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Saddams Opfer Die Männer ohne Ohren

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Wie Amer Mokassin gefangen und unter falschem Vorwand ins republikanische Krankenhaus gebracht wurde

Wie ein erlegtes Wild

"Das Blut lief immer weiter, ich wusste erst gar nicht, was passiert war."
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"Das Blut lief immer weiter, ich wusste erst gar nicht, was passiert war."

Im September 1994 erreichte der Auserwählte endlich sein Ziel. Als Amer wieder einmal seine Familie besuchte, stürmte Jabar Kraidi mit seinen Männern das Haus. "Sie schossen in die Decke und als ich weglaufen wollte, bekam ich zwei Schüsse ins Bein", beschreibt Amer die Situation. Dann schleppte ihn der al-Mukthar triumphierend durch die Straße seines Viertels. Jeder sollte sehen, dass es vor Saddams Armee keine Flucht gab. Gemeinsam mit Dutzenden anderen Gefangenen wurde Amer noch in der gleichen Nacht in eine der Zellen des Polizeigefängnisses in Basra gesteckt. Dort war es so eng, dass sich immer nur ein Teil der Männer hinlegen konnte. Schlief die eine Gruppe, musste die andere stehen und umgekehrt. Amers Willen brachen die Wärter mit ihren Knüppeln und Gewehrgriffen.

Acht Tage später wurden alle Gefangenen aus der Zelle ins republikanische Krankenhaus in einen Vorort Basras gefahren. "Wir sollten dort Blut spenden, wurde uns befohlen", sagt Amer. In der Tat zapften die Ärzte dem jungen Mann zuerst auch zwei Ampullen mit Blut ab. Danach flüsterte ihm eine Schwester ins Ohr, er bekäme zur Stärkung eine Spritze mit Vitaminen. Wenig später schlief Amer ein. Als er aufwachte, spürte er nur noch schreckliche Schmerzen. "Die Wunde am Ohr war nicht verbunden und entzündete sich schnell", erinnert er sich an den Moment, als er im Gefängnis wieder zu sich kam. "Das Blut lief immer weiter und ich wusste erst gar nicht, was passiert war." Nur dank der Hilfe seiner Verwandten, die immer wieder Wärter bestachen und Medikamente in den Knast schmuggelten, heilte die Wunde nach Wochen ab.

Ein Soldat ohne Waffe

Zwei Jahre blieb Amer in den überall im Irak verteilten Straflagern für Landesverräter. Am Ende landete er in einem Militärgefängnis in Saddams Geburtstort Tikrit. Dort machten ihm die Wärter schließlich 1996 ein Geschenk, wie sie es nannten. Trotz seiner Feigheit dürfe er nun doch noch in die Armee eintreten und seinen Dienst ableisten. Eine Wahl hatte er nicht. Doch Amer erhielt weder eine Grundausbildung, noch eine Waffe. "Ich musste nur die Dienste für die anderen erledigen, Kisten schleppen, gefährliche Entschärfungen machen", sagt er. Nachts wurde er bewacht.

Seit dem Jahr 2000 lebt Amer wieder bei seiner Familie in Basra. Mittlerweile hat er zwei Söhne und eine Tochter. Seine Frau Wahfa ist im siebten Monat schwanger. Ein Aussätziger aber blieb Amer auch nach seiner Entlassung aus der Armee. Statt dem normalen gelb-grünen Ausweis bekam er einen roten. Statt durch den al-Mukhtar einen Job vermittelt zu bekommen, musste sich Amer als Tagelöhner durchschlagen. "Immer wieder kam der Auserwählte zu mir nach Hause und drohte meiner Familie", sagt Amer und zeigt auf Einschusslöcher in der Decke. "Für die Baathisten war ich weiter ein Ausgestoßener und das zeigten sie mir auch", sagt er. Traf er seinen Blockwart auf der Straße, schlug der ihn gern vor den anderen Menschen, um ihn zu demütigen.

Die Tage der Freiheit

Der al-Mukthar, der Amer ans Messer lieferte, lebt ganz unbekümmert nur wenige Häuser weiter. Im Gegensatz zu vielen anderen Saddam-Getreuen hat sich der Baath-Mann Jaber Kraidi nicht versteckt oder ist geflüchtet. In seinem kleinen Laden für Elektrozubehör übt er sich in englischen Vokabeln und dem Philosophieren über die Zukunft. "Die Koalition hat uns zwar Freiheit gebracht, doch früher lebten wir sicherer", sagt der Mann, den die Menschen vor der Tür noch immer fürchten. Als einer der wenigen Läden in der Straße wurde seiner von den Plünderern verschont. Stolz berichtet er von seiner Zeit als General in der Armee und seiner Zeit in Russland, von der er noch ein paar Worte russisch behalten hat.

Blockwart Jabar Kraidi in seinem Laden für Elektrozubehör: "Ich habe keine Ahnung, wer das sein soll."
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Blockwart Jabar Kraidi in seinem Laden für Elektrozubehör: "Ich habe keine Ahnung, wer das sein soll."

Kraidi gibt zu, dass er ein Baathist war. Daran sei auch nichts Schlechtes. "Ich habe vielen Menschen geholfen und ihnen Jobs gegeben", sagt er zufrieden. Erst als es um seine dunkle Vergangenheit geht, wird der ehemals mächtige Kraidi unruhig. Fotografiert werden will er nicht und auch seinen Namen will er plötzlich nicht nennen. "Ich bin 1997 aus der Partei ausgetreten", gibt er vor. Angeblich, so flüstert er vertrauensvoll, habe er von Saddam schon früh nichts mehr gehalten. Er habe auch keine Akten mehr über andere anlegen wollen. Dass schon der Versuch eines Parteiaustritts die sofortige Exekution bedeutet hätte, sei Quatsch und Propaganda. Nach Amer Mokessin gefragt, beendet er schnell das Gespräch. "Ich habe keine Ahnung, wer das sein soll", sagt er.

Die Leiden der Ärzte

Im republikanischen Krankenhaus indes erinnern sich viele Menschen an die Zeit der Amputationen. "Als ich hier im Jahr 1997 anfing, erzählte mir ein Kollege von diesen Dingen und das es Hunderte gewesen sein müssen", sagt der Chirurg Hamed Ahmed Abdullah. Damals habe sich niemand getraut, offen über das Thema zu reden. "Ich habe den leitenden Arzt irgendwann einmal gefragt, als wir nicht belauscht werden konnten", erinnert sich Abdullah. Der Kollege habe schreckliche Angst gehabt. Jeder Mediziner habe gewusst, dass er keine Wahl hatte. Entweder der Arzt führte die Amputation durch oder er wurde selber in den Knast gesteckt. Der Arzt aus dem republikanischen Krankenhaus arbeitet mittlerweile nicht mehr im Irak. Nach einem Kongress im Ausland kehrte er nicht wieder zurück.

Amer macht den Ärzten keinen Vorwurf. "Sie mussten dies tun, wie viele Iraker wurden auch sie bedroht", sagt er. Für ihn ist nun wichtig, dass die Mächtigen der Baath-Partei zur Verantwortung gezogen werden. "Es muss doch irgendwann Gerechtigkeit geben, wenn die USA und die Briten schon hier sind", hofft er. Sein Bruder Thamer will sich mit dieser vagen Vorstellung einer Wiedergutmachung nicht abgeben. "Der Auserwählte verdient den Tod und nichts anderes", sagt er, als Amer kurz nicht im Raum ist. Wenn sein Bruder es nicht selber tue, sei er fest entschlossen. Über einen Freund hat er bereits eine Waffe bestellt. Sein Bruder Amer soll davon nichts mitbekommen. Er habe genug gelitten.

  • 1. Teil: Die Männer ohne Ohren
  • 2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Wie Amer Mokassin gefangen und unter falschem Vorwand ins republikanische Krankenhaus gebracht wurde
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