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28.05.1999
 

Rotes Kreuz

Humanitäre Tragödie auch in Jugoslawien

Der ehemalige Leiter des Rotkreuz-Büros in Belgrad, Encho Gospodinov, legte einen erschreckenden Bericht vor: 4 Millionen der 10,5 Millionen Einwohner Jugoslawiens leben unterhalb der Armutsgrenze, mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist arbeitslos. Die Nato-Angriffe haben das Leid der Jugoslawen noch verschärft.

Genf - "500.000 Menschen haben als direkte Folge der Nato-Bombardierungen ihre Arbeitsplätze verloren", sagte Echno Gospodinov am Freitag. Insgesamt sei mehr als die Häfte der Bevölkerung arbeitslos.

Ein Bewohner des jugoslawischen Dorfes Ralja vor den Trümmern seines Hauses. Ralja, 40 km südwestlich von Belgrad, wurde bei einem Nato-Angriff am 27. Mai zerstört.
REUTERS

Ein Bewohner des jugoslawischen Dorfes Ralja vor den Trümmern seines Hauses. Ralja, 40 km südwestlich von Belgrad, wurde bei einem Nato-Angriff am 27. Mai zerstört.

Das Rote Kreuz unterhalte Suppenküchen im ganzen Land für 18.000 Menschen. Das reiche nicht mehr aus. "Wir müssen die Hilfe für mindestens 50.000 Menschen aufstocken", sagte der Bulgare, Regional- Chef der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften für Zentral- und Osteuropa. Zehntausende von Kindern, die tagtäglich stundenlang in Bunkern lebten, seien schwer traumatisiert.

Rund 600.000 Menschen seien obdachlos geworden, 1,2 Millionen Menschen innerhalb Jugoslawiens wegen der Zerstörungen und aus Angst vor den Bomben vertrieben. Diese Zahlen stammen vom jugoslawischen Roten Kreuz. Gospodinov bezweifelt diese Angaben nicht.

Größtes Problem sei die Trinkwasserversorgung. Mangels Strom funktionierten die Wasserpumpen nicht mehr. Das Rote Kreuz hat neben Lebensmitteln und Medikamenten jede Menge Trinkwasserzisternen und Generatoren in Jugoslawien verteilt. "Auch dafür wird aber der Diesel knapp", sagte Gospodinov. Die Hilfe zu organisieren werde immer schwerer. "Lastwagen brauchen für die Strecke von Belgrad nach Montenegro oder Kosovo, die sonst fünf Stunden dauerte, jetzt dreimal so lange", sagte Gospodinov. Weil viele Straßen zerstört seien, müßten sie enge Gebirgsstraßen benutzen.

"Viele Großstädte gleichen Geisterstädten", sagte Gospodinov. Familien seien auf das Land geflüchtet. "In Lucani, einer Stadt mit sonst 27.000 Einwohnern, sind noch 300 Menschen", sagte er.

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