Von Matthias Gebauer, Pristina
Pristina - Im Kosovo täuscht manches Bild der Hoffnung über die bittere Realität hinweg. In der geteilten Stadt Mitrovica planschen Kinder munter im Grenzfluss, spritzen um sich und suchen Deckung auf beiden Seiten des Ufers. Scheinbar spielend leicht überwindet die Nachkriegsgeneration mitten im Niemandsland zwischen dem serbischen Norden und dem albanischen Süden der Stadt den Hass, der Ende der neunziger Jahre zu Mord und gegenseitigegr Vetreibung und führte.
Doch fragt man die Kinder, ist das Idyll schnell zerbrochen. "Natürlich sind wir alle Albaner", ruft der Älteste laut, "Serben würden wir hier nie dulden, schließlich gehört der Fluss uns." Serbische Kinder könnten ja wenn überhaupt auf der anderen Seite der Brücke spielen, meint ein anderer Junge. "Hauptsache, sie kommen uns nicht zu nahe." Die abseits stehenden Eltern sehen bei diesen Sätzen nicht unglücklich aus.
Sprüche wie diese kennt Michael Steiner nur allzu gut. Seit rund anderthalb Jahren ist der deutsche Diplomat Chef von Unmik, der "United Nations Mission in Kosovo", und lenkt aus seinem klimatisierten Büro in Pristina die Geschicke der ehemaligen jugoslawischen Republik. Steiner hat weitgehende Befugnisse. Seine Unterschrift entscheidet im Kosovo über beinahe alles. Von Kritikern wird der als Kanzlerberater über die "Kaviar-Affäre" gestolperte Karrierediplomat deshalb gern "König des Kosovo" genannt.
Der Mord von Obilic
Es sind Szenen wie in der kleinen Ortschaft Obilic, die den Uno-Alleinherrscher Steiner aufwühlen. Unbekannte Täter hatten in der serbisch dominierten Ortschaft ein Rentnerehepaar und einen ihrer Söhne massakriert. Die Hintergründe des Verbrechens sind unklar, trotzdem glaubt fast jeder an eine politisch motivierte Tat von Albanern. Passend zum vierten Jahrestag des Einmarsches kam mit diesem Vorfall alles wieder hoch. Der "Mord von Obilic" ist schon jetzt ein stehender Begriff - inklusive ausufernder Legenden.
Als Steiner an den Tatort fuhr, erwartete ihn eine wütende Menschenmenge. Die Tochter der Getöteten lief auf ihn zu und entlud ihren Hass auf Steiner. Sie war gerade aus dem Exil in Serbien nach Obilic zurückgekehrt. "Was soll ich so einem Menschen sagen", fragt er sich Steiner später, "in diesem konkreten Fall haben wir versagt." Ein einziger Mord genügt, und schon werden alle Bemühungen sinnlos, geflohenen Serben zur Rückkehr zu überreden. Die Tochter des ermordeten Ehepaars reiste nach den Trauerfeiern sofort wieder zurück nach Serbien.
Wie stark die Spannungen und die Zwietracht zwischen den ethischen Gruppen immer noch sind, zeigte sich symbolhaft am Jahrestag des Einmarsches am 12. Juni 1999. In Pristina, Prizren oder dem südlichen Teil von Mitrovica zogen jubelnde Albaner mit roten Flaggen durch die Straßen. In den serbischen Gebieten herrschte dagegen eine aus Belgrad verordnete Ruhe. "Befreiungstag" nennen die Albaner den 14. Juni. "Besetzungstag", nennen ihn die Serben. Aus ihrer Sicht ist der Kosovo ein Teil Serbiens und soll es auch offiziell wieder werden.
60 Prozent ohne Job
"Wir haben viel erreicht", sagt Steiner gern, wenn er nach einer Bilanz seiner Arbeit gefragt wird. Die Morde sind massiv zurückgegangen. Die internationale Schutztruppe hat mit ihren 25.000 Soldaten und 6000 Polizisten die Sicherheitslage im Griff. Ein vorläufiges Parlament ist gewählt und arbeitet, sogar mit Beteiligung der serbischen Minderheit. "Als Pessimist weiß ich aber auch, dass wir noch viel mehr zu tun haben", sagt Steiner.
Was er mit "viel mehr" meint, ist in den Straßen des Kosovo nicht zu übersehen. Offiziell sind mehr als 60 Prozent der Bevölkerung ohne Beschäftigung. Wer einen Job als Übersetzer, Fahrer oder einfacher Handlanger bei den internationalen Institutionen gefunden hat, ist glücklich. Alle anderen warten auf einen Hauch von wirtschaftlichem Aufschwung, der aber ist kaum in Sicht. Industrie gab es auch vor dem Krieg nur wenig, und kaum einer der Landwirte kann sich noch Hilfskräfte leisten.
Kosovo lebt am Tropf der Staatengemeinschaft. Vergangene Woche lieferte Uschi Eid, Staatssekretärin für Entwicklungspolitik, weitere 18,7 Millionen Euro Anschubhilfe für Jugendprojekte und Kredite für Kleinunternehmer dort ab. Milliarden haben die Uno, die EU und Hilfsorganisationen bereits in das Land gepumpt - ohne große Wirkung. "Es bleibt eine Bubblegum-Wirtschaft", sagt Steiner, "von außen kommt Geld, das verbraucht wird, doch es entwickelt sich nichts Selbstständiges".
Die schwierige Frage der Unabhängigkeit
Für Steiner ist die Inkompetenz der lokalen Verwaltung schuld an der wirtschaftlichen Misere. Für die Politiker ist Steiner schuld. "Ohne den Status als selbstständiges Land können wir keinen Vertrag mit einem Investor machen", sagt Premierminister Bajram Rexhepi. Steiner kennt das Problem. Doch wie soll eine solche Unabhängigkeit funktionieren? Ein autonomer Kosovo böte den verbliebenen Serben kaum eine Zukunftschance. Doch auch eine Rückkehr in den serbischen Bund ist undenkbar. Mittlerweile gibt es das gewählte Parlament, eine sich langsam entwickelnde Verwaltung und den Euro. "Das alles zurückzudrehen ist so gut wie unmöglich", sagt Steiner. Mit der Parole "Standards vor Status" will er nun alle Kosovaren motivieren, erst mal im Kleinen zu zeigen, dass sie es allein können. Kaum verwunderlich, dass dieser Ansatz unter den Albanern als reichlich arrogante und herrschaftliche Pose empfunden wird.
Wegen des ethnischen Konflikts misstraut Steiner beiden Parteien. Immer noch ist der Graben zwischen den albanischen 90 Prozent der Bevölkerung und der serbischen Minderheit tief. Serben und Albaner leben fein säuberlich getrennt voneinander. "Die Militärpräsenz wird noch Jahre bitter nötig sein", sonst brechen die alten Feindschaften schnell wieder auf", sagt Steiner.
Ans Grab mit Militärschutz
Nach dem Fall der Mauer in Berlin und dem Waffenstillstand in Beirut ist Mitrovica im Norden des Kosovo neben Jerusalem und Belfast die letzte geteilte Stadt dieser Erde, ein trauriges Symbol der Trennung. Französische Soldaten wachen zwischen den beiden Seiten. Nur mit Militärschutz trauen sich Familien noch zu den Gräbern ihrer Angehörigen auf die andere Seite.
In Pristina leben fast keine Serben mehr. Und in den wenigen gemischten Ortschaften auf dem Land erinnern die vergitterten Fenster der serbischen Häuser an die blutige Rache der Albaner für die ethnischen Säuberungen. Noch immer gibt es Steinwürfe in der Nacht. "Viele der Serben führen seit Jahren ein Schattendasein", sagt der Stuttgarter Polizist Berndt Schuhmann, der in Lipijan südlich von Pristina einer von der Unmik geleiteten Polizeiwache vorsteht, "sie trauen sich kaum aus ihren Häusern."
Eine Uniform, zwei Nationalitäten
Einige Polizei-Teams in Schuhmanns Wache wirken da wie eine kleine Sensation. Seit rund einem Jahr laufen jeweils ein Albaner und ein Serbe gemeinsam Streife. Doch auch hier führen Männer wie der 27-jährige Serbe Slavice Traikovic ein Exotendasein. Jeden Morgen wird der Polizist aus seinem Heimatdorf von einer Streife abgeholt und nach Dienstschluss wieder abgeliefert. "Viele Einwohner haben mich am Anfang gefragt, wie ich mit einem Albaner zusammen arbeiten könne", erinnert er sich. Mittlerweile hätten sich die meisten an seinen Job gewöhnt. Ob solche gemischten Doppel etwas in den Köpfen verändert? Die Schutzmänner zucken mit den Achseln: "Wir sind doch nur normale Polizisten, die Zukunft machen die Herren Politiker."
Michael Steiner wird das nicht mehr sein. Im Herbst wird der Unmik-Chef den Kosovo verlassen. Als Nachfolger sind Bewerber aus den USA, Schweden und Italien im Gespräch. Die Gründe für Steiners Abgang sind unklar. In der Uno wird getratscht, dass er wegen seiner albanischen Freundin in New York in Ungnade gefallen sei. Er selber erklärt, dass er nach der anstrengenden Zeit einfach mal wieder "etwas Ruhe" braucht. Die will er am Genfer See finden: Steiner wird dort deutscher Uno-Botschafter.
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