Von Carsten Volkery, Santiago de Chile
Augusto Pinochet hat 1973 die Macht in Chile mit einem Putsch an sich gerissen
Chile - Das Interview schlug ein wie eine Bombe. Pablo Longueira, Anführer der Pinochet-Nachfolgepartei UDI, enthüllte am 18. Mai im chilenischen Fernsehen, dass er seit einem Jahr engen Kontakt mit den Angehörigen von Diktaturopfern habe. Seine Partei, kündigte der Chefideologe der rechten Opposition an, werde Entschädigungen für die Familien fordern.
Es war das erste Mal überhaupt, dass die Parteigänger des Ex-Diktators Augusto Pinochet Interesse für die 3200 Hingerichteten und Verschwundenen der Militärdiktatur (1973 bis 1990) zeigten. Ein irritierender Vorgang: Die Täter machen sich für ihre Opfer stark? Immerhin setzte das Interview eine nationale Diskussion in Gang - in einem Land, das seine dunkle Vergangenheit bisher nur zögerlich aufgearbeitet hat. Inzwischen kommt kein Politiker, kein Leitartikler mehr an dem Thema vorbei, das 13 Jahre nach dem Ende der Diktatur endgültig seinen Platz auf den Titelseiten gefunden hat.
Es ist eine regelrechte Welle von Enthüllungen, Geständnissen und Gesten, die kurz vor dem 30. Jahrestag des Putsches das Land überrollt. "Nach 30 Jahren drückt die Last des Gewissens schwer", erklärt Mireya Garcia, Vizepräsidentin der Organisation der Familien der Verschwundenen, mit einer gewissen Zufriedenheit. Der Sturz des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 hatte das blutigste Kapitel der chilenischen Geschichte eingeleitet. Während das Thema kaum neu ist und viele Chilenen den Namen Pinochet nicht mehr hören können, ist die aktuelle Diskussion doch umfassender und offener als alles bisher Dagewesene.
"Nie wieder"
Die Mea-Culpa-Welle begann bereits im Januar, als der neue Oberkommandeur der Streitkräfte, General Juan Cheyre, den Schweigepakt der Militärs brach: In einer umgehend als "historisch" qualifizierten Rede gestand der General die Menschenrechtsverletzungen der Armee unter Pinochet ein und versprach: "Nie wieder".
Im Februar machte US-Außenminister Colin Powell Schlagzeilen mit der Aussage, der Sturz Allendes sei "kein Teil der amerikanischen Geschichte, auf den wir stolz sind".
Ende Juni dann kam das Thema der illegalen Ausgrabungen auf die Agenda. "El Mercurio", das Sprachrohr der chilenischen Rechten und die wichtigste Zeitung des Landes, veröffentlichte in einer Sonntagsausgabe ein Interview mit dem pensionierten Sergeant Eliseo Cornejo.
Detailliert beschrieb dieser, wie er mit einer Gruppe Soldaten nach dem Coup Leichen aus dem zerschossenen Präsidentenpalast zunächst in einem Brunnen außerhalb der Stadt hatte verschwinden lassen. Fünf Jahre später sei er zur selben Stelle beordert worden, um die rund 30 Leichen mit einem Unimog wieder herauszuziehen. Um den Gestank zu ertragen, hätten sich alle Beteiligten zuerst betrunken. Die Leichen seien mit zwei Helikoptern abtransportiert und über dem Meer abgeworfen worden.
Leichen ins Meer
Die Vorstellung einer Gruppe betrunkener Soldaten, die verweste Leichen aus einem Brunnen zieht, nur um sie dann ins Meer zu schmeißen, war eine makabre Erinnerung daran, dass das Schicksal von über tausend Verschwundenen immer noch ungeklärt ist.
Ricardo Lagos ist der Präsident von Chile
Menschenrechtler begrüßen den neuen Schwung in einer für sie uralten Debatte. Es sind nicht so sehr die Fakten als vielmehr die Geständnisse, die heute zählen. "Es ist der beste Moment für Gerechtigkeit", sagt Sergio Laurenti, Direktor von Amnesty International.
Warten auf Gerechtigkeit
Das heißt in Chile allerdings nicht viel: Die Aufarbeitung der Vergangenheit lief bisher äußerst schleppend - nicht zuletzt deshalb, weil die Militärs die Bedingungen für die Rückkehr zur Demokratie diktiert hatten. Zwar gab es bereits 1991 den Bericht der Rettig-Kommission, in dem ausführlich Folterungen, Verschleppungen und Hinrichtungen dokumentiert wurden. Doch auch wenn damit die Wahrheit "offizialisiert" war - die Gerechtigkeit ließ lange auf sich warten.
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