Von Alwin Schröder
Kabul - Das Taliban-Regime ist vertrieben, doch in den ländlichen Gebieten und manchen Städten Afghanistans hat sich das Leben der Frauen kaum verbessert. Offiziell müssen sie zwar keine Burka, das traditionelle Frauengewand, mehr tragen - aber der Alltag sieht anders aus: "Unter den Taliban konnten wir das Haus nicht verlassen", berichtete eine Frau aus Pagham der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. "Jetzt sind wir frei und können auf die Straße gehen. Aber wir trauen uns nicht."
Denn auf der Straße lauert noch immer die Gefahr. Regierungsbeamte hätten damit gedroht, Frauen zu schlagen und zu töten, wenn sie keine Burka tragen, heißt es unter anderem in einem 101 Seiten langen Afghanistan-Report der Menschenrechtsorganisation. Frauen und Mädchen haben demnach Angst vor der Miliz und bewaffneten Männern, die gezielt Jagd auf sie machen.
"Wenn diese Welle der Gewalt von den Behörden weiter toleriert wird, wird der Aufbau eines modernen, demokratischen Staates unmöglich sein", warnt "Human Rights Watch". Obwohl eine neue Verfassung und nationale Wahlen im kommenden Jahr anstünden, würden die Warlords und gewalttätige Gangs jeden Tag an Macht gewinnen.
"Human Rights Watch" fordert deshalb die Nato auf, das Mandat für die Schutztruppe Isaf über Kabul hinaus auszudehnen, um für Abrüstung und den Schutz der Menschenrechte zu sorgen. Und auch die Uno müsse mehr Personal zur Verfügung stellen. Denn für "Human Rights Watch" steht fest: "Angst, verstärkte Gewalt und sexueller Missbrauch werden den Wiederaufbau Afghanistans beeinflussen. Eine Gesellschaft, die die Sicherheit von Frauen und Kindern missachtet, ist nur schwer zu resozialisieren."
Auch Jungen werden vergewaltigt
In vielen Gegenden im Südosten Afghanistans und auch in Teilen der Hauptstadt Kabul sei sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder an der Tagesordnung. Sie werden tagsüber auf dem Weg zur Schule gekidnappt, verschleppt und missbraucht. Viele Übergriffe geschehen aber auch in der Nacht - manchmal sogar in der Wohnung der Opfer.
In der Provinz Laghman überfielen zum Beispiel mehrere Soldaten zwei Frauen. Mindestens eine von ihnen wurde vergewaltigt - aber das Opfer, dessen Handgelenke sich durch die Fesseln schwarz gefärbt hatten, schwieg aus Angst vor der Miliz von Kommandeur Ismatullah, der dort eine Militärbasis leitet: "Ich kenne sie doch alle. Und ich habe Angst, dass sie mich töten werden." Auch Jungen sind vor sexuellen Übergriffen nicht sicher.
Uno-Mitarbeiter berichteten der Organisation auch von Vorfällen aus der Region Laghman. In der Provinzhauptstadt Mehtarlam habe Militär zwei Frauen am helllichten Tag auf einem Basar geraubt. Viele afghanische Frauen sind offenbar davon überzeugt, dass hochrangige Regierungsbeamte in Kabul Frauenrechte nicht fördern wollen. Und die Soldaten, die schon zu Taliban-Zeiten berüchtigt waren, würden durch die Einstellung ihrer Vorfahren ermutigt.
Opfer und Zeugen belasten vor allem Polizisten und Soldaten, die unter der Aufsicht und Einfluss von hohen afghanischen Beamten und Politikern stünden: Zum Beispiel Verteidigungsminister Mohammed Qasim Fahim. Oder Hazrat Ali, militärischer Befehlshaber der östlichen Region. Bildungsminister Younis Zanooni und der frühere afghanische Präsident Burhanuddin Rabbani zählen ebenso dazu wie Abdul Rabb al-Rasul Sayyaf, ein einflussreicher ehemaliger Mudschaheddin-Befehlshaber, dem viele Beamte noch immer die Treue schwören.
Viele Mädchen haben Angst vor dem Schulweg
"Nach dem Sturz der Taliban haben die USA und ihre Koalitionspartner den Warlords, die heute Menschenrechtsverletzungen begehen, zur Macht verholfen", wirft Brad Adams von "Human Rights Watch" Washington und seinen Verbündeten vor. Obwohl Präsident Hamid Karzai positive Schritte unternommen habe, sei er zu schwach, um für Veränderungen im Land zu sorgen. Deshalb fordert Adams: "Die Vereinigten Staaten und Großbritannien müssen entscheiden, ob sie Karzai in Kabul oder in Wirklichkeit die Warlords unterstützen. Je länger gezögert wird, desto schwieriger wird es sein, die Macht der Warlords zu unterbinden."
Die Folgen in diesem Klima der Angst seien für Frauen und Kinder und damit für das ganze Land verheerend, beklagt die Menschenrechtsorganisation. Die sexuelle Gewalt verhindere ihr Recht auf Bildung oder Arbeit. Denn viele würden dadurch zu Gefangenen in ihrem eigenen Heim, weil sie sich nicht in die Schule trauten.
Aber es gibt auch andere Formen von Gewalt: Unschuldige Bürger werden von Soldaten oder der Polizei gekidnappt und in inoffiziellen Gefängnissen festgehalten. Geschäftsinhaber würden ebenso erpresst wie Bus-, Lastwagen- und Taxifahrer. Politische Aktivisten und Journalisten bekommen Morddrohungen und werden so eingeschüchtert.
So bekam ein Journalist Besuch von bewaffneten Männern, als er ein Cartoon veröffentlichte, dass Präsident Karzai und Verteidigungsminister Fahim zeigte. Einer der Männer habe ihm gedroht: "Dich zu töten, ist eine einfache Sache. Schau her: Wir haben dreißig Kugeln in unseren Gürteln. Ich kann alle 30 Kugeln in deinen Körper schießen. Und niemand würde das verhindern."
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