Hamburg - Tony Blair erfuhr von Kellys Tod während seines Flugs von Washington nach Tokio. Zunächst war von ihm keine Stellungnahme zu hören. Böse Zungen erklärten dies mit der Abwesenheit seines "Sprachrohrs" Alastair Campbell. Der Kommunikationsdirektor, der normalerweise auf allen Flügen selbst dann noch Akten wälzt und den nächsten Tag vorbereitet, wenn der Premierminister schon in tiefen Schlaf gesunken ist, weilte diesmal am anderen Ende der Welt.
Nach Blairs Rede vor dem amerikanischen Kongress, bei dem der britische Regierungschef 14 Minuten lang überschwänglich gefeiert worden war, flog Campbell zufrieden nach Hause.
Zu Hause in England aber herrschte große Aufregung. In einem Waldstück war eine Leiche gefunden worden, bei der es sich höchstwahrscheinlich um den Regierungsberater und ehemaligen Uno-Waffeninspektor David Kelly handelt. Er soll als Erster den seit Wochen heiß diskutierten Vorwurf erhoben haben, die Regierung Blair habe die Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen aufgebauscht.
Die Regierung Blair geriet umgehend unter Druck. Adam Boulton, Chefkommentator des Senders Sky News, sagte, Campbell werde jetzt wohl abtreten müssen. Wenn sich Kellys Tod als Selbstmord herausstellen sollte, wird die Regierung dafür mitverantwortlich gemacht werden - und allen voran offenbar derjenige, der Blairs Politik der Öffentlichkeit verkaufte.
Kelly war erst am Dienstag vor einen Untersuchungsausschuss des Unterhauses zitiert worden. Mit leiser Stimme hatte der sichtlich eingeschüchterte Mann mit dem grauen Vollbart dort ausgesagt, von einzelnen Abgeordneten ruppig aufgefordert, doch gefälligst lauter zu sprechen. Die Regierung habe den "ehrenwerten Dr. Kelly den Wölfen zum Fraß vorgeworfen", befand hinterher der konservative Abgeordnete Sir John Stanley.
Kommentatoren beschreiben die Suche nach den wahren Hintergründen des Irak-Krieges nun endgültig als Polit-Thriller. Wie und warum Kelly gestorben ist, ist noch ungewiss. In einer ersten Reaktion kündigte die Regierung am Freitag eine gerichtliche Untersuchung zu den Umständen des Todes an.
Die Ablenkungsmanöver der PR-Experten aus der Downing Street hätten eine "Tragödie von entsetzlichen Ausmaßen" verschuldet, kritisierte das konservative Ausschussmitglied Richard Ottaway. Der Tod des potenziell wichtigen Belastungszeugen Kelly werde Blair nicht nützen, sondern schaden.
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