Von Markus Becker
Washington - Acht Männer und eine Frau hatten sich im Studio des US-Senders ABC um Moderator George Stephanopoulos versammelt: Die Kandidaten der Demokratischen Partei, die bei den Wahlen im nächsten Jahr Präsident George W. Bush herausfordern wollen.
"Das Feld der Träumer" spottete die "Washington Post" in Anlehnung an einen Hollywood-Film, in dem Kevin Costner auf Befehl längst verblichener Baseball-Stars sein Maisfeld in ein Stadion umfunktioniert. Die Demokraten-Bewerber aber hoffen, dass nicht sie, sondern die Republikaner von den Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht werden. 1992 unterlag George Bush, der Vater des jetzigen Präsidenten, gegen Bill Clinton. Zwar hatte Bush senior zuvor den Krieg gegen den Irak gewonnen, dabei aber die Innenpolitik sträflich vernachlässigt.
Attacken auf Bushs Wirtschaftspolitik
Die Wiederholung der Geschichte dürfte die einzige Hoffnung der Demokraten sein, wenn im nächsten Jahr der Präsident gewählt wird. Folgerichtig reiten sie heftige Attacken auf Bushs Steuersenkungs-Politik, die vor allem die Reichen und Superreichen begünstigt, deren Wert für die amerikanische Wirtschaft allerdings hoch umstritten ist.
Natürlich spielt auch Graham auf dieser Klaviatur: Bush habe kein Wirtschaftsprogramm außer Steuersenkungen für die Reichen, er verschleudere die Gewinne des Clinton-Booms und habe keine Idee, wie die USA zum Aufschwung zurückfinden könnten. Allerdings greift Graham den Präsidenten ausgerechnet zur Eröffnung seiner Kampagne dort an, wo Bush unverwundbar scheint: auf dem Feld des internationalen Kampfes gegen den Terrorismus.
Bush, schimpfte Graham, habe alte Rechnungen mit Saddam Hussein beglichen und dabei die innere Sicherheit nicht etwa gestärkt, sondern vernachlässigt. Die weltweite Kampagne gegen den Terrorismus, der die "wahre Bedrohung" darstelle, sei durch den Krieg im Irak geschwächt worden.
Graham pokert hoch
Beobachter reagierten irritiert auf Grahams Wahlkampferöffnung - und werteten sie als Versuch, sich von den anderen acht Kandidaten der Demokraten abzusetzen, die allesamt von ihrer Partei zu Bushs Herausforderer ernannt werden wollen. Ohne Risiko ist Grahams Kampagnen-Start jedoch nicht: Einen Krieg zu kritisieren, der soeben mit großem Erfolg beendet wurde, könnte im patriotischen Überschwang des Sieges von der US-Öffentlichkeit schwer bestraft werden.
Zu den Kollateralschäden eines solchen Vorgehens könnte auch die Demokratische Partei selbst werden. Die "Washington Post" etwa lästerte bereits, die meisten Demokraten betonten zwar die innere Sicherheit, wollten aber in erster Linie die Welt vor der US-Armee in Sicherheit bringen.
Überraschend ist die Taktik Grahams auch deshalb, weil der 66-Jährige alles andere als den Ruf eines politischen Hasardeurs besitzt. Graham gilt als erfahrener Wahlkämpfer mit sicherem Instinkt für die Stimmung im Volk und hat von den neun demokratischen Kandidaten den wohl perfektesten Lebenslauf. 1966 wurde Graham erstmals ins Repräsentantenhaus Floridas gewählt, amtierte von 1978 bis 1986 als Gouverneur und wurde danach Senator in Washington. In den vergangenen 37 Jahren hat er keine Wahl verloren und wurde regelmäßig als Kandidat für die Vizepräsidentschaft ins Spiel gebracht.
Zerstritten, blass, visionslos
Sollte er von den Demokraten gegen George W. Bush ins Rennen geschickt werden, dürfte Graham aber aller Voraussicht nach seine erste Schlappe einstecken. Rund 70 Prozent der Amerikaner unterstützen nach aktuellen Umfragen die Politik Bushs. Als Ronald Reagan bei der Präsidentschaftswahl 1984 in 49 US-Bundesstaaten gewann, hatte er eine Zustimmungsquote von 58 Prozent - Werte, angesichts derer Grahams Verbalattacke wie ein Kamikazeangriff wirkt.
Dass die Demokraten bis zur Wahl im November 2004 zu einer ernsten Gefahr für Bush werden könnten, ist mehr als fraglich. Zu zerstritten scheint die Partei, zu blass ihr Spitzenpersonal. In der Kandidatenshow bei ABC etwa sprangen sich Ex-Gouverneur Howard Dean und Senator John Kerry gegenseitig an die Gurgel: Dean beschuldigte Kerry der Feigheit, weil er sich nicht eindeutig gegen den Irak-Krieg gestellt habe. Kerry konterte unter Hinweis seiner Heldentaten im Vietnamkrieg, angesichts derer es eine Frechheit sei, seinen persönlichen Mut auch nur in Frage zu stellen.
Dick Gephardt versuchte sich derweil als sozialer Wohltäter und Sanierer des Gesundheitssystems zu profilieren, was wiederum seine Parteifreunde zetern lässt, solcherlei teure Geschenke an das Volk seien überholt und nicht finanzierbar. Bob Graham bezeichnete sich indes selbst als Vertreter des "wählbaren Flügels der Demokraten", was einiges aussagte über die restlichen Teile der Partei.
Kandidaten in der eigenen Partei unbekannt
Dass Graham den Frontalangriff auf Bushs Sicherheitspolitik wählte, um sich von seinen innerparteilichen Konkurrenten abzusetzen, ist bezeichnend für den aktuellen Zustand der Demokraten. Denn böse Zungen behaupten, dass es nie einfacher war, sich gegen die Präsidentschaftskandidaten der Partei in Szene zu setzen.
Eine Umfrage des Pew Research Center ergab kürzlich, dass 69 Prozent der Demokraten keinen der neun Präsidentschafts-Kandidaten ihrer Partei beim Namen nennen können. John Kerry, der Senator aus Massachusetts mit dem hartnäckigen Ruf des unterkühlten Ostküsten-Intellektuellen, war noch der Prominenteste - ihn kannten neun Prozent seiner eigenen Parteigänger. Neun Prozent glaubten in der Umfrage übrigens auch, dass Ex-Vizepräsident Al Gore sich 2004 um das höchste Amt bewirbt - obwohl er schon vor Wochen abgewinkt hatte.
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