Belgrad - Der russische Balkan-Beauftragte Wiktor Tschernomyrdin hat am Freitag dem jugoslawischen Staatspräsidenten Slobodan Milosevic einen neuen Vermittlungsvorschlag unterbreitet. Nach seiner Ankunft in Belgrad, wo erneut Luftalarm herrschte, fuhr er direkt zu einem Gespräch mit Milosevic, der am Donnerstag vom Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt worden war. Der neue Plan sieht eine Nato-Truppenstationierung im Kosovo bei gleichzeitiger Präsenz serbischer Einheiten in der Provinz vor. Während die Serben ein Machtvakuum vermeiden sollten, würde die Nato die Rückkehr der Flüchtlinge sicherstellen. Die Friedenstruppe sollte von einem neutralen Staat geführt werden. Die Chancen für den Vorschlag werden von Beobachtern jedoch als gering bewertet, da die Nato - insbesondere die USA - darauf besteht, daß eine Kosovo-Truppe unter dem Kommando der Allianz steht.
Tschernomyrdin reiste entgegen der urspünglichen Planung nicht mit dem finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari nach Belgrad. Dieser habe nach der Anklage von Milosevic davon zunächst Abstand genommen, erklärte Tschernomyrdin bei seiner Ankunft. Zu der Klage des Tribunals meinte der Russe, sie werde den diplomatischen Verhandlungsprozeß beeinflussen. Er zeigte sich enttäuscht, daß seine Gespräche mit Ahtisaari und dem US-Beauftragten Strobe Talbott in Moskau nicht zur Einstellung der Nato-Bombardierung geführt hätten.
US-Außenministerin Madelaine Albright stellte mit Blick auf die russische Vermittlungsmission klar, über Voraussetzungen für ein Ende der Bombenangriffe werde nicht verhandelt. Tschernomyrdins Aufgabe sei es vor allem, die Lage nach der Kriegsverbrecher-Anklage gegen Milosevic zu erforschen. Eine Amnestie sei nicht denkbar. Der neue russische Regierungschef Sergej Stepaschin erklärte am Freitag, daß sich die Frage nach einer eventuell noch möglichen Friedenslösung erst nach Tschernomyrdins Rückkehr beantworten lasse. "Erst danach werden wir wissen, ob es einen friedlichen Weg gibt oder ob Jugoslawien in einen Bodenkrieg hineingezogen wird." Letzteres sei "nicht auszuschließen".
Im Grenzgebiet zwischen dem Kosovo und Albanien wird unterdessen heftig gekämpft. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk mußte Mitarbeiter aus der Region abziehen, sagte am Freitag ein Sprecher in Genf. Zudem halte die albanische Armee in der Nähe der Flüchtlingslager Militärübungen ab. Es wird befürchtet, daß die serbische Seite mit Artilleriebeschuß reagiert.
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