die USA all die bislang vorgesehenen Truppen in den Irak schickt, ist gut die Hälfte der Streitkräfte der Army und der Marines gebunden. Andere fürchten sich vor den Belastungen, die nach dem Sieg auf die USA zukommen. Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte schätzte vor dem Krieg, dass 45.000 bis 60.000 US-Soldaten zur Friedenssicherung eingesetzt werden müssen. Das war, bevor man ahnte, wie feindselig die Invasoren aufgenommen wurden. Und so steht Michael C. Desch, Politikwissenschaftler der University of Kentucky, nicht mehr ganz allein mit seiner düsteren Prognose: "Militärisch werden wir diesen Krieg zweifellos gewinnen. Aber politisch könnten wir ihn verlieren."
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